ZURÜCK.PARTEI

Eine Kurzgeschichte von unserem Gastautor Ulrich Schröder

Egon Kranz hat eine Wette verloren: Er hätte seine Hand dafür ins Feuer legen können, dass die freiheitlich-klerikale Koalition die politische Minimalintelligenz besessen hätte, von einer politisch tödlichen Einführung Allgemeiner Studiengebühren im Lande abzusehen – hatten doch sogenannte Studienkonten bereits der Vorgängerregierung das Genick gebrochen. Er hatte dagegen gehalten, als irgendein durchgeknallter Ex-AStA-Vorsitzender herausposaunte, dass die liberalkonservative landespolitische Elite ganz gewiss den Fehler machen werde, das unterschätzte Studivolk gegen sich aufzuhetzen. Egon jedoch hatte dies für ausgeschlossen gehalten und schüttelte schließlich fassungslos den Kopf, als wenig später die Pläne bekannt wurden, die spätestens bei der nächsten Wahl den politischen Super-GAU für die Regierungsparteien bedeuten würden.
Als er seine Wettschuld einlöste, in die glücklicherweise nicht im Landtag vertretene Partei des dilettantischen Dogmatismus (PDD) einzutreten, um dort den außerparlamentarischen Widerstand gegen die Campusmaut voranzubringen, standen dort bereits die Zeichen auf Fusion: Aus der Konkursmasse der DDR durchgereichte Parteivermögensmittel waren Mitte der Nullerjahre strategisch eingesetzt worden, um im Westen eine dubiose pseudosozialistische „Wahlalternative“ aufzuziehen, um sie kurze Zeit später „freundschaftlich“ zu übernehmen: Die ZURÜCK.PARTEI mit ihrem Parteiorgan RÜCKWÄRTS samt Dreieckslogos als Ü-Strich-Ersatz, das in die unauslotbaren Untiefen der Vergangenheit eines anderen Deutschland zurückverwies, ward geboren.

Egon, der die letzten Tage der DDR noch live und farblos miterlebt hatte, wusste, warum er nie Bock gehabt hatte, die PDD personell zu verstärken. Denn es war mehr als ein Gerücht: Immer noch trieben dort auf hellrot gewendete Ex-Politoffiziere und ehemalige operative Stasi-Mitarbeiter ihr Unwesen. Egon wusste das, doch die bevorstehende Fusion verhieß Hoffnung auf einen Wandel, und die verlorene Wette war ein willkommener Anlaß, die Politbühne der ZURÜCK.PARTEI zu entern. Nachdem er den ultimativen Gesinnungstest eines wegen einer Nichtigkeit herbeigeführten Parteiausschlussverfahrens – was Thema einer anderen Geschichte sein soll – überstanden hatte, stieg Egon in kürzester Zeit zum hochschulpolitischen Sprecher der Landespartei auf und glaubte beinahe, das Ehrenamt bedeute den politischen Durchbruch. Doch schon als er seine erste Pressemitteilung im Namen der Partei in die Welt senden wollte, stieß er an seine Grenzen: Auch in fachpolitischen Fragen sei nur der Sprecher_innenrat des Landesvorstands zeichnungsberechtigt, machte ihm Kunigunde Blond klar, die für Schulpolitik zuständig war. Kunigunde fuhr einen mintgrünen Mercedes-Cupé – zehn Jahre kommunistische Kaderschmiede waren an der Gewerkschaftssekretärin offenbar vollkommen spurlos vorübergegangen. Im Rampenlicht der Öffentlichkeit stand aber auch in der Schulpolitik meist Katinka Wabbelwissen, die sich als erbitterte Vorkämpferin eines Verbots freier Schulen einen Namen machte, obwohl sich die eigenen Kinder auf dem örtlichen Thor-Steiner-Gymnasium eigentlich ganz wohl fühlten.

Dann kam der Wahltag… Wie es dogmatisch-dilettantischer nicht hätte sein können, hatte sich die Landesführung der ZURÜCK.PARTEI zur Veranstaltung ihrer Landtagseinzugsfeier ausgerechnet am letzten Spieltag der zweiten Liga für eine Jugendherberge auf dem anderen Rheinufer entschieden. Dort zelebrierten die Fußball-Hools von Hansaplast Rohstock gerade den Triumph ihres Teams über eine glücklose Hauptstadt-Elf, deren künftige Drittklassigkeit just am Wahlsonntag besiegelt worden war. Als Egon vor Ort eintrifft, ist die Jugendherberge bereits weiträumig von mindestens zwei Polizeihundertschaften abgeriegelt und das Gebäude in ein zuckendes Einsatzsignal-Blau getaucht. Egons erster Gedanke ist Ausnahmezustand: Bestimmt ist die ZURÜCK.PARTEI laut zweiter Hochrechnung im dritten Programm nicht über vier Prozent hinausgekommen und Heerscharen wildgewordener Altkader schleudern auf der gegenüberliegenden Flußseite gerade dutzendweise Mollis auf den Landtag und skandieren dabei „Randale, Bambule – Düsseldorfer Schule“, während sich die Bullen einstweilen damit begnügen müssen, den Nachschub abzuriegeln.

Mit Bitte-lassen-Sie-mich-durch,-ich-bin-Arzt-Mine durchschlängelt Egon die Polizeiketten und stößt vor dem umlagerten Jugendherbergseingang beinahe eine RTL-II-Kamera um. Vor der Linse steht Grätsche, seines Zeichens ostimportierter Geschäftsführer der Landespartei. Mit entschlossener Mimik und ausladenden Gesten tut der ehemalige DDR-Politoffizier einem hektischen Interviewer und der großen weiten Medienwelt kund, „dos inzbezondere dä eischenen Portej-Jenossen äändlisch ejnsähn müssen, dääs die Bolizej doch waas Guutes hööt unn ooch mol uff onzerer Sejte stähn konn…“

Kopfschüttelnd drängt sich Egon Kranz an Grätsche vorbei ins Jugendherbergsinnere, wo etwa ein halbes Dutzend Uniformierte mit höheren Dienstrangabzeichen die Wahlparty der ZURÜCK.PARTEI am kalten Büffet absichern. Da Egon nun eher das dringende Bedürfnis verspürt, Essen loszuwerden statt einzunehmen, begibt er sich auf direktem Wege zu den sanitären Anlagen, wo ihm bereits im Latrinenbereich ein lässig neben einem urinierenden Polizistenprängel am Gürtel baumelnder Gummiknüppel in die Seite semmelt. Sie sind einfach überall – wahrscheinlich sichern die grünen Männchen selbst den Wickelraum nebenan ab, um auch den letzten Herbergswinkel vor marodierenden Hansaplast-Hools abzuschirmen.

Als Egon genervt auf den Notausgang zustiefelt, um die gruselige Bullenparty auf dem schnellsten Wege wieder zu verlassen, stellt sich ihm unversehens einer der etwas voluminöseren Führungskader der Partei in den Weg. „Du kannst jetzt hier nicht einfach so rausgehen“, nimmt ihn der massige Landesratspräsident Meinolf Bader beinahe väterlich zur Seite. „Die Hansaplast-Hools sind überall da draußen. Nimm lieber ´n Taxi – geht auch aus der Parteikasse“, zwinkert er Egon zu. „Ich bin doch kein Kölner“, blafft dieser den Genossen an. „Mit dem Taxi vorm rechten Mob fliehen wie neulich beim Contra-NRW-Aufmarsch – kommt gar nicht infrage!“ Geschmeidig schlüpft Egon blitzschnell an dem Koloß vorbei ins Freie.

Draußen scheint die Front um keinen Meter verschoben – hier die polizeigeschützten Genossen, dort die genossenbeschützende Polizei. Mit geschärfter Aufmerksamkeit tastet sich Egon Kranz durch den tschernobylgleichen Absperrgürtel – skeptisch beäugt von den Uniformierten, deren Blicke zu prüfen scheinen, ob hier etwa jemand Republikflucht begehen wolle. Als er den letzten Schlagstockträger hinter sich gelassen hat, begibt sich Egon in die vermeintliche Todeszone. Wenn es für Hooligans Geigerzähler gäbe, hätte es etwa auf halbem Wege zur einige hundert Meter entfernten Stadtbahnhaltestelle unvermittelt ein wahres Crescendo der handelsüblichen Knackgeräusche geben müssen, als plötzlich ein Kleintransporter mit Rohstocker Kennzeichen vor ihm aufragt, hinter dessen abgetönten Scheiben Egon zwei Skinhead-Augenpaare erahnen kann, die seine schnellen Schritte wie Suchscheinwerfer zu verfolgen scheinen. Nach einer kurzen Schrecksekunde beschließt er, nun nicht etwa panisch die Beine in die Hand zu nehmen, um sich von den Hools vielleicht noch durch die Straßen jagen zu lassen, sondern reckt grinsend die linke Faust empor und geht mit unveränderter Geschwindigkeit weiter. Verdutzt starren ihm die Hooligans, die ihn wohl für einen Zivilpolizei-Provokateur halten, hinterher, bis er aus ihrem Blickfeld verschwunden ist.

 

Als er schließlich die Haltestelle erreicht, zuckt Egon zusammen, als ihm plötzlich jemand von hinten die Hand auf die verschwitzte Schulter legt und sächselnd säuselt: „Guut jemacht, Jenosse. Test bestanden! Isch bin übrijens d’r Stefan Friedensreich vom KoPoFo Sachsen…“ „Was? VoPo?“, fragt Egon verwirrt zurück. „Kommunalpolitisches Forum, du Witzbold“, antwortet Friedensreich und gibt ihm seine Karte. „Falls du mol ´n Job als Personenschützer oder so brauchst, kannste mir järne mol ´ne Mail schicken. Konnste hündert Euro am Toch verdienen. Abor wünder disch nisch, doss sisch meine Mailadresse uff Stasi reimt – isch wor do mol operativer Mitorbejder…“ Während gerade eine Bahn einfährt, streift Egons flüchtiger Blick die frischgedruckt wirkende Karte, worauf er aus den Augenwinkeln irgendetwas liest, das auf „-nasi“ endet. „Laß mal stecken“, raunzt er dem Ex-Stasi-Mann zu und springt im letzten Augenblick durch eine sich bereits wieder schließende Tür in die Bahn.

 

Während die Metro über die Rheinkniebrücke rumpelt, wo er vor vier Jahren nach einer Demo gegen Studiengebühren von einem Polizistenrudel eingekesselt worden war, entdeckt Egon gleich neben einem „Atomkraft-Schluß“-Aufkleber einen Wahlkampf-Sticker der ZURÜCK.PARTEI mit der Aufschrift „Polizeistaat Nein Danke“. Am Landtag steigt er aus und begibt sich noch einmal an jenen Ort vor dem Parlamentsgebäude, wo er damals die Abschlusskundgebung der von einigen tausend Protestlern besuchten Demo moderiert hatte. „Die kritische Masse ist erreicht“, hatte er damals euphorisiert in die Menge gerufen, als der Rasen vor dem Landtagsbau vor Demonstranten überquoll und die Studiengebühren vor seinem geistigen Auge bereits zu kippen schienen. „Kamera weg, Kamera weg“ hatte er damals mit Helge-Schneider-Stimme skandiert, als die Polizei versuchte, die Kundgebung präventiv abzufilmen. Schließlich gelang es, die bereits ihre Trinkwasservorräte auffüllenden Ordnungshüter mit einer Sitzblockade zum Einlenken zu bringen – „wir können länger als Sie“, hatte er den Bullen entgegengeschmettert und vor laufender Kamera ´ne Dose Dead Bull geext, während sich die Protestierenden zum Dauerpicknick auf der Wiese vor dem Bannkreis niederließen, während aus den Demo-Lautsprechern FantaVier über den Platz hallte. Selbst die Nixblicker und Kopfnicker waren damals voll dabei, als die Picknicker den Bullen einheizten und auch der letzte Spießer war ergriffen von der Erkenntnis, „wie Leute abgehn, die vor ‘nem Soundsystem mit fünfzigtausend Watt stehn.“ Am Ende wurde die Kamera weggedreht und die Demo aufgelöst, um dann den aus ein paar hundert Hardcore-Picknickern bestehenden Überrest auf der Brücke zu kesseln.

 

Wo seinerzeit die Demo-Bühne gestanden hatte, steht nun ein Stand der ZURÜCK.PARTEI, wo neben Bratwurst mit Senf natürlich auch der „Polizeistaat Nein Danke“-Sticker zu haben ist. Auf einer Leinwand neben dem Stand verfolgen einige Sympathisanten gerade eine Live-Schaltung zur Wahlfeier in die Jugendherberge, wo gerade die Spitzenkandidatin Bibi Bauer ein Interview gibt, bei dem sie wie zuvor Politoffizier Grätsche nicht müde wird zu betonen, dass „die Polizei an diesem Abend ein Freund und Helfer“ sei, auf den man sich „im Notfall verlassen“ könne. Im Hintergrund stehen immer noch Bullen am Büffet.

 

Es reicht. Hier muß ein Schlußstrich gezogen werden – egal wie. Nervös nestelt Egon an seiner Jacke, fingert seinen Parteiausweis aus der Brieftasche, legt ihn auf ein bratwurstloses trockenes Brötchen, klappt es zu und träufelt mit der Senftube S-C-H-L-U-S-S darauf.

Das war das letzte Wort der Picknicker-Partyfraktion.

 

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