Womit der Kollege Stefan Laurin damals wirklich Recht hatte

Anwohner und Lokalpolitiker protestieren in Datteln. Archiv-Foto: Robin Patzwaldt

Ich plaudere hier und heute einmal etwas aus dem Ruhrbarone-Nähkästchen. Als ich vor inzwischen knapp neun Jahren zunächst als Gastautor frisch zu den Ruhrbaronen stieß (ist das wirklich schon so lange her? 😉 ), da waren der Kollege Stefan Laurin und ich in politischen Fragen häufig völlig gegensätzlicher Ansicht. Na ja, eigentlich sind wir das streng genommen noch bis heute… 🙂

Ich war damals jedenfalls ein ziemlich engagierter Kritiker des Kraftwerks ‚Datteln 4‘, Stefan sah die ‚Gegner‘ des Kohle-Meilers als so eine Art egoistische Kämpfer gegen die Interessen der Allgemeinheit an, wenn ich das einmal so kurz und flapsig zusammenfassen darf.

Wer sich für die Details interessiert, dem sei einmal ein Blick in unser Archiv empfohlen. Ich will das hier jetzt nicht alles noch einmal aufdröseln.

Worauf es mir nämlich heute ankommt, das ist der allgemeine Kern unserer Debatte von damals, in der ich der Meinung war, Datteln wäre ein besonderer Fall, da der von den Kraftwerksbauern damals ausgewählte Standort einfach unmöglich wäre, Stefan meine vorgetragenen Argumente jedoch pauschal damit abschmetterte, indem er sinngemäß und verkürzt dargestellt sagte, egal welches Projekt in Deutschland geplant und angegangen würde, irgendwelche Anwohner würden sich immer mit Händen und Füßen dagegen wehren, die Projekte zumindest verzögern, wenn nicht gänzlich unmöglich machen. Das konnte ich damals mit meinen Erfahrungen aus Datteln nicht in Übereinstimmung bringen.

Jetzt, ein paar Jahre später, muss ich jedoch einräumen, das Stefan in vielen Fällen Recht damit hatte und noch immer hat. Kein Gewerbegebiet, keine neue Straße, bei der es keine Proteste geben würde. Den Fall ‚Datteln 4‘ sehe ich bis zum heutigen Tage etwas anders, da dort der Standort eine ganz besonders unmögliche Wahl war, aber viele weitere Beispiele seither stützen tatsächlich auch aus meiner Sicht Stefans Aussage von damals.

Worum es mir heute konkret geht, und weshalb mich diese grundsätzliche Debatte jetzt ganz aktuell wieder eingeholt hat, das ist der aktuelle Stadionneubau in Freiburg.

Der dortige Fußball-Bundesligist befindet sich gerade in der Bauphase einer neuen Arena, ein paar Anwohner drohen dem Ansinnen jedoch mächtig Probleme zu bereiten.

Der Verwaltungsgerichtshof Mannheim hat dort jetzt nämlich alle Spiele nach 20 Uhr erst einmal juristisch untersagt. Auch sonntags zwischen 13 und 15 Uhr darf im neuen SC-Stadion laut aktuellem Entscheid zukünftig nicht gespielt werden. Aus Gründen des Lärmschutzes.

Auch wenn die Juristen in dieser Sache das letzte Wort offenkundig noch nicht gesprochen haben, diese Entscheidung stützt einmal mehr Stefans These von damals.

Und Freiburg ist ja nicht der einzige Fall, bei dem Anwohner Sportveranstaltungen an gewissen Tagen oder zu gewissen Uhrzeiten erschweren. Mir sind ähnliche Vorgänge aus anderen Städten in Erinnerung.

Das kann und darf so nicht richtig sein!

Natürlich ist ein Sportstadion kein Kraftwerk, und der Vergleich hinkt insofern sowieso schon, alleine aufgrund der mit einem Kraftwerk verbundenen Gefährdung der unmittelbaren Umgebung.

Es kann aber doch nicht angehen, dass ein paar Anwohner den Spielbetrieb für eine Profifußballmannschaft erschweren, die nicht nur ein herausragender Werbeträger für die ganze Stadt ist, die auch der großen Mehrheit der Menschen einer Region viel Freude bereitet.

Keine Spiele mehr nach 20 Uhr und auch nicht in der Mittagspause am Wochenende? Das kann einem Profiverein das Leben schnell unmöglich machen, wenn dieses Urteil bestand haben sollte.

Anwohnerklagen sind, wie zuvor erwähnt, natürlich auch im Sportbereich nichts grundsätzlich Neues. Wo Gemeinwohl auf Einzelinteressen trifft, müssen immer häufiger Richter entscheiden, was höher zu bewerten ist.

Das jüngste Beispiel ist allerdings schon ein besonderer Auswuchs dieser seit Jahren immer häufiger zu beobachtenden Geschichten, wie ich finde und es verleiht der Aussage von Stefan eine bittere, ganz neue Realität… Wir dürfen gespannt sein, wie das Problem dort in Freiburg am Ende gelöst wird.

9 Kommentare

Gemeinwohl kollidiert prinzipiell mit dem wohl Einzelner.
Individualismus muss da enden wo die Interessen Vieler negativ berührt sind. Und vor allem keine ernsthafte Alternative zur Verfügung steht, die weniger Probleme verursacht.

Zum Thema, jeder Bürger würde sich immer über irgendwas beschweren, hier ein ganz aktueller Fall – vielleicht eine Nummer kleiner.

Ein Mieterin freut sich über ihre neue Wohnung in der Nachbarstadt. Aus ihrer schönen, alten Wohnung "flüchtete" sie nach vier Jahren, weil Lärm und Dreck durch Seggregation nicht abnahmen- der Straßenverkehr lief dort verkehrsberuhigt. In der neuen Wohnung stellte sie fest, dass sie nicht nur an die Rennstrecke von Krankenwagen des nahen Klinikums gezogen war – sondern dass sich auch zu Stoßzeiten der Verkehr an der kleinen Kreuzungsampel vor ihrem Schlafzimmer nach vorne heraus staute. "Gewöhne ich mich schon dran", war die Mieterin sich sicher und wunderte sich nur, dass sie in der letzten Zeit soviel nieste, ganz ohne Erkältung…
Einen Monat später wurde vor dem Haus eine Bushaltestelle – eine Armlänge Abstand vorm Schlafzimmerfenster in den Bürgersteig gedübelt. Die Stadt freute sich, den neuen ÖPNV zu präsentieren. Der Bus hält ab Dezember ab 5 Uhr morgens alle 20 Minuten, sieben Tage die Woche direkt vorm Hauseingang.

Und jetzt? Sich aufregen? Mit der Stadt einen Krieg anfangen, dass sie Haltestellen für (Gelenk-) Busse direkt vor Wohnhäuser in zu engen Straßen platziert?? Immionsmessungen, Gutachter? Wieder ausziehen? Sich ein 365-Tage-Busticket kaufen? Miete kürzen? NIchts???

Es kann aber – entgegen Stefan Laurins Auffassung vom Thema – auch nicht sein, dass Infrastruktur-/Stadtplaner, Architekten, Bauingenieure und Controller als Verantwortliche für die Planung eines Großprojektes ihre Arbeit derart schlecht erledigen, dass solche Fälle überhaupt auftreten. Ich sage nur: BER. Oder Metrorapid, wo in der Grobplanung einfach mal Eddingstriche über bestehende Gleisüberwürfe als Streckenentwurf z.B. im Dortmunder Westen gemalt wurden – Trumps Alabama-Sharpie-Nummer beim Hurrikan "Dorian" lässt grüßen. Oder der nach fast 40 Jahren Vision kurz vor Baubeginn gestandene B1-Tunnel bei uns, der nur durch die Dumm- und Frechheit der Dortmunder Stadtplaner, die im Wissen (auch von Sierau) um die Unmöglichkeit stumpf eine rein städtische Ausfahrt in die Fördermittel-Unterlagen mogelten, von der Prioritätenliste der förderfähigen AB-Projekte verschwunden ist.

Im Fall des neuen Freiburger Stadions hat der Verwaltungsgerichtshof offensichtlich mit veralteten Lärmchutzwerten ein Urteil gefällt, was sich in Revision und Widerspruch recht schnell ändern lässt. Also waren auch hier wieder "Experten" und keine Anwohner als Spielverderber @work.

"Anwohnerklagen sind, wie zuvor erwähnt, natürlich(…) nichts grundsätzlich Neues. Wo Gemeinwohl auf Einzelinteressen trifft, müssen immer häufiger Richter entscheiden, was höher zu bewerten ist." Dabei wird meiner Einschätzung nach das Einzelinteresse eines Eigentümers (in Städten wie Dörfern – dabei handelt es sich meist um kürzlich hinzugezogene – im wesentlichen von Eigentümern von einzelnen Wohnungen) wesentlich höher bewertet als das Gemeinwohl vieler.

hallo,

das, was mich tatsächlich daran nervt, ist die, von #4 beschriebene tendenz, dass neu hinzugezogene personen klagen, ein paar bsp aus essen:

*der fc kray steigt in die regionalliga auf. erweitert das stadion an der buderusstraße um eine kleine tribüne-folge: lärmschutzklage der anwohner ggü einer seit langer zeit dort ansässigen breitensportanlage, in deren folge besagte tribüne monate stilllag, der fc kray in den essener süden ausweichen(an den uhlenkrug) musste, was gewiss sowohl punkte wie einnahmen, und letztendlich die liga kostete

*das rüttenscheider oktoberfest: beheimatet auf dem messeparkplatz, im herzen rüttenscheids: weggeklagt von anwohnern aus dem neubaugebiet-HALLO? WAS IST LOS MIT EUCH? warum ist rü so attraktiv und lebendig, dass geldschnösel wie ihr hierhin zieht?

*etb schwarz weiss essen: uralter traditionsklub, sitzt seit jahrzenhnten in altem traditionsstadion UHLENKRUG im essener süden. da gibt es seit jahren gezerre um neubauten für die, derzeit ausgelagerte, jugendabteilung. das ganze ist hochattraktives bauland am nahen stadtwald, und wie's der zufall will, verhindert nun eine anwohnerklage wg lärmschutz einen mühsam erarbeiteten neubaukompromiss.

alles in allem:
RECHTLICH mag das alles berechtigt sein. was ich viel relevanter finde, ist die soziale/kulturelle seite:
was treibt die leute dazu, in jahrzehntelang bestehende umfelder/gemeinschaften zu ziehen und diese dann in die gleiche vorstadt-/dorfödnis zu verwandeln, aus der sie hergekommen sind? (weißja, das dasselbe überall passiert. GENTRIFICATION, you name it, baby, aber hier in NRW gibt's doch nun WIRKLICH genug landstriche ohne rummel, leben und irritation)

Bei Freiburg geht es doch nur darum, eine elegante Lösung zu finden, nicht an den unattraktiven Zeiten zu spielen. Es bleibt zu hoffen, dass die Liga auch weiterhin Heimspiele zu diesen Zeiten fordert. Notfalls können sie woanders ausgetragen werden.

Das Problem dieser Klagen etc.sehe ich darin, dass jede Art von Dynamik gebremst wird, wenn auch relativ kleine Änderungen immer wieder zu neuen Auseinandersetzungen mit einem extrem komplexen und interpretierbaren Recht führen. Da macht man doch besser nichts und schaut, wie andere Gesellschaften nach vorne preschen.

"Ruhe gibt's genug nach dem Tod"

Bei uns in der Nachbarschaft gilt: Leben und leben lassen

Um die von mir gebrachten Beispiele aus #3 zu ergänzen und den pauschalen, populistischen Eindruck zu korrigieren, es handele sich bei Kritik und Einsprüchen gegen Großprojekte grundsätzlich um "Zugezogene", die Ärger machen, sei auch der Dortmunder Flughafen genannt, gegen dessen Fluglärmemissionen die Schutzgemeinschaft Fluglärm als Sprachrohr der Betroffenen mal mehr und mal weniger erfolgreich kämpft. Und die Betroffenen sind zum allergrößten Teil "Ureinwohner", von denen viele Familien schon zu Zeiten des alten Segel- und Sportflugplatzes Brackel in den späten Sechzigern in den am meisten betroffenen Vororten DO-Aplerbeck und Unna-Massen ihr Häusken gebaut hatten.

Die Umwidmung des FH in einen Geschäftsflieger-FH mit erweiterter Landebahn und echten Terminals im Jahr 2000, woraus sich dann später ungefragt der "Mallorca-Bomber"-FH entwickelte, wurde allein in den oberen Etagen des Rathauses und niemals mit den Stimmen der Bürger entschieden. Dass die Anrainer überhaupt kleinste Chancen zur möglichen Einschränkung des ungehemmten und gleichzeitig in der Krise der Luftfahrtgesellschaften sinnlosen Wachstums des FH bekamen, ist allein der Arbeit des SGF e.V. zu verdanken.

@2

Da hat die Dame ja noch Glück gehabt, dass sie im Ruhrgebiet lebt und der Bus hier -im Gegensatz zu einem richtigen urbanen Zentrum -nur alle 20 Minuten, am Wochenende wahrscheinlich nur alle halbe oder auch nur einmal die Stunde vorbeischaut

#8
Die Dame tut sich gerade mit anderen Mietern zuammen – ist aber im Grunde eher pessimistisch. Sie wird abwarten müssen, wie sich das in der Praxis anfühlt…;). Ansonsten überlegt sie, die Situation kreativ zu gestalten und vielleicht eine Kaffebude direkt aus dem Schlafzimmerfenster heraus zu eröffnen…

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