Wo kommen wir her? Steirer im menschenleeren Ruhrgebiet

steirer

Das Menschen über Generationen an einem Ort leben ist eine Ausnahme. Bei fast allen von uns kann man das mit einem einfachen Blick in die Familiengeschichte erkennen. Nur drei Generationen zurück bis zu den Urgoßeltern – das Wissen um deren Geschichte ist in den meisten Familien noch vorhanden – und wir erkennen, dass wir selbst von Zugewanderten abstammen, wenn wir nicht schon selbst unseren Wohnort mehrfach gewechselt haben. Vielleicht sind Eure  Vorfahren ja vom  Land in die Stadt gewandert, von Pommern ins Ruhrgebiet oder von Nordhessen nach Frankfurt.  Bei viele werden auch Wurzeln in der Türkei haben, in Griechenland oder Spanien. oder Wurzeln in Italien, Polen und Bayern. Wir sammeln diese Wanderungsgeschichten und veröffentlichen sie.

Migration ist nicht die Ausnahme, sie ist die Regel. Wir müssen uns alle nur daran erinnern. Helft uns dabei mit. Schickt Eure Geschichte – gerne mit Foto an info@ruhrbarone.de

Steirer im menschenleeren Ruhrgebiet

Ich schreibe diesen Artikel, um zu zeigen, wie es zur heutigen Bevölkerung des Ruhrgebiets gekommen ist. Es ist nämlich so, daß weit mehr als 95% der jetzigen Einwohner von Einwanderern abstammen. Dazu zitiere ich Daten aus der Geschichte meiner eigenen Familie.

Vermutlich im Jahr 1894 oder 1895 sind meine steirischen Urgroßeltern mit ihren Kindern weg von der österreichischen K.u.K. Monarchie, weg von ihrer Heimat, der Steiermark ins Deutsche Kaiserreich, und dort speziell ins Ruhrgebiet gezogen. Im Ruhrgebiet gab es schon einige Zechen, für die Arbeiter, d.h. Bergleute angeworben wurden. Für Landarbeiter in der Steiermark war es offenbar eine attraktive Idee, einen Arbeitsplatz in einer Kohlenmine im dreckigen Kohlenpott tief unter der Erde zu finden, anstatt in schöner heimischer Landschaft das Leben als Knecht oder Magd auf Bauernhöfen in der Steiermark zu fristen. Meine Urgroßeltern gehörten zu einem ersten Einwandererschub und fanden hier ein noch dörfliches, aus heutiger Sicht eigentlich beinahe menschenleeres Ruhrgebiet vor. Ein paar Zahlen können das verdeutlichen.

1895 hatte Hamborn, damals noch nicht mit Duisburg vereinigt, 11200 Einwohner,darunter bei weitem nicht nur einheimische Bevölkerung, sondern viel technisches Personal, das die Infrastruktur für die geplanten Schachtanlagen schaffen sollte. Die müßte man noch herausrechnen, wenn man die eigentliche Urbevölkerung zahlenmäßig erfassen will. Aber das ist nicht erforderlich, weil die Einwandererschübe, die danach kamen, riesig genug waren, um zu verdeutlichen, was ich sagen will. Von den angegebenen 11200 Einwohnern fielen auf den zu Hamborn zu gehörigen Stadtteil Marxloh gerade mal 1522 registrierte Einwohner. Von meinem Stadtteil Neumühl fehlen mir leider die vergleichbaren Zahlen. Aber es dürften noch weniger Leute in Neumühl gewohnt haben als in Marxloh, weil die Zeche Neumühl erst 1899 mit der Förderung von Kohle begann. Mit der Kohleförderung in Neumühl sind auch meine Urgroßeltern samt Familie in die unmittelbare Nähe dieser neuen Zeche gezogen. Die Menschen, die hierhin gezogen sind, kamen aus vielen Ländern Europas hierhin, und aus ihrem gemeinsamen arbeiten und dem Zusammenleben bildete sich ein bisher unbekannter Dialekt der deutschen Sprache heraus, der mit der ursprünglich hier gesprochenen Sprache nur wenig zu tun hatte. Andererseits feierten die verschiedenen Landsmannschaften auch untereinander noch lange ihre Heimatfeste. Trotzdem ging die Integration mangels Satellitenempfangs und Handys zügiger vonstatten, als das heutzutage der Fall ist.Schließlich mußten sie miteinander reden. Im beigefügten Foto, das zwischen 1905 und 1910 entstanden ist, sieht man einige Steirer noch ihre traditionelle Kleidung, während Andere schon die typische damalige Ruhrgebietsmode trugen. Allein In den 10 Jahren zwischen 1895 und 1905 hat sich die Einwohnerzahl Hamborns von den 11200 erwähnten Einwohnern auf 67453 Einwohnern noch einmal versechsfacht. Den Neuhinzugekommenen galten meine steirischen Vorfahren, die schon 10 Jahre vorher angekommen waren, wahrscheinlich bereits als Ureinwohner. So gut wie alle Vorfahren der Hamborner Bevölkerung sind im vorigen Jahrhundert zugewandert. Wenn wir heute von der „biodeutschen“ Urbevölkerung sprechen, meinen wir genau dieses Völkergemisch das überwiegend aus Süd- und Osteuropa stammt. Als meine schlesische Großeltern 1921 mit ihren Kindern, darunter meinen damals zweijährigen Vater ins Ruhrgebiet kamen, lag der Weltkrieg bereits in der Vergangenheit, mein steirischer Urgroßvater war 1917 bei einem Grubenunglück tödlich verunglückt, und meine verwitwete Urgroßmutter hat es im Alter von über 60 Jahren gewagt, mit einigen ihrer jüngeren Kinder in die USA zu den Kohlenfeldern nahe Pittsburg zu ziehen, wo heute noch etliche meiner Verwandten leben. Mein steirischer Großvater ist aber mit seiner Familie hier im Pott geblieben. Das ist gut, weil ich sonst vielleicht nicht da wäre und diesen Bericht nicht hätte schreiben können.

30 Jahre nach der Ankunft meiner steirischen Vorfahren, also 1925 ist die Einwohnerzahl Marxlohs bereits auf 35872 angewachsen, und hat fast das maximale Niveau erreicht. Und das ist allein durch Zuwanderung geschehen, nicht durch Vermehrung der kleinen Urbevölkerung. Die eigentliche Urbevölkerung ist bis dahin bereits auf weniger als 5% der Gesamtbevölkerung geschrumpft.

Wenn ich das überdenke, erscheint es mir merkwürdig, daß die Nachfahren der Zugewanderten dieser vielen Zuwanderer sich 2-3 Generationen später, vielleicht auch schon früher, als Urbevölkerung fühlen, und Probleme mit der Zuwanderung neuer Zuwanderer haben und sogar in rassistischen Bahnen denken, obwohl sie doch alle unter ihren Vorfahren auch solche haben, die aus dem Ausland hierher gekommen sind.

Ich habe das jedenfalls nicht vergessen, wo meine Leute hergekommen sind. Ich bin zwar voll Ruhri, aber ich bin auch Steirer mütterlicherseits und Schlesier väterlicherseits. Ich weiß, alle meine vier Großeltern sind noch in einer anderen Heimat geboren. Von meinen schlesischen Großeltern weiß ich allerdings nicht viel, weil diese Großmutter vor meiner Geburt gestorben war und es mit dem Großvater nicht viel Kontakt gab.

Darum habe ich zur mütterlichen Seite mehr Bezug.

Meine steirischen Großeltern sprachen wohl gemeinsam den südsteirischen Dialekt meines Großvaters, und nie den Dialekt aus Maria-Lankowitz, wo meine Großmutter geboren wurde. Als ich nämlich dort war, habe ich kein Wort verstanden.   Diesen steirischen Vorfahren fühle ich mich sehr verbunden. Ich bin also Halbsteirer. Wahrscheinlich merkt das aber niemand. Als Kind habe ich immer Jodelmusik gehört. Zwangsläufig. Mit Schlesien habe ich nichts, was mich verbindet. Die mütteriche Linie hat immer überwogen.Allerdings stamme ich väterlicherseits aus Peterswaldau. Das ist eines der zwei Dörfer, in dem 1846 zwei Jahre vor der deutschen Revolution 1848, der Hungeraufstand der Weber über den Heinrich Heine dichtete, stattfand. Ich bin also genetisch bedingt ein Aufständischer, dem aber das mediterrane Lebensgefühl der Steiermark mehr liegt.

Diese steirische Familie hat übrigens auch über die riesigen Entfernungen Kontakt zueinander gehalten, und weil sie im Internet hochgradig aktiv ist, kann ich feststellen, wo sie in der Welt gelandet ist. Auch wenn nicht alle mit dem gleichen Namen verwandt sein müssen, zeigt die Verbreituung des Namens Waltl wie schnell solche Wanderungsbewegungen den ganzen Planeten erfassen. Ich bin mütterlicherseits Angehöriger der World-wide-Waltl-family. Das ist doch was, wo ich es selbst nur bis Gelsenkirchen geschafft habe. Und von einem meiner in Pittsburg lebenden Großcousins habe ich die Ergebnisse seiner Ahnenforschung bekommen, weswegen ich heute das Material zu diesem Artikel habe. Und weil unsere Welt heute klein ist, hat es sich gar nicht mal so zufällig ergeben, daß dieser amerikanische Cousin auch schon mal für zwei Jahre bei den Bayerwerken in Leverkusen gearbeitet hatte. Denn das ist heute so, durch die Großkonzerne, die multinational verflochten sind, gibt es auch eine große Beweglichkeit der Arbeitskräfte. Da paßt Rassismus aber gar nicht in die Landschaft.

Helmut Junge

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