Wo bleibt der neue Gutenberg?

Amazon Kindle Foto: Franz Wegener

Ebooks bieten der Buchbranche die einzigartige Möglichkeit das Medium Buch komplett neu zu denken. Doch anstatt die Jahrhundertchance zu ergreifen, ihr Kernprodukt für das 21. Jahrhundert fit zu machen, setzt die Branche bloß auf Anachronismen und lieblos zusammen geschusterte Ramschware. Von unserem Gastautor Sebastian Büttner.

Die Erfindung der Druckerpresse markiert eine Revolution. Ohne  Johannes Gutenberg und seine weltberühmte Presse würden Bücher heute vermutlich immer noch das sein, was sie viele Jahrhunderte zuvor gewesen waren: handverfasste Einzelstücke, die – verschlossen vor dem Rest der Welt – in irgendwelchen exklusiven Klosterbibliotheken langsam verrotten. Deswegen würde ich, wenn Gutenberg eine Facebook-Seite betriebe, sofort „Gefällt mir“ klicken. Ich bin ein Fan, weil Gutenberg die technischen Möglichkeiten des 15. Jahrhunderts nutzte, um Otto und Anna Normalverbraucher Wissenschaft, Politik, Prosa oder Poesie einfacher zugänglich zu machen. Damit legte der kongeniale Tüftler einen der maßgeblichsten Grundsteine für die „Wissensgesellschaft“ unserer Tage. Er gab dem Buch eine massenkompatible Form, die perfekt zu den Anforderungen ihrer Zeit passte. Doch diese Zeit ist mittlerweile… Geschichte.

Denn durch die Digitalisierung ist das „Prinzip Druckerpresse“ mittlerweile genau so überflüssig geworden wie ein VHS-Rekorder, eine Fernsehantenne oder der in 1990er Jahren aufgekommene Digitaldruck: Bücher müssen in Zeiten der globalen Vernetzung nicht mehr gedruckt, im stationären Buchhandel verkauft und nach dem Lesevergnügen in klobigen Regalwänden abgestellt werden. Bücher können heute heruntergeladen und in einer Cloud abgespeichert werden. Kurzum: Anno 2011 könnten wir erneut am Beginn einer echten Revolution von Gutenbergscher Dimension stehen. Die Digitalisierung gibt uns in Form des Ebooks die Chance das Medium Buch völlig neu zu denken, seine Inhalte noch lesefreundlicher zu gestalten sowie sie interessierten Lesern überall auf der Welt einfacher zugänglich zu machen. Und: Ebooks bieten der Buchbranche die Chance die längst verloren geglaubte Generation der Digital Natives zurückzugewinnen. Denn die Jugend liest immer weniger. Analoge Medienprodukte finden in ihrem persönlichen Warenkorb so gut wie nicht statt, da sie nicht kompatibel zu ihrer digitalen Lebenswelt sind.

Ramschware und Brückentechnologien statt wirklich neuer Lösungen

Doch anstatt den technischen Fortschritt für einen Relaunch ihres Kernproduktes zu nutzen, behandeln die meisten Verlage Ebooks wie Bücher zweiter Klasse, als reines Abfallprodukt der Verwertungskette. Schlecht gesetzte Texte und lieblos zusammengeschusterte Ausgaben sind an der Tagesordnung. Da ist es kein Wunder, dass sich immer noch ein Großteil der Leser am physischen Buch festklammert, als seien Ebooks der Untergang des Abendlandes.

Auch Apple oder Google, sonst oftmals Vorreiter im Neudenken alt gewordener Branchen, fällt zum Thema Ebook erschreckend wenig ein. Ich kann mich noch gut daran erinnern wie stolz Google darauf war, dass man „Google Books“ fast genauso gut umblättern kann wie die Seiten „richtiger Bücher“… U-m-b-l-ä-t-t-e-r-n? Hallo! Anachronismus ick hör dir trapsen… Wieso soll man ein Ebook umblättern, wenn sich in der digitalen Sphäre längst das Scrollen als effizientere Form erwiesen hat? Zu diesem Thema liegen unzählige Usability-Studien vor, die allesamt belegen, dass Mensch sich einen Text durch flüssige, scrollbare Übergänge weitaus besser erschließen kann, als durch das „Blättern“.

Dies ist jedoch erst der Anfang von unserer kleinen Stippvisite in Absurdistan. Denn jeder der schon einmal auf dem iPad ein Buch erst horizontal und dann vertikal gelesen hat, weiß: die Seitenzahlen stimmen nicht. Sie ändern sich – je nachdem wie ein Leser sein iPad hält. Seitenzahlen sind nichts als ein überflüssiger Anachronismus. Doch warum kommt (so gut wie) niemand auf die Idee, dass Prozente ohnehin die besseren und exakteren Seitenzahlen wären? Wieso nutzt niemand die Chance die sich durch die Befreiung des Buches vom Duktus der Druckerpresse bieten?

Nur amazon denkt (ein Stück) weiter

Die einzige wirklich weiter gedachte Ausnahme bildet amazon mit seinem Kindle: Der Kindle nutzt Prozentzahlen, lässt sich per Knopfdruck umblättern (scrollen geht leider nicht) und ist die perfekte Brückentechnologie in eine voll und ganz von einem einzigen Monopolisten beherrschte Buchbranche. Entschuldigen Sie den Sarkasmus: Aber ich kann wirklich nicht verstehen, weshalb Millionen von Verlegern, Vertrieblern und Buchhändlern einfach dabei zusehen, wie aus einem Online-Shop, ein den Markt vollends beherrschender „All-in-one-Gigant“ wird?

Keine Frage: amazon kann mächtig stolz auf seine marktstrategische Leistung der letzten Jahre sein, dessen vorläufiger Höhepunkt wohl im nächsten Jahr die Eröffnung eines eigenen Verlages markieren wird. Spätestens dann kontrolliert amazon mit seiner prall gefüllten Kriegskasse die komplette digitale Verwertungskette: Es besitzt als Verlag ein eigenes Portfolio, kann dieses in seinem Online-Shop selbst vertreiben – und die Endgeräte stammen auch von amazon. Welche Rolle die mittelständischen europäischen Verlage dann noch spielen, kann sich jeder denken, der schon einmal mindestens an einer Wirtschaftsschule vorbeigegangen ist…

Die einzige Möglichkeit, die den Verlagen, Buchhändlern und Konkurrenzplattformen    noch bleibt ist: Die Entwicklung eigener, ganzheitlich orientierter Wettbewerbsmodelle, die die Möglichkeiten der Digitalisierung vollends ausschöpfen – und die endlich einmal damit beginnen das Medium Buch im Sinne einer verbesserten Usability neu zu schmieden. Denn der Kindle hat auch eine Schwäche: bis auf seinen Reader kann er Usern eigentlich nichts Relevantes bieten. Damit erinnert der Kindle ein bisschen an die Palm PCs der frühen 2000er Jahre.

Genau wie die Palm PCs ist der Kindle in seiner jetzigen Form noch zu sehr Insellösung, zu sehr eine Brückentechnologie. Langfristig wird niemand ein Smartphone, ein Tablet bzw. Notebook und einen Reader mit sich rumschleppen wollen. Diese Schwäche des Kindle könnte die Stärke der Konkurrenz werden. Doch aktuell sind die meisten Protagonisten der Branche leider noch zu stark in ihrem alten Denken verhaftet. Einem Denken, das einem jedes Mal sein ergrautes Antlitz zeigt, wenn man mal wieder gezwungen ist, eine Ebook-Seite auf seinem Tablet umzublättern…

1 Kommentar

handverfasste Einzelstücke, die – verschlossen vor dem Rest der Welt – in irgendwelchen exklusiven Klosterbibliotheken langsam verrotten

Das wird, so oder ähnlich, wohl die Zukunft des gedruckten Buchs sein. Ähnlich wie beim Vinyl wird das Buch als bibliophile Kostbarkeit eines Tages (wir werden den Zeitpunkt nicht mehr erleben) eine Sache für Liebhaber sein.

Ich stimme voll und ganz überein, dass das Medium Buch, oder nochmehr das Lesen in diesem Medium, völlig neu gedacht werden sollte. Das reine Lesefutter, gedruckt auf billigem Papier, gepackt zwischen lieblos grafikdesignte Pappdeckel, ist der dringendste Fall.
Interessant wird die Sache bei Illustrationen, Karten, Tabellen, überhaupt Grafiken, Filmen, Animationen: Da sind ja uns heute völlig unbekannte Formate und Schnittstellen denkbar …

Die rührigen Versuche, Charakteristika der Handhabung von Druckwerken (Umblättern, Seitenzahlen etc.) ins Digitale hinüber nehmen zu wollen – sie sollten mit Nachsicht beurteilt werden. So sind eben Übergänge.

Und ja: die Notwendigkeit, dass man fürs Lesen, Telephonieren, Surfen, Filme schauen, Musik hören und Arbeiten teilweise immer noch je ein eigenes Gerät benötigt, nervt gewaltig. Wird sich aber auch bald ändern.

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