WM: Vorrunde voller Überraschungen – Klare Favoriten auf den Titel gibt es nicht (mehr)

In Porto Alegre trifft Deutschland nun auf Algerien. Quelle: Wikipedia, Foto: Ricardosoruco, Lizenz: CC BY-SA 3.0
In Porto Alegre trifft Deutschland nun auf Algerien. Quelle: Wikipedia, Foto: Ricardosoruco, Lizenz:CC BY-SA 3.0

Heute ist, manch einer wird es zu schätzen wissen, der erste fußballfreie Abend nach nun zwei Wochen tagtäglicher Übertragungen von der Fußballweltmeisterschaft 2014 in Brasilien. Und nachdem tausenden, wenn nicht gar Millionen von Fußballfans im Lande inzwischen leichter Schlafmangel und vielfach wohl auch ‚viereckigen Augen‘ vom ungewohnt intensiven Fußballkonsum vor der heimischen Mattscheibe plagen, bietet der heutige Freitag endlich mal wieder die Gelegenheit sich den zahlreichen anderen schönen Dingen des Lebens intensiver zu widmen.

Werfen wir hier aber trotzdem, nach dem Ende der Gruppenspiele, kurz noch einmal einen raschen Blick zurück auf die hinter uns liegenden Tage, bevor es dann ab Morgen bereits mit frischem Schwung in die Achtelfinalbegegnungen des Turniers geht.

Die Deutsche Mannschaft hat es trotz zuletzt eher mäßiger Leistungen beim 2:2 gegen Ghana und auch gestern beim eher müden 1:0-Erfolg gegen die von Jürgen Klinsmann betreute US-Mannschaft als Gruppenerster ins Achtelfinale geschafft. Auffällig dabei jedoch, dass die Leistungen insgesamt bisher alles andere als weltmeisterlich waren. Zu viele Unsicherheiten in der Defensive lassen eine Leistungssteigerung als unabdingbar erscheinen, wenn man tatsächlich am Ende um den Titel wird mitspielen wollen. Auffällig bisher zudem, dass Jogi Löw eindeutig im Kern auf einen großen, stabilen Bayern-Block setzt. Mit Mats Hummels ist nur ein einziger Dortmunder in der Stammelf vertreten. Das war im Vorfeld allgemein noch anders erwartet worden, als viele Experten von einer Mischung aus BVB- und Bayern-Spielern, von zwei Blöcken aus den beiden zuletzt stärksten deutschen Mannschaften ausgingen. Doch diese Theorie platzte offenbar bereits mit der Verletzung von Marco Reus im letzten Vorbereitungsspiel in Mainz. Solange das so von Erfolg gekrönt ist wird es öffentlich kaum Kritiker daran geben. Auch von den bisher nicht eingesetzten Spielern im DFB-Kader hört man bisher offiziell nichts Negatives.

Ein Ausscheiden der DFB-Auswahl erscheint nun auch im am Montag in Porto Alegre anstehenden Achtelfinale gegen Algerien nicht gerade als sehr wahrscheinlich, auch wenn die einzigen beiden WM-Spiele einer DFB-Auswahl gegen die Afrikaner bisher verloren gingen. Zuletzt übrigens im Jahre 1982 als die Auswahl der BRD mit 1:2 bei der WM in Spanien unterlag, was dann später zu dem legendären Ballgeschiebe im Spiel gegen Österreich führte, wodurch man am Ende doch noch in die KO-Runde einzog (Schande von Gijon). Setzt man in den nun anstehenden Achtelfinals Favoritensiege einmal voraus, würde die deutsche Auswahl dann im Viertelfinale vermutlich auf die Mannschaft aus Frankreich treffen. Das wäre dann sportlich wohl schon ein ganz anderes Kaliber.

Entfernt man den Blick einmal etwas von der Deutschen Elf, dann war es in Brasilien durchaus eine WM-Vorrunde mit viel Überraschungspotential. Nicht nur, dass mit England, Spanien, Portugal und Italien gleich vier Mitfavoriten auf den Titel die Gruppenphase sportlich erst gar nicht überstanden haben, insgesamt vermochte eigentlich keines der 32 Teams in allen drei Spielen vollends zu überzeugen und sich als eindeutiger Titelanwärter zu empfehlen.

Zwar konnten sowohl die Niederlande als auch Kolumbien, Argentinien und Belgien alle 9 Punkte in den drei Gruppenspielen einfahren, doch boten auch sie dabei schwächere Leistungen an, oder waren in Gruppen aktiv, die insgesamt als deutlich weniger Stark besetzt galten. Jedes Team hatte zumindest schon ein schwächeres Spiel dabei. Überraschender Weise auch Gastgeber Brasilien, der eigentlich nur beim 4:1 gegen Kamerun einigermaßen zu überzeugen wusste. In der bisher gezeigten Verfassung sind aber wohl auch die Brasilianer nicht unschlagbar. Zumal sie unter dem manchmal allzu groß zu erscheinenden Druck zu leiden scheinen.

Viele Betrachter werden sicherlich froh sein, dass es von diesem Zeitpunkt an nur noch Alles oder Nichts-Spiele bei diesen Titelkämpfen geben wird. Überraschend viele Gruppenspiele waren auch diesmal längst nicht so unterhaltsam und spannend wie man im Vorfeld von ihnen erwartet hätte. Damit ist es jetzt vorbei. Schon ab Morgen geht es mit den Begegnungen Brasilien – Chile und Kolumbien Uruguay weiter. Die weiteren KO-Spiele in der Runde der letzten 16 lauten dann Niederlande – Mexiko, Costa Rica- Griechenland, Frankreich – Nigeria, Deutschland –Algerien, Schweiz – Argentinien und Belgien – USA.

Von der Papierform her sicherlich alle auf ihre eigene Weise reizvoll. Besonders das Duell der vermeintlichen Außenseiter zwischen Costa Rica und Griechenland am Sonntag garantiert schon einmal dafür, dass es auch bei diesem Turnier wieder eine krasse Außenseitermannschaft unter den letzten Acht geben wird. Das freut sicher viele, die gerne einem Underdog die Daumen drücken. Highlights der nächsten Runde sind sicherlich das Südamerika-Duell Brasilien – Chile oder auch die Partie Niederlande – Mexiko, wo die Van Gaal-Truppe ihr ganzes Können wird aufbieten müssen, wenn man gegen die emotionalen und kämpferischen Mexikaner ins Viertelfinale einziehen will.

Für die Deutsche Mannschaft scheint es im Vergleich mit Algerien vergleichbar leicht weiterzugehen. Doch Vorsicht, nicht nur das man bei einer WM bisher noch sieglos gegen den Underdog ist, das Blamagepotential in einem Achtelfinale wie diesem ist auch ungleich größer. Wer möchte schon am Ende mit einer WM in die Geschichtsbücher eingehen, in der die DFB-Elf mit einer völlig unerwarteten Pleite gegen den vermeintlichen Fußballzwerg Algerien ausgeschieden ist? Ob Thomas Müller und Co. den Gegner unterschätzen werden, das wissen wir erst in der Nacht von Montag auf Dienstag. Aber genießt heute erst einmal den fußballfreien Abend! Ab Morgen sehen wir dann weiter welche Überraschungen die Fußball-WM in Brasilien in den nächsten Tagen dann noch für uns bereit hält… 🙂

4 Kommentare

Im Verhältnis zur Bundesliga war diese Fussball-WM bislang spannungsmäßig geradezu ein Thriller und es wird so weiter gehen. Herrlich.

Wer nicht offen für unerwartete Ergebnisse ist und sich gerne an früheren WM`s orientiert, wird soviel Spannung vielleicht gar nicht mögen. Ich habe Experten gesehen, die ein Problem damit zu haben schienen, daß “Nonames” plötzlich so gut spielen. Dabei ist das doch das eigentlich spannende Element im Sport und nicht, wenn man weiß wer gewinnen wird. Ich bin zufrieden. Andererseits kann mein Tipp wer ins Halbfinale kommt aus technischen Gründen nicht aufgehen. England ist schon weg, und falls Deutschland dabei sein sollte, sind sowohl Frankreich und Brasilien zwangsläufig schon vorher in den Ko-Runden ausgeschieden. So wetten halt fußballerische Unwissende. Ich hätte mich mal vorher mit dem Spielmodus beschäftigen sollen. Was Algerien betrifft, waren die Fußballfans vor der Pleite von Gijon viel überheblicher als heute. Ich kann mich an ein Lied erinnern, das damals im radio gespielt wurde, in dem der Satz vorkam “Chile und Algerien schicken wir in die Ferien”. Dann kam es in der Vorrunde anders und Algerien lag in der Vorrunde vor uns, weil es “uns” geschlagen hatte. Der rest ist unter dem Begriff Schande von Gijon bekannt. Und an das Lied wird sich wohl keiner mehr erinnern, auch wenn es ein Hit war.

@Helmut

das Lied heißt “Ole Alemania” und stammt aus der Feder von Micki Meuser, der damals viel mit Bettina Wegner (Kinder – sind so kleine Hände…) und Ina Deter (Neue Männer braucht das Land) gemacht hat und welches er unter dem Pseudonym “Die Linienrichter” veröffentlichte.

Auf Youtube ist der Quatsch auf Ewig konserviert:

@der, der auszog, schön, daß du da bist. Ich hatte es schon gesucht, aber nicht gefunden. Ja so war es. In dem Lied wird ziemlich genau die Stimmung der damaligen Fans wiedergespiegelt. Kein Wunder, daß ich damals Fußball eher zum K… fand. Heutzutage scheint mir das alles weniger überheblich zu sein. Hat vielleicht mit Algerien zu tun.

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