Wissenschaft: Mit Leibniz in die düstere Zukunft

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Eine Broschüre der Leibniz-Gemeinschaft zeigt, welche einseitigen Vorstellungen heute in der Wissenschaft propagiert werden. Politik soll menschliche Gestaltung einschränken. Von unserem Gastautor Christoph Lövenich.

Deutschlands Wissenschaft sollen große Forschungsgesellschaften wie die Helmholtz- und die Leibniz-Gemeinschaft voranbringen, finden ihre staatlichen Finanziers. Ob das Steuergeld in riesigen Zusammenschlüssen außeruniversitärer Forschungseinrichtungen besser angelegt ist als bei den Hochschulen und in kleineren Einheiten, mag aus verschiedenen Gründen bezweifelt werden. Ein Leserkommentator warnte vor Jahren schon vor einer weiteren Gefahr: „Wohl versorgte Forschungskombinate […] sind zum Teil so weit von der gesellschaftlichen Realität isoliert, dass unserem Gemeinwesen Himmelangst werden sollte.“

Werfen wir dazu einen Blick in die kürzlich erschienene Zeit-Beilage „10 Leibniz-Forscher blicken in die Zukunft“. Dieses dünne Magazin hat die Leibniz-Gemeinschaft mit einem Unternehmen der Zeit-Verlagsgruppe entwickelt, denn auf diesem Wege – in den Worten der Leibniz-Kommunikationschefin – „erreichen wir die Menschen, deren Zukunft wir mitgestalten wollen.“ Wie die Zukunft aussieht, wenn sie nicht von uns selbst, sondern von zehn leitenden Mitarbeitern der Leibniz-Institute geprägt wird – allesamt Professoren, die Hälfte davon politisch ganz korrekt Professorinnen –, erfahren wir im Heftchen.

Nachhaltig“ soll sie jedenfalls sein, wie in diversen Beiträgen anklingt. Diese unhinterfragte Allgemeinformel steht bei kritischer Betrachtung für die„Abkehr vom Fortschritts- und Wachstumsstreben früherer Generationen“; sie rechtfertigt Begrenzungen und Einschränkungen menschlichen Handels auf immer mehr Gebieten.

„Nachhaltigkeit soll allen eingetrichtert werden“

Die Präsidentin des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung Jutta Allmendinger fordert in ihrem Beitrag „Nachhaltigkeitsbildung“ „im gesamten Lebensverlauf“. Dieses Prinzip soll also allen von der Wiege bis zur Bahre eingetrichtert werden. Dass Allmendinger von einigen Medien schon als SPD-Kandidatin für das Amt des Bundespräsidenten gehandelt wurde, braucht da nicht zu überraschen.

Sowohl für die SPD wie für die CDU agierte Claudia Kemfert als Schattenministerin in Landtagswahlkämpfen. Das Thema der Abteilungsleiterin am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) ist die Energiewende. Sie schreibt über regenerative Energien: „So werden beispielsweise Gerüchte verbreitet: Nachhaltiger Strom sei teurer und unsicherer.“ Unter Berufung auf diese leuchtende wissenschaftliche Koryphäe werde ich jetzt meine Stromrechnungen der letzten Jahre reklamieren, da es sich bei ihnen offenbar nur um Gerüchte handelt. Deutschland befinde sich im „Würgegriff der Kohle- und Automobillobby, beklagt sie,„die großen Konzerne sind geschickt und aggressiv“. Professoralen Kammerton kann man der Dame jedenfalls nicht vorwerfen, die Art ihrer Äußerungen erinnert eher an Pamphlete von Moralaktivisten wie Attac. Wie sich die Welt der Claudia Kemfert von der objektiven Realität unterscheidet, hat mein Novo-Redakteur Thilo Spahl schon mal dargelegt.

Auch das Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK) gehört zur Leibniz-Gemeinschaft, und so darf dessen Gründer, Hans Joachim Klimakardinal Schellnhuber, ebenfalls vom Leder ziehen. Er verficht die „Dekarbonisierung der Weltwirtschaft“. Dass es sich dabei um ein von oben verordnetes „autoritäres Programm zur großen Transformation der Weltgesellschaft in eine kohlenstoffneutrale Mangelwirtschaft“ handelt, hat Novo-Kollege Johannes Richardt bereits ausgeführt. 2036 könnten uns „Wetterextreme, die alles übertreffen, was die Menschheit je erlebte“, heimsuchen. Bislang, das legen auch IPCC-Daten nahe, haben jedoch nicht Extremwetter, sondern nur „Berichte über Extremwetter extrem zugenommen“. Schellnhuber spricht eine andere Sprache als die Fakten, nämlich die eines apokalyptischen Predigers und so passt ins Bild, dass er im letzten Jahr eine päpstliche Enzyklika maßgeblich beeinflussen konnte. Weltliche und geistliche Priester reichen einander die Hand.

„Über das Bedürfnis breiter gesellschaftlicher Kreise nach Verbesserung ihrer Lebensverhältnisse haben sich elitäre, zeigefingerschwingende Milieus längst erhoben“

Selbst im Beitrag von Svetlana Berdyugina über außerirdisches Leben darf der Kotau vor der herrschenden Zeitgeist-Maxime nicht fehlen: „So wie die globale Erwärmung im Zuge des menschengemachten Klimawandels aus dem All sichtbar ist, ist das vielleicht auch bei anderen Planeten der Fall.“ Sieh an, die Welt ist nicht genug, selbst die Aliens bedürfen der gestrengen Belehrung.

Hildegard Westphal möchte gerne, dass sich „die Menschen in den Tropen nicht mehr nur als hilflose Opfer Klimawandels fühlen“. Ob sie dies überhaupt tun, darf bezweifelt werden, schließlich muss die Direktorin des Leibniz-Zentrums für Marine Tropenökologie (ZMT) einräumen, dass man in dortigen Ländern andere Probleme, wie etwa wirtschaftliche, hat, und das „erschwert die Umsetzung von Umweltschutzregeln.“ Was die Bürger und die Politiker in solchen Ländern wollen, muss sekundär bleiben gegenüber dem in westlichen Elfenbeintürmen als richtig Erkanntem…

Aber auch die Deutschen bekommen ihr Fett weg. Für Wolfgang Heckl sind sie „Wegwerfweltmeister und kaufen T-Shirts für 3,99 Euro“. Offenbar ein Missstand für den Generaldirektor des Deutschen Museums, der in einer „gerechteren Welt […] und in einer nachhaltigeren“ leben möchte. Günstige Produkte, von denen die weniger Begüterten hierzulande profitieren – und bei der Herstellung die Industrialisierung in aufstrebenden Ländern – passen ihm genauso wenig ins Konzept wie der fröhliche Massenkonsum einer „Wegwerfgesellschaft“. Über das Bedürfnis breiter gesellschaftlicher Kreise nach Verbesserung ihrer Lebensverhältnisse haben sich elitäre, Zeigefinger schwingende Milieus längst erhoben.

„Wenn dereinst auch der ‚Proll‘ zum glutenfreien Flexitarier konvertiert, ist man seine Avantgarde-Stellung los“

Das geht so weit, dass sich der Sehnsuchtsort des Chefs des weltweit größten Technikmuseums nicht mehr von dem eines neulinken AStA-Ökoreferenten unterscheidet: „Für mich ist das Reparaturcafé“, schreibt Heckl, „der ideale Stammtisch der Zukunft.“ Der klassische Stammtisch der kleinen Leute, in der Gaststätte neben einem Spielautomaten und mit einem Aschenbecher auf dem Tisch ist out, stattdessen „herrscht Achtsamkeit […] anderen Menschen und der Natur gegenüber.“ Sanfte New-Age-Klänge durchziehen das Repair-Café, nebenan eine Fabrikruine und ein Job-Center.

Und selbstverständlich avanciert unter Heckl das „Reparieren“ zum Schulfach. Mit Tilman Grune werden dort zudem „Koch- und Ernährungskurse zur Pflicht“. Der Wissenschaftliche Vorstand am Deutschen Institut für Ernährungsforschung Potsdam-Rehbrücke räumt immerhin ein, dass sich Hoffnungen auf Krebsprävention durch das Verspeisen von Obst und Gemüse weitestgehend zerschlagen haben, begegnet aber dem politisch-gesellschaftlichen Zeitgeist in Sachen Essen nicht mit der Distanz eines Forschers. Im Gegenteil: „Bessergestellte Teile der Bevölkerung haben bereits ein größeres Gesundheitsbewusstsein entwickelt, ich würde mir wünschen, dass dieser Trend auf alle Schichten übergreift.

Dass an ihrem Wesen die Welt genesen kann, sind manche Hochwohlgeborene vielleicht überzeugt, aber durch diesen Trickle-Down-Effekt würden sie ihr Distinktionsmerkmal verlieren. Wenn dereinst auch der „Proll“ zum glutenfreien Flexitarier konvertiert, ist man seine Avantgarde-Stellung los. Und gesünder wird davon letztlich keiner. Wohl auch nicht durch „individuelle Kataloge als Grundlage für den Einkauf von Lebensmitteln im Internet“, die Grune vorschweben, bei denen das Smartphone während des Supermarktbesuchs Anweisungen zum Erwerb von Lebensmitteln erteilt. Hiervereint sich die Big-Data-Sammelwut mit dem staatlichen Nudging, der Beeinflussung in Richtung einer gewünschten Verhaltensänderung. Der Normalbürger darf zwar das Geld erwirtschaften, mit dem die Leibniz-Gemeinschaft finanziert wird, für seine alltäglichen Besorgungen aber ist er scheinbar auf fremde Hilfe angewiesen.

„Forscher müssen sich als gesellschaftlich relevant verkaufen, indem sie der Mode und dem Mainstream huldigen“

Dazu passt auch das politisch-medial vorgetragene Schlankheitsideal, das sich im ansonsten wissenschaftlichen-seriös wirkenden Beitrag der Direktorin am Leibniz-Institut für Pharmakologie, Dorothea Fiedler, am Ende wiederfindet. Ihre Forschung an Zellbausteinen soll „vielen Übergewichtigen bald helfen“. Dabei würde es schon mal reichen, das platte Vorurteil des schädlichen Übergewichts zu entkräften und die dahinterstehenden Interessen zu analysieren. Aber so funktioniert die heutige Forschungswelt nicht, man muss sich als gesellschaftlich relevant verkaufen, indem man der Mode und dem Mainstream huldigt. Nachwuchswissenschaftler bei Leibniz und anderswo lernen so, dass eine konforme Meinung die Karriere fördert und man eine anderslautende besser für sich behält.

Wenn „Kinder in 20 Jahren nicht im Alter von fünf Jahren eine Bildungseinrichtung besuchen, sondern schon mit drei oder dreieinhalb“ (Marcus Hasselhorn), hat man mehr Zeit, ihnen die oben genannten Inhalte und Schulfächer zu vermitteln. Zu schade nur, dass manche Eltern dieser Beanspruchung durch unsere Wohlmeinenden entgegenstehen und nicht „Familien aller Kulturen das Recht ihrer Kinder auf Bildung ernst nehmen“. Da sieht der Geschäftsführende Direktor am Deutschen Institut für Internationale Pädagogische Forschung die staatliche Politik in der Pflicht, Maßnahmen zu ergreifen.

Überhaupt will die Gemeinschaft den Fußstapfen Gottfried Wilhelm Leibniz‘ folgen, der nicht nur Universalgelehrter und Namensgeber eines Butterkekses, sondern auch Politikberater war. Er sprach von der „besten aller möglichen Welten“, auf die wir aber nicht zusteuern, wenn wir dem Götzenglauben der heutigen Leibniz-Forscher an Nachhaltigkeit, Klima und Gesundheit huldigen und ihn in repressive Politik gießen. Wir sollten eine Zukunft des Mehr und nicht des Weniger gestalten.

22 Kommentare

Meine Fernseh-Fernbedienung muss schon einiges aushalten – kommt die Worthülse "Nachhaltigkeit" – und zapp bin ich weg. "Klimawandel" (nätürlich immer im Sinne von menschengemacht gemeint) – und zapp – weg damit! usw. usw.
Anders lassen sich die Missionierungsversuche zu einer "besseren" Lebensführung nicht mehr aushalten.

Schädliches Übergewicht wird auch heute immer noch am BMI ausgerichtet, der in den neunziger Jahren von der WHO auf Druck der Pharmafirmen nach unten "korrigiert" wurde, womit auf einen Schlag zig Millionen von Menschen allein in den USA als übergewichtig galten. Diese Art der Vermehrung von Übergewichtigen anhand eines völlig untauglichen Idexes ist auch heute noch fest in den Gedanken der Menschen verwurzelt und wird auch nicht von den Medien hinterfragt.

Wissenschaftler machen sich immer mehr zum Sprachrohr des Zeitgeistes und der Pharmalobby. Da hilft leider nur noch die Fernbedienung…..

Also, dass das hier klar ist, nicht gegen Leibniz-Kekse, nichts gegen den Entdecker der Integralrechnung.

Ansonsten bin ich der Ansicht, dass es für alle nur dann eine Zukunft gibt, wenn der Kapitalismus abgeschafft wird und Wissenschaft & Technik das Feld übernehmen.

#1 Sie sollten unbedingt Ihre Einstellung zur Wissenschaft überdenken bzw. vertiefen. Der Klimawandel z. B. – sei er natürlichen oder menschlichen Ursprungs – ist eine Tatsache. Von der Forschungen auf diesem Gebiet kann man sich u. a. hier überzeugen: http://scilogs.spektrum.de/klimalounge (Stefan Rahmstorf)

Fernsehen hilft da überhaupt nicht, wegzappen schon gar nicht. Da müssen Sie selbst ran.

Wer Fördermittel will, weiss in welche Richtung ein Forscher forschen muss. Damals Atom , heute Leben wie in der Steinzeit.

Ich hatte heute noch ein Interview mit einer Uni-Mitarbeiterin gehört, die ständig von Studierenden sprach.

Ich fühle mich fremd in meiner Heimat und denke gerne an die Kindheit als X-Flieger und Panzer mit viel PS und km/h noch Werte waren.
Naja, heute fliegen wir nur noch mit 850 und in den Städten ist man auf Pferdefuhrwerkniveau.

Das hätte ich als Kind nicht für 2016 erwartet. Wer könnte sich auch vorstellen, dass die Wissenschaft statt MINT auf Genderforschung steht.

In den 80ern lernte ich ein neues Wort kennen: Murren!! Laut einem Schweizer, mit dem ich in einem Schweizer IC ins Gespräch kam, wurden die, obwohl schon einige kleine Ansiedlungen im Hochgebirge deswegen hätten aufgegeben werden müssen, noch unter der Decke gehalten. Was sich aber offensichtlich nicht lange durchhalten ließ. sie wurden bald eine Nachricht unter vielen. man hat sich daran gewöhnt.Und heute dürfen wir Murren auch in NRW besichtigen. Hat natürlich mit dem Klimawandel nix zu tun. Nur mit was dann? Ich kann mich auch nicht erinnern, dass es in meiner Kindheit und Jugendzeit Wintergewitter gegeben hat. Gewitter waren im Sommer. Und heute gewittert es in allen Jahreszeiten. Hat natürlich auch nichts mit dem Klimawandel zu tun. Nur mit was dann?

@#4 KE: Die Emanzipation von Quartett-Karten mit ihren überpubertären "Ich hab mehr, ich bin schneller"-Vergleichen nennt man andernorts auch "Erwachsenwerden". Den Verweigerern solcher Entwicklungsprognosen wird häufig – nach Rücksprache mit dem zuständigen Drogenbeauftragten der eigenen Sparkasse – ein Besuch des örtlichen Porsche-Händlers empfohlen, der gleichzeitig auch der im Ort einzig verbliebene Pferdemetzger ist. Life could be simple…

@ Nansy # 1

Nicht das Kind mit dem Bade auschütten. Es waren wiederum Wissenschaftler die den BMI nach kritischen Untersuchungen zum wissenschaftlichen Nonsense erklärt haben. Wissenschaft korrigiert Wissenschaft. Das nennt man wissenschaftlichen Fortschritt.

#6:nein, es geht darum Visionen zu haben, technische Möglichkeiten . Aber in D muss man dann zum Arzt.

Hier fehlen in den letzten Jahre die Innovationen. Woher sollen sie auch kommen, wenn höher , schneller, weiter nicht mehr interessiert.

In anderen Ländern ist das anders.

Vielleicht liegt es aucn an der überalterten Gesellschaft, die den Status Quo für sich erhalten will und nicnt an die Jugend denkt, die mit der Jugend der Wachstumsregionen konkurrieren muss. Genderforschung, Sozialforschung etc wird an den Unis auch gut bezahlt, warum soll man also Formeln etc büffeln.

@ Serge # 3

Ich will hier keine Diskussion über den Klimawandel anfangen. Nur soviel – Klimawandel kann es geben, hat es auch schon immer auf dieser Welt gegeben – die die wichtige Frage ist nur wieviel und ob er menschlichen Ursprungs ist. Und an der Behauptung des menschengemachten Klimawandels haben so einige Wissenschaftler ein seltsames Interesse. Sie müssten – wenn Sie das Thema interessiert – auch mitbekommen haben, dass im Laufe der Jahre nicht nur einmal von namhaften Wissenschaftlern mit falschen Zahlen operiert wurde, dass sogar versucht wurde, Gegner ihrer Thesen mundtot zu machen. Ziel ist es offenbar (wie im Beitrag dargelegt) die Transformation der Weltgesellschaft in eine kohlenstoffneutrale Mangelwirtschaft zu ermöglichen. Dafür darf dann auch ein bisschen manipuliert werden – und das hat tatsächlich meine Einstellung zur Wissenschaft verändert – bei ihnen offenbar nicht…

@ Arnold Voss # 7

Das ist auch richtig – nur der völlig untaugliche BMI hat sich in den Köpfen der Leute soweit festgesetzt, dass er heute immer noch in Berichten in Zeitungen und Fernsehen als Referenz angeführt wird – nicht zuletzt bezieht sich die WHO in ihren Missionierungswarnmeldungen immer noch auf den BMI. Man kann damit halt mehr Horrorzahlen generieren…..

"Genderforschung, Sozialforschung etc wird an den Unis auch gut bezahlt, warum soll man also Formeln etc büffeln."
Weil nach dem Studium die möglichen Jobs so allmählich ausgehen? Ich frage ja nur, weil ich nicht weiß, wohin mit dem riesigen Personalangebot. Die können doch nicht alle "PolitikerInnen" werden.
Selbst dafür reichen die Plätze nicht.

@#8 KE: Vielleicht ist ja "kompakter, effizienter, energiesparender" das neue "höher, schneller, weiter". Paradigmen in der Wissenschaft sind allgemein durch Wechselhaftigkeit gekennzeichnet, siehe u.A. Klimaforschung oder Ernährungswissenschaft. Das ist zumindest in den Ländern, die ihr Wissen exportieren können, schon immer so gewesen.

Gratuliere! Schön polemisch eine Runde Wissenschaftsskepsis gesät… Die Kritik an angeblichen Ungereimtheiten beschränkt sich grösstenteils auf kontextbefreite Kurzzitate oder auf ein billiges "Aber was ist mit"-Schema. Relativ ironisch, wenn doch bereits der Zeitungsartikel nicht mal ansatzweise genügend Platz bietet, um Belege oder Argumente bereitzustellen.
Ich frage mich z.B., nachdem ich dem Link zu 3sat gefolgt bin, warum denn nun den 80% der Patienten (sind das denn nicht "Viele"?) im Klinikum Leipzig nicht mehr geholfen werden soll. Soll man da stattdessen einfach auf die anderen 20% zeigen und sagen, "Tja, wärt ihr wie die, ging's euch besser, Pech gehabt"?
Ergebnis ist, dass der eigentliche Kritikpunkt, also dass die gesellschaftliche Perspektive im Sinne der sozialen und politisch zu ziehenden Konzequenzen aus wissenschaftlichen Erkenntnissen aus dem Mund von ein paar weltfremden "Gewinnern" einer institutionalisierten Wissenschaft etwas verschroben daherkommt, etwas verloren geht. Stattdessen fühlen sich Leute wie "Nansy" sich darin bestärkt, Forschung an Sich in Zweifel zu ziehen (Tut mir Leid, aber wenn man im naturwissenschaftlichen Bereich jemand ans Bein pinkeln will, dann macht man das nich mit Verschwörungstheorien, sondern mit Ergebnissen, zur Not bei Arxiv). Wo der Autor Recht hat, ist sicherlich an der Stelle, als dass sich Herr Heckl wahrscheinlich weder regelmässig in irgendwelchen "Repair-Cafés", noch in verrauchten Eckkneipen verkehrt. Was man bei aller Kritik an der Elfenbeinturmhaftigkeit der Institute allerdings festhalten muss, ist, dass das seit der Royal Society nie großartig anders, wenn nicht sogar schlimmer war, und persönliche, wirtschaftliche sowie politische Interessen anständiger Forschung teilweise im Weg standen und stehen sowie massiv viel Geld vernichten. Ob das im Spielautomaten in der nächsten Kneipe einen größeren Beitrag zur Gesellschaft leisten würde, wage ich trotzdem zu bezweifeln.

Ein "Mehr" ist natürlich einfacher zu denken als ein "Weniger". Die Ressourcen der Erde sind aber endlich, nicht unendlich. Gegenteiliges habe ich noch nicht vernommen, außer vielleicht von Dieter Nuhr. Also wäre doch, jenseits allen Wissenschaftsstreites, ein wenig Nachhaltigkeit angesagt, auch wenn`s unbequem ist.
In meinem Beitrag oben muss es natürlich Muren heißen, die allerdings zu viel Murren bei den Betroffenen führen.

@B, vieles von dem was ich von den 10 Leibnitzforschern lesen konnte, war keinesfalls Wissenschaft, sondern gehört schon seit einiger Zeit zur Alltagspolemik. Mindestens 7 der 10 hochrangigen Amtsträger haben nichts zu sagen, was ein aufmerksamer Leser nicht schon in ähnlicher Form irgendwo gelesen hat.
Frau Fiedler macht da eine rühmliche Ausnahme, weil sie immerhin über ihr eigenes Forschungsprojekt schreibt. Andere Befragte, wie Hasselborn geben wenigstens ein paar Hinweise wie nach seiner Meinung ein dringendes Problem gelöst werden könnte, was im Kontext schon lobenswert ist. Aber Wissenschaft ist das dadurch noch nicht unbedingt. Wieder andere passen einfach nicht zum Thema, wie Frau Berdyugina, deren Welt nicht hier auf der Erde ist. Und vom Klimaforscher Schellnhuber hätte ich schlicht und ergreifend sehr viel mehr und präzisere Angaben erwartet. Kein Satz aus seiner Tastatur überschreitet den derzeitigen Mainstream in den Medien.

Novo ist eine Zeitschrift mit einer Ausrichtung, die mir sehr anders vorkommt als die Ausrichtung der Ruhrbarone. Die Ausrichtung dieses Artikels aus Novo ist anti-elitär, anti-wissenschaftlich, anti-utopisch und anti-ökologisch. Ist jetzt die Gemeinsamkeit zwischen Novo und Ruhrbarone, dass das Ruhrgebiet von Eliten im Stich gelassen wird, die Wissenschaft das Ruhrgebiet nicht vor seinem Niedergang bewahren kann, die Utopie des Ruhrgebiets für einen Wohlstand auf der Basis von billiger Energie und Schwerindustrie nicht gekommen ist und Ökologie im Ruhrgebiet als Heuchelei wahrgenommen wird?

@Laubeiter: Wir haben seit vielen Jahren ein gute Verhältnis zu Novo. Anti-Wissenschaftlich ist der Text nicht – er wendet sich nur gegen eine Wissenschaft, die sich dem Zeitgeist unterordnet.

Ich weiß nicht, ob es tatsächlich eine menschengemachte Erderwärmung gibt, oder nicht. Das wird man erst im Nachgang beurteilen können. Was ich aber weiß, ist, daß alle bislang getroffenen Maßnahmen unser Leben nicht verbessert haben: Der Strompreis steigt zuverlässig jedes Jahr wegen des EEG. Die Mieten und Immobilien- bzw. Baukosten steigen immer weiter wg. der immer neuen Auflagen. D wird durch die Windräder auch nicht unbedingt schöner, aber ärmer an Vögeln. Die Städte gleichen durch die gedämmten Fassaden immer mehr Speers Traum. Und ich sitze am 09.August 2016 mit Wolljacke und dicken Socken vor dem Klapprechner…
Gestern beklagte sich ein Klimaforscher darüber, daß er keine Forschungsgelder erhält: das Ereignis, das seine Forschungstätigkeit begründet, soll um das Jahr 2090 in Grönland eintreten. Er wird es also ebenso wenig erleben, wie seine Forschungstätigkeit noch relevant sein wird. Die "Klimaforscher" jetten um die Welt, aber Lieschen Müller soll nach Mallorca schwimmen… Ich kann jeden verstehen, der diesem ganzen -teils quasi-religiös konnotiertem- Klimawandelgepredige kritisch gegenübersteht.

Meiner Meinung nach hat der Autor ein richtiges Problem bemerkt, aber eher oberflächlich beschrieben.
Wir haben eine handfeste Krise der Wissenschaft.
1. Falsifizierung wird nicht nur vernachlässigt, sondern ihr Charakter als notwendiges Element von Wissenschaft in Abrede gestellt. (Mehrere Artikel z. B. in „Spektrum der Wissenschaft“)
2. Transparenz ist (insbesondere) bei drittmittelfinanzierter Forschung i. A. nicht mehr gewährleistet.
3. Spezialisierung ist in Teilen so weit fortgeschritten, daß a) 1. und 2. in Frage gestellt sind (Wiles Arbeit verstehen auf der ganzen Welt vielleicht eine handvoll Leute) und b) auch die Autoren Probleme haben ihre Arbeit sinnhaft in einen allgemeineren wissenschaftlichen Kontext zu stellen.
3. Eindeutigkeit ist häufig schon nicht mehr gegeben, weil mit unscharfen Begriffen hantiert wird. Es ist kein Zufall, daß ein "Glaubenskrieg" zwischen Gender- und Evolutionswissenschaftlern tobt. Die einen halten nicht stringent Gender und Sexus auseinander, den anderen ist nicht bewußt, daß nicht jeder evolutionäre Prozeß analog zur Evolution im Sinne der Biologie verläuft und darum anderen Gesetzmäßigkeiten unterworfen ist.
4. Analphabetismus versus Erklärungszwang. Die Sprache exakter Wissenschaft ist Mathematik, eine Sprache von der ein überwältigender Teil der Bevölkerung sagt, sie beherrsche sie nicht. Also wird der Öffentlichkeit (z. B. in Form eines von Bürokraten besetzten Parlaments) ein Bild von der Arbeit gezeichnet, das zustimmungsfähig ist. Wir haben also Leute in (manchmal) seltsamen Gewändern, die in abgeschiedenen Räumen arbeiten, reden da in einer Sprache, die kaum einer versteht, treten sporadisch für die Tür und malen Bildchen an die Wand die man glauben kann und SOLL – die Situation erscheint gewissermaßen sowohl prätridentinisch als auch alchemistisch.

Die Liste der "Werte der Wissenschaft" ließe sich tagesaktuell Punkt für Punkt kritisch abarbeiten. Das ist an und für sich nichts Neues. Der Kampf gegen den Obskurantismus in der Wissenschaft ist so alt wie die Wissenschaft selbst. Momentan haben wir es aber neben einem gewissen vermehrten Grad an Schlampigkeit aber auch mit fundamentalen, strukturellen Problemen zu tun, die nicht einfach durch ein mehr an Sorgfalt und "Wischen" zu lösen wären.

@Wolfram Obermanns, ich sehe zur Zeit keine Krise der Wissenschaft. Die Falsifizierung fehlt in einigen Bereichen der Geistes-bzw. Gesellschaftswissenschaften, aber nicht in Natur-Ingenieurwissenschaften und Mathematik. Da wird jedes Ergebnis eines Experiments mehrfach "falsifiziert", wenn man das so nennen möchte. Trotzdem gibt es Fehlinterpretationen. Die aber werden früher oder später von konkurrierenden Forschergruppen mit allergrößtem Vergnügen widerlegt. Bleiben einige Ergebnisse, für die sich niemand interessiert, und solche, die niemand versteht. Nur ist das noch kein Anzeichen einer Krise.
Bei den Geistes und gesellschafts"Wissenschaften" gilt, daß ein Denkansatz in sich selber geschlossen sein muß. Das kann, muß sogar unvermeidlich zu Konflikten mit mit den Naturwissenschaften führen, weil diese keine Widersprüchlichkeiten dulden. Darum wird der Konflikt zwischen Gender und Evolutionsbiologie mit der in den Naturwissenschaften üblichen Härte durchgeführt. Daß diese Härte den Gendern unbekannt ist, ist dabei uninteressant. Selber Schuld. Aber weil sie das nicht kennen, fangen sie an zu jammern. Die Oberseminare in einigen Narurwissenschaften verlaufen oft ziemlich brutal, so daß mancher Diplomandin schon mal die Tränen gekommen sind. (Hab ich persönlich erlebt) Da kann man wirklich nicht von fehlender Falsifizierung sprechen.

Zum Punkt " das platte Vorurteil des schädlichen Übergewichts" in dem Beitrag gibt es einen ganz neuen Artikel in der Welt, der zeigt, wie man nicht genehme Ergebnisse wieder in den Dienst der guten Sache umbiegen kann.
Neuere Studien, wonach mäßig Dicke länger leben sollen, haben den Gesundheitspäpsten so gar nicht gefallen. Sie haben nun einen Weg gefunden, wie man zu einem passenderen Ergebnis gelangt, indem bei der Untersuchungsgruppe der Schlanken die Raucher herausgerechnet (bei den leicht Übergewichtigen hielt man das offenbar für nicht nötig), und schwupps – schon stimmt es wieder – auch mäßig Dicke müssen wieder Angst haben:
http://www.welt.de/wissenschaft/article157590180/Auch-wer-nur-ein-bisschen-dick-ist-stirbt-frueher.html
Muss man noch erwähnen, dass die gesamte Rechnerei auf dem völlig untauglichen BMI beruht?

Wenn man diese Art von Wissenschaft (und das ist nur ein Beispiel von vielen) widerlich findet, zieht man trotzdem nicht die Forschung an Sich in Zweifel – man hat jedoch zunehmend das Problem, seriöse Wissenschaftler von den Auftragsforschern zu unterscheiden.

#22
Tja, bei der Welt hats man leider auch nich so ganz mit lesen. Ein Blick in die Studie (http://www.thelancet.com/pdfs/journals/lancet/PIIS0140-6736(16)30175-1.pdf) reicht, um festzustellen, dass Personen aus anderen Risikogruppen nicht zur Studie zugelassen wurden, egal bei welchen Gewichtsproportionen.

Ganz nebenbei, laut demselben Autor dürfen Sie dafür wieder alle Fettsäuren essen (https://www.repository.cam.ac.uk/bitstream/handle/1810/247312/Chowdhury_et_al-2014-Annals_of_Internal_Medicine.pdf?sequence=1&isAllowed=y), egal ob gesättigt oder ungesättigt oder was auch immer. Achne, die Studie benutzt auch den BMI. Dann doch nicht.

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