Wir sprachen mit Egotronic über Israelfahnen, Möllemann und das nächste Album

Egotronic von links nach rechts: Reuschi, Torsun, Killian und Chrü - Fotograf: Marie Kurth
Egotronic von links nach rechts: Reuschi, Torsun, Killian und Chrü – Fotograf: Marie Kurth

Da Ruhrbarone.de laut vielen Personen der wohl böseste und gemeinste antideutsche Hetzblog ist, haben wir von den Ruhrbaronen uns dazu entschieden, unter dem Motto „Ist der Ruf erst ruiniert, lebt es sich ganz ungeniert“ die wohl bekannteste Band in der antideutschen Szene zu interviewen. Vor ihrem Konzert am 2. Mai trafen wir also Egotronic in Köln. Wir erfahren, was Möllemann heute so macht, warum Deutschland nicht mehr brennen soll und was Dr. Axel Stoll mit dem nächsten Egotronic-Album zu tun hat.

Ruhrbarone: Wie sind die Reaktionen auf euer neues Album? Elektropunkverrat oder tolle Abwechslung?

Torsun: Nach der Show in Berlin hatte ich bei mir auf der Timeline direkt untereinander zwei Nachrichten. In der ersten stand: „Schon jetzt eins der besten Konzerte 2015“, in der anderen: „Eines der schlimmsten Konzerte meines Lebens“. Das deckt das Spektrum an Reaktionen ganz gut ab.

Killian: Ja, aber eher in die positive Richtung würde ich sagen. Ich hab jetzt viele Reaktionen mitbekommen und zwei, drei meinten: „Och ja früher war schon besser und ich bin ein bisschen enttäuscht“ aber die meisten finden es ganz geil.

Ihr habt euer Lied „Möllewahn“ neu vertont, obwohl Möllemann nun schon eine ganze Zeit tot ist. Findet ihr es richtig noch über einen Toten herzuziehen?

Reuschi: Man meint nur, dass er tot ist. Jeder weiß, dass der eigentlich Schichtleiter bei VW in Argentinien ist.

Killian: Nein eigentlich ist ist der am Himmel und steuert Chemtrails.

Reuschi: Der fliegt da mit seinem Fallschirm rum und verteilt Chemtrails.

Torsun: Es geht um die Thematik. Möllemann und die anderen Namen waren ja nur Aufhänger. Wenn man sich anschaut, was im Zuge des Gaza-Krieges letztes Jahr passiert ist, ist der Text eigentlich aktueller denn je. Das war auch mit ein Hauptgrund, das Lied wieder mit ins Programm zu nehmen. Um unsere Position eindeutig klar zu machen und zu zeigen: Hier stehen wir und wenn ihr das anders sieht, braucht ihr erst gar nicht kommen.

Killian: Und nur weil er tot ist, bleibt er trotzdem ja ein Arschloch.

Machen wir weiter mit toten Leuten: Günther Grass ist gestorben. Ein Grund zum Feiern?

Torsun: Vom Prinzip auf jeden Fall. Also endlich hat er die letzte Tinte verbraucht! Aber der Punkt ist, dass Grass symptomatisch für ein deutsches Ding ist: SS-Vergangenheit aber dann den Moralapostel raushängen lassen. Hitler hat den Begriff des Antisemiten unbrauchbar gemacht – jetzt will es keiner mehr sein. Grass ist das klassische Beispiel, wie sich das verschoben hat. Man sagt heute nicht mehr „Scheiß Juden“ sondern „Scheiß Israel“. Grass ist, finde ich, das Vorzeige-Hassobjekt des schlimmen deutschen Arschlochs gewesen. Von daher ist es natürlich eine gute Sache, ein Antisemit weniger. Da kann man sogar feiern.

Der Rausch des Ex-Ravers

Torsun, bist du nun mehr bürgerlich  geworden? Die Musik ist nun mit mehr Rock- und Gitarrenanteil, du nimmst weniger Drogen…

Reuschi: Er geht jetzt auch sehr gerne bummeln!
Torsun: Man kann es wirklich so sagen: Ich gehe nicht mehr jedes Wochenende aus und ich bin öfters zuhause. Aber meinungsmäßig hat sich nicht so viel verschoben. Ich denke halt, wenn ich die ganze Nacht in einem Technoclub rumhüpfe und alle, die da mit mir feiern, könnten meine Kinder sein, kommt man sich schon ein bisschen komisch vor. Von daher find ich das auch in Ordnung.

Reuschi: Wahrscheinlich sind das sogar alle deine Kinder!
Torsun: Ich hab wirklich über 20 Jahre exzessiv Mittelchen genommen – irgendwann ist auch mal genug. Ich find gar nichts schlimmes dabei, das alles nicht mehr so schlimm machen zu müssen!
Statt am Wochenende 300€ für Kokain auszugeben, gehe ich lieber in ein richtig geiles Restaurant und gebe da viel Geld aus. Das ist der Rausch des Ex-Ravers. Ich hab’ eine Tochter, die kann das jetzt machen.

Reuschi: Der Stab ist weitergeleitet worden. Der Burckhardtsche Staffellauf!

Torsun: Die soll das jetzt machen, ich hab genug!

Torsun, du schreibst an einem Roman. Wovon wird der handeln?

Torsun: Der spielt in der Rave-Szene. Er spielt in alten Technoclubs. Zum Beispiel kommt das Golden Gate und die Bar 25 vor. Da kenn ich mich aus. Zwar nicht mehr in den neuen Sachen, aber in den alten.

Killian: Das ist eigentlich seine Biographie, aber das darf man nicht erzählen.

Ruhrbarone: Woher kommt  denn eigentlich deine Verehrung für die Bahamas?

Torsun: Habe ich eine Verehrung für die Bahamas?
Ruhrbarone: Laut der Jungle-World schon…

Torsun: Wir wurden oft als Bahamas-Band gefeiert. Dabei war es immer so, dass ich darin total viele Sachen als Denkanstoß gut fand’, aber schon so lange ich die lese fand ich machen Sachen darin kacke. Bei den Bahamas ist Genie und Wahnsinn nah beieinander. Nur hab ich sie nie einfach abgelehnt und ich hatte auch mit Leuten zu tun, die dort geschrieben haben. Das hat eine Zeit lang aber schon gereicht, um als Abfeierer oder als Musikalisches Flaggschiff der Bahamas zu gelten. Dabei war meine Lieblingspolitgruppe damals die Antideutschen Kommunisten, die es heute gar nicht mehr gibt.

Torsun über das nächste Egotronic Album: „ Jedes Lied besteht nur aus Dr. Alex Stoll-Zitaten!“

Ruhrbarone: Was habt ihr gegen Guido Knopp? Es gibt ja diese eine Textzeile „Und hast im ZDF auch alles vom Herrn Knopp geseh’n“

Torsun: Der hat halt aus allem was gemacht. Hitlers willige Masseusen oder was weiß ich. Das ist halt eine Art der Geschichtsschreibung, für die er steht, die ich komplett ekelhaft finde. Das ist ein riesen eingeopfere. Alle sind am Ende eine große Opfergemeinschaft. Am Ende sind es dann auch die Deutschen, zwar muss man das kritisch sehen, aber eigentlich sind wir ja auch Opfer. Ds ist eine Art der Geschichtsschreibung, die nicht ohne Grund so populär ist, aber für emanzipatorische Kräfte müsste diese Art der Geschichtsschreibung abzulehnen sein.

Killian: Das Schlimmste ist ja, dass man ihn überall gesehen hat. Immer wenn man einen Fernseher angemacht hat, kam auf irgendeinem Sender so eine scheiß Reportage mit Guido Knopp.

Reuschi: Den Titel „Hitlers willige Masseusen“ find ich gut, da haben die das „SS“ schon in ihrer Berufsbezeichnung…

Ruhrbarone: Was für Themen willst du nun in deinen Liedern thematisieren, nachdem dein vorheriger Fokus „Drogen und Feiern“ weggefallen ist?

Torsun: Familie grünen, arbeiten gehen acht Stunden am Tag…

Reuschi: Acht Stunden nur?!
Torsun: Oder: Irgendwann muss auch mal Schluss sein, ich hab das vor 70 Jahren nicht zu verantworten. Dann würde ich in einem Song gerne thematisieren, dass nicht alles gut war an Hitler, zum Beispiel die Autobahnen.

Killian: Die nächste Platte wird Free-Jazz…

Torsun: Das wird man sehen…

Reuschi: Muss man wissen!

Torsun: Genau, Alex Stoll Zitate! Jedes Lied besteht nur aus Dr. Alex Stoll-Zitaten: „Wer hat’s gewusst, wieder mal keiner!“ Der erster Refrain fertig!

Ruhrbarone: Muss Deutschland heutzutage mehr brennen denn je?

Torsun: Das ist wirklich schwierig zu sagen. Ich weiß gar nicht, ob ich eine Textzeile heute noch mal so schreiben würde, weil Deutschland brennt ja. Nur die falschen zünden das falsche an. Fast jede Woche brennt eine Flüchtlingsunterkunft.

Reuschi: Das wärs ja, unser Song auf einer Pegida-Demo.

Torsun: Aber wenn du siehst, dieses Kaff, wie hieß das noch? Tröglitz?
Da war eine Antifa-Demo, die anderen fühlten wieder als Opfer, dass da die böse Antifa-Demo wäre. Da wünsche ich mir dann manchmal schon, dass da ein Flieger drüber fliegt und nicht landet. Aber andererseits wäre es erst einmal wünschenswert, wenn mal keine Flüchtlingsunterkunft mehr angezündet wird.

Ruhrbarone: Die Israelfahne: Platte Attitüde oder ernsthafte Position?

Torsun: Also eine Zeit lang fand’ ich das extrem wichtig, diese Fahne zu zeigen, und das ist es bis heute noch. Man sieht ja, wie die Reaktionen sind. Und solange die Reaktionen so sind, ist die Fahne ein legitimer Ausdruck von einer Kritik. Aber bei Konzerten habe ich auch schon mal gesagt: „Ey Leute, ihr nehmt die Fahne sicher auch mit aufs Grillfest und schwenkt die da.“ Das hat zum Teil schon was folkloristisches gehabt womit ich nie groß was anfangen konnte. Aber zum Beispiel letztes Jahr während des Gaza-Konfliktes, da hab ich mich während eines Konzertes während des Festival-Sommers gefreut, wenn Leute mal eine Israelfahne da hatten. Da fand ich das wichtig, hab die auch mal genommen…

Chrü: Oder auch verteidigt….

Torsun: Oder auch mal verteidigt sogar weil ich halt meinte dass es in dem Moment wirklich wichtig ist, Stellung zu beziehen, aber ansonsten bin ich nicht so der Wimpel-Schwinger. Manche Leute denken, dass man immer und überall Fähnchen schwenken müsse. Das find’ ich ein bisschen albern und affig.

Ruhrbarone: Dann eine letzte Frage: Wie muss ein Punker oder ein Raver aussehen?
Chrü: Ich find’ Punk sollte sich viel mehr in körperhygienischen Experimenten äußern!

4 Kommentare

Was an ERGOTRONIC und deren spaetpubertaeren Ansichten so spannend oder interessant sein soll, habe ich nicht begriffen. Aber ich teile ihre Meinung zu Guenter Grass, und dass es in Deutschland immer und ueberall moeglich und richtig sein muss, ohne wuest angepoebelt zu werden die israelische Fahne zu zeigen!

(Aus dem Urlaub und daher ohne Umlaute)

Nicht alles auf Ruhrbarone ist scheiße. Sehr schönes Interview. Danke schön dafür.

Wenn ich alles oder vieles oder das meiste oder auch nur manches bei den RUHRBARONEN scheisse faende, wuerde ich sie weder lesen noch Kommentare schreiben!

Kommentar verfassen