Wieso soll dein Mitmensch sterben?

Dieses Bild ist Clickbaiting. Weil ich möglichst viele Menschen erreichen will. (Foto: Mr.lugosi / Flickr / cc-by-sa)
Dieses Bild ist Clickbaiting. Weil ich möglichst viele Menschen erreichen will. (Foto:
Mr.lugosi / Flickr / cc-by-sa)

Heute ist der Internationale Tag der Selbstmord-Prävention der WHO. Internationale Irgendwas-Tage sind scheiße? Ja. Versteh ich. Aber Selbstmord ist mir dann doch ein wichtiges Anliegen. So wie anderen vielleicht Feminismus, Fußball oder Netflix.

Ich bin Psychologe – und gebe regelmäßig Schulungen für Fachkräfte zur Erkennung von selbstmordgefährdeten Personen, und zu der Frage: kann ich den Tod eines Menschen verhindern?

Die Antwort ist oft: ja.

Ein gesellschaftliches Problem?

In Deutschland begehen knapp 10 000 pro Jahr Selbstmord. Die Zahl ist seit einigen Jahren mehr oder minder konstant seit 10 Jahren. Seit den 1990ern ist die Anzahl der Suizide um ein Drittel zurück gegangen. Zum Vergleich: pro Jahr gibt es in etwa 1 000 Drogentote in Deutschland,  und bis zu 4 500 Verkehrstote.

Ist Selbstmord damit ein gesellschaftliches Problem? Ich weiss es nicht. Ist es ein gesellschaftliches Problem, wenn es 0,01% der Bevölkerung betrifft. Klingt nicht so. Im Vergleich zu den Verkehrstoten sind es über 200% – und wenn wir sehen, wieviele Kampagnen und Programme gefahren werden, um die noch weiter zu verringern, dann scheint Suizid sehr wohl ein gesellschaftsliches Problem zu sein.

Leid. Für viele. Kranke und ihr Umfeld.

Andererseits: mir ist letztlich egal, ob der Begriff “gesellschaftliches Problem” als passend empfunden wird oder nicht. Dem Suizid geht oft eine Geschichte von Streit, Krankheit und Leid zuvor – die oft nicht nur den Betroffenen, sonderen seine Familie, seine Freunde, sein Umfeld mitbetreffen. Wir sprechen hier oft über psychische Krankheiten, oder wie die Psychologen sagen, psychische Störungen. Auch das ein Kampf um Wörter.

Die psychischen Störungen, die einem Suizid vorher gehen können, sind vielfältig. Die meisten Menschen denken (mittlerweile) an die Depression. Nein, Depression ist nicht einfach nur Traurigkeit. Nein, Depressive “stellen sich nicht einfach an”. Nein, Depressive können nicht “einfach mal alles etwas positiver sehen”. Zu jeder psychischen Störung gibt es immer noch viele Vorurteile, so auch zur Depression. Aber sie werden weniger. Das freut mich.

Aber es ist nicht nur die Depression, die mit einer Erhöhung des Suizidrisikos einher geht. Es ist eine ganze Reihe von Störungen. Schizophrenie, Emotional-instabile Persönlichkeitsstörung. Borderline-Persönlichkeitsstörung. Suchterkrankungen. Wahnhafte Störungen. Bestimmte Essstörungen. Und und und. Natürlich wäre es toll, wenn ihr Lust hättet, euch über diese Störungen zu informieren. Kauft euch dazu ein gutes Buch oder hört einen Podcast – googlen ist da immer eine schwierige Sache, weil echt viel Müll im Netz steht.

Selbstmorde sehen

Aber andererseits ist das gar nicht nötig für den Durchschnittsbürger, wenn es um das Thema Suizid geht. Es reicht (für diese Thematik) ein offenes Auge und Ohr für seine Mitmenschen zu haben. Wie bei den psychischen Störungen auch, gibt es auch beim Thema Suizid viele falsche Mythen und Überzeugungen: “Wer darüber spricht, macht es nicht.” oder “Nicht ansprechen, dann bringst du die Leute erst auf Gedanken.” oder “Suizid passiert ohne Vorwarnung.”

Nichts davon stimmt. Fast alle Selbstmörder sprechen vorab von Suizidgedanken. Leider hakt da meist keiner nach. Man hat Scham. Man will nichts überdramatisieren. Man will nicht in die Privatsphäre eines anderen eindringen. Man will sich nicht übernehmen. Man will keinen falschen Alarm schlagen. Ich verstehe alle diese Gründe. Ich stelle ihnen aber das subjektive Erleben entgegen, wenn dann doch ein Selbstmord erfolgt, und man sich fragt: hätte ich das nicht verhindern können?

Selbstmordmythen sind ein Problem. (Cartoon: Erzählmirnix)
Selbstmordmythen sind ein Problem. (Cartoon: Erzählmirnix)

Selbstmorde verhindern

Der einfachste und direkteste Weg ist, eine Person, die Selbstmordabsichten benennt oder andeutet (“es wäre besser, wenn ich morgen einfach nicht mehr da wäre”), die Person damit zu konfrontieren (“wie ernst meinst du das?”) – aber es ist auch der Weg, der mit am meisten Mut erfordert.

Es gibt Angebote, die einem das abnehmen, oder zumindest leichter machen. Jeder Kreis und jede Kommune hat einen Sozial-Psychiatrischen Dienst, der im Krisenfall berät und den gefährdeten Menschen aufsucht. Sie sind meist beim Gesundheitsamt angesiedelt – oder beim Ordnungsamt. Einfaches Googlen oder Anrufen bei der Stadtverwaltung bringt euch da auf den sicheren Weg.

Bei akuter Selbstmordgefahr 112 anrufen.

Wen es interessiert: die Einweisung läuft dann nach dem PsychKG, dem Gesetz das sicherstellt, dass Menschen, die eine Gefahr für sich und andere sind, sofort und ggf. auch gegen ihren Willen stationär in eine Klinik eingewiesen werden. Das gilt übrigens auch für Menschen, die selbst erkennen, dass sie sofort einen stationären Aufenthalt zum Schutz brauchen. Und ja, mitunter mag dann der Arzt oder der Sanitäter nicht wirklich freundlich sein. Ich habe da die gesamte Bandbreite erlebt. Aber: sie handeln. Und nein, ihr zahlt nicht für den Einsatz, wenn die 112 “umsonst” angerufen wurde. Sondern kassiert schlimmstenfalls einen dummen Spruch. Aber glaubt mir: auch das ist einfacher zu verschmerzen, als der absehbare, aber nicht verhinderte Tod eines Menschen.

14 Kommentare

Liebe Ruhrbarone, ich kann Euch sehr oft zustimmen, aber dieses Mal platzt mir gerade der Kragen… anstatt Euch jedoch unreflektiert und emotional, wie ich gerade bin zu beschimpfen, atme ich mal erst tief durch….
So – puh
Mein Bruder hat sich im letzten Jahr das Leben genommen, nach langer Depression, mit Ankündigung – wenn auch versteckt – und ich habe viel mit ihm geredet und ihn darauf angesprochen… Ich habe viel Zeit gebraucht, mir klar zu machen, dass ich es nicht verhindern konnte und so sehr ich Euer Anliegen hinter dem Artikel verstehen will, bin ich jetzt echt sauer…. Was ist eigentlich mit denen, die das aushalten müssen, dass da jemand gegangen ist? dass jemand den radikalsten und endgültigsten Beziehungsabbruch überhaupt getan hat? Dass meine Liebe und meine Zuwendung nicht ausgereicht haben, ihn hier bei uns zu halten und ihm nicht genug Mut und Zuversicht gegeben hat, dieses Leben mit uns, mit mir zusammen zu schaffen? Dass er sicher nicht den Tod wollte, sondern einfach nur dieses Leben nicht mehr ? Warum muss ich bei allem Leid und aller Trauer und Verzweiflung, bei aller Dunkelheit auch noch ertragen, ein Stigma zu tragen, nämlich das, des nicht verhindert habens? Das möchte ich beantwortet haben, bevor mir ein Psychologe seine Standartstatements um die Ohren – in diesem Fall um die Augen – hauen darf. Was, wenn ich alle diese Maßnahmen, alle Hilfe und alle offenen Ohren dieser Welt bereit und ausgeschöpft habe und derjeneige es dann doch tut?
Ich jedenfalls werde das Thema nie mehr zerschweigen – ich bin die Schwester eines Menschen, der sich das Leben genommen hat, ich bin zurückgeblieben, einsam, traurig, verwirrt, verletzt, wütend… ich brauche niemanden, der mir meine selbstzerfleischenden Selbstvorwürfe noch bestätigt, ganz sicher nicht!

Ich gehöre zu denen, die gegen ihren Willen gerettet wurden. Mittlerweile bin ich dafür sehr dankbar, auch wenn mich die Depression nie völlig aus ihren Klauen lässt.

Worunter ich leide, das sind die Stammtischparolen zu dem Thema und gleichzeitig mangelndes Verständnis bzw mangelnder Wille, zu verstehen, auch für psychische Krankheiten.

Wer mehr will: ich blogge auch darüber.

@ #1

Liebe Gabi, ich danke Dir für Deinen Kommentar – weil er ein Missverständnis thematisiert, das ich in keinem Fall unterstützen möchte. Zunächst möchte ich dir aber mein Beileid zu deinem Verlust aussprechen. Ich weiss nicht, wie es ist, seinen Bruder durch Suizid zu verlieren – ja, ich habe noch nicht einmal einen Geschwisterteil. Ich kann Deine Gefühle nicht einmal erahnen. Aber wie du schreibst, sind sie zerstörerisch und schmerzhaft. Ich hoffe für Dich, dass Du einen Weg finden wirst, sie in Bahnen zu lenken.

Ich möchte darauf hinweisen, dass ich nicht geschrieben habe, dass jeder Selbstmord verhinderbar ist, und ich habe auch nicht geschrieben, dass wenn man einen Selbstmord nicht verhindert, man Schuld auf sich nimmt. Es ist mir wichtig das festzuhalten. Ich habe verstanden, dass mein Artikel bei dir so ankommt – aber: das steht da nicht.

Du schreibst "und ich habe viel mit ihm geredet und ihn darauf angesprochen… " – und genau das ist es, was dieser Artikel will, und was er benennt: ich möchte, dass das Thema offen gemacht, gesehen und angegangen wird.

Du hast hingesehen, du hast interveniert. Darum geht es mir in dem Artikel. Und nichts anderes habe ich geschrieben. Sollte irgendeine Formulierung des Artikels diesbezüglich deines Erachtens dem entgegen stehen, sei so nett, sie konkret zu benennen. Es kann gut sein, dass ich sie darauf hin ändern werde.

Deine Interventionen haben den Tod deines Bruders nicht verhindert. Dein vorbildliches Handeln wurde nicht belohnt. Ich kann es nicht ändern – das weisst du. Aber ich kann dir sagen, dass ich richtig finde, dass du versuchst hast etwas zu ändern.

Lieber Sebastian, danke für Deine schnell und liebevolle Antwort.
Wir haben beide die gleiche Intention – das Thema nicht zu verschweigen und es nah an die Öffentlichkeit zu bringen. Das habe ich auch so verstanden und ich verstehe auch, dass Du die Dinge nicht so verstanden haben wolltest.
Und ich sehe, dass Du versuchst, etwas zu verstehen, was für Menschen, die es nicht erlebt haben, nicht zu verstehen ist – was ja auch gut so ist! Deshalb versuche ich gerade aus meinen Briefen in meinem Blog ein Buch zu machen – ich will, dass Menschen sehen, was da passiert. Dass Menschen, die sich das Leben nehmen keine feigen gewissenlosen Arschlöcher sind, sondern, dass sie leiden und viele Dinge, wie die furchtbaren Konsequenzen für die Menschen, die zurückbleiben, einfach nicht im Blick haben können, wenn sie es auch noch so wollten… Wenn ein Mensch, den Du liebst stirbt, ist das sowieso furchtbar, wenn er geht, wissentlich und aus eigener Hand, dann stirbt ein Stück von Dir mit ihm… Dieser radikale Abbruch von Beziehung ist deshalb so schlimm, weil er nicht einfach geschieht oder von irgendwem ausgelöst wird, sondern ausgerechnet von dem Menschen, den Du da betrauerst. Das geht so schlecht zusammen. Diese Gefühle von Verlust, Abschied, Trauer, Schmerz zusammen mit einer ungeheuren Wut und dem Gefügl, verraten worden zu sein…
Dass vielen Menschen geholfen werden könnte stimmt vielleicht – ich habe es geschafft aus dem Kreisel der Suizidgedanken heraus zu finden. Aber ich weiß wie viel Kraft es kostet und ich weiß auch, wie es sich anfühlt, diese Kraft vermeintlich nicht mehr zu haben. Vielleicht bin ich dadurch geschützt gewesen, dass ich wusste, was es mit mir gemacht hat, zurückzubleiben und ich wusste, dass ich das meinen Kindern und meinem Partner auf gar keinen Fall antun will. Vielleicht hatte mein Bruder Recht, wenn er sagte, ich wäre geschützt davor, weil ich es schaffe zu reden. Ich weiß es wirklich nicht….
Ich weiß nur, was es für mich bedeutet, das zu erleben. Es ist das kraftvollste, zerstörendste, verstörendste, das ich je erleben musste – und erlebt habe ich weiß der Himmel genug Schlimmes in meinem Leben. Ich kann meinen Bruder nicht zurück holen, ich kann nur zwei Dinge tun: Es überleben und dafür Sorgen, dass dieses Thema aus der Nische des Tabus heraus geholt wird. Vielleicht haben dann mehr Verzweifelte den Mut und die Kraft, Hilfe anzunehmen und vielleicht schaffen es dann Hinterbliebene leichter, diesen unermesslichen Verlust zu überstehen.
Danke, dass Du versuchst, meinen Emotionsausbruch, den ich nach wie vor richtig finde, zu verstehen. Das gibt mir die Möglichkeit, eine andere Sicht auf die Dinge zu teilen, die eben meine ist. Und vielleicht die, einiger Betroffener… Liebe Grüße!

Niemand ermordet sich selbst. Er oder sie geht freiwillig in den Tod, weil er oder sie das Leben nicht mehr aushält. Deswegen gibt es in diesem Fall auch keine Schuld. Weder bei dem der den Freitod wählt noch bei dem der das nicht verhindern konnte.

Arnold -5-
Ja, wir könnten darüber diskutieren, ob es "der Sache dienlich" sein kann, statt von Selbstmord von der Selbstötung zu sprechen.

Mit der "Sache dienlich" spreche ich die uralte Diskussion unter Philosophen, Theologen, Soziologen, Psychologen, Rechtswissenschaftlern in allen sog. Kulturkreisen der Welt darüber an, ob -gegebenfalls wann/unter welchen Bedinungen-der Mensch sich selbst töten darf, ob er dazu moralisch, theologisch, juristisch "ein "Grund-Recht hat", mit dessen Wahrnehmung er sich also weder moralisch, noch theologisch noch juristisch "schuldig macht" oder ob er dieses Recht nicht hat mit der Folge, daß…..(?!).

-Aus aktuellem Anlass wäre zudem die Frage zu stellen, ob sich eine Pflicht -eine theologische?- zur Selbstötung begründen läßt -sh. derzeit die sog. Selbstmordattentate radikal-fanatischer Islamisten-

Beispielsweise sei hier an die christlich-kath. Moraltheologie erinnert, die davon ausgeht, , daß es letztendlich nur einen einzigen, aber ausreichenden Grund für die absolute (!!)Verwerflichkeit jeder Selbsttötung gibt, nämlich die Oberherrschaft Gottes über das Menschenleben -über dessen Beginn, über dessen Ende -sh. dazu auch die Diskussion über die Abtreibung und über die aktive/passive Sterbehilfe.

Das ist mitzudenken, wenn darüber nachgedacht und darüber diskutiert wird, ob es eine moralische , eine theologische, eine juristische Berechtigung gibt oder sogar die moralische, theologische, juristische Pflicht , alles zu tun, die Selbsttötung eines Menschen zu verhindern.

Und dann, m.E. erst dann, hat "man" die Basis geschaffen, um unabhängig von der "herrschenden Meinung" in Deutschland, in Europa -in der sog. westlichen Wertgemeinschaft?- sich eigenständig und eigenverantwortlich mit dem auseinanderzusetzen, was Sebastian Bartoschek angesichts des heutigen internationale Tages der Selbstmord (!)-Prävention zu bedenken gibt und was er dazu ganz konkret an Präventionsmöglichkeiten/Präventionshilfen vorträgt. Letzteres, so meine ich, kann dem, der sich Gedanken macht, Gedanken machen muß über Prävention/Präventionshilfen bei dem Verdacht, bei der Vermutung einer Selbstötungsabsicht, eine Hilfe sein -und das erscheint mir gut und begrüßenswert zu sein.

Dieses Thema wird noch lange, lange tabuisiert werden.
Wer bestimmt denn eigentlich, wann, für wen das Leben lebenswert ist?
Ab einem gewissen Alter und der Masse, gesammelter Erfahrungen, finde ich, hat jeder ein Recht auf Selbstbestimmung.
Jeder hat ein anderes Maß an psychischen Kräften und erträgt Schmerz, Leid und Elend individuell.
Und wenn jemand an einem Punkt im Leben angekommen ist, wo er keine Lust mehr auf "Experimente" hat, aus Frust und/ oder Angst vor der Zukunft entscheidet, den unumkehrbaren Schritt zu tun, dann sollte man dies doch respektieren, wenn dieser Mensch und sein Wohlergehen einem etwas bedeuten.

Sicher ist es ein Schock und sehr, sehr tiefes Loch, in das die Mitmenschen fallen. Aber da liegt auch der Hund begraben. Die Leute haben Angst vor dem "Unbekannten". Sie haben im Hinterkopf, dass sie sich Selbstvorwürfe und viele Gedanken machen würden. Tausend fragen tun sich auf.

Sehr brisantes Thema

Hallo,

ich habe seit meinem 12. Lebensjahr (also seit 23 Jahren) mehrmals wöchentlich Phasen wo ich akute Suizidgedanken hege. Ich bin niemand der um Hilfe ruft… Ich spreche nicht darüber (Und auch dies ist kein Hilfegesuch – siehe unten).
Ich wurde bereits dreimal von der Polizei abgehalten und bin seit Jahren in psychologischer Betreuung (2j stationär sowie ambulant). Das einzige was mich wirklich abgehalten hat, ist meine Angst vor Schmerzen (was von Psychologen gerne als "Lebenswille" übersetzt wurde, was ich doch etwas seltsam finde), sowie meine Angehörigen.

Irgendwann kommt der Punkt wo man akzeptieren muss, das diese Gedanken nicht weggehen werden und man sich entscheiden muss. Ich habe diese Entscheidung für mich getroffen.

Unsere Gesellschaft tabuisiert dieses Thema der Selbsttötung total. Was leider dazu führt, das so ein Schritt für die Angehörigen sehr viel schwerer zu Verstehen und zu akzeptieren ist. Bei Schmerzpatienten setzt sich langsam ein Verständnis durch: Wieso nicht auch bei Menschen die seit mehreren Jahrzehnten nur mit dem Leben kämpfen und für die jeder einzelne Tag nur ein Kampf ist?

Hilfe anbieten ist gut und wichtig: Die meisten Fälle sind meiner Ansicht nach (und wenn es früh genug erkannt wird) lösbar. Bitte vergesst jedoch nicht, das dies nicht immer der Fall ist.

Auch die Psychologie hat Ihre Grenzen. Ich wünsche mir nichts mehr, als das es einen gesellschaftlichen akzeptablen Weg geben würde meinem persönlichem Drama ein Ende zu setzen. Und zwar mit Würde, so dass meine Familie und ich nicht mehr leiden muss als nötig.

Viele Grüße

(Zur Sicherheit: Ich habe keine akuten Pläne den Suizid umzusetzen. Ich plane nicht jetzt loszugehen. Ich bin in Kontakt mit einem Psychiater. Also bitte davon absehen die Polizei einzuschalten. Danke)

@ Walter Stach # 6

"..Oberherrschaft Gottes über das Menschenleben -über dessen Beginn, über dessen Ende .."

Walter, Menschen werden von Menschen gezeugt, so verantwortungsvoll oder verantwortungslos sie das auch immer tun. Eine irgendwie gartete "Oberherrschaft" über das Leben, von wem auch immer, ist also nicht gegeben. Wenn überhaupt, ist die Entstehung eines menschlichen Lebens dem zwischenmenschlichen gegebenen Zufall, dem Willen und Wunsch oder sogar der zwischenmenschlichen Gewalt geschuldet.

Damit hat der oder die Geborene,, ob er/sie will oder nicht, umzugehen, da sie/ihn Niemand gefragt hat, ob er oder sie denn überhaupt leben will. Ihm oder ihr also nachträglich und obendrauf noch irgendeine Art überirdischer "Oberherrschaft" über sein/ihr Leben aufzuoktroieren, ist nicht mehr und nicht weniger als der Ausdruck transzendenter Herrschsucht in Form von Religion.

Von Mensch zu Mensch formuliert ist sie eine durch nichts zu begründende moralische Anmaßung die sich vermittels eines behaupteten höheren Wesens erdreistet anderen Menschen den Sinn i h r e s Lebens vorzuschreiben. Das ist für mich nicht nur das Gegenteil von Nächstenliebe sondern auch logisch unmöglich, da wir das Innerste eines anderen Menschen selbst mit größter Empathie nicht ergründen können.

Anders ist die Lage ausschließlich in dem Fall, das alle Beteiligten eine irgendwie gerartete göttliche Oberherrschaft über ihr eigenes Lebens akzeptieren, d.h. ihre Entscheidungskompetenz über ihr Leben freiwillig und/oder per Werteerziehung an eine durch Glauben selbst kreierte höhere Instanz abgegeben haben. Da diese Gruppe aber nur einen Teil der hiesigen demokratischen Gesellschaft ausmacht, kann auch in diesem Fall keine für alle gültige Regel daraus abgeleitet werden.

@ Arnold Voss:

Sie haben Recht. Die deutsche Sprache ist an diesem Punkt bedauerlicherweise recht ungeschickt. Sie teilt sich diese mangelnde Empathie mit anderen germanischen Sprachen. Andere indoeuropäische Sprachen verwenden entweder eine Abwandlung des lateinischen "suicidium" (sui caedere 'sich selbst töten") oder aber die direkte Übertragung des Lateinischen ins Lokale, wie es etwa die slawischen Sprachen pflegen. In all diesen Fällen geht es ums Töten des eigenen Selbst; nicht aber um einen Mord, eine aus niederen Beweggründen begangene, zu Recht geächtete Missetat.

Andererseits ist der von Ihnen (nach so vielen anderen) postulierte, geradezu heldenhafte Begriff "Freitod" auch nicht präzise zutreffend. Denn wer sich selbst tötet, tut es nicht immer aufgrund der eigenen freien Entscheidung. Nimmt sich ein Mensch das Leben, der an einer Depression erkrankt ist, kann von einem "Frei-"-Tod schon mal nicht die Rede sein, denn er hat sich nur umgebracht, weil ihm seine Krankheit eine ausweglose Lage vorgetäuscht hat.

So komplex die ganze Geschichte ist, so ratlos stehen ihr die natürlichen Sprachen gegenüber. Im Übrigen gibt es m.W. Sprachen, die kein Wort für den Suizid kennen.

Arnold,
ich habe, um eine in der sog. christlich-abendländischen Welt nicht unerhebliche Begründung für die absolute (!!) Ablehnung jeder(!!) Selbsttötung anzuführen, die christlich-katholische Morallehrer bemüht, nach der es allein dem Willen Gottes überlassen ist, u.a. über das Ende des Lebens eines Menschen zu befinden. Und diese Glaubensüberzeugung ist bis auf den heutigen Tag ganz wesentlich (mit-)bestimmend, wenn im sog. christlichen Abendland über die Selbsttötung diskutiert wird (und über Abtreibung, Sterbehilfe), über deren moralische Vertretbarkeit, über deren ethische Rechtfertigung und letztendlich auch über deren (straf-)rechtliche Relevanz.

Arnold,
daß diese Glaubensüberzeugung in einer freiheitlich-pluralistischen Gesellschaft nicht a priori für alle verbindlich ist, nicht verbindlich sein darf, sollte nicht fraglich sein.
Darüber müssen wir uns jedenfalls nicht streiten.

Dass diese christliche Glaubensüberzeugung den gesellschaftlichen Diskurs in der sog. christlich-abendländischen Gesellschaft mitbestimmt -z.B dann, wenn es wie hier um die Selbsttötung geht oder um die Abtreibung oder um die Sterbehilfe- und dass sie infolgedessen auch in den demokratischen Willensbildungsprozess einfließt, erscheint mir ebenfalls nicht fraglich zu sein.

Persönlich bin ich als kath.Christ wie in allen anderen moralisch-ethischen Fragen der Auffassung, daß ich als kath.Christ mich an den Grundpositionen meiner Religion auszurichten und im Prinzip ihrer Glaubenslehre "treu zu sein habe", daß ich aber im konkreten Einzelfalle nach sorgfältiger Gewissensprüfung meinem Gewissen zu folgen habe, ja, diesem folgen muß, dh. ggfls. auch wider die Grundposition meiner Religion nicht nur entscheiden darf, sondern sogar entscheiden muß, weil, so mein Glaube, Gott das letztendlich so und nicht anders von mir erwartet.

Wenn ich mich richtig erinnere, hat Papst Franziskus erst vor kurzem gesagt, daß in derartigen Konfliktfällen -ich weiß nicht mehr, worum es dabei konkret in der Sache ging-die Gewissensentscheidung des einzelnen Menschen -in seiner Verantwortung vor Gott und vor sich selbst- entscheidend sein muß , nicht "Grundprinzipien", nicht "Grundregeln" der christlichen Religion.

Deshalb bin ich unfähig, eine Selbsttötung moralisch-ethisch zu werten oder den Menschen, dessen Versuch einer Selbsttötung gescheitert ist, in irgend einer Weise mit moralisch-ethischen Vorhaltungen zu kommen. Ich habe diese Gewissensentscheidung eines anderen Menschen zu respektieren -ohne wertenden, urteilenden Kommentierung des Ergebnisses bzw. der Folgen dieser Gewissensentscheidung.

Arnold,
mir scheint, daß es insofern in Sachen "Selbsttötung" zwischen uns keinen Dissens gibt -jedenfalls nicht im Ergebnis.

Da ich in meinem näheren Bekannten- und Verwandtenkreis im Laufe meines Lebens -vor allem in den letzten Jahren- einige Selbsttötungen hinnehmen mußte, habe ich in den dann folgenden Gesprächen stets mit großem Unverständnis und stets mit heftigem Widerspruch mich gegen jeden Versuch gewandt, die von dem betr. Menschen vor seinem Gewissen verantwortete Entscheidung irgendwie zu diskutieren, geschweige denn zu kritisieren. Sie ist zu respektieren -nachdenklich, traurig oder wie auch immer.
Etwas Anderes ist es, konkrete Selbsttötungen oder gescheitere Versuche oder erste Anzeichen dafür zum Anlaß zu nehmen , darüber nachzudenken , also auch das eigene Gewissen dahingehend zu prüfen,, ob man hätte "etwas" tun können, "etwas" hätten tun müssen oder akut zu tun hat, um dem betr. Menschen zu helfen -wie auch immer-.
Und dazu hat Sebastian Bartoschek mit seinem Kommentar -dankenswerterweise- ganz Konkretes vorgetragen.

@ Dalek Sander # 10

Sie haben Recht, die Selbsttötung ist selten eine wirklich freie Entscheidung. Aber sie ist trotzdem eine selbst getroffene Entscheidung die obendrein eine im wahrsten Sinne des Wortes existentielle Alternative hat: Am Leben zu bleiben. Sie ist damit die schwerste Entscheidung die ein Mensch für und an sich selbst treffen kann, und sie ist deswegen auch eine in besonderer Weise achtenswerte Entscheidung, selbst wenn sie aus der Sicht anderer als falsch erscheint.

ich weiß, sie sind kein jurist. dennoch könnte ihnen bekannt sein, dass es schwer möglich ist, sich selbst zu morden.
bitte sprechen sie nicht so abfällig über kranke. das hilft ihrem anliegen nicht weiter.

.~.

p.s.: bis auf die elend häufige wiederholung dieses gemeinen unwortes hat mir ihr artikel sehr gut gefallen!

@Gabi Menking

Hallo Gabi, ich melde mich zwar erst nach zwei Jahren, aber dieses Thema ist immer aktuell, auch noch in zehn Jahren.
Vielleicht kann ich Sie "trösten?"

Natürlich machen Sie sich Vorwürfe, weil Sie es nicht geschafft haben, einen geliebten Menschen von der Selbsttötung abzuhalten.
ABER
auf der anderen Seite sollten Sie die traurige Angelegenheit dennoch "positiv" sehen.
Ihr Bruder hat von einem grundlegenden Menschenrecht Gebrauch gemacht.
Offenbar war der Tod für ihn eine Erlösung von seinem, von ihrem Bruder als scheusslich empfundenen Leben?!
Im Gegenteil, vielleicht war es sogar für Ihren Bruder und für Sie die bessere Lösung, dass Sie ihn nicht davon abgehalten haben, seinem Leben ein Ende zu setzen?!
Es ist übrigens auch schon vorgekommen, dass jemand sein Leben beenden wollte, er wurde davon abgehalten und Jahre später machte der Gerettete einen Amoklauf, tötete mehrere Menschen und sich selbst.
Da wäre es doch besser für alle gewesen, man hätte diesen Amokläufer Jahre zuvor sterben lassen.
Wenn ich Ihnen mal etwas persönliches sagen darf:
Vor vielen Jahren wurde meine damalige Lebensgefährtin Alexandra in meiner Gegenwart von sechs Männern und einer Frau, also zusammen sieben Personen überfallen und mehrfach vergewaltigt.
Wir hatten uns beide heftig gewehrt, aber angesichts der Übermacht konnten wir das Verbrechen nicht verhindern.
Jahre danach schied Alexandra aus dem leben, nicht nur deshalb, weil die Vergewaltigung sowieso schon eine geistig-seelische Ermordung war, sondern der Suizid war eine Art Protest, weil unser soziales Umfeld für unsere Situation zuwenig Verständnis aufbrachte.
Ich habe Alexandra s Suizid auch nicht verhindern können, zumal unsere Beziehung schon kurz nach der Vergewaltigung zerbrach.
Die Hauptschuldigen an Alexandra´s Suizid sind die nach wie vor unbekannten Sexualverbrecher.
Kommen wir zurück zu Ihrem Bruder:
Ich weiss nicht, welche Lebensumstände Ihren Bruder dazu getrieben haben, seinem Leben ein Ende zu setzen.
Aber ich bin mir sicher, dass Sie, Gabi, diese Umstände NICHT aus der Welt schaffen konnten.
Sie brauchen sich also keine (Mit)Schuld am Tod Ihres Bruders zu geben, denn Sie sind nicht schuld.
Und WENN Sie Ihren Bruder vom Suizid abhalten könnten, dann hätte er wahrscheinlich nur noch dahinvegetiert, weil, wie zuvor gesagt, sein Leben keine Qualität mehr hatte.

(Ich bitte die Red., Gabi Menking per Email von diesem Kommentar zu benachrichtigen, weil Frau Menking nach zwei Jahren diesen Artikel nicht mehr liest. Danke.)

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