Wieso Erdogans Krieg gegen die Kurden am Ende auf ihn selbst zurückfallen wird

Recep Tayyip Erdogan Foto: ArtemAugust Lizenz: CC BY-SA 4.0


Es zeichnet sich langsam, aber immer deutlicher ab, welche langfristigen destabilisierenden Auswirkungen der faktische Verrat des Westens an den Kurden Nordsyriens haben wird: Wer auf eine langfristige Befriedung als Ergebnis der Aggression Erdogans hofft – und sei es nur im Sinne einer Friedhofsruhe -, der täuscht sich gewaltig. Tatsächlich wird das schändliche Fallenlassen der Kurden – vor allem der YPG-Milizen in Nordsyrien (Rojava) – die gesamte Großregion absehbar gefährlicher und blutiger machen. Von unserem Gastautor Tobias Huch

Die im Stich gelassene YPG, einst Speerspitze und maßgebliche militärische Kraft bei der Niederwerfung und Zerschlagung des IS in Syrien, wird sich wohl oder übel – teilweise auch aus Trotz – nun stärker zur PKK hin orientieren, zu der in letzter Zeit ein eher angespanntes Verhältnis bestand. Es ist kaum vorstellbar, dass die Kurden Rojavas ihre schweren Waffen, die sie eigentlich strecken und abgeben sollen, dem türkischen, russischen oder syrischen Regime überlassen werden. Zumindest in Teilen wird das Kriegsgerät nach Kandil gehen, wo die eigentliche Hochburg der PKK liegt. Und während in Nordsyrien die Symbole der YPG/YPJ allmählich verschwinden, werden sich viele Kämpferinnen und Kämpfer voraussichtlich Einheiten wie „Sutoro“ (MFS, ein Teil der SDF) anschließen, die nicht von der für die YPG vorgesehenen Räumung eines 30km-Korridors entlang der türkischen Grenze betroffen sind. Auch dort werden etliche schwere Waffen hingelangen, die früher oder später bei mit der PKK verbündeten kurdischen Einheiten landen werden.

Aus kurdischer Sicht ist ein Schulterschluss mit der PKK samt Waffenbrüderschaft die logische Konsequenz – denn warum sollte die YPG ihren Feinden Waffen überlassen, die anschließend gegen sie selbst gerichtet werden? Damit wird Erdogan am Ende genau das Gegenteil dessen bewirkt haben, was er vorgeblich zu bekämpfen suchte: Die PKK wird wieder zum größeren militärischen Machtfaktor der Region.

Die somit neu bewaffnete kurdische Arbeiterpartei könnte 2020 in der Türkei in radikalster Form agieren und kriegerische Auseinandersetzungen ins türkische Hinterland tragen, was die faschistische Erdogan-Diktatur vor völlig neue Herausforderungen stellen wird – denn auch die türkischen Kurden werden für die PKK Partei ergreifen. Zu verlieren gibt es auch für sie nichts mehr: Ihre politische Stimme, die HDP, wird längst unterdrückt und mundtot gemacht, ihre Abgeordneten werden in der Türkei bedroht und verfolgt. Sie ist geschwächt wie nie zuvor. Es ist Erdogans verbrecherische Politik, die die Kurden innerhalb der Türkei und jetzt auch in Syrien nach und nach zur PKK treibt. Die PKK wird so zur neuen Befreiungsfront; dank des türkischen Despoten verzeichnet sie Zuläufe wie seit den 1980er Jahren, auf dem Höhepunkt der Popularität ihres Gründers Abdullah Öcalans nicht mehr.

Früher oder später wird sich der Ethnozid an den Kurden durch den Kriegstreiber Recep Tayip Erdogan für diesen als fataler Bumerang erweisen.

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