Wie “Premium” ist Essen?

evag_bahnWie die WAZ am Freitag meldete, beschloss der Verwaltungsrat des VRR “nach kurzer Debatte” die Erhöhung der Ticketpreise zum Beginn des nächsten Jahres. Derzeit wird gerne gemutmaßt, die Bundesregierung nutze das WM-Fieber, um unbehelligt von der Öffentlichkeit unangenehme Entscheidungen durchzuprügeln. Der VRR macht es vor.

Wenn Fussball-Ruhrgebiet damit beschäftigt ist, rechtzeitig zum Spielbeginn in seine Lieblingskneipe zu kommen, obwohl gerade mal wieder eine U-Bahn wegen Triebwerkschaden ausgefallen ist und weder die Anzeigetafel noch die Stimme im Lautsprecher einen darüber informiert – vielleicht hätte man es ja zu Fuss noch rechtzeitig geschafft –, dann ist die Suche nach dem nächsten Taxistand halt wichtiger als sich über die Tarif-Pläne des VRR aufzuregen. Deshalb stehen die Chancen gut, dass der VRR auch diesmal wieder um nennenswerte Proteste drum rumkommt. Mit einem neuen Bremen 1968 können wir wohl leider nicht rechnen.

Dass die Preise des VRR im Vergleich zu anderen Großstädten eh schon hoch sind, ist bekannt. Dass die Tarifstruktur selbst für Einheimische oft kaum durchschaubar ist, liegt zugegebenermaßen auch an der komplexen Struktur des Ruhrgebiets. Dennoch neigen die VRR-Funktionäre immer wieder dazu, es noch etwas komplizierter zu machen. In seltenen Fällen wie den zwei unterschiedlichen Zusatz-Tickets müssen sie dann auch schon mal zurückrudern, weil selbst die Kontrolleure das hochgradig ungerechte System nicht mehr verstehen.

Zwei Details sind in der Meldung der WAZ aber besonders interessant. Der VRR habe ein Defizit von einer halben Milliarde Euro, heißt es da. Da es sich bei dem ÖPNV um steuerfinanzierte Grundversorgung handelt – vergleichbar mit Schulen oder Polizei – stellt sich allerdings die Frage, wie ein Defizit überhaupt möglich ist. Die Polizei verursacht niemals Defizite, sie ist höchstens unterfinanziert. Das Defizit des VRR ist also letztlich eine rein politische Entscheidung. Eine Entscheidung für oder gegen Mobilität im Ruhrgebiet.

Der zweite Punkt, der hellhörig macht, ist die geplante Einführung des Premiumtarifes A3 für Städte mit besonders hoher ÖPNV-Dichte. In der Liste dieser Städte findet sich auch Essen. Um ganz ehrlich zu sein: Dabei kann es sich nur um Satire handeln. Essen, das ist jene Stadt, in der man nach 23 Uhr nicht mehr mit der Tram aus der Innenstadt in die Wohnviertel kommt. Jene Stadt in der dann nur noch Nachbusse verkehren. Nachtbusse, deren Abfahrtszeit so schlecht mit dem Fahrplan der Bahn abgestimmt ist, dass man aus fast allen Nachbarstädten immer genau drei Minuten nach der Abfahrt der Busse am Hauptbahnhof ankommt. Die Busse fahren stündlich. Essen, das ist die Stadt, die sich bis heute fragt, warum die Innenstadt abends immer mehr verödet und nicht begreift, dass es vielleicht daran liegen könnte, dass man nach Theater oder Kino halt kein Bier mehr trinken kann, weil man ja die letzte Tram erreichen muss. Essen, das ist die Stadt, in der wichtige U-Bahnlinien wie zum Beispiel die U17 am Samstag erst ab 7 Uhr morgens und am Sonntag erst ab 8 Uhr morgens fahren. Es ist jene Stadt, in der Freitags und Samstags zur besten Ausgehzeit – ab 21 Uhr – die U-Bahnen nur noch halbstündlich fahren. Und nicht zuletzt ist es jene Stadt, die auf ihren Anzeigetafeln zwischen “in 1 Minute” und “sofort” unterscheidet und in beiden Fällen “in irgendetwas zwischen 1 und 5 Minuten” meint. Essen ist jene Stadt, deren Fuhrpark mittlerweile so überaltert ist, dass er nicht nur gammelig aussieht, sondern auch regelmäßig auf den Strecken liegen bleibt. Kurz gesagt: Essen ist eine Stadt deren ÖPNV so schlecht ist, dass von “Premium” nun wirklich nicht die Rede sein kann. Darüber ist aber offensichtlich in der “kurzen Debatte” des Verwaltungsrates des VRR nicht nachgedacht worden. Vermutlich, weil alle Beteiligten schnell wieder zu ihren Dienst-Limousinen mussten, um rechtzeitig zum nächsten WM-Spiel zu hause zu sein.

 

6 Kommentare

Guter Text. Lässt sich in etwa übertragen auf quasi alle Ruhrgebietsstädte.
Dieser Premiumtarif ist ja wohl die Höhe.
Dass, wie in Dortmund, statt Taktausdünnung von -anpassung geredet wird, ist kaum überraschend.
In eine ähnliche Richtung wie die Beschlüsse während der WM-Zeit geht auch die Praxis der DSW21: Die Bekanntgabe der Fahrplanänderungen (http://bus-und-bahn.de/33586.html), wohl zum Großteil Ausdünnungen, wird extrem in die Länge gezogen – man setzt wohl auf nachlassendes Interesse an den Meldungen und wenig Aufmerksamkeit, wenn man endlich am 24.9. den (wenn ich mich richtig erinnere) Halbstundentakt sonntagvormittags auf der U-Bahn bekannt geben wird.

ich glaube das ist alles ein großes Mißverständnis. Die Hauptaufage des VRR und der mehr als einem Dutzend Nahverkehrsunternehmen im Ruhrgebiet ist die Schaffung möglichst vieler Jobs für die Mitglieder der verschiedenen Parteien und der Aufbau möglichst großer Gremien für Politiker, wo man auch etwas verdienen kann. Der Transport von Fahrgästen ist da nur eine Nebenbeschäftigung, die man etwas unwirsch versucht hinter sich zu bringen.

ich weiß noch wie ich nach meiner ersten Uni-Party nach Hause wollte, die Rolltreppe runter fuhr und merkte, dass das mittels Gitter der Zugang zur UBahn abgesperrt war… ab Mitternacht fuhren (fahren?) die ja nicht mehr.

Gibt es eigentlich eine Stadt mit Echtzeit-Anzeigen? Ich bin mir sicher, dass dies zumindest teilweise versucht worden ist (und dadurch monatelang gar keine Abfahrtszeiten angezeigt wurden). Aber heute ist ja wie im Text die Abfahrtsanzeige wohl eher die Planzeit als die reale?!

Die aktuellste Diskussion dreht sich um sogenannten “K”-Tarife. Mit denen darf man den ganzen Tag im Kreis fahren, aber keinesfalls irgendwo ankommen.

Woran merkst du das aus dem Ruhrgebiet eine echte Metropole geworden ist?

Wenn wir alle statt dem Auto den ÖPNV benutzen, um mit Bus und Bahn jeden Tag jeden Ort schnell und pünktlich zu erreichen.

Daraus folgt: Mit diesem VRR werden wir niemals auch nur ansatzweise eine Metropole.

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