Wie Narzissen über die Geschichte wachsen

Eine bescheidene, etwas verkratzte Info-Tafel aus Metall steht hinter einem Jägerzaun auf dem Essener Gerlingplatz. Daneben wächst Gras und es blühen Narzissen. Eine vernachlässigte Currywurst- oder Dönerbude wartet auf bessere Zeiten, die Sonnenschirme sind zugeklappt. Kaum ein Passant wird seinen Blick auf die Tafel lenken – wenn er sie überhaupt bemerkt. Dabei lohnt dieser Ort ein wenig Aufmerksamkeit. Denn hier wurden am 21. Juni 1933 die Bücher unerwünschter Autoren wie Bertolt Brecht, Heinrich Heine, Thomas Mann, Albert Einstein, Erich Kästner, Sigmund Freud, Anna Seghers und Arnold Zweig verbrannt.

Der bayerische Künstler Wolfram P. Kastner lässt kein Gras über die Geschichte wachsen. In München hat er angefangen. Dort markiert er seit Jahren den Königsplatz mit einem Brandmal, genau an dem Ort, an dem 1933 die Bücher brannten. Und auch im Ruhrgebiet will Kastner ein Zeichen setzen. Genau auf dem Gerlingplatz. Doch sein Vorschlag wurde von der Kulturhauptstadt abgelehnt. Über den Grund dafür und das, was er nun plant, sprach der Künstler mit den Ruhrbaronen.

Ruhrbarone?: Herr Kastner, wie soll Ihrer Meinung der Gerlingplatz aussehen?

Kastner!: Ungefähr an der Feuerstelle von 1933 sollte eine nicht exakt kreisförmige schwarze Steinplatte in den Platz eingelassen werden. Die Platte sollte eine rauhe Oberfläche aufweisen und einen Durchmesser von etwa 2,5 Meter haben. In die Platte sollten acht bis zehn Umschlagseiten von verbrannten Büchern in Originalgröße farbig eingelassen werden. Täglich ab Einbruch der Dunkelheit würde ein Lichtkreis auf den schwarzen Fleck eine Minute lang projiziert. Nach einer kurzen Pause würde dann der Text mittels eines Gobo-Projektors für etwa zehn Minuten auf die Stelle der Bücherverbrennung langsam kreisend belichtet. Im Text sollen dann wichtige Informationen auf Deutsch und auf Englisch stehen.

?: Warum wollen Sie die jetzt dort installierte Tafel durch ein Lichtobjekt ersetzen?

!: Diese Tafeln sind Tafeln der Unsichtbarkeit.

Eine bescheidene, etwas verkratzte Info-Tafel aus Metall steht hinter einem Jägerzaun auf dem Essener Gerlingplatz. Daneben wächst Gras und es blühen Narzissen. Eine vernachlässigte Currywurst- oder Dönerbude wartet auf bessere Zeiten, die Sonnenschirme sind zugeklappt. Kaum ein Passant wird seinen Blick auf die Tafel lenken – wenn er sie überhaupt bemerkt. Dabei lohnt dieser Ort ein wenig Aufmerksamkeit. Denn hier wurden am 21. Juni 1933 die Bücher unerwünschter Autoren wie Bertolt Brecht, Heinrich Heine, Thomas Mann, Albert Einstein, Erich Kästner, Sigmund Freud, Anna Seghers und Arnold Zweig verbrannt.

Der bayerische Künstler Wolfram P. Kastner lässt kein Gras über die Geschichte wachsen. In München hat er angefangen. Dort markiert er seit Jahren den Königsplatz mit einem Brandmal, genau an dem Ort, an dem 1933 die Bücher brannten. Und auch im Ruhrgebiet will Kastner ein Zeichen setzen. Genau auf dem Gerlingplatz. Doch sein Vorschlag wurde von der Kulturhauptstadt abgelehnt. Über den Grund dafür und das, was er nun plant, sprach der Künstler mit den Ruhrbaronen.

Ruhrbarone?: Herr Kastner, wie soll Ihrer Meinung der Gerlingplatz aussehen?

Kastner!: Ungefähr an der Feuerstelle von 1933 sollte eine nicht exakt kreisförmige schwarze Steinplatte in den Platz eingelassen werden. Die Platte sollte eine rauhe Oberfläche aufweisen und einen Durchmesser von etwa 2,5 Meter haben. In die Platte sollten acht bis zehn Umschlagseiten von verbrannten Büchern in Originalgröße farbig eingelassen werden. Täglich ab Einbruch der Dunkelheit würde ein Lichtkreis auf den schwarzen Fleck eine Minute lang projiziert. Nach einer kurzen Pause würde dann der Text mittels eines Gobo-Projektors für etwa zehn Minuten auf die Stelle der Bücherverbrennung langsam kreisend belichtet. Im Text sollen dann wichtige Informationen auf Deutsch und auf Englisch stehen.

?: Warum wollen Sie die jetzt dort installierte Tafel durch ein Lichtobjekt ersetzen?

!: Diese Tafeln sind Tafeln der Unsichtbarkeit. Sie verrotten und verschwinden. Man gewöhnt sich daran. Der heutigen Wahrnehmung der Menschen entspricht sowas überhaupt nicht mehr. Da soll etwas Auffälligeres und zeitlich anders Bestimmtes entstehen. Es geht darum, die Geschichte nicht zu verstecken, sondern sie sichtbar zu machen. Ich finde, dass das ganze Ambiente, wie das jetzt dort ist, ein Jägerzaun, eine verrottete Tafel und eine Currywurst-Bude, beschämend und einer Kulturhauptstadt wirklich unwürdig ist.

?: Wie war die Reaktion der Kulturhauptstadt auf Ihr Projekt?

!: Mir wurde gesagt, dass es keine Möglichkeit gibt, etwas zu machen, weil es nicht vorgesehen ist und weil kein Geld da sei.

?: Wann haben Sie Kontakt mit der Kulturhauptstadt aufgenommen?

!: Vor einem Jahr. Das erste Mal haben wir im April letzen Jahres korrespondiert. Ich habe dann noch ein paar mal hingeschrieben. Aber bis jetzt gibt es keinerlei positiven Ergebnisse.

?: Was ist Ihrer Meinung nach der wahre Grund der Absage?

!: Ich fürchte, dass es so sein wird, wie in vielen anderen deutschen Städten. Man will die dunklen Flecken der deutschen Geschichte nicht sehen und zeigen. Dabei begreift man nicht, dass es hier eigentlich um die positiven Seiten geht. Und zwar um die beste deutsche Literatur des 20. Jahrhunderts, die mit diesem Ort in Verbindung steht. Das kann ein positives Licht in die Zukunft werfen. Man sollte darauf achten, dass sowas nicht mehr passiert. Stattdessen fürchten viele Verantwortliche immer, dass ein Makel an ihrer schönen Stadt hängen bleibt. Man will nur dekorieren.

?: Wie teuer wäre die Umsetzung Ihres Projektes?

!: Ich denke, die Installation würde zwischen fünf und zehn Tausend Euro kosten. Man könnte natürlich etwas Aufwendigeres und Teureres machen.

?: Wollen Sie nach der Absage der Kulturhauptstadt Ihr Projekt in Essen aufgeben?

!: Auf keinen Fall. Man muss da etwas machen. Es gibt sicher Menschen in Essen, die das Schweigen und das Vertuschen nicht hin nehmen wollen. Ich denke, wir werden dort schon am 21. Juni, vielleicht auch in diesem Jahr, aber auf jeden Fall im kommenden Jahr, etwas sichtbar und hörbar machen. Ich denke daran, am Gerlingplatz eine öffentliche Lesung aus den verbrannten Büchern zu organisieren. Wir könnten auch ein Zeichen auf das Pflaster setzen.

?: Gibt es Essener, die mitmachen?

!: Ein paar Personen und eine Buchhandlung interessieren sich für meine Idee. Ich hoffe, es werden noch mehr Leute. Vielleicht können wir dann auch die zuständigen Herren in der Stadt motivieren, etwas zu machen und nicht weg zu schauen.

Ruhrbarone: Herr Kastner, vielen Dank für das Gespräch.

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