Wie ich aus dem Glauben austrat – Eine Anekdote

Die Lutherrose – Daniel Csörföly (from Budapest, Hungary) CC BY-SA 3.0 (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/)

Wird man in einer religiös geprägten Familie groß, wie es mir geschah, bleibt es selten aus, als Kind zum Glauben verpflichtet zu werden. Eltern können es als ihre Aufgabe ansehen, das jeweilige Kind mit den Gepflogenheiten der jeweiligen Sekte vertraut zu machen, bis sie zur Gewohnheit geworden sind. Üblicherweise werden dann kaum noch Fragen gestellt. Es kann auch vorkommen, dass Gewohnheit und sozialer Zwang zur familiären Rationalität rationalisiert wird; darüber würde, dem Glauben nach, bloß noch ein zumeist rationaler Gott schweben, etwas völlig anderes als das emotionale Wesen, von dem z.B. im alten Testament die Rede ist. Auch Jesus war den Geschichten des neuen Testamentes nach nicht rational, sondern mitfühlend. Verblendet wollte sich niemand aus meiner Familie zeigen.
Ich durchlief als Kind und Jugendlicher die evangelische Sonntagsschule, den Kindergottesdienst und die Jugendarbeit des CVJM, war als Jugendlicher sogar an der Gestaltung von Gottesdiensten aktiv beteiligt, in denen auf meinen Wunsch nicht eine Orgelbegleitung, sondern Synthesizerklänge von der Empore drangen. Man hätte zu der Musik bequem Haschisch oder Marihuana rauchen können, sie waren mir zu jener Zeit jedoch unbekannt. Aus Familie und Gemeinde kannte ich lediglich Alkohol. Ich beließ es bei der Abfassung und Verlesung von mythisch angehauchten Feuertexten, aus welchen körperlichen Regionen sie mir auch gekommen sein mochten.

Zu einer außergewöhnlichen Erfahrung verhalf mir meine leibliche Mutter. Während eines Gottesdienstes der Erwachsenen, ich weiß nicht mehr, warum sie mich mitgenommen hatte, schaute ich sie plötzlich von der Seite an. Sie sang für mein Gefühl erstaunlich laut und dabei wunderschön, ihre Stimme übertönte das gesamte christliche Gejaule, bloß die Orgel nicht. Mir war, als hätte es in diesem Moment nur das Instrument und ihre Stimme gegeben. Ich traute mich nicht, etwas zu sagen. Erst am Ende des Gottesdienstes fragt ich: Und wo ist Gott? Sie zeigte auf ein Licht, das um den Altarraum gebogen war. Nachts, im Traum, schlüpfte ich durch den hellen Spalt, sah aber nur gleißende Helligkeit. Viel später, als mich in der Kirche ohne Scheu bewegen durfte, sah ich mir den Lichtbogen noch einmal an: ein künstliches, ein indirektes Licht, das aus Leuchtstoffröhren drang.

Die größte Enttäuschung widerfuhr mir jedoch bei der Planung eines Sommerfestes in der Gemeinde. Ich nahm als Abgesandter des CVJM an den Beratungen teil. Das zentrale Problem bot etwas Zukünftiges: nicht eine Auffahrt in den Himmel oder dergleichen, sondern die Verwendung des einnehmbaren Geldes. Fast alle an den Beratungen beteiligten Gremien sprachen sich für eine Renovierung des Gemeindehauses aus, besonders für einen neuen Innenanstrich, während ich die Spende an ein Kinderheim befürwortete. Ich zitierte aus der neutestamentlichen Geschichte mit den Geldwechslern im Tempel, um den Nachdruck meiner Forderung zu erhöhen. Jesus hatte die Geschäftemacher aus den Räumen gejagt. Diesen Vergleich wollte jedoch niemand erlauben. Mitglieder des Presbyteriums, alte Leute, die sich als gewählte Gemeindevorsteher ungern irgendwelchen Vorschriften beugten, warfen mir sogar ein Revoluzzertum vor. Von dieser Zeit an war mir die Gemeinde schlicht egal.

Es dauerte jedoch einige Jahre, bis ich der christlichen Gemeinschaft endgültig entfliehen durfte. Erst mit achtzehn Jahren war es mir möglich, offiziell aus der evangelischen Kirche zu treten, und zwar beim städtischen Amtsgericht. Dass mich dann noch der stark gealterte Pfarrer zu einem ernsten Gespräch einladen würde, ahnte ich nicht einmal. Dem Portier des Gerichts teilte ich mit, dass ich aus meinem Glauben austreten wolle. Der folgende Prozess verlief recht einfach. Ich brauchte lediglich ein bestimmtes Zimmer aufzusuchen und eine Unterschrift zu leisten.
Die spätere Einladung des Gemeindepfarrers irritierte mich hingegen. Meiner Erinnerung nach ging es lediglich um die Frage, ob ich an die christliche Botschaft glaube oder nicht. Meinen Glauben, sagte ich dem alten und gebrechlichen Mann, hätte ich schon seit langem verloren.

13 Kommentare

Selten einen so sinnlosen Text hier gelesen.
Die größte Enttäuschung des Gemeindelebens: Meine Idee, wie mit Geld umzugehen sei, wurde abgewiesen, OBWOHL ich eine Bibelstelle zitiert habe. WOW!

Es wird im Titel darauf hingewiesen, dass hier eine Anektode wiedergegeben wird. Insofern muss man, wenn man sich auf das lesen einlässt, dann wohl mit anektodischen Inhalten rechnen.
Da habe ich hier schon wesentlich Schlimmeres wahrgenommen. Texte und Zeichnungen.

Daniel,
sinnlos? Für Dich! Das habe ich zu akzeptieren -nicht mehr!

Eine Anekdote, die in mir diverse Erinnerungen an meine Kinder- und Jugendzeit wachruft, die nicht nur, aber auch ein Leben in der bzw. mit der örtlichen katholischen Kirchengemeinde war. Insofern ist sie also für mich sinnvoll und von Nutzen.

Wenn ich über diesen Aspekt meiner Kinder- und Jugend- Zeit berichten würde,als Anekdote, könnte diese z.B. in meinem Meßdiener-Status, in meiner Meßdiener-Tätigkeit ihren Anlaß haben und ihren Bezugspunkt finden.
Wenn ich z.B. damals zwischen dem 1o. und dem 14. Lebensjahr um 6.oo morgens -oftmals an jedem Wochentag vor der Schule-in einem weitgehend dunklen Kirchenraum am von Kerzen erhelltem Altar allein mit dem Priester und einem Freund -in der lateinischen Messe!- gedient habe begleitet von einer Handvoll Gläubiger, dann, so scheint es mir rückblickend, war das ein mystisches Erlebnis.
Ob und inwieweit dieses Erleben mich als Mensch (mit-)geprägt haben wird?

Es sind jedenfalls für mich als alter Mensch u.a. aus diesem Grunde immer besonders nachdenkliche Momente, Momente des Besinnens, wenn ich , dann und wann, wieder in der selben Kirche bin, auch wenn diese u.a. im sog. Altarraum radikal verändert worden ist , was auch für die Mess- Rituale gilt.

Ein sinnloser Beitrag meinerseits zu einer sinnlosen Anekdote?
Selbstverständlich kann das und darf das jedermann so empfinden und so sagen.

Reinhard Matern,
im Gegensatz zu Dir bin ich bis heute (katholisches) Kirchenmitglied geblieben.
Warum?
Die Frage stelle ich mir seit meiner Jugendzeit regelmäßig bis auf den heutigen Tag, und meine Antworten haben unterschiedliche Inhalte.
Diese meine "Selbstbefragung" und diese meine "Selbstbeantwortung" werden nie Gegenstand einer "öffentlichen Verlautbarung" meinerseits sein, was diesen Blog einschließt.

Und so ganz nebenbei , tragen Anekdoten wie diese dazu bei, daß ich die letztendlich sinnlose, fruchtlose, wirkungslose Gedankenwelt von " Jamaika-Koalition und BVB" verlasse. Und das macht -für mich- Sinn!

Mich stört vor allem der selbstgefällige und herablassende Tonfall des Textes. Zudem hat "eine Anekdote eine bemerkenswerte oder charakteristische Begebenheit, meist im Leben einer Person, zur Grundlage. Die drei wichtigsten Merkmale sind: die Pointe, die Reduktion auf das Wesentliche und die scharfe Charakterisierung einer oder auch mehrerer Personen." (Wikipedia)

Ich konnte in dieser langweiligen und unoriginellen Erzählung keines der geforderten Merkmale wiederfinden, von daher: Thema verfehlt, setzen!

@ discipulussenecae #5

Sie schreiben: "Thema verfehlt, setzen!"

Sind Sie der Oberlehrer der Ruhrbarone?

@ Reinhard Matern

Sie schreiben als Schlusswort Ihrer Anekdote: "Die spätere Einladung des Gemeindepfarrers irritierte mich hingegen. Meiner Erinnerung nach ging es lediglich um die Frage, ob ich an die christliche Botschaft glaube oder nicht. Meinen Glauben, sagte ich dem alten und gebrechlichen Mann, hätte ich schon seit langem verloren."

Da hätte Ihnen die indirekte freie Rede (le discours indirect libre) helfen können – als Atheist versetze man sich in einen Gläubigen, verfilme das Evangelium, und …:

"Eine besondere Auszeichnung für Pasolini war – angesichts seiner ambivalenten Haltung zur Kirche – der etwa 40 Minuten anhaltende Applaus des vornehmlich aus Bischöfen und weiteren katholischen Geistlichen bestehenden Publikums bei einer Aufführung im Vatikan 1964."

https://de.wikipedia.org/wiki/Das_1._Evangelium_–_Matthäus

# 8 Danke für den Hinweis. Im Deutschen kann zwischen indirekter und erlebter Rede unterschieden werden, letztere wird häufig als episches Stilmittel ausgewiesen. Ich habe mich für die Verwendung der indirekten Rede entschieden ("hätte ich schon seit langem verloren"). Diese hielt ich für die Anekdote angemessen.

Und ein besonderer Dank richtet sich an Walter Stach und Arnold Voss.

Ja, Reinhard da kann ich mich reindenken. So läuft das manchmal ab. War bei mir ähnlich. @Daniel kann das aber nicht nachvollziehen. Hat sich vermutlich nie über das Thema Gedanken gemacht. Aus seiner Sicht war wohl immer alles ok. Hat irgendwie wohl richtig Glück gehabt, der Daniel, denn das Leben verläuft sicher einfacher, wenn man sich keine Gedanken machen muß. Dann kapiert man nämlich nicht, wie hart das sein kann, sich von seiner Religion zu lösen.

Naja, warum er sich da löst, beschreibt der Autor ja gerade nicht. Allerdings als "größte Enttäuschung" eine Diskussion um Geld anzuführen, kommt mir doch reichlich seltsam vor. Was hat das denn mit seinem Glauben zu tun? Eher scheint er von den Menschen enttäuscht zu sein, die sich erdreisten, das Geld für was anderes auszugeben, als er für sinnvoll hält. Institutionen sind halt immer ein bisschen nervig, besonders wenns ums Geld geht. Wer mag, darf sich gerne an das hier oft disktutierte Genöle im Fußball erinnern: Alles nur Kommerz 😉

@ #11 Es kann in Erstaunen versetzen, wie wenig die Anekdote im Kommentar von 'Daniel' beachtet wird: In der Überschrift ist zu lesen "Wie ich … ", nicht "Warum ich …". Die Konzentration auf die Art und Weise ist für erzählende Texte normal.
In dem Text werden eine Reihe von Enttäuschungen angeführt, dass dabei eine soziale die für den Autor größte war, spricht nicht gegen das Thema, den Glauben, sondern erläutert den Umfang. Der Glaube betrifft offenbar auch soziales Verhalten. Die in der Anekdote anführte Jesus-Geschichte wird freilich nicht erläutert, sondern als bekannt vorausgesetzt.
Zum Schluss Fußballdiskussionen als Vergleich hinzuzuziehen, verdeutlicht die Beschränktheit des von Daniel gezogenen Horizontes – eventuell im Rahmen einer Institutenökonomie. So wird das nichts!

Der Beitrag löst viele Erinnerungen aus und zeigt in den Kommentaren auch, wie viele Menschen sich im kirchlichen Umfeld engagieren. Auch heute noch. Die Stimme der Mutter beim Singen. Auch heute haben Chöre, das gemeinschaftliche Singen etc. für viele Menschen positive Aspekte.

Wer die Gemeinden hat, hat eine Gemeinschaft, mystische Erfahrungen, meditative Momente etc. Zusätzliche engagieren sich noch viele Menschen unter dem Dach der Kirchen im sozialen Bereich. Die Botschaften sind aus meiner Erfahrungen ausschließlich Botschaften der Liebe. Ebenso ist es die größte internationale Gemeinschaft.

Also auch ohne den Glauben an Gott ist diese Botschaft/Gemeinschaft modern, und ich finde es klasse wie viele Menschen sich in diesem Umfeld engagieren.
Deshalb werde ich nicht aus der Kirche austreten. Ich bin auch sehr dankbar, dass die vielen Menschen aus meiner Jugend mir einen guten Start ins Leben ermöglicht hatten.

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