Wider eine traditionelle Kartoffelökonomie

Vincent van Gogh: Die Kartoffelesser, 1885 – Gemeinfrei

Vielfach ist nach einer Renovierung der Ökonomie gefragt worden, sowohl in Zeitschriften als auch in Büchern. Kathrina Talmi, die sich besonders der praktischen Philosophie widmet, u.a. eine Grundlegung der Sozialphilosophie entwickelte, gibt eine Anregung in Bezug auf Knappheit, auf ein traditionelles Prinzip der Ökonomie. Der folgende Text stammt von ihr:

Güter sind knapp, lautet eine ökonomische Annahme, unabhängig von möglichen Wirtschaftsordnungen. Um die Annahme zu begründen, wird auf menschliche Bedürfnisse und auf eine Produktion Bezug genommen, die jene Bedürfnisse nur unzureichend befriedigen kann (vgl. Gabler Wirtschaftslexikon, 2013). Die Begründung bleibt jedoch äußerst schwammig. Befriedigungen menschlicher Bedürfnisse können sehr unterschiedlich ausfallen, in Abhängigkeit von möglichen psychischen Präferenzen und Trieben. Die Annahme einer möglichen Sättigung hinzuzufügen, würde daran nichts ändern.

Die Schammigkeit der Formulierung war bislang nebensächlich, weil es kaum als vorstellbar galt, Güter in Mengen anbieten zu können, die sogar mögliche Bedürfnisbefriedigungen überflügeln. Im Rahmen einer herkömmlichen Industrieproduktion, die auf Investitionen und Wareneinsatz beruht, um Güter produzieren zu können, wäre die Knappheitsannahme durchaus verständlich. Beschäftigte und Maschinen erlauben nur begrenzte Stückzahlen. Weitere Investitionen zu tätigen, wäre abhängig vom erwartbaren Ertrag.
Mit einem möglichen Anstieg von Stückzahlen sinken jedoch die durchschnittlichen Preise, auch weil die Stückkosten sinken und ein möglicher Wettbewerbsvorteil entstehen kann. Der gesellschaftliche Wohlstand in den Industrieländern beruhte auf der Verfügbarkeit von relativ preiswerten Massengütern. Doch ein nicht zu verkaufendes Überangebot und / oder verfallende Preise erbrächte keinen Ertrag, sondern Kosten.

Mit dem Anwachsen von Dienstleistungssektoren war es möglich geworden, die Märkte mit schier zahllosen Angeboten zu versehen. Eine juristische Beratung zu finden, konnte und kann eventuell sehr leicht sein, ebenso eine wirtschaftliche oder eine werbliche. Geistige Arbeit ist lediglich an eine Ausbildung gebunden, kaum aber an weitere Investitionen, an ein Kapital, das zusätzlich aufzubringen wäre.
Es ließe sich spezifischer nach konkreten Dienstleistungsangeboten fragen, z.B. mit Bezug auf Medien oder Design. Auch spezielle Erfahrungen oder Fertigkeiten könnten eine Rolle spielen. Eventuell gibt es eine Marktlücke, die noch nicht besetzt wurde. Doch die Wahrscheinlichkeit ein Überangebot in städtischen Zentren vorzufinden, ist weitaus größer, als in der herkömmlichen Industrieproduktion.
Dass Knappheit bereits mit den entstandenen Dienstleistungssektoren kaum vereinbar ist, die Überangebote ihrerseits zu einem begrenzten Preisverfall, zum Entstehen eines Prekariats beitrugen, wird in diesem Kontext leicht übersehen (vgl. z.B. Felix Lee, 2006). Es ließe sich ökonomisch auf eine preis- und ertragsbedingte Marktbereinigung setzen, die eine Wiederherstellung von Knappheit wahrscheinlicher machen könnte, in dem Glauben an ein Modell, das empirisch fragwürdig geworden ist, doch die Tatsache, dass Knappheit bereits überwunden wurde, ließe sich nicht durch eine Wette verheimlichen. Knappheit wäre und bliebe mit Bezug auf den Dienstleistungssektor letztlich eine Illusion.

Aber die Relevanz von Knappheit sank nicht nur im Zuge von verbesserten Bildungsmöglichkeiten und den entstandenen Dienstleistungssektoren. Die in Forschung und durch Dienstleistungen entwickelten sogenannten Digitalisierungen könnten sogar helfen, ein Paradies entstehen zu lassen. Dies würde einen völlig neuen Blickwinkel auf eine eventuell mangelnde Knappheit eröffnen, vielleicht auch ökonomisch.
Erste Software für den Betrieb von Heim- bzw. Büro-Computern zu entwickeln, war bereits ein Schritt in eine Digitalisierung, deren Ende noch gar nicht absehbar ist. Software liegt nur digital, als Datei vor und lässt sich beliebig verfielfältigen, sieht man von möglichen Schutzmechanismen ab. Die Hersteller produzieren keine begrenzte Menge, sondern verkaufen stets dasselbe Produkt in beliebiger Menge, bis zu einem Update, bis zum Erscheinen einer neuen Version.
Anstatt von Kopien desselben Produkts zu sprechen, bürgerte sich ein, von verkaufbaren Lizenzen eines Produktes zu sprechen. Diese Formulierung ändert jedoch nichts daran, dass sich eine Lizenz auf eine Programmkopie bezieht, erleichterte lediglich eine mögliche Differenzierung von und Sicherheit vor Raubkopien. Mit Lizenzen wurden Lizenznummern eingeführt, die einzugeben waren und sind, um das jeweilige Programm betreiben zu können. Eine Knappheit des Produktes ist jedoch unmöglich geworden, es sei denn, man bezöge sich auf Lizenznummern innerhalb einer endlichen bzw. geschlossenen Reihe.

Die ökonomische Ausblendung einer mangelnden Knappheit kann mit dem wissenschaftlichen Verständnis der Ökonomie als wissenschaftlichem Fach zu tun haben. Traditionell wird die Ökonomie in eine Abhängigkeit von gesellschaftlich vorliegender Knappheit gestellt. Ein sogenanntes Phänomen der Knappheit liefere die Daseinberechtigung für Ökonomie und Ökonomen (vgl. Peter Weise et al., 1993, S. 9). Gemessen an den gesellschaftlichen Veränderungen könnte man von einer Kartoffel- und Stahlökonomie sprechen, die sich weigert, zeitlich angemessene theoretische Weiterentwicklungen zuzulassen.

Zunächst wäre methodisch von der Annahme einer Bedürfnisbefriedigung abzusehen, die aufgrund ihrer Schwammigkeit zu nichts taugt. Ob Konsum befriedigt und sättigt, wäre eine Frage der empirischen Psychologie, nicht einer theoretischen Spekulation, schon gar nicht im Kontext einer wissenschaftlichen Grundlegung. Ebenso ist die übliche Rede von Wirtschaftssubjekten altbacken, die möglicherweise auf eine allgemeine Differenzierung in Subjekt und Objekt zurückreicht. Sehe ich einmal von grundsätzlichen Diskussion der Unterscheidung von Subjekt und Objekt ab, bliebe anzumerken, dass im Handel längst Computer Einzug gehalten haben und dass Konzerne weltweit auf den Märkten agieren. Eine Rede von Wirtschaftssubjekten wäre eher poetisch denn wissenschaftlich.
Eine mögliche Knappheit war für Preisentwicklungen auf Märkten ein zentraler Faktor. Wenn aber Knappheit nicht mehr grundlegend, sondern nur für Produkte bestimmbarer Branchen gelten kann, ist eine Alternative zu finden. Dass sich in der Dienstleistungswelt Stundenpreise in verschiedener Höhe durchgesetzt haben, ist (a) Verhandlungssache, (b) von der Stellung des anbietenden Unternehmens, dem Rang im Markt abhängig, ebenso von der Zahlungsbereitschaft möglicher Auftrageber. Das Renommee des Anbieters spielt eine entscheidende Rolle. Die Bildung eines Renommees wird allerdings nicht nur durch Arbeitsresultate, auch durch die begrenzte Merkfähigkeit von Menschen unterstützt. In den jeweiligen Spitzen tummelt sich eine überschaubare Schar von Unternehmen.
Ein Renommee ist auch in Bezug auf Software ein wichtiger Faktor, um Preise für Kopien durchzusetzen, die kaum noch Kosten verursachen. Hergestellt wird jeweils lediglich ein Produkt. Das Unternehmen Adobe erwarb sich besonders unter Publishing- und Design-Firmen ein Renommee, das die Produkte zu Industriestandards werden ließ, obwohl alternativ auch freie Software im Internet zur Verfügung steht, die für relativ viele Anwendungen ausreichen kann. Erarbeitet wurden viele der freien Alternativen zunächst für die Betriebssystemvarianten von Linux, die ihrerseits zumeist frei zu haben sind. Freie Software ist aber nicht mit sogenannten freien Gütern wie Luft vergleichbar. Hinter Ubuntu, das mit dem Ubuntu-Studio eine Publishing- und Design-Umgebung auf Linux geschaffen hat, steht eine Foundation, eine Stiftung.
Als Philosophin habe ich kein Interesse daran, im vorliegenden Kontext eine wirklich neue, nicht bloß eine angeblich neue Ökonomie zu entwickeln. Dies möchte ich aufgeschlossenen Ökonomen überlassen. Berücksichtigte man jedoch, dass auch der Industrie noch eine sogenannte Digitalisierung bevorsteht, wäre es an der Zeit, sich Gedanken zu machen.

Literatur

Felix Lee, 2006, Arbeiten für drei Euro brutto, TAZ (13.06.2006: http://www.taz.de/1/archiv/?dig=2006/06/13/a0283)

Gabler Wirtschaftslexikon, 2013, http://wirtschaftslexikon.gabler.de/Archiv/57185/knappheit-v4.html (35/Archiv/57185/knappheit-v4.html)

Peter Weise, Wolfgang Brandes, Thomas Eger, Manfred Kraft, 1993, Neue Mikroökonomie, Heidelberg.

19 Kommentare

Puhh, also ob aus diesem Versuch, Ökonomie neu zu denken, anhand dieses Textes etwas wird?

Viele Dinge, die hier angesprochen werden, sind in den Wirtschaftswissenschaften bekannt: Das was die Autorin hier im Zusammenhang mit Software umständlich beschreibt und mit Renommée zu erklären versucht, nennt sich Marginal- oder Grenzkosten und betrifft grundsätzlich alle Güter und Leistung. Dieser Zusammenhang ist auch als Economy of Scales bekannt: Jede weitere Einheit eines Gutes lässt sich mit weniger Aufwand produzieren als die vorgehende Einheit.

Bei Software gehen diesen Grenzkosten gegen 0. Das bedeutet aber eben nicht, dass bei der Erstellung von Software keine Kosten mehr anfallen. Irgendjemand muss die Software schließlich erschaffen. Softwareproduktion ist daher ökonomisch eher mit Musik oder in Teilen auch Kunst allgemein als mit klassischen Industrieprodukten vergleichbar. Auch ein Musikvervielfältigung hat heutzutage Grenzkosten von 0. Aber wenn jeder nur noch diese Grenzkosten zahlt, wird auch keine Musik mehr produziert, weil Musiker auch von etwas leben müssen.

D.h. die Geschäftsmodelle sind bei Software, insbesondere Open Source, und Musik andere als bei Industrieprodukten: Geld wird über begleitenden Dienstleistungen verdient (im Falle von Musik wären das z.B. Live Performances, die wiederum nicht für Grenzkosten von 0 zu vervielfältigen sind).

Auch existiert – und das insbesondere in Großstädten, wo es dafür eine immense Nachfrage gibt – eine Knappheit an qualifizierten Dienstleistungen, und das mehr als je zuvor. Angebot / Knappheit kann – zumindest im marktwirtschaftlichen Zusammenhang – nie losgelöst von Nachfrage betrachtet werden.

Dass sich nun im Dienstleistungssektor Stundensätze für eine oftmals äquivalente Leistung deutlich unterscheiden, liegt u.a. daran dass der Markt im wissenschaftlichen Sinne immer eine perfekte Idealvorstellung ist, die davon ausgeht, dass jeder Teilnehmer zu jedem Zeitpunkt absolut informiert ist. Diese Vorstellung ist unter reellen Bedingungen natürlich völlig unrealistisch. Dadurch ergeben sich dann lokale Minima und Maxima.

Der weitaus größte Teil wirtschaftswissenschaftlicher Theorien beschäftigt sich in der Tat mit der Marktwirtschaft und der ihr inhärenten Knappheit, einfach deswegen, weil dies das aktuell einzig langfristig nachhaltige Modell ist. Die Wissenschaft erforscht im Wesentlichen reelle Phänomene und keine idealistischen Utopien.

Nichtsdestotrotz gibt es bereits einige Ansätze, die sich mit Post-scarcity economy und deren Folgen beschäftigen: https://en.wikipedia.org/wiki/Post-scarcity_economy

Bei der Produktion von Open Source Software geht es in erster Linie auch nicht um die Produktion von kostenlosen Gütern. Eher geht es darum, mit freien Entwicklerschnittstellen, Tools, etc.möglichst viele andere Firmen in das eigene Ökosystem zu Ziehen. Daher heißen die größten Opensource Produzenten auch Google, SUN, Microsoft, Apple, usw.
Der nette Programmierer, der Software aus Nächstenliebe für die Allgemeinheit produziert, ist eher die Seltenheit.

@ # 1: Danke. Der Autorin geht es um wirtschaftliche Vorgänge, die sich nicht mehr mit dem Knappheitsmodell hinreichend erläutern lassen. Selbstverständlich kann von Seiten der Nachfrage immer wieder ein Bedarf an Lösungen entstehen, sowohl im Dienstleistungs- als auch speziell im Softwarebereich, für die es noch keine Angebote gibt, ein Bedarf an individuellen oder neuen Lösungen. Doch deshalb allgemein und grundsätzlich an ‘Knappheit’ festhalten? ‘Knappheit’ wäre, im Gegensatz zur herkömmlichen Industrieproduktion, ein Sonderfall, nicht die Regel. Und danke für den Link.

In der sog. globalisierten Wirtschaft ist "makroökonomisch" nur ein Bedürfnis das einzig bestimmende, nämlich die Befriedigung des Bedürfnis ganz, ganz weniger weltweit agierender Personen, Banken, Hedge-Fonds – wann, wo, womit und wie auch immer- den höchstmöglichen Ertrag für das ihnen zur Verfügung stehende Finanzkapital zu erzielen.

Alles Andere ist dem nachgeordnet.

Alles Andere kann dauerhaft nicht funktionieren, wenn diesem Primat zu wider gehandelt wird.

Alles Andere kann funktionieren, wenn es und solange es für die umschriebene Bedürfnisbefriedigung des weltweit agierenden Finanzkaptials belanglos erscheint. Und über das Ob und das Wie dieses "Anderen" kann dann nach den "klassischen Lehren der Volkswirtschaft" diskutiert werden, so wie das hier geschieht. Ich hätte mir gewünscht, daß diese "Begrenztheit" im Gastkommentar bezogen auf die konkret angesprochene Problematik zumindest kurz erwähnt worden wäre. Wenn sie als "selbstverständlich" vorausgesetzt wird, geht mein Beitrag "in die Irre".

@Walter Stach: Blöderweise hat die Globalisierung den Wohlstand der Menschheit stark vergrößert und die Armut effektiv bekämpft. Viele Linke, Nazis, Ökos und Islamisten sehen das anders. Sie sehen durch den Erfolg des Kapitalismus ihre autoritären Ideologien bedroht und machen den Menschen Angst – das ist ihr Geschäft.

Stefan Laurin,

1.
wenn ich unterstelle, daß Deine Feststellung sachlich zutreffen, widerlegen sie doch nicht einmal ansatzweise den Inhalt meines Beitrages -4- .

2,
sehr, sehr nachdenklich stimmt mich Deine "einreihende Gleichsetzung" von Linken, Nazis, Ökos und Islamisten einhergehend mit meiner Frage , die ich mir selbst stelle, was denn wohl ursächlich für Dich sein könnte, um zu dieser "einreihende Gleichstellung" kommen zu können.

Stefan Laurin,

und wenn Du schon eine solche mich erschreckende "einreihende Gleichsetzung" für angebracht hältst, dann ist sie allerdings deshalb unvollständige, weil Papst Franziskus fehlt, dem derzeit wohl prominentesten Kritiker der grenzen- und schrankenlosen globalen Herrschaftsmacht des Finanzkapitales.

(Im übrigen können wir uns , selbstverständlich, nur darum geht es hier nicht, über Wohlstand für alle (für rmöglichst Viele) in Zeiten wachsender Herrschaftsmacht des globalen Finanzkapitals trefflich streiten ( auch über Alternativen, über Grenzen und Schranken), z.B angesichts des stetig wachsenden "Wohlstandsgefälle" in Deutschland, in Europa, in den USA, über den belegbaren Niedergang des sog. Mittelstandes in Deutschland, in Europa, in den USA und über die primär (oder auch) dadurch bedingten Erfolge von AFD, Trump u.a., und nicht zu vergessen wäre, wenn denn über die Feststellung vorgeblich weltweiter Erfolge eines (finanz-) kapitalistischen Wirtschafts-/Herrschaftssystem diskutiert werden würde, darüber nachzudenken, daß dieses System zumindest nicht verhindern hat oder sogar ursächlich dafür sein könnte, daß derzeit rd. 7oo Mio Menschen weltweit Hunger leiden und derzeit rd. 244 Mio Menschen weltweit als Migranten "unterwegs" sind).

Ich kann in diesem Artikel beim besten Willen keine relevanten Aussagen erkennen. Die Autorin beweist ein grobes Unverstaendnis von Oekonomie. Dies zeigt sich bereits in der Einleitung. Die Annahme von Knappheit in der Oekonomie ist KEINE Annahme von unendlicher Nachfrage, sondern lediglich eine Annahme von Knappheit der Ressourcen, woraus sich widerum ein oekonomischer Wert ableitet. Dies schliesst in keinem Fall eine "Saettigung" aus, die sich durch eine verringerte Nachfrage ausdrueckt. Es ist nicht problematisch eine den Wert eines Guts in klassischer Oekonomie gegen 0 tendieren zu lassen, wenn ein sehr hohes Angebot herrscht und das Gut fast kostenfrei bereitzustellen ist. Dies ist schlicht nicht der Fall fuer digitale Gueter.

Die grundlegende These, dass Dienstleistungen praktisch unbegrenzt angeboten werden koennen ist schlicht und einfach aus der Luft gegriffen. Die Autorin verweist auf keinerlei Beweise und ignoriert schlicht Knappheitsfaktoren wie Zeit und die begrenzte Anzahl von Anbietern. Auch der Verweis auf Software und das digitale Angebot ist kurzsichtig. Durch eine kostenfreie Verviefaeltigung gaebe es keinerlei Anreize, neue Software zu entwickeln und die Knappheit wuerde lediglich in die Zukunft verschoben. Selbst unter der Annahme bestimmte Software wuerde vollkommen frei entwickelt, ist dies weiterhin mit unserem Wirtschaftssystem vereinbar, private Unternehmen wuerden sich lediglich aus jenem Markt zrueckziehen, mit keinerlei groesseren Auswirkungen fuer unsere Gesellschaft. Solange die Autorin nicht plausibel begruenden kann, dass die Entwickler der digitalen Welt voellig andere Anreize besitzen ist diese gesamte Diskussion hinfaellig. Die Geschichte der Menschheit zeigt relative eindeutig das materielle Anreize weiterhin der Antrieb zur Wertschoepfung sind und es gibt keine stichhaltigen Indizien welche an eine Umkehr dieser Logik glauben lassen.

@ # 6 Danke für die Mühe, aber die ökonomische Knappheitsannahme richtet sich auf Güter, Güter aller Art, nicht nur auf Ressourcen. – Ansonsten kann ich nur bitten, den Text noch einmal zu lesen und nicht bloß Worte zu schwingen …

@ #7
Gueter sind das Produkt von Ressourcen und folgen den gleichen Prinzipien.

Ich denke nicht, dass mein Kommentar inhaltsleer ist. Die Autorin bleibt einer Erklaerung schuldig warum die Wirtschaftssubjekte der digitalen Welt vollkommen andere Anreize haben sollen. Es ist ein Fakt das auch die Entwicklung digitaler Gueter Ressourcen fordert (Zeit, Wissen und relative geringe Mengen an Kapital). Es ist weiterhin ein Fakt dass diese Ressourcen knapp sind. Solange die Autorin nicht begruenden kann warum bestimmte Subjekte diese Ressourcen dauerhaft frei anbieten wollen wuerden ist der Artikel nicht stichhaltig. Zumal diese Entwicklung auch in der heutigen Zeit nicht abzusehen ist.

Weiterhin hat es auch in der nicht-digitalen Wirtschaft schon immer Schenkungen einzelner Subjekte an die Allgemeinheit gegeben. Dies ist jedoch ein verschwindend geringer Teil der gesamten Wertschoepfung und es deutet nichts daraufhin, dass dies in der digitalen Welt grossartig anders ist.

@ # 4 Lieber Günter, wir haben tatsächlich ein gesellschaftliches Ungleichheitsproblem, das aber nicht durch die Wirtschaft, sondern durch die Politik auf Druck der Wirtschaft geschaffen wurde. Die SPD hatte maßgeblich daran mitgewirkt. Dieses Ungleichheitsproblem ist jedoch keines, das ein speziell kapitalistisches wäre; ich könnte nicht einmal sagen, was das sei, Kapitalismus; investiert werden musste zu allen Zeiten. Es ist ein gesellschaftliches Problem: Eine dünne Schicht meint, sich absetzen zu müssen. Die Steuerprogression hört aktuell viel zu früh auf …

@ # 8 "Die Autorin bleibt einer Erklaerung schuldig warum die Wirtschaftssubjekte der digitalen Welt vollkommen andere Anreize haben sollen". Es geht der Autorin überhaupt nicht um Anreize. Ich verstehe nicht, wie Sie auf Anreize kommen.

"Solange die Autorin nicht begruenden kann warum bestimmte Subjekte diese Ressourcen dauerhaft frei anbieten wollen wuerden ist der Artikel nicht stichhaltig." Es geht in dem Text nicht um ein Dauerhaft-Frei. Ich verstehe nicht, woher sie dies nehmen.

Es geht lediglich um ein In-Frage-Stellen einer grundlegenden und allumfassenden Güter-Knappheit. Deshalb bot ich an, den Text noch einmal zu lesen.

@ #10

Die Frage nach Anreizen ist der Kern unseres jetzigen Wirtschaftsverstaendnis. Alle makrooekonomisches Zusammenhaenge sind das Produkt von Interessen der einzelnen Wirtschaftssubjekte. Wenn die Autorin von "freien Kopien von Software" schreibt, hat dies immense Auswirkungen auf das Anreizsystem der einzelnen Wirtschaftssubjekte. Das Resultat ist nicht etwa ein Ende von Knappheit, sondern schlicht die Verschiebung derselben in die Zukunft, weil das Anreizsystem der Entwickler fuer zukuenfitge Innovationen nicht mehr funktioniert.

Die Ausfuehrungen zu einem eventuellen Ueberangebot an Dientleistungen sind bestenfalls schwammig und nicht durch empirische Erkenntnisse gedeckt. Auch das von der Autorin heraufbeschworene neue "Prekariat" duerfte kaum nachzuweisen sein. Es ist vielmehr so, dass es einen eindeutigen positiven Zusammenhang zwischen Wohlstand und relativer Wertschoepfung durch den Dienstleistungssektor gibt. D.h. je mehr Wertschoepfung durch Dienstleistungen stattfindet (vor allem in Industrielaendern), desto besser geht es den Menschen dort.

Von freier Software war im Text nur in Bezug auf Ubuntu und Linux die Rede. Die Adobe-Produkte sind nicht frei. Software ist hingegen grundsätzlich nicht knapp, weil sie – zumindest vom Anbieter -, quasi endlos kopiert werden kann. Ich verstehe nicht, dass dieser behandelte Sacherhalt derart Schwierigkeiten bereitet.
Mir fehlt die Lust, mich weiter um ihre Eingaben zu kümmern …

Auch mir fehlt die Geduld diesen Dialog weiterzufuehren.

Weiterhin gibt es hier mitnichten Verstaendnisschwierigkeiten meiner Seite. All meine Ausfuehrungen legen dar, dass diese "kuenstliche Knappheit" ein vollkommen logischer Bestandteil unserer Wirtschaftsordnung ist und es keinen Hinweis darauf gibt warum sehr niedrige Grenzkosten nicht mit unserem Verstaendnis von Oekonomie in Zusammanhang gebracht werden koennten. Knappheit ergibt sich zwangslaeufig aus den Anreizsystemen der Wirtschaftsteilnehmer. Inwieweit diese Zusammenhaenge einen Grund fuer eine "neue Oekonomie" ergeben duerfte sich nicht nur mir sondern auch den meisten Oekonomen nicht erschliessen.

@Walter Stach: Es ist keine generelle "einreihende Gleichsetzung"- aber in dieser Frage ist man sich dann doch weitgehend einig. Kleines Beispiel: AfD, NPD, Grüne und Linkspartei lehnen TTIP ab.

@Helmut Junge: Hetze und Angstmacherei zeigen nun einmal ihre Wirkung. Blöd, dass es nicht genug Jobs für alle im Bereich der Betroffenheitswirtschaft gibt.

@#13 Reinhard Matern: Um Dein Adobe-Beispiel mal aufzugreifen: Auch dieser Software-Riese bietet immer wieder kostenlose Produkte an, um dadurch Neukunden zu gewinnen. Sind diese freien Tools gut gestrickt (unter Aufwendung unfreier, nicht kostenloser Entwickler- und Marketing-Ressourcen), erzeugen sie Kaufanreize und neue Umsätze.

Dieses Prinzip wird seit Jahren mit den InApp-Käufen auf mobilen Systemen und so langsam auch bei Desktop-OS auf die Spitze getrieben und sorgt relativ für mehr Umsätze in der SW-Industrie als der klassische Boxenschieber-/Lizenzverkauf, weil auch der an sich schon kostenfreie Transport des digitalen Produkts (über Flatrates) nun auch noch wesentlich genauer analysiert und verfolgt werden kann, die Kundenbindung also wesentlich verstärkt wurde.

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