Wer Fortschritt will, muss für Wachstum sein

Visualisierung eines Fusionsexperimentes Foto: T. Sunn Pedersen, M. Otte, S. Lazerson, P. Helander, S. Bozhenkov, C. Biedermann, T. Klinger, R. C. Wolf, H. -S. Bosch & The Wendelstein 7-X Team Lizenz: CC-BY 4.0


Mit den Kategorien links und rechts sind weder die Umweltbewegung noch ihre Parteien klar zu erfassen. Eine linke, aufgeklärte Umweltpolitik müsste auf technischen Fortschritt und weltweite Wohlstandsvermehrung statt auf Esoterik und Verzichtsethik setzen.

Die Linke war nie gegen die Vermehrung des Wohlstandes, einzig und allein die Frage, wie er verteilt und erzeugt wird, wurde als Problem angesehen. Jeder soll seine Kinder zur Schule schicken können, eine schöne Wohnung haben, Kultureinrichtungen nutzen und ausreichend und gut essen können. Und natürlich haben Menschen im Senegal oder Vietnam das Recht nach all den Gütern zu streben, an denen sich die Menschen in den reichen Ländern der Welt erfreuen: Smartphones, Flachbildschirme, Autos und was es sonst noch so alles gibt. Auch der Zugang zu medizinischen Leistungen, guter Bildung und anderen sozialen Dienstleitungen können nur wohlhabende Länder ihren Bürgern garantieren. Diese Leistungen einzufordern und für alle Durchzusetzen sind Kernforderungen linker Politik.

Niko Paech, eine der Ikonen der Postwachstumsökonomie und ein Vertreter der Umweltbewegung sieht das anders. In der Wochenzeitung „Die Zeit“ schrieb Paech: „Kulturen, die an traditionellen, zumal religiösen Maßstäben ausgerichtet sind, verlieren jeden Schutz davor, ihren Modernisierungsrückstand vorgeführt zu bekommen. Der Kulturvergleich, dem in Afrika, Asien und Lateinamerika infolge billiger Smartphones und Flugreisen niemand mehr zu entgehen vermag, pulverisiert stabile Orientierungen. Was vormals sinnstiftend und materiell hinreichend war, wird entwertet und fühlt sich jetzt nur noch vormodern, ärmlich oder gar unmenschlich an.“ Während Marx im Kommunistischen Manifest seiner Bewunderung genau dieser Fähigkeit des Kapitalismus, traditionelle „stabile Orientierungen“ zu pulverisieren freien Lauf ließ, singt Paech das hohe Lied des Lebens in bescheidener Armut.

Und die soll angesichts der Umweltgefahren, vor allem des Klimawandels, auch in den Gesellschaften des Nordens wieder eingeführt werden. In  der Wochenzeitung „Der Freitag“ wurde zu Beginn des Jahres die Einführung einer Öko-Diktatur gefordert. In der Zeit schrieb schon vor zwei Jahren Sebastian Dalkowski „…wer sich nicht an die Verbote hält, der wird vor ein Gericht gestellt, genau wie jemand, der Giftmüll im See entsorgt.“ In dem Beitrag ging es unter anderem um die Nutzung von Plastikverpackungen. Umweltschutz gerät so zur Pose, soll nicht Probleme lösen, sondern eine puritanische Agenda befördern und das erledigen, was früher Job der Kirchen war: Den Menschen ein schlechtes Gewissen machen.

Die Idee, dass sich der Mensch zu bescheiden hat, ist nicht neu: Für Platon war klar, das  Luxus die Menschen verdirbt, der fanatische Prediger Girolamo Savonarola errichtete in der frühen Neuzeit Scheiterhaufen in Florenz, auf denen Kunstwerke verbrannt wurden. Dass die Menschen sich bescheiden sollten, war seit jeher eine Forderung repressiver und autoritärer Politik. Eine Umweltbewegung, die auf Verbote und Wohlstandsverzicht setzt, stellt sich in diese Reihe. Was natürlich nicht bedeutet, dass jede Umweltpolitik rechts und autoritär sein muss. Eine aufgeklärte Umweltpolitik müsste zum Ziel haben, dass die Menschen im Wohlstand leben und verantwortungsvoll mit der Umwelt und den Ressourcen umgehen. An ihrem Anfang müsste ein anderes Bild des Planeten stehen: Die Erde ist keine „Mutter“, sondern ein Planet. Wenn bald zehn Milliarden Menschen auf ihm leben, und das hoffentlich besser als ihre Vorfahren es jemals getan haben, wird das nur gelingen, wenn die Menschen die Erde gestalten und das mit allen technischen Mitteln, die ihnen zur Verfügung stehen mit dem Ziel eines möglichst großen Wohlstandes für möglichst viele Menschen.

Eine reaktionäre Umweltpolitik fordert den Verzicht auf bestimmte Nahrungsmittel, einen geringeren Energieverbrauch oder gar eine Verringerung der Zahl Menschen – die mit wachsendem Wohlstand ohnehin eintritt.

Eine aufgeklärte Umweltpolitik würde einen anderen Weg gehen: Sie würde darauf achten, für jeden eingesetzten Euro möglichst viel CO2-Senkung zu erhalten. Das würde, wie der Magdeburger Volkswirtschaftler Joachim Weimann in der FAZ vorrechnete, das Ende der sozial ungerechten Umverteilung von unten nach oben, also aus den Taschen der Mieter in die Taschen der Grund- und Hausbesitzer bedeuten, die mit ihren Solar- und Windkraftanlagen vom aktuellen Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) profitieren: Durch den Emissionshandel kostet die Einsparung einer Tonne CO2 5 bis 8 Euro. Durch den Einsatz von Photovoltaik 415 Euro. Wie das gelingt? Die Europäische Union bestimmt die zugelassene Menge an CO2 und vergibt Zertifikate an Unternehmen. Die können mit ihnen handeln. Wer CO2 einspart, kann seine Zertifikate verkaufen. Und die werden immer wertvoller, je weniger Zertifikate ausgegeben werden. Wie sie CO2 einsparen, bleibt Sache der Unternehmen. Subventionen fließen nicht, der Steuerzahler wird nicht zur Kasse gebeten. Es lohnt sich schlicht, weniger CO2 auszustoßen.

Viel Geld stünde so für andere Klimaschutzmaßnahmen zur Verfügung wie einem massiven Ausbau des Nahverkehres oder dem Bau von energiesparenden Sozialwohnungen. Noch mehr Geld für effektive Klimamaßnahmen wäre vorhanden, wenn der energie- und landschaftsbelastende Bau von Einfamilienhäusern nicht mehr subventioniert werden würde.

Da der Klimawandel weder ein nationales noch ein europäisches Problem ist, müssten natürlich auch Mittel in anderen Teilen der Welt eingesetzt werden, die sowohl die Lebensbedingungen der Menschen in den ärmeren Ländern verbessern als auch CO2 einsparen: Solarzellen, Windanlagen aber auch Gaskraftwerke anstelle alter Kohlekraftwerke Energieversorgung zu finanzieren macht Sinn.

Wer es ernst meint mit dem Kampf gegen den Klimawandel, kommt auch an Kernenergie (Jungle World: 2019/01) und Gentechnik nicht vorbei. Verbesserte Pflanzensorten liefern mehr Nahrungsmittel auf weniger Raum – Platz für die großen CO2-Speicher mit dem Namen „Wald“. Warum sollten Lebensmittel nicht Verbrauchernah unter technisch optimierten Bedingungen in mehrstöckigen Fabrikgebäuden industriell hergestellt werden? An der „Idiotie des Landlebens“ ist nichts Schützenswertes.  Fleisch aus Reaktoren, wie es israelische Unternehmen gerade entwickeln, schont durch den Verzicht auf Herden ebenfalls Naturflächen. Was für all diese Entwicklungen nötig ist, ist Energie. Und die kann zuverlässig auch mit Kernkraftwerken erzeugt werden. Fusionsreaktoren sind noch ein Versprechen für die Zukunft. Wesentlich sicherere und weniger Abfall erzeugende Thorium-Reaktoren werden zur Zeit in China gebaut. Startups in den USA und Kanada arbeiten an kleinen, wartungsarmen Thorium-Reaktoren, die auch in Ländern ohne Hight-Tech Infrastruktur eingesetzt werden könnten.

Energie, das ist die unsinnigste und bösartigste Forderung einer regressiven Umweltbewegung, darf nicht teurer werden. Sie muss billiger werden und mehr Menschen zur Verfügung stehen – und sollte möglichst ohne oder mit wenig CO2 hergestellt werden. Kernenergie, für eine Übergangszeit Gas und, je nach Standort, die Erneuerbaren können sie liefern. Klimaanlagen, Computer, Fahrzeuge – sie alle brauchen Energie und wenn sie für viele Menschen zugänglich sein sollen, muss sie preiswert sein. Ohne preiswerte Energie werden sich die Lebensumstände von Milliarden Menschen nicht verbessern, wird es kein Wachstum geben.

„Niedriges Wachstum (…) droht die Ungleichheit zu zementieren, und zwar sowohl im Westen als auch zwischen diesem reichen Teil und dem weniger glücklichen Rest der Welt. Zudem erschwert es den Wechsel von schmutzigem zu grünem Wachstum. Länder mit stagnierendem oder langsamem Wirtschaftswachstum ähneln stehenden Fahrzeugen: Sie sind schwerer zu bewegen oder in eine andere Richtung zu lenken als fahrende“, schreibt Frank Trentmann in „Herrschaft der Dinge: Die Geschichte des Konsums vom 15. Jahrhundert bis heute“.

Wer Fortschritt will, muss für Wachstum sein. Ingenieure und Wissenschaftler kennen die Antworten auf die Herausforderungen, vor denen wir stehen. Pfaffen, auch jene der Öko-Religionen, kennen sie nicht. Ihr Geschäft ist die Angst, nicht das gute Leben.

Der Artikel erschien in ähnlicher Form bereits in der Jungle World

6 Kommentare

Wenn Herr Paech schreibt: " „Kulturen, die an traditionellen, zumal religiösen Maßstäben ausgerichtet sind, verlieren jeden Schutz davor, ihren Modernisierungsrückstand vorgeführt zu bekommen.",
hat er zumindest nicht kapiert, daß es nicht das Problem ist "ihren Modernisierungsrückstand vorgeführt zu bekommen", sondern die traurige Entwicklung, daß sie dort, wo sie aus religösen, oder auch anderen Gründen, den Fortschritt blockieren, selber blockieren, immer weiter verarmen.
Wer sie darauf hinweist, daß sie etwas gegen diese Gefahr tun müssen, ist also nicht der Böse, sondern derjenige, der ihnen aus falsch verstandener Rücksichtnahme vor ihrer Gefühlswelt, genau diese Wahrheit nicht sagen möchte. Dazu gehört Herr Paech dann wohl. Ja, es gibt in einigen Ländern wie z.B. China, Japan, Südkorea durchaus gewaltige Entwicklungssprünge. Aber in beinahe allen Ländern Afrikas eben nicht! Und das hat Folgen für die dort lebenden Menschen. Mit der Vergangenheit zu hadern bringt kein Essen, und auf beleidigt zu machen, wenn das erwähnt wird, bringt auch kein Essen. Wer sich solche Beschützer wir Herrn Paech aussucht, hat in ihm keine Hilfe für die Bevölkerungen in ihren Herkunftsländern zu erwarten. Wie auch? Herr Paech kitzelt allerdings denen, die den Weg hierher geschafft haben, etwas das persönliche Selbstwertgefühl. Denen, die hier sind, mag es helfen, aber denen die dort wohnen, wo die Armut oder der Hunger immer größer wird, hilft es nicht. Herr Paech hilft nicht, er verschlimmert.

Also noch mehr „schmutziges“ Wachstum, noch mehr Produkte, die noch schneller ersetzt werden, in der Hoffnung, dass irgendwann einer sagt – Ja, was eigentlich?
Der Artikel stoppt an der Stelle, an der der Autor gezwungen wäre, die Gretchenfrage zu beantworten. Nämlich: Welchem Grund sollen die Reichen (egal ob Milliardär oder G7-Staat) wann haben, auf „grünes“ Wachstum umzusteigen? Außer natürlich, dass sie durch die Natur dazu gezwungen werden.

Und jetzt keine Abwiegelungen, ala „muss man klären und diskutieren“. Der Artikel endet mit der Forderung noch mehr Rohstoffe abzubauen, noch mehr Produkte herzustellen, noch mehr Abgase und Abfall in unsere Lebensgrundlage zu kippen, weil das ja Fortschritt bringen würde.
Das ist keine Lösung, das ist nicht mal eine Erklärung. Das ist die in Worte verfasste naive Hoffnung, dass der Mensch sich schon besinnen würde, wenn – da hört es nämlich auf. Über den Punkt wurde nicht mal nachgedacht.

Sorry, aber über das „Ich will ein rosa Einhorn!“-Gestampfe kann ich bei einem Erwachsenen, der auch noch Teil eines angesehenen Journalistischen Medium ist, nicht verständnisvoll Lächeln. Das ist einfach nur lachhaft. Forderungen aufstellen, aber die Argumentationskette ignorieren.

Greta sagte aber in Davos: „Es hat den Anschein, dass Geld und Wachstum unsere einzige Sinnerfüllung sind.“
https://www.welt.de/vermischtes/article187693472/Greta-Thunberg-in-Davos-Ich-will-dass-ihr-in-Panik-geratet.html

Das klingt aber nach einer Kritik an der Wachstumsgläubigkeit. Dann MUSS mehr Wachstum doch falsch sein. Wir haben doch schon früh von den "Grenzen des Wachstums" und vom Ende des Oils am Anfang der 2000 gehört.

Wenn selbst Sozialdemokraten jetzt schwere und teure E-Autos massiv subventionieren und auch von den Grünen keine bzw. zumindest keine laute Kritik kommt, muss das doch richtige Weg sein. Reiche werden durch Subventionierung mit ihren 2 Tonnen E-SUVs garantiert die Erde retten und dann in den Öko-Himmel kommen.

@con2art: Ich schreibe nicht von "grünem Wachstum". Ich schreibe von Emissionshandel, Gentechnik, Kernenergie und Technologieexport.

@Ke, muß eigentlich mehr Forschung, was ich für notwendig halte, an Wachstum gekoppelt sein? Also, brauchen wir mehr Wachstum, um mehr Forschung zu kriegen?
Nach all den Jahren bei den Ruhrbaronen fordert Stefan immer wieder mehr Wachstum, und mir fällt auf, daß ich diese Forderung automatisch mit mehr Forschung verknüpfe. Aber hängt das so eng zusammen?

@5 H Junge
Wachstum als inflationsbereinigte STeigerung der Wirtschaftsleistung eines Landes ( BIP)?

Forschung und Wachstum sind doch grundsätzlich versch. Aspekte.
Als wieder das typische Korrelation vs. Kausalität.
Mit Rohstoffproduktion ohne große Forschung lässt sich auch das BIP erhöhen:
https://newsroom.sparkasse.at/2014/08/25/anteil-rohstoffe-am-bip-ausgewaehlter-laender/22393

Dann kann man natürlich bspw. viel Sozialforschung und Genderforschung betreiben. Ob das zu mehr Wachstum führt , würde ich bezweifeln.

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