Welzers trübes Süppchen

Ein der Thesen in dem Channel 4 gesendeten Film „ The Climate Warming Swindle" war: Die größten Propagandisten des Klimawandels seien die Atomindustrie und Altlinke, die nach dem Scheitern der sozialistischen Projekte dem Kapitalismus und der Demokratie nie verziehen haben, dass sie sich Ende des vergangenen Jahrhunderts so grandios durchgesetzt haben. Ich hielt das, obwohl ich den Film gut finde, für übertrieben. Ich mag keine Verschwörungstheorien.

Foto: Uni-Bielefeld

Nachdem ich heute allerdings das lange Interview des Soziologen Harald Welzer in der WAZ gelesen habe, stehe ich kurz davor, meine Aversion gegen Verschwörungen zu revidieren, denn was Welzer da propagiert, ist nicht weniger als der Glaube an den großen Plan, der als einziges bleibt, um uns zu retten. Der…

Eine der Thesen in dem von Channel 4 gesendeten Film „ The Climate Warming Swindle" war: Die größten Propagandisten des Klimawandels seien die Atomindustrie und Altlinke, die nach dem Scheitern der sozialistischen Projekte dem Kapitalismus und der Demokratie nie verziehen haben, dass sie sich Ende des vergangenen Jahrhunderts so grandios durchgesetzt haben. Ich hielt das, obwohl ich den Film gut finde, für übertrieben. Ich mag keine Verschwörungstheorien.

Welzer – Lange Haare können schön sein – wenn sie gepflegt sind! Foto: Uni-Bielefeld

Nachdem ich heute allerdings das lange Interview des Soziologen Harald Welzer in der WAZ gelesen habe, stehe ich kurz davor, meine Aversion gegen Verschwörungstheorien zu revidieren, denn was Welzer da propagiert, ist nicht weniger als der Glaube an den großen Plan, der als einziges bleibt, um uns zu retten. Der Klimawandel, so seine These, sei die große Katastrophe, die in Zukunft dafür sorgen wird, das sowohl unsere blöde Demokratie noch unser lächerlicher Kapitalismus die Antwort finden werden. Welzer macht Fehler von unvorstellbarer Dummheit, kramt die  Argumente des Club of Rome aus den 70er hervor (Die Grenzen des Wachstums) und ignoriert jeden möglichen technischen und sozialen Fortschritt, der der Zukunft erst die Offenheit gibt, die sie nun einmal auszeichnet, sie erst zur Zukunft  macht.
Fröhlich reiht er Platitude an Platitude:

„Wenn es um Land, Wasser oder Nahrung geht, wird Gewalt als Möglichkeit der Problemlösung gesehen, zur Option schlechthin.“
Nach Jahrtausenden der Gewaltfreiheit tun sich da ja Abgründe auf…

„Es sind jetzt schon Gewichtsverschiebungen zu sehen. Je stärker die Schwellenländer wie Indien oder China werden, desto geringer wird der Einfluss der traditionell wichtigen Länder…“
Tja, das werden sich die Inder und Chinesen auch gedacht haben, als im Mittelalter die Langnasen mit ihren Schiffen vor ihren Küsten auftauchten. Die Machtverhältnisse auf der Welt sind nun einmal nicht statisch.

„ Es kann so nicht weitergehen.“
Das stimmt. Konnte es noch nie. Und wird es nicht. Es hat sich immer alles geändert. In meiner bescheidenen Lebensspanne gab es: Die bemannte Raumfahrt, das Ende der Sowjetunion, den wirtschaftlichen Aufschwung Chinas und Indiens, die Wiedervereinigung, den Siegeszug des Computers, die Gentechnik…. Es gibt keinen Grund anzunehmen, dass das Innovationstempo nachlassen wird.

„In einer endlichen Welt kann eine Ökonomie nicht funktionieren, die auf endloses Wachstum beruht.“
Oh, da haben wir aber die letzten Jahrzehnte tief geschlafen: Wer sagt denn, dass die Wirtschaft nicht auch phantastisch  mit neuen, effizienten Technologien wachsen kann? Dass  Autos, Computer etc. in 20 Jahren vielleicht ganz anders aussehen werden? Das reine Weiterschreiben des Ist-Zustandes führt natürlich zu Welzers Ergebnis – nur den kann man nicht fortschreiben.

„Wir müssen Abschied nehmen von der Illusion, dass Demokratie einen globalen Siegeszug antreten wird.“
Klar, in der Vergangenheit haben ja vor allem autoritäre Systeme gezeigt, dass sie gerade die großen Probleme viel besser lösen können als Demokratien. Der Fortschritt mag ja in China und Russland sehr langsam vorangehen – aber es gibt ihn. Blogger landen im Knast? Unter Mao wären sie erschossen worden. In Rußland sterben Journalisten? Unter Stalin gab es noch nicht einmal welche. Natürlich ist das, was in diesen Staaten geschieht, unerträglich, aber weltweit hat die Demokratie in den vergangenen Jahrzehnten eine fulminanten Siegeszug hingelegt: Polen, die DDR, Brasilien, Südkorea, Chile und und und – wieso soll man ausgerechnet heute von der Vorstellung Abschied nehmen, dass die Demokratie sich weiter durchsetzen wird, nur weil sie es bislang in China, Russland, Kuba und Nordkorea nicht geschafft hat? Übrigens: Auch in Europa vergingen zwischen dem Beginn der Aufklärung und den ersten freien Wahlen ein paar Jahre… . Ich mag Welzers Thesen nicht. Sie sind nicht nur undemokratisch, autoritär – sie sind bar jedes historischen Wissens und unendlich platt. Da versucht jemand, mit der Angst der Menschen ein ganz trübes Süppchen zu kochen. Ich will nicht in den Topf. Wir brauchen keine Ökodiktatur zur Rettung des Planeten. Wir brauchen noch nicht einmal Soziologen, die mit Angstmacherei ihre Bücher bewerben.  

33 Kommentare

Hallo Stefan,

ich erspare uns die Rundumkritik und greife lediglich Dein Hauptargument auf: „Wer sagt denn, dass die Wirtschaft nicht auch phantastisch mit neuen, effizienten Technologien wachsen kann?“

Also wer sagt das? Ich. Wir nehmen der Einfachheit halber mal ein Wirtschaftswachstum von drei Prozent als gegeben an, also den Wert, den die EU-Oberen seit dem Lissaboner Gipfel 2000 als offizielles Ziel definiert haben. Aus Gründen der Übersichtlichkeit setzen wir das Jahr 2000 als Basisjahr. Was bedeuten nun drei Prozent Wirtschaftswachstum pro Jahr? Nüchtern betrachtet – das:

Binnen hundert Jahren: ein Wirtschaftswachstum von über 1800 Prozent. Stefan, bitte erkläre mir, wie die „effizienten Technologien“ ausschauen, die trotzdem Rohstoffverbrauch und Schadstoffaustoß in einem irgendwie verträglichen Rahmen halten!

Und wie soll der Marktmagen eigentlich all das Zeugs absorbieren, das die fortgesetzt wachsende Wirtschaft auskotzt? Werden wir alle demnächst statt ein oder zwei Spritfresser 19 oder 38 supereffiziente Autos in der Garage stehen haben? Und wenn ja: Wie willst Du die (Binnen-)Nachfrage dermaßen ankurbeln, also den Mix aus (künstlich geschaffenem) Bedürfnis und (wessen?) Kaufkraft? Und, last not least: Wirst Du irgendwann einmal die Sinnfrage stellen, sagen wir mal: im Jahr 2052?

@Marcus: Ich weiß nicht, wie die Welt in 1000 Jahren aussieht – Du aber auch nicht. Ich weiß nicht, was erfunden wird – ich weiß nur, es gab immer Innovation. Im Moment wächst die Wirtschaft global, die Armut nimmt ab (OK, Weizen verbrennen ist natürlich übel, aber das ist eine Konsequenz der Klimahysterie – Dein Geschäft)und Inder und Chinesen hätten gerne Autos, aber auf jeden Fall genug zu essen, vernünftige Klamotten, Computer etc.. Im Moment sehe ich keine Grenze des Wachstums – und die Zukunft kenn ich nicht. Bis wir auf der ganzen Welt einen vernünftigen Lebensstandart haben, wird es noch viel Wachstum brauchen – mit freiwlliger Umverteilung wird es nun einmal nicht gehen und eine Ökodiktatur – oder auch jede andere Diktatur – ist wohl kaum eine Lösung. Die bittere Erkenntnis für einige scheint zu sein: Kapitalismus und Demokratie sind eine schöne Sache, hochflexibel und wenn es mal in die falsche Richtung läuft, können sich diese Systeme sogar korrigieren – und das werden sie auch in Zukunft tun. Und mein Hauptargument ist, das Welzer die Dynamik technologischer und gesellschaftlicher Prozesse schlicht ignoriert und den Ist-Zustand hochrechnet. Das ist einfach lächerlich. Sei ehrlich: Welzers autoritärer Unterton kotzt Dich doch auch an. Es gilt: No Panic!

Stefan schrieb: „Ich weiß nicht, wie die Welt in 1000 Jahren aussieht – Du aber auch nicht.“

Das ist auch nicht relevant für meine Ideologiekritik. Ich extrapoliere einen Trend, spaßeshalber. Das ist ausnahmsweise legitim, weil Du ja willst, dass dieser Trend fortgesetzt wird. Und dann stelle ich auf dieser Basis Fragen. Wo bleiben Deine Antworten?

Stefan schrieb: „Sei ehrlich: Welzers autoritärer Unterton kotzt Dich doch auch an.“

Ich habe ihn anders interpretiert als Du. Ich würde mir ja auch wünschen, dass der (sich globalisierende) Kapitalismus einher ginge mit den Errungenschaften der bürgerlichen Revolution. Wenigstens das. Aber zumindest in China ist davon bisher wenig zu sehen.

Stefan schrieb: „No Panic!“

Keine Panik auf der Titanic? Stefan, Du provozierst mich dazu, einen Bonmot von Rudolf Bahro aufzugreifen. Der Möchtergern-Ökodikator schrieb sinngemäß: Auch auf der Titanic spielte die Bordkapelle bis zum bitteren Ende.

@Marcus: Von der Titanic sind wir weit entfernt. Woher kommt nur diese deutsche Lust am Untergang und am Leiden? Sag doch lieber mal was was zu dem Autoritätsgelaber und verschon mich mit Deinem Ökozeug.

Das „Ökozeug“ ist leider ein arg evidentes Problem. Nur ein Beispiel: Wir haben in der Tat ein massives Rohstoffproblem. Und das wird seitens Wirtschaft und Politik auch offen kommuniziert. In den Verteidigungspolitischen Richtlinien der Bundesrepublik von 1992 hieß es noch schön doof offen, zu den Aufgaben der Bundeswehr zähle, „den ungehinderten Zugang zu Rohstoffen und Märkten in aller Welt“ zu sichern.

Und der BDI verkündete unlängst: „Für die Produkte, mit denen wir unser Geld verdienen und die dazu beitragen, dass wir Exportweltmeister sind, … benötigen wir eine Vielzahl von Rohstoffen…“ Die Sicherung der Versorgung mit Öl, Gas und metallischen Rohstoffen sei von „strategischer Bedeutung für den gesamten Wirtschaftsstandort Deutschland“, derzeit allerdings mit erheblichen Problemen belastet. Die Wirtschaftsliberalen rufen in ihrer Verzweiflung sogar nach dem Gottseibeiuns: der Staat soll’s richten!

Will meinen: „Um die Rohstoffversorgung langfristig zu sichern, brauchen die Unternehmen heute … die Unterstützung der Politik?. Ressortübergreifend solle die Regierung sich der „politisch verursachten Probleme auf den Rohstoffmärkten“ annehmen.

Dabei haben Merkel und Co. doch schon einen interministeriellen Ausschuss Rohstoffe eingerichtet ? „auf Vorschlag des BDI“, wie wir beim BDI lesen können. (Quelle: „BDI-Ausschuss Rohstoffpolitik konstituiert.“ BDI-Pressemitteilung vom 11. Juli 2007. Download: hier)

Nun die Frage an Dich: Sind BDI und Militärs (weltfremde) Ökos? Und: Hören sich ihre Lösungsansätze anti-autoritär an?

Rohstoffknappheit ist ein Problem, das alle Kulturen immer wieder einmal hatten. Der normale Weg es zu lösen ist technische Innovation. Forschung also. Aber doch nicht die Aufgabe von Demokratie und der Abschied von Wachstum. Wer sich von Innovation und Wachstum verabschieden will sind immer die Reichen im Norden. Die Armen hingegen hoffen auf Technik und Fortschritt weil sie noch jede Verbesserung ihrer Lebensumstände ganz direkt spüren. Das gleiche gilt für die Demokratie-nur wer in ihr lebt, spricht ihr so leichtfertig jede Zukunftschance ab.

Also noch mal:

Binnen hundert Jahren: ein Wirtschaftswachstum von über 1800 Prozent. Stefan, bitte erkläre mir, wie die ?effizienten Technologien? ausschauen, die trotzdem Rohstoffverbrauch und Schadstoffaustoß in einem irgendwie verträglichen Rahmen halten!

Und wie soll der Marktmagen eigentlich all das Zeugs absorbieren, das die fortgesetzt wachsende Wirtschaft auskotzt? Werden wir alle demnächst statt ein oder zwei Spritfresser 19 oder 38 supereffiziente Autos in der Garage stehen haben? Und wenn ja: Wie willst Du die (Binnen-)Nachfrage dermaßen ankurbeln, also den Mix aus (künstlich geschaffenem) Bedürfnis und (wessen?) Kaufkraft? Und, last not least: Wirst Du irgendwann einmal die Sinnfrage stellen, sagen wir mal: im Jahr 2052?

Noch einmal – ich weiß nicht, welche Technologien kommen – und in welche Richtungen das Wachstum gehen wird. Ich weiß nur, dass es ohne globales Wirtschaftswachstum nicht geht. Und jetzt Du – hälst Du die Demokratie auch für ein Auslaufmodell – was ist die Alternative? – Sozialismus? prust lach heul

Okay, spitzen wir zu: Die Weltwirtschaft wuchs 1996 bis 2006 jährlich um durchschnittlich 4,1 Prozent*. Nehmen wir an, sie wüchse in den nächsten hundert Jahren um durchschnittlich drei Prozent pa. Nehmen wir ferner an, wir wollten den globalen Schadstoff-Ausstoß und den Ressourcen-Verbrauch im selben Zeitraum „lediglich“ verdoppeln**. Dann müsste die Weltwirtschaft unter dem Strich um den Faktor 9,1 öko-effizienter sein. Hältst Du das für realistisch? Nur ein Gegenbeispiel: Die weltweiten Kohlendioxid-Emissionen wuchsen von 2000 bis 2006 um durchschnittlich 3,1 Prozent – und damit doppelt so schnell wie in 1990ern***. Erwartet worden waren maximal 2,3 Prozent.

* Nur am Rande: währenddessen stieg die Zahl der Arbeitslosen von 161,4 auf 195,2 Millionen. Alle Zahlen nach Global Employment Trends Brief der ILO, Januar 2007, Download hier
** Was schon problematisch wäre.
*** Daten laut Earth Policy Institute, siehe hier

Warum nicht? Wer weiß, was der nächste technologische Schub bringt? Aber jetzt mal zu meinen Fragen: Was ist die Alternative? Wie sieht es mit dem Demokratie aus?

Demokratie ist eine super Sache. Und die demokratischen Ansätze in diesem Land sind prima Appetizer. Aber, um es mit Tucholsky zu sagen: „Das ist der Pfennig, wo bleibt die Mark?“
Wünschenswert ist, dass die Demokratie nicht vor den Werkstoren und Chefetagen Halt macht. Sie muss verbreitert und vertieft werden.

Sie macht ja nicht vor den Werkstoren halt: Die Besitzer entscheiden in der Regel demokratisch untereinander wie es weiter geht – bei AGs über den Aufsichtsrat, ansonsten über die Gesellschafterversammlung.

Stefan schrieb: „Wer weiß, was der nächste technologische Schub bringt?“

Jedenfalls keine Steigerung der Öko-Effizienz um…

… den Faktor 185 bis zum Jahr 2200
… den Faktor 1.310.939 bis zum Jahr 2500
… den Faktor 3.437.120.115.585 bis zum Jahr 3000.

Tja Marcus, dann heißt es wohl wieder einmal „Das Ende ist nah“. Ein schönes Motto für eine Ruhrbarone-Tasse übrigens. Zumindest bleibt die Hoffnung auf eine Reihe guter Sommer fürs Mountainbiken. Und das Rauchverbot in Kneipen lässt sich an lauen Dezemberabenden auch besser ertragen.

Ich finde der Klimawandel ist real. An ihm sieht man, dass die Warnungen des Club of Rome nicht dumm waren. Wir können diese Realität nicht länger verdrängen. Und irgendwann wird auch Stefan das einsehen.

Nur ein Beispiel: Diese verdammten Zecken kratzen im Winter nicht mehr ab – es ist nicht lange genug kalt genug. Sie kommen jetzt schon im Frühling in den Wald bei Bottrop. Massenhaft. Das gab es vor fünf Jahren noch nicht. Ich hasse Zecken. Deswegen hasse ich den Klimwandel.

Klimawandel gab es schon immer und wirds immer geben, unabhängig davon, wie sehr die Menschheit selbst dazu beiträgt. Ich glaube, wir haben begriffen, dass sich Dinge ändern müssen, um den Karren wieder auf Kurs zu kriegen, aber ich bin da eher bei Stefan, denn diese typisch deutsche Leidens- und Panikmentalität ist weit jenseits dessen, was realistisch und konstruktiv bei unserem Klimaproblem auch nur ansatzweise helfen könnte.
Das Wirtschaftsvolumen hochzurechnen ist da auch wenig hilfreich, denn auch Du Marcus kannst nicht vorhersehen, ob in Zukunft ein doppelt so hohes Wirtschaftsvolumen einhergeht mit doppelt so hohem Verbrauch an Ressourcen. Nimm allein „normale“ Glühbirnen und aktuelle Energiesparlampen – diese Stromeinsparungen würden nicht berücksichtigt in Deiner Theorie, weil Du von den heute gültigen Technologien ausgehst. Wenn ein Auto in 2020 z.B. nur 1 Liter pro 100km verbrauchen würde, wäre es auch weit weniger dramatisch, wenn sich bis dahin die Zahl an Autos verdoppelt hätte.

Liebe Leute, können wir uns ? BITTE ? darauf verständigen, dass Klimawandel kein German Angst-Freakout ist, egal wie viele German Angsthasen sich an der Debatte um das Klima und seinen Wandel beteiligen? Es ist einfach albern, da immer nach etwas typisch Deutschem zu suchen; es hieß „Club of Rome“ (und nicht „Clube of Heidelberg“) und Al Gore ist auch nicht der Beinahe-Bundeskanzler DIESER Republik. Also vergesst mal für einen Moment Eure Rudolf Bahro? / Baldur Springmann-Traumata!

@Marcus: Kein Argument? Eine schöne Geschichte, die zeigt, dass Du Deine Zahlenkolonnen vergessen kannst: Im 19. Jahrhunderts hatten Stadtplaner eine große Sorge: Der wachsende Verkehr sorgte für immer mehr Pferdemist in den Straßen – ein damals großes hygienisches Problem. Es gab Hochrechnungen, wie sehr bei einem weiteren Verkehrswachstum die Menge des Pfedemistes wachsen würde. Den Städten wurde der Kollaps prophezeit. Dann kamen das Auto und die elektrische Straßenbahn. Ausserdem wollte ich mit meinem Artikel gar keine Diskussion über das Wetter beginnen, sondern darüber, für was die Klimadebatte instrumentalisiert wird. Aber da helfen natürlich keine Stellen nach dem Komma…

?Dann kamen das Auto und die elektrische Straßenbahn?.

Die sind aber nicht vom Himmel gefallen, sondern aufgrund von gesellschaftlichen, ökonomischen usw. Notwendigkeiten erfunden worden. Notwendigkeiten, wie sie auch in derartigen Pferdemisthochrechnungen zum Ausdruck kamen: Städte wachsen, Mobilität wächst und Pferdekutschen sind keine Lösung mehr. Punkt. Dann wurde erfunden. Solche Hochrechnungen behaupten ja nie, dass es zwangsläufig so kommen wird, sondern formulieren auf drastische Weise einen Innovationsbedarf (?Wir brauchen was anders als Pferdekutschen, sonst ersticken wir im Mist!?). Ich vermute, dass Marcus Meiers Zahlenkolonnen die gleiche Funktion haben sollen.

Und deshalb sind auch Harald Welzers Thesen nicht ?undemokratisch? oder ?autoritär?. Sondern er extrapoliert ein paar unbestreitbare Wahrheiten (Gewalt ist eine Option in Verteilungskämpfen um begrenzte Ressourcen, egal ob man das nun gut oder schlecht findet). Er wird es, seien Sie sicher, genau so schlecht finden wie Sie, Stefan.

Aber er signalisiert: Hier gibt es Innovationsbedarf, und der geht weit über Energiesparverordnungen, Pfandrückgabestationen, Hybridmotoren und ?strategischen Konsum? hinaus. Und dieser Innovationsbedarf betrifft eben auch ein paar Aspekte von ?Demokratie? und ?Kapitalismus? ? was aber nicht weiter schlimm sein sollte, denn beide sind dank ihrer ausgeprägten Innovationsfreundlichkeit ja noch am Leben (anders als der so genannte Staatssozialismus). Auch der bloße Hinweis darauf, dass es einen global wirksamen Quasi-Automatismus in Richtung Demokratie nicht gibt, ist genau so wenig ?undemokratisch?. Welzer sagt ja nur, was wir alle sehen: Es gibt nicht nur eine Richtung, in die sich Gesellschaften entwickeln. Und: Demokratie ist kein Selbstläufer.

@Dirk: Zwischen „Kein Selbstläufer“ und „kein globaler Siegeszug“ ist nun einmal ein kleiner, aber feiner Unterschied – er relativiert die Zukunfstfähigkeit demokratischer Systeme: „Man muss leider feststellen, dass Modernisierung ohne Demokratie offensichtlich viel besser geht als mit.“ Sorry, das ist kompletter Mumpitz. Schön ist auch: „Wir sollten kostenlos Hochtechnolgie nach China und Indien exportieren, damit die von vorneherien viel effizienter Energie produzieren.“ Das wird die Patentinhaber aber freuen, wenn ihre Ideen verschenkt werden. Die Innovationen gehören jemandem – kein Staat hat das Recht, sie ihm einfach zu entreissen. Tut mir leid, aber die Eigentumsrechte gehören für mich zur Demokratie dazu. Und dann noch: Die westlichen Unternehmen stehen mit China in einem Wettbewerb – es gibt schlicht nichts zu verschenken. Bei Welzer spürt man in jeder Zeile den Glauben an die große Lösung, an radikale Schnitte. Dabei werden es viele kleine und innovative sein. Ich weiß nicht, wie die Zukunft sein wird, aber über eines bin ich mir sicher: Sie wird nicht planbar sein.

Ja, ich weiß, solche Sätze tun vielen weh, aber sie sollen sagen, dass es mit ein bisschen Innovation eben nicht getan ist. Und: ?Relativieren?, also in Relation setzen, ist genau das, was ich von einem Wissenschaftler erwarte. Es ist doch kein Hochverrat am demokratischen System, wenn er feststellt, dass parademokratische Staaten wie China und Russland im Moment ökonomisch ein wenig schneller unterwegs sind als das gute alte West-Europa. Die interessante Frage ist doch: Warum? Und: Wäre das, was da so für Tempo sorgt, auch für demokratische Gesellschaften denkbar? Oder eben nicht ?

Und noch ein Satz zum Verschenken von technologischem Knowhow: Eine Wirtschaftsordnung, in der Optionsscheine auf künftige Verschmutzungsrechte gehandelt werden (also nicht gerade Brot, Eier, Mehl und sonstige Dinge, die man anfassen kann), wird ja wohl in der Lage sein, für die kostenlose Weitergabe von Knowhow irgendeinen Kompensationsmodus zu erfinden ? alles andere wäre ein echte Enttäuschung. Ansonsten würde sich der gute alte Kapitalismus eben doch noch ein bisschen mehr erneuern müssen. Das trauen Sie ihm aber zu, nicht wahr?

@Dirk: Rußland ist schnell weil es Bodenschätze hat. Technologisch ist da nicht mehr viel. Und China? Wer von dem Niveau kommt hat nun einmal starke Wachtumsraten. Das ist bei fast allen „jungen “ Volkswirtschaften so – bei „reifen“ wie in Europa sinkt die Wachstumsgeschwindigkeit tendenziell ab. Mein Problem ist, das Welzer weitreichende Schlüsse aus der Beobachtung einer realtiv kurzen Zeit schließt – das führt zu knalligen Thesen, aber zu wenig Erkenntnis. Warten wir doch mal ab wie die Dikatur in China sich in den nächsten Jahrzehnten weiter entwickelt und die vielen Konflikte – Wanderarbeiter, Arbeitslosigkeit, Wohlstandsgefälle, Umweltprobleme etc. moderiert bekommt. Mit Gewalt kann man den Deckel immer nur für eine begrenzte Zeit auf dem Topf halten. Welzer argumentiert unhistorisch, aus dem Moment heraus. Für die Weitergabe von Know-How haben wir übrigens ein tolles Kompensationsmittel: Geld!
@Jens: Auch wenn man sich wegen des Klimas sorgt – warum man den Klimawandel nicht genug instrumentalisieren kann erschließt sich mir nun wirklich nicht.

Unhistorisch? Ja, darüber lässt sich reden ? auch wenn Welzer in seinem Interview selbst ja auch nur von der gegenwärtigen Modernisierung Chinas spricht, die ohne demokratische Regelungsformen schneller sei als mit.

Geld? Wenn man Knowhow kostenlos verschenken will, ist Geld nicht gerade die erste Gegenleistung, die mir einfällt. Das würde ich nach wie vor „verkaufen“ nennen.

Ich kenne noch andere Texte von Welzer als dessen Autor er mir übrigens als kluger Kopf und überzeugter Demokrat erschienen ist. Ich glaube aber sowieso nicht, dass sich der Klimawandel wie er sich, selbst bei seriöser wissenschaftlicher Prognose, für die sagen wir mal nächsten 100 Jahre ankündigt, überhaupt einer rationalen geschweige den wissenschaftlich-technischen Diskussion zugeführt werden kann. Zumindest nicht für die überwiegende Mehrheit der Weltbevölkerung.

Das Problem wird vielmehr im unmittelbaren Überlebenskampf gelöst werden. Die dazu notwendigen „Kulturtechniken“ sind uralt und wir im „zivilisierten“ Europa lernen sie schon seit längerem wieder. Z.B.: Zuschauen wie andere zu Grunde gehen ohne auch nur zu helfen zu versuchen; Grenzen für Flüchtlinge dicht machen auch wenn sie direkt davor krepieren; nur dann – wenn überhaupt – mit anderen zu teilen, wenn wir selbst dadurch nicht weniger haben; fest zu glauben, dass alles was wir gewinnen/bekommen uns auch zusteht; davon überzeugt sein, dass jedes Leid letztlich durch den Leidenden selbst veursacht wird.

Biologen nennen das die mentalen Voraussetzungen der Auslese und betrachten sie als quasi natürliche Eigenschaften des Menschen. Genauso wie sie die Auslese selbst als natürlichen Prozess ansehen. Der Klimawandel beschleunigt diesen (mal wieder) nur. Der Natur selbst ist es dabei völlig egal von wem oder was diese Veränderungen verursacht worden sind.

Ansonsten gilt früher oder später: rette sich wer kann. Und wenn dazu neue Technik notwendig ist, dann wird sie erfunden werden. Natürlich für die meisten der Betroffenen zu spät. Und wenn sie dann da ist wird sie vor allem denen nutzen die sowie schon besser dran sind. Alles nicht wirklich neu, oder? Die Menschen lernen als einzelne, als Gruppe und erst recht als Masse nur durch Krisen/Katstrophen und das immer erst wenn sie nicht mehr aufzuhalten sind, d.h. immer zu spät. Das Buch von Herrn Welzer wird daran auch nichts ändern und Herr Welzer weiß das natürlich.

Aber sein Job ist es nun mal Bücher zu schreiben. Dafür belohnt ihn seine wissenschaftliche Community, damit wird er noch bekannter und damit kann er darin weiter aufsteigen. Und das ist völlig o.k. so. Oder nicht?

Genau solche Debatten, möglichst noch sachlicher, hatte sich das KWI gewünscht, allerdings auch dass unsere Positionen wirklich gelesen und ernsthaft analysiert werden. Insofern freut es uns, dass Ruhrbaron Stefan Laurin, dem der Neid im Gesicht steht, hier kräftig auf die Mütze kriegt. Er ist womöglich die Art von Ruhrbaron, die das 20. Jahrhundert dominiert haben.
Zur Lektüre einstweilen: http://www.zeit.de/2007/45/U-Klimakultur?page=all
und vieles weitere.
Bis bald
Claus Leggewie
(KWI)

@Arnold:
Da ist sie wieder, die Voßsche Illusionslosigkeit.

Nein, Sie haben recht, niemand glaubt, dass Harald Welzer mit seinem Buch die Welt verändern wird. Dennoch: Ist die Vehemenz, mit der Stefan das im WAZ-Interview Gesagte kritisiert und dabei auch vor totalitären Schreckgespenstern nicht Halt macht (?undemokratisch?, ?autoritär? etc.), nur sinnlose Ideologiekritik im Angesicht naturgesetzlicher Ausleseprozesse, wie sie ohnehin stattfinden? Oder der Umstand, dass er uns jetzt Manuel Frondel vom RWI nachgeschoben hat (dessen Süppchen wir womöglich weniger trüb finden sollen), nur unnötiges Rechtbehaltenwollen? Ich glaube nicht. Nein, das Streiten um konkurrierende Politikkonzepte macht schon Sinn, weil The Big Auslese eben doch nicht so naturgemäß unvermeidlich stattfindet. Und schon gar nicht mehr nur woanders (das Schöne an der Globalisierung ist, dass sich jeder Eurozentrismus von selbst erledigt). DER Streit muss also sein: ob RWI-Kost oder KWI-Süppchen (oder irgendwas anderes) ? das macht schon einen praktisch-politischen Unterschied.

Der Natur mag das letztlich egal sein, mir nicht.

@Claus Leggewie:
Naja, für Schadenfreude (?auf die Mütze kriegen? etc.) gibt es eigentlich wenig Anlass. Bislang sehe auch bei Ihnen nichts, was nicht auch schon im 20. Jahrhundert gedacht wurde ? die Gottfried Benn-Nummer (in Ihrem hier geposteten ZEIT-Artikel) macht?s ja noch mal überdeutlich. Und was die fünf Millionen Menschen, die ?auf die Ruhr schauen und sich nicht abfinden? sollen, dort womöglich zu sehen bekämen, kann ich auch noch nicht erkennen.

Das, was ich sehe, ist: Die Kulturwissenschaften entdecken den Klimawandel als Betätigungsfeld.

Das ist nicht wenig, aber auch nicht viel.

Das klingt mir alles zu sehr nach dem 70ger Jahre Spruch „Und wenn die Welt morgen zur Grunde geht so werde ich heute noch ein Apfelbäumchen Pflanzen“. Was man natürlich prima sagen kann, wenn man im Garten hinter dem Haus bei einem guten Glas Wein über den Klimawandel mal so richtig tief nachdenkt und dann darüber ein so richtig dickes Buch schreibt.

Sollte allerdings jemand der in Darfur oder sonstwo auf der Flucht ist jemals die „Zeit“ in die Hand bekommen und aus irgendeinem Grunde in der Lage sein den Text der Herren Welzer, Leggewie und Co. zu lesen respektive zu übersetzen dann wird er endlich wissen, dass ihn die Welt verlassen hat. Bis die Jungs auch nur den Forschungsantrag durchkriegen mit dem sie die vielen Fragen aus diesem Artikel vom Journalistensprech in den Wissenschaftssprech übersetzen haben, ist er lange tot. Es sei denn er hat ein Waffe und das Aggressionspotential um sie einzusetzen. Und selbst dann könnte es schwierig werden.

Aber das spricht natürlich nicht dagegen, dass nun auch die Kulturwissenschaft mal so richtig loslegt und in vielen möglichst weltweiten Konferenzen darüber nachdenkt, ob das Problem dieser Person nicht auch ohne eine gut geölte Maschinenpistole zu lösen gewesen wäre.

Dann mal los meine Herren!

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