Weder hart noch fair

TV-Show Hart aber fair Foto: WDR/Oliver Ziebe Lizenz: Copyright


Strafrechtsprofessorin Monika Frommel, deren Einschätzung zum Thema am Morgen zuvor bei uns erschienen war. Von unseren Gastautoren Johannes Richardt und Christoph Lövenich.

Mit ihrer Position, dass Regisseur Dieter Wedel durch Kampagnenjournalismus an den „digitalen Pranger“ gestellt wird, stand sie in der Diskussionsrunde alleine da. Das Interesse an der strafrechtlichen Unschuldsvermutung und am juristischen Umgang mit Sexualstraftaten schien bei den übrigen Teilnehmern wenig entwickelt. Stattdessen herrschte die Meinung vor, dass die Vorwürfe alle schon stimmen werden und überhaupt der böse Sexismus allgegenwärtig sei. So erschöpften sich viele Redebeiträge darin zu erklären, was man alles dagegen unternehme bzw. zu unternehmen gedenke, und im „Moral Posing“ und „Virtue Signalling“ – also einem moralisierenden zur Schau tragen der „richtigen“ Gesinnung. Dabei waren sich alle Diskutanten weitestgehend einig in Bezug auf ihre ‚gute Sache‘ – mit Ausnahme, wie bereits erwähnt, von Monika Frommel, der so mit ihrem Beharren auf einer an rationalen und rechtsstaatlichen Prinzipien orientierten Bewertung des Falls Wedel die undankbare Rolle der Skeptikerin und Quertreiberin in der Runde zufiel.

Wenn schon die Machtausübung von Männern kritisiert wurde, hätte Zeit-Magazin-Chefredakteur Christoph Amend ruhig mal gefragt dürfen, wieviel Machtspiel denn hinter seiner „konstruierten“ (Frommel) Anti-Wedel-Kampagne steckt. Im Novo-Betrag erläutert die Strafrechtlerin ausführlich, wie wenig juristische, aber letztlich auch journalistische Substanz die Zeit-Berichterstattung hat.

Thomas Kleist, Intendant des Saarländischen Rundfunks (SPD), konnte sich weitestgehend ohne kritische Nachfragen von Herr Plasberg als Aufklärer profilieren, der sich der gesellschaftlichen Verantwortung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks bewusst ist. Dabei versäumte er es auch nicht, sich mit Phrasen der Selbstkritik am Sexismus in der eigenen Institution als moderner Mann und Frauenversteher zu inszenieren, während er wenig später eine Diskussion zwischen zwei Frauen auf dem Podium in bester Macho-Manier einfach abwürgte und sich überhaupt als schulbuchartiger männlicher Selbstdarsteller gerierte.

Bundesfamilienministerin Katarina Barley (SPD) trug wenig zum eigentlichen Thema bei, was aber nicht weiter auffiel, da die Sendung immer weiter in verschiedene Themengebiete diffundierte (Alltagssexismus, Schikane am Arbeitsplatz, …). Ausdiskutiert werden konnte vieles nicht, aber das schien auch nicht in der Absicht des Formats zu liegen.

Monika Frommel etwa ließ die Sendung zu wenig Gelegenheit und Zeit, ihre kritischen Positionen auszuführen, z.B. zum opferzentrierten Diskurs und zur Verantwortung von Frauen, sich selbst zu wehren. Dabei wäre gerade dieser Aspekt es wert gewesen, näher beleuchtet zu werden. Die in immer kürzerer Frequenz folgenden PR-Kampagnen des modernen Feminismus – sei es nun die Aufschrei-Kampagne, das Team-Gina-Lisa oder zuletzt #metoo – erwecken zunehmend den Eindruck, es gehe vor allem darum, Frauen als wehrlose Opfer darzustellen. Etwas, wogegen sich die Generation von Feministinnen, der Frommel angehört, noch entschieden zur Wehr gesetzt hat. So war es auch kein Wunder, dass ihr emanzipierter Ansatz, eine „Schelle“ gegen einen Mann bei einer unangemessenen Anmache könnte hilfreich sein, auf allgemeine Verständnislosigkeit in der Runde stieß.

Auch ihr Hinweis, der frühere Sexismus in Organisationen und der Gesellschaft insgesamt sei mittlerweile dem Gegenteil gewichen, einem Konformismus, mit dem etwa beim Fall Wedel alle auf den gleichen Zug springen, hätte nähere Erörterung verdient gehabt. Denn ein weiteres Kennzeichen der aktuellen feministischen Opferdiskurse besteht gerade im Schwarzmalen des Status Quo und im Ausblenden der erfreulichen gesellschaftlichen Fortschritte der letzten Jahrzehnte, wohingegen Kritiker dieser düsteren Weltsicht nicht selten als politisch rückständig oder unmoralisch abgestempelt werden .

Eine harte Auseinandersetzung fehlte, in der unterschiedliche Standpunkte argumentativ hätten geklärt werden können. Gegenüber Wedel und wohl mehr noch gegenüber anderen potentiellen Beschuldigten war es wenig fair, unterschiedliche Straftaten und subjektiv unangemessenes Verhalten einfach miteinander zu vermischen sowie den Aspekt der rufschädigenden Falschbeschuldigungen fast ganz auszuklammern. Man ist sich lieber einig und signalisiert so, entlang welcher Linien zeitgeistkonform gedacht werden soll.

Der Artikel erschien bereist auf Novo

4 Kommentare

"Aux Armes!" – nicht gegen tumbe Macho-Dinos. Gegen die können wir uns doch lange wehren. Aber gegen die neo-feministischen Frauenbevormunder*innen. Von denen geht grad die größere Gefahr aus. Wie war das noch gleich – die Gesellschaft der Zukunft soll nicht eine feminine sein, sondern eine menschliche. Danke für den Artikel, Jungs!

Weil in der Sendung seitens Plasberg gefragt wurde, ob die Presse denn berichten darf, wenn noch kein Urteil gesprochen wurde, habe ich überlegt, wie die Presse normalerweise berichtet.
Dazu wird immer! das Wort "mutmaßlich" strapaziert. Auch die ZEIT macht das so. allerdings nicht im Zusammenhang mit "mutmaßlichem Sexismus". Da fehlt dieses Wort.
Wie die Zeit normalerweise über kriminelle Delikte, sogar über solche, die von TV-Kameras aufgezeichnet wurden, schreibt, habe ich gerade einmal untersucht. Und zwar am Beispiel eines einzigen Artikels der heutigen ZEIT-Online:

"Brüssel – Prozess gegen mutmaßlichen Paris-Attentäter"

"Der mutmaßliche islamistische Terrorist Salah Abdeslam hat sich zum Auftakt seines ersten Prozesses in Brüssel als Opfer dargestellt "

"Nach Darstellung der Behörden war er seit seiner Kindheit mit dem später getöteten mutmaßlichen Drahtzieher der Anschläge befreundet, Abdelhamid Abaaoud."

Der untersuchte Artikel:
http://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2018-02/salah-abdeslam-anschlaege-paris-attentaeter-prozess-bruessel

Nachdem was ich alles über Wedel und das, was er über sich selbst heraus posaunt hat, gelesen habe, handelt es sich um ein machtgeiles und selbstverliebtes Arschloch. Natürlich hat auch so Jemand recht auf einen fairen Prozess. Trotzdem will bei mir einfach kein Mitleid aufkommen, wenn er schon vorher heftig durch den Kakao gezogen wird. Das mag nicht rechtens sein. Da er das aber gerne selbst vor Publikum mit anderen gemacht hat, wenn sie nicht fügsam waren, kann ich darin keine Ungerechtigkeit entdecken. Im Gegenteil. Wer gerne andere fertig gemacht hat, sollte sich nicht wundern, wenn er irgendwann selber fertig gemacht wird.

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