Vorkriegs-Notizen (6): Ökonomie der Primaten (für Stéphane Hessel)

New New Deal
Jetzt, da die Reichen auf ewig jedweder eigenen Armut abzuschwören gedenken (außer der ihres Geistes), sollen bitteschön auch die Armen endgültig auf jeden Reichtum verzichten.

Was man nirgendwo glauben sollte:
Wenn die Griechen (Spanier, Portugiesen…) nur gutheißen wollten, dass es ihnen ab sofort auf lange Sicht schlechter gehen muss, ginge es ihnen bald besser.
(Dank an Hardt & Negri)

Entfesselungskünstler
In der „freien Marktwirtschaft“ sind nur sie wirklich frei von Fesseln:
Teile der Wirtschaft und des Marktes. Frei vor allem von jeder Rücksicht auf Menschlichkeit.

Buffett:
Warren Buffett, einer der reichsten Männer der Welt, gern als Philanthrop und Milliardär bezeichnet, sagte in einem Interview: “There’s class warfare, but it’s my class, the rich class, that’s making war, and we’re winning.”
In der ZEIT wird das übersetzt das mit: „Es herrscht Klassenkrieg, richtig. Aber es ist meine Klasse, die Klasse der Reichen, die Krieg führt, und wir gewinnen.“

Charity Ladies
Sie hätten wirklich nichts zu verlieren als ihre Ketten – denn mehr haben sie nicht zu bieten mit ihren von Nervengift entstellten Gesichtern.
Aber sie bleiben standhaft, aufgebockt auf zwei Manolo-Blahnik-Pumps, und halten sich sogar selbst aus – luxuriös verwahrlost, mediengerecht. Es ist halt angenehmer, auf Pumps zu leben als auf Pump. Aber im Zweifel: Besser auf Pump vom Geld der anderen leben als ohne Pumps.

Maische (Stärke in Zucker verwandelt)
Sandra Maischberger z.B. ist eine von denen, die sich in den Medien so lange dumm stellen, bis sie’s tatsächlich sind. Gerne tut sie so, als ob vier Halbwahrheiten eine ganze ergäben.

Geld negiert die Welt.

Richtig falsch
Angeblich gibt es kein richtiges Leben im falschen. Aber gab es denn je ein richtiges Leben im richtigen? Falsches Leben im falschen dagegen findet sich überall.

Repräsentative Demokratie
Jene elend bemühte Show von Volks-Vertretern, die eine Volksherrschaft vorspiegeln, die es nie gab.
(Obwohl: Vielen bleibt heute – weltweit gesehen – nichts anderes übrig, als erst einmal eine repräsentative Demokratie zu erkämpfen, die es dann als hohle Fassade zu überwinden gälte.)

Was ist der Überfall auf eine Bank gegen die Überfälle der Banken auf ganze Staaten? (Und gegen die Überfälle der Banker auf ihre Banken?)
Auf arte konnte man am 26.2.13 mit Harald Schumann in der Sendung „Staatsgeheimnis Bankenrettung“ lernen: Lasst endlich Banken pleitegehen. Denn die Bankenrettungen dienen nirgends der Rettung des „Systems“ oder dem vielbeschworenen Erhalt des „Vertrauens ins System“ (so etwa Schäuble in der Sendung). Sie dienen vor allem den Banken mit ihrer Vollkasko- und Asozial-Schmarotzer-Mentalität selbst, die völlig risikolos darauf vertrauen dürfen, dass sie auch bei selbstverschuldeten Verlusten sicher durch Staatsgelder gerettet werden. Staaten wie Irland stehen ein für die Fehlspekulation inländischer wie ausländischer Banken mit Milliarden Euro der Bürger. Was will man auch erwarten von Staaten (und ihren Politikern), die mit ihren Schulden sowieso schon ganz den Banken gehören?

Staatsgeheimnis Bankenrettung & Bankgeheimnis: Staatszerschlagung/Politikentmachtung
Schumann konnte minutiös erhellen, dass Staaten wie Irland, Griechenland, Spanien, Portugal (bald sicher deutlicher Italien und Frankreich…) auch über die EZB gezwungen werden, auf Jahrzehnte Schulden und angehäufte Zinsen meist bei jenen Großbanken (Fonds usw.) zu bedienen, von denen nun die Staaten wiederum das Geld leihen müssen, damit eben diese Staaten ihre „Schulden“ bei den Banken zahlen können. Als Zugabe werden überall nationale Sozial-, Bildungs- und Kulturstrukturen zerschlagen, um Staatsausgaben zu drosseln, die den Menschen zugute kämen.
Finanzmärkte und Banken zerstören also (gern unsichtbar und geräuschlos) genau jene Strukturen, jenes „System“, auf das sie sich berufen, wenn sie bei gigantischen Fehlspekulationen fordern, sie müssten als „systemrelevant“ gerettet werden, weil sonst das „System“ oder „das Vertrauen ins System“ verloren gingen.
Grotesk.

Kapitale Dompteusen
Bei „Börse vor acht“ vor der Tagesschau werden wir lächelnd abgerichtet auf ein System, das hirn- und herztoten Anlegern neue Lebendigkeit verspricht, wenn sie alles lebendig Menschliche verneinen und abtöten.

Paris Plages
Lasst uns endlich alle auf die Straße gehen!
(Wenn’s Wetter schön ist und die Cafés geöffnet.)
Auf den Pflastern liegt der Sand!

Occupy Small Streets! Nieder mit „Nieder mit“. Es lebe „Es lebe!“

Nie mehr arbeitslos
Wenn man uns keine Arbeit gibt, machen wir sie uns halt selbst – und beginnen zu denken.

Schaltet die Fernseher ab
Warum noch jene Programm-Lügen per Nachnahme empfangen, die jeden tiefen, schönen Gedanken durch das Geschwätz Frauke Ludowigs oder Markus Lanz’ zersetzen?

Enlightenment
17. Dezember 2010, Mohamed Bouazizi in Sidi Bouzid (Tunesien): Muss sich wirklich erst einer verbrennen, damit vielen ein Licht aufgeht?

Hä?
Kultur? Hä? Kultur fördern? Hä?
Kulturlos geht’s doch auch – wie sogenannte Kulturpolitiker überall beweisen.

Haimat
Haimat! Hier kenn‘ ich die meisten, meist kleine Fische. Hier schwimm‘ ich mit dem Strom durch den Schwarm. So erkennt mich keiner bis zuletzt. Hier kenn‘ ich mich aus. Hier werdet ihr mich kennenlernen.

Wirklicher Reichtum
„Dass der wirkliche geistige Reichtum des Individuums ganz von dem Reichtum seiner wirklichen Beziehungen abhängt, ist nach dem Obigen klar.“
(K. Marx, Deutsche Ideologie, MEW 3, 37)

Am Anfang war die Stille
„‘Die Schwierigkeit ist heute nicht mehr, dass wir unsere Meinung nicht frei äußern können‘, erklärt Gilles Deleuze, ‚sondern Freiräume der Einsamkeit und des Schweigens zu schaffen, in denen wir etwas zu sagen finden. Repressive Kräfte hindern uns nicht mehr an der Meinungsäußerung, im Gegenteil, sie zwingen uns sogar dazu. Welche Befreiung ist es, einmal nichts sagen zu müssen und schweigen zu können, denn nur dann haben wir Möglichkeit, etwas zunehmend Seltenes zu schaffen: Etwas, das es tatsächlich wert ist, gesagt zu werden.‘“
(Nach: Michael Hardt/Antonio Negri: Demokratie! Wofür wir kämpfen. Campus Verlag. Frankfurt/New York 2013)

Event-Ruine
Nach einem Abend der Zerstreuung benötige ich drei Tage der Sammlung, um Reste von mir zusammenzusetzen. Vieles findet sich aber auch nicht wieder.

Benutzt
Es gibt heute viele, die mir ihre Benutzer-Oberfläche anbieten und locken: „Touch me!“
Aber berühren lassen sie sich von gar nichts.

Wie geht es mir? Bloggertraum
Eines Tages werde ich so viel Information produzieren, dass ich damit alle Kommunikations-Kanäle restlos verstopfe. Auch die derjenigen, die fortwährend Information über mich selbst produzieren. Danach schaue ich aus dem Fenster, streiche mit der Hand übers Glas und ertrage, dass es kein Touchscreen ist, der mich fragt, wie es mir geht, wie ich mich fühle, was ich gerade mache.

1 Kommentar

…bei Deleuze ist es wie oft – klingt einleuchtend, alle Intellektuellen klatschen (man nimmt ihn besonders gern, um sich elitär zu fühlen) – und es stimmt nicht ganz.
Die Allermeisten (die hier erwähnte Maischberger – &Illner Jauch Plasberg – sorgt mit vielen tausend Leuten auch gern dafür) zwingen keineswegs zur Meinungsäußerung, sondern Scharen resignierter, unterbezahlter, arbeitsloser Frauen und Männer nicken millionenfach ab, was nicht nur talg-shows an Meinungen produzieren. Zu eigenen Meinungen gezwungen werden sie alle nicht. Medienwellen bringen sie seit längerem zum schweigen. Leider reden zuviele, auch Deleuze, nicht von allen, sondern von ein paar Leuten um sich, und merken es nicht mal.
Daß so viele, die längst neokonservativ geworden sind, auch unter MedienwellenproduzentInnen, Deleuze verehren, wundert nicht mehr. Die “ich bin jetzt voll im System – aber voll subversiv”-Leute, und da gibt es viele, mögen viele Deleuze-Sätze besonders. Stéphane Hessel, dieser wunderbare Mann, war dafür nicht bekannt.
Und sonst – schöne Sätze für ihn. Hessel wird man nach den Nachrufen nicht vergessen, oder? Hoffen wir es.

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