Vorkriegs-Notizen (3): Über Boualem Sansals „Das Dorf des Deutschen“

Boaulem Sansal in Gladbeck 2012

Ich hatte hier bereits geschrieben, dass unterm Strich die Kriege der Gegenwart und deutsche Soldaten als ihre Mitstreiter lange weitgehend verdrängt und nur sehr selten zu Stoff oder Figuren aktueller deutschsprachiger Literatur wurden.

Vom Dorf Deutschland in „Das Dorf des Deutschen“
Wer allerdings den deutsch-bornierten Denkraum verlässt und die sprachmächtigen, komplexen und fein gebauten Romane des algerischen Schriftstellers Boualem Sansal liest, kann und soll wohl dem Thema „Krieg & Gewalt“ nirgends ausweichen. Angesichts der Geschichte und Gegenwart Algeriens musste Sansals Thema immer auch der Alltag des Krieges sein, all die Revolten, Massaker, Staatsstreiche, Bürgerkriege und Diktaturen, die das Land ruinierten.
Dass auch dies so weit weg von uns nicht ist, eher ganz nah, das beweist Boualem Sansal etwa mit seinem Roman „Das Dorf des Deutschen“. Darin erzählt er so realistisch wie poetisch, erschließt beim Aufspüren von Familiengeheimnissen, beim Erforschen von Individualgeschichte auch immer die Geheimnisse und verdrängte Geschichte von Staaten, Gesellschaften, Opfern und Tätern.

Deutsche Wertarbeit für den Maghreb
Oft sind es in seinen Romanen die Söhne, die den Geheimnissen ihrer Familie nachgehen und auf Ungeheures stoßen. In „Das Dorf des Deutschen“ müssen zwei Söhne eines Mannes aus einem algerischen Dorf erkennen, dass ihr Vater ein deutscher Nazi, ein SS-Mann war: Einer der den Holocaust mitorganisiert hat, einer der nach Kriegsende sich in Algerien versteckt hielt, eine junge Algerierin heiratete und dann erneut Kriegstreiber wurde – diesmal als Ausbilder von Kämpfern, die Diener vieler machthungiger Herren wurden. Auch und gerade so persönlich kann Gewalt über die Zeiten und Länder weitergegeben werden – wie ein Virus, quasi ansteckend und immer neu traumatisierend.
Erschreckend dabei ist in den Romanen Sansals wie in der Realität selbst, dass nicht nur jeder mit jedem Täter verwandt sein könnte, sondern auch jeder jederzeit jedermanns Mörder werden kann. Totalitäre Ideologien und Apparate, Terrorismen in vielerlei Gestalt machen es möglich, kommen in immer neuen Masken daher, mal als Nationalismus, mal als stalinistischer Sozialismus oder Islamismus oder eben wie bei uns als Terror der Ökonomie, als Primat einer Ökonomie, das unversehens zur Ökonomie der Primaten wurde.

Religionen: Dran glauben müssen!
Boualem Sansal ist ein scharfer Kritiker des Islamismus oder besser: überzogener religiöser Machtansprüche gleich welcher Art auch immer. Aus seinen Erfahrungen und Erzählungen vom jahrzehntelangen islamistischen Terror im Maghreb ließe sich auch für Deutschland etwas lernen.
Boualem Sansal beschreibt komplex und klar zugleich, wie religiöser Fanatismus in Algerien über das Angstmachen, das Besetzen von Sprache und Denken, über den Aufbau realer Machtstrukturen langsam aber sicher eine Gesellschaft bis in die letzten Winkel der Häuser und Hirne besetzen kann.
Zurecht fordert er für seine Heimat etwas, dass auch wir hier erst wieder deutlicher zu fordern hätten: einen strikten Laizismus, eine striktere Trennung von Staat und Kirche. Religionsausübung gehört vor allem in den privaten Raum. Gleiches Recht für alle Religionen gilt zurecht dort, wo gleiche Pflichten aller Religionen im Rahmen unserer Verfassung geachtet werden. Und natürlich müssen sich Religionen der öffentlichen Kritik ebenso stellen wie dies andere Ideen oder Weltanschauungen auch tun müssen.
Boualem Sansal setzt sich als großer Humanist erzählend und essayistisch immer wieder – auch sich selbst gefährdend – für Menschenrechte und Bürgerrechte, Toleranz und freies Denken nicht nur in Algerien ein.
In seiner Dankesrede zur Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels 2011 sagte er, der Friedenspreis habe ihn verändert: „Ich diente unbewusst dem Frieden, nun werde ich ihm bewusst dienen …“

„Es kommt eine weltweite Veränderung auf“
Er hoffe, dass all das, was Schriftsteller und andere Kulturschaffende getan hätten, wenigstens einen winzig kleinen Beitrag zum Aufkommen des Arabischen Frühlings geleistet hätte: „Was derzeit geschieht, ist meines Erachtens nicht nur eine Jagd auf alte bornierte und harthörige Diktatoren, und es beschränkt sich nicht auf die arabischen Länder, sondern es kommt eine weltweite Veränderung auf, eine kopernikanische Revolution, hoffentlich auch im Westen:
Die Menschen wollen eine echte universelle Demokratie, ohne Grenzen und ohne Tabus.“

Mehr auch über den jüngst verfassten Straßburger Appell Boualem Sansals und David Grossmans, seines israelischen Schriftsteller-Kollegen, unter http://www.coe.int/t/dg4/nscentre/Appel_trilingue.asp

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