Vor dem Vergessen bewahren

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Das Zentrum für verfolgte Künste in Solingen arbeitet dafür, von den Nazis verfolgte Künstler vor dem Vergessen zu bewahren.

Milly Steger war in den 20er Jahren eine der bekanntesten Bildhauerinnen Deutschlands- Erik Isenburger und seine Frau Jula, er Maler, sie Tänzerin, waren eines der aufsehenerregendsten und erfolgreichsten Künstlerpaare der 20er und frühen 30er Jahre. Julo Levin, Maler und Mitglied der Rheinische(n) Sezession und des Künstlerbundes „Das Junge Rheinland“. Drei Namen, drei Geschichten von Künstlern, die von den Nazis verfolgt, ins Exil getrieben oder, wie Levin, im KZ ermordet wurden. Sie waren Juden, Linke, hatten jüdische Partner oder einfach den festen Willen, sich nicht vor den Nazis zu beugen. Ihre Kunst galt als entartet, wurde verboten, geschmäht und vernichtet.

„Viele der Künstler die wir hier in Solingen zeigen sind in Deutschland vergessen. Ihr Werk ist manchmal im Ausland bekannt, oft aber haben die Nazis ihr Ziel erreicht, sie aus dem öffentlichen Bewusstsein zu tilgen“, sagt Rolf Jessewitsch, der Direktor des Kunstmuseums Solingen.

Auch nach dem Ende der Nazizeit seien sie nicht willkommen gewesen. Museen weigerten sich sie auszustellen, auch im Kunstbetrieb behielten Nazis nach 1945 noch für viele Jahre das Sagen. Eine erste, vorsichtige Annäherung an die von den Nazis verfolgte Kunst gab es auf der ersten Dokumenta 1955 in Kassel. „Das war ein erster Schritt, aber er war viel zu zaghaft und zu klein, um eine ganze Generation von Künstlern und Künstlerinnen wieder in das öffentliche Bewusstsein zu holen.“

Genau daran arbeitet Rolf Jessewitsch in Solingen. Neben dem normalen Betrieb eines Kunstmuseums mit wechselnden Ausstellungen und der Arbeit mit lokalen Künstlern ist aus einer Dauerausstellung und der Zusammenarbeit mit anderen Museen, Institutionen wie dem Leo Baeck Institut und vor allem der Else-Lasker-Schüler-Gesellschaft im Museum das „Zentrum für verfolgte Künste“ entstanden. Finanziert durch den Landschaftsverband Rheinland und die Stadt Solingen wird es im Laufe des Frühjahrs seine Arbeit aufnehmen. „Wir werden gemeinsam mit anderen forschen. Es gibt noch ganze Sammlungen von Jüdischen Familien, die nicht aufbereitet sind. Zum Teil liegen sie in Archiven in Osteuropa und niemand weiß genau, welche Werke sich dort befinden.“ Oft sind es nicht nur Bilder und Skulpturen, die sich bei den Sammlungen finden. „In den USA haben wir eine verschollene Sammlung eines jüdischen Ehepaares aus Barmen gefunden. Dazu gehörte ein Schriftwechsel des Paares mit Künstlern, der weit Tausende von Seiten umfasst. Den bereitet nun die Leo Baeck Gesellschaft digital auf.“ Auch weitere Ausstellungen in anderen Städten und Ländern sind geplant. Schon in der Vergangenheit zeigte das Solinger Museum seine Sammlung in Belgien, Polen oder, wie 2013, im Bundestag.

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Auch will sich das Museum künftig verstärkt mit der Musik und den Filmen verfolgter Künstler auseinandersetzen und das nicht nur in der Nazizeit: „Auch heute“ sagt Rolf Jessewitsch, „werden Künstler verfolgt und ermordet. Ob das in China oder in der Türkei passiert, auch das ist ein wichtiges Thema für uns.“

Der Besucher betritt die Ausstellung durch einen Raum, der an das Romantische Café erinnert. Das Romantische Café war in den 20er Jahren einer der wichtigsten Treffpunkte von Künstlern und Intellektuellen in Berlin. Die Liste der Stammgäste ist schlicht atemberaubend: Erich Kästner, Egon Erwin Kisch, Else Lasker-Schüler, Erich Maria Remarque, Ernst Toller, Franz Werfel, Billy Wilder und Stefan Zweig trafen sich hier, stritten, tranken, rauchten und diskutierten hier. Ein Zentrum des Geistes, wie es nur an Orten entstehen kann, an denen Regeln außer Kraft gesetzt, exzessives Leben nicht nur geduldet sondern gewünscht und Freiheit nicht gewährt, sondern gefordert wird. Den Nazis war das Romantische Café schon vor der Machtergreifung ein Dorn im Auge. Sie schüchterten die Gäste ein, es gab Schlägereien und 1933 ging dann auch die Ära des Romantischen Cafés zu Ende. Heute steht an seiner Stelle am Breitscheidplatz in Charlottenburg das Europa Center. Im Erdgeschoss geht es um Literatur, zeigt sich die enge Zusammenarbeit mit der Else-Lasker-Schüler-Gesellschaft. Erinnert wird an die große Zeit der Deutschsprachigen Literatur, an noch heute berühmte Schriftsteller wir Kafka und Toller, aber auch an Max Brod, der heute noch als Retter des Werkes von Kafka in Erinnerung ist, aber als eigenständiger Literat kaum noch wahrgenommen wird.

In der oberen Etage dann die Bilder und Skulpturen. Zu dem Werk, zu jedem Künstler kennt Rolf Jessewitsch eine Geschichte. Es lohnt sich, sie im Katalog der Sammlung Gerhard Schneider nachzulesen, es würde sich lohnen, jedem dieser Künstler ein eigenes Buch zu widmen, denn diese Geschichten von Mut, Verzweiflung und Tod dürfen nicht in Vergessenheit geraten. Sie erzählen vom Elendsten und Edelsten des Menschen.

 

Solingen-Gräfrath – Kunstmuseum Solingen / Zentrum für verfolgte Künste

Wuppertaler Str. 160 (B 224)
42653 Solingen-Gräfrath
(3 Min. von der A 46 Ausfahrt Haan-Ost/Solingen)
Tel.: 0212 – 2 58 14 – 0
Fax: 0212 – 2 58 14 – 44

Öffnungszeiten:
Di-So 10-17 Uhr, ganzjährig geöffnet

Der Artikel erschien in ähnlicher Form bereits in der Jüdischen Allgemeinen.

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