Von Las Vegas lernen heisst siegen lernen!

Las Vegas. Foto: Robin Patzwaldt

Sportmannschaften müssen wachsen können. Es braucht halt einige Jahre Zeit, bis eine solche wirklich auf Spitzenniveau angekommen ist, ernsthaft um eine Meisterschaft spielen kann. So ist zumindest häufig die allgemeine Annahme, die auch wir hier bei uns im Blog im Laufe der vergangenen Jahre schon häufiger mal andiskutiert haben.

Nun ist der US-Sport ja grundsätzlich ganz anders aufgebaut als die Sportlandschaft hierzulande. Auch das haben wir schon debattiert, mögliche Vor- und Nachteile angesprochen und versucht denkbare Konsequenzen anzudeuten.

In diesen Tagen zeigt sich jedoch in der nordamerikanischen Eishockeyliga NHL, dass die Grundannahme, dass eine gute Sportmannschaft Jahre der Reife und Ausbildung bedarf, nicht immer und grundsätzlich zutreffen muss.

Dort sorgen in diesen Tagen nämlich die Vegas Golden Knights für viele positive Schlagzeilen und ernten weltweit riesige Anerkennung in der Eishockeyszene. Was ist passiert?

Im vergangenen Sommer erst nahm das 31. Franchise der Liga den Spielbetrieb auf. Eine professionelle Eishockey-Truppe hatte man zuvor an diesem Standort nicht. Die Organisation wurde erst nach Zahlung eine Aufnahmegebühr kurz zuvor ins Leben gerufen, wurde im Rahmen eines sogenannten Expansion-Drafts mit Spielern der anderen Teams der Liga wild zusammengewürfelt.

Hierzu standen den Machern in Nevada nicht einmal die Top-Spieler der Konkurrenz zur Verfügung. Details erspare ich mir hier an dieser Stelle einmal, doch um es kurz zu machen, jedes der zuvor bereits um den Stanley Cup mitspielenden Teams durfte eine bestimmte Anzahl von Spielern aus allen Mannschaftsteilen vor den Zugriff der Golden Knights schützen. Diese durften sich dann aus den ungeschützten ‘Resten’ ihr erstes Team zusammenstellen.

Vegas ist nicht der erste Standort, der ein solches Prozedere in der Ligageschichte durchlief. Diese Abläufe sind schon seit Jahrzehnten immer wieder angewandte Praxis, wenn sich die Liga vergrößert hat. Zuletzt waren die Minnesota Wild und die Columbus Blue Jackets, beides inzwischen fest etablierte Teams im Liga-Alltag, um die Jahrtausendwende hinzugenommen, die Liga damals auf 30 Teams ausgeweitet worden.

Mit Vegas kam im Sommer 2017 die 31. Mannschaft hinzu. Demnächst könnte in Seattle eine 32. Franchise entstehen. Soweit zur Vorgeschichte.

Bisher brauchten auch in Nordamerika die neuen Teams der Eliteligen immer ein paar Jahre, bevor die Chemie soweit stimmte, die Anerkennung bei Liga-Konkurrenz und Fans nach und nach wuchs, so dass ein Team als vollwertiges Mitglied irgendwann um die Ligaspitze mitspielen konnte.

In Vegas, wo man traditionell behauptet etwas Besonderes zu sein, vollzieht sich dieser Prozess in den letzten Monaten jedoch in nie zuvor gesehenem Blitztempo.

Das Team, zusammengestellt aus von diesen ungeschützten Einzelkünstlern der Konkurrenz und betreut von einem zuvor bei den Florida Panthers wegen Erfolglosigkeit gefeuerten Trainer, performte vom Saisonstart im Herbst an in nie zuvor gesehenem Maße.

Schon früh zeichnete sich ab, dass Vegas nicht nur auf Anhieb in die Stanley Cup-Playoffs einziehen würde, sondern dass das um Torhüter Marc-Andre Fleury, der zuvor mit den Pittsburgh Penguins mehrere Cup-Gewinne feiern konnte, herum aufgebaute Team, wenn alles gut weiterliefe, womöglich sogar in der KO-Runde recht weit kommen könnte.

Nach einem unerwarteten ‘Sweep’, einem glatten 4:0-Seriensieg also, zum Playoff-Auftakt gegen die hoch gehandelten Los Angeles Kings, folgte in der zweiten Runde der KO-Spiele jetzt ein 4:2 in der Serie gegen die San Jose Sharks. Damit stehen die erstmals angetretenen Knights tatsächlich schon im Conference-Finale des Westens, erwarten dort jetzt als nächstes den Sieger aus dem Duell der Winnipeg Jets und der Nashville Predators, in deren Serie es aktuell 3:3 unentschieden steht.

Inzwischen mehren sich die Stimmen, die dem jüngsten Team der Liga in seiner Premierensaison sogar den Titelgewinn zutrauen, ganz egal wie die beiden dazu noch zu besiegenden Gegner am Ende auch heißen mögen.

Die Golden Knights beweisen in diesen Tagen eindrucksvoll, dass das Gerede über die benötigte Zeit für einen großen Teamerfolg zumindest nur teilweise richtig ist. Wenn, wie alle Beteiligten hier betonen, die Chemie innerhalb eines Teams stimmt, die Verantwortlichen bei der Verpflichtung von Spielern und der Mannschaftsaufstellung eine gekonntes und glückliches Händchen haben, dann kann das alles manchmal ganz schnell gehen.

Kriselnde Sportmannschaften hierzulande sollten vielleicht einmal bei den Machern in Las Vegas nachfragen, welche Zauberformel sie zur Anwendung gebracht haben, dass ihr sehr kurzfristig zusammengestelltes Team ohne wirkliche Top-Stars auf Anhieb ein echter Meisterschaftsanwärter werden konnte.

Schön zu sehen in jedem Fall, dass es solche moderne Sportmärchen in diesen Zeiten noch immer gibt. So etwas wünschte man sich beispielsweise auch wieder einmal hier bei uns in der Fußball-Bundesliga, wo seit der völlig unerwarteten Meisterschaft des 1. FC Kaiserslautern 1998 ein solches sportliches Wunder nicht mehr wirklich zu sehen war…

Noch kurz am Rande angemerkt: Wer dem Lauf der Golden Knights und dem Rest der NHL im Detail folgen möchte, der kann das übrigen bequem in Deutscher Sprache tun. Auf www.NHL.com/de gibt es täglich aktuelle Berichterstattung dazu. Auch von mir übrigens. 😉

7 Kommentare

Das ist ja genau der Punkt, Hein. Wenn alle Teams in einem vergleichbaren Rahmen arbeiten, so wie das in der NHL u.a. aufgrund des Salary Cap Systems eben der Fall ist, dann ist das sogar eine gute Sache. Aber ich kann eben nicht so unterschiedliche Teams miteinander ringen lassen, wie das in der Bundesliga aktuell der Fall ist. Denn genau das macht solche Geschichten wie die hier mit Vegas in der Bundesliga nahezu unmöglich.

scheiß auf demokratie, wenn der erfolg stimmt.
danke für die aufklärung. wann bist Du bereit das auf die gesetzgebung zu übertragen?

Dass das arbeitsrechtlich nicht eins zu eins auf Europa zu übertragen ist, das ist ja klar. Aber sooo hoch würde ich das nicht hängen, Jovan. Und nicht vergessen: Die Eishockeyspieler aus aller Welt stehen Schlange um in der NHL aktiv werden zu können. Müssten sie ja nicht tun… 😉

Am meisten fremdel ich mit dem Franchise-System. Also eine Lizenz kaufen für die Liga anstatt aufzusteigen. Und dann wechseln die "Vereine" auch mal eben die Stadt, wie Nokia und Opel. Ne, brauchen wir nicht.

Obwohl, Dortmund würde als Fußball-Hochburg wahrscheinlich sogar profitieren. Irgend so eine Firma würde bestimmt gerne in die Westfalenmetropole ziehen, um sich vom großen Kuchen des Fan-Potentials ein Stück abzuschneiden. Und um in Konkurrenz zum BVB anzutreten , denn Konkurrenz belebt ja bekanntlich das Geschäft.

Ne, da warte ich lieber ein paar Jahre, bis der ASC soweit ist 😉

@DEWFan: Man gewöhnt sich daran. Fand ich am Anfang auch nachteilig. Doch wenn man sich etwas eindenkt und das Ganze mal länger beobachtet, dann gibt es bei so einem geschlossenen Ligasystem auch viele Vorteile. Die große Ausgeglichenheit und die Spannung im Wettbewerb zum Beispiel. Muss allerdings auch gut umgesetzt werden. Hier in Europa wird man halt mit dem System von Auf- und Abstieg groß. Aber grundsätzlich bedarf es dessen nicht, wenn es darum geht eine tolle Sportliga aufzuziehen. Ist halt eine Frage, wie das Ganze organisiert wird. Was ich zum Beispiel gut finde, dass ist die Tatsache, dass Spielerwechsel dort nicht gegen Geldzahlung vollzogen werden, sondern im Regelfall gleichwertig getauscht wird. Und natürlich das Salary Cap System, das es allen Teams vorschreibt innerhalb gewisser Unter- und Obergrenzen zu bleiben, was die Ausgaben für Spielergehälter betrifft.

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