Von Indianern und Franzosen und Süßspeisen

Darf sie das? Quelle: Flickr.com, Foto: Visit Missippi CC BY-ND 2.0

 

Ich habe am Rosenmontag einen jungen Mann gesehen, der als Gangster verkleidet war. Nadelstreifenanzug, schwarzes Hemd, weißer Hut. Da habe ich mich gefragt, ob diese Verkleidung diskriminierend gegen Kriminelle ist. Es ist schließlich eine klischeehafte Darstellung eines Verbrechers, die nichts mit der Realität gemein hat. Beim Kindermaskenzug ging eine ganze Schulklasse als Franzosen: blau-weiß gestreifte Hemden, Baskenmützen, Baguettes unter dem Arm. Und gerade diskutiert das Netz auf beiden Seiten mit härtesten Bandagen, ob Kinder sich als Indianer verkleiden sollten.

Ich bin vielleicht zu dumm, um es zu verstehen. Oder zu alt? Liegt es daran, dass ich selbst schon als Kind Indianer gespielt habe? Habe ich da einen blinden Fleck? Denn es sind durchaus Leute, deren Meinung ich schätze, die in den Kommentarspalten und in Postings mit völliger Selbstverständlichkeit solche Verkleidungen ablehnen. Die mit Häme auf Menschen reagieren, die wiederum ihr Unverständnis für die Leiterin einer Kita äußern, die darum bittet, die Kinder sollen nicht als Indianer kommen. 

Und auf der anderen Seite steht eine gewaltige Empörung, die natürlich in den geneigten Kreisen in Hass umschlägt. „Natürlich“, weil gewisse Kreise alles nutzen, um mit Hass zu reagieren. Aber dass auch ganz normale Leute, die nicht dem erweiterten Troll-Arm der Rechtspopulisten angehören, mit Unverständnis reagieren, kann ich nachvollziehen. Das geht mir selber so. Ihnen (und jetzt wahrscheinlich auch mir) Rassismus zu unterstellen, ist unfair.

Ich verstehe es nicht, weil mir einfach nicht in den Kopf will, wo am Akt des Verkleidens die Diskriminierung, die Entwertung, die Schädigung sein soll. Denn damit er rasstistisch ist, müsste ein Akt doch zunächst mal die Grundvorraussetzung erfüllen, herabsetzend zu sein. Wenn ich jemanden als Schwein bezeichne, dann ist es eine Beleidung. Und wenn ich ihn als „Franzosen-Schwein“ oder „Indianer-Schwein“ bezeichne, dann ist es eine rassistische Beleidigung. Aber wenn ich ihn doch gar nicht beleidige, sondern mich nur verkleide? Wie kann aus einem neutralen (oder vielmehr freudigen) Akt nur durch die Zugehörigkeit zu einer Personengruppe eine Diskriminierung werden? Ist nicht genau DAS Rassismus?

Mir ist klar, dass auch der Kontext zählt. Und wenn ein Mensch mit ur-amerikanischen Wurzeln sich als Indianer verkleidet, ist es nicht das Gleiche, wie wenn ein Weißer das tut. Aber, es ist auch nichts völlig anderes. Es ist sogar sehr ählich: Ein Mensch, der ein Kostüm anzieht. Die Tatsache, dass die Ureinwohner massenhaft ermordet und entrechtet wurden ist abstoßend und verdient noch viel mehr Aufarbeitung und Aufmerksamkeit. Aber das hat doch nichts mit der Verkleidung zu tun. Sich zu verkleiden ist zunächst mal etwas Fröhliches, Spielerisches, eine Möglichkeit, Rollen auszuprobieren, sich in andere hineinzuversetzen. Es liegt in der Natur der Sache, dass dabei Klischees verwendet werden. Aber gerade für Kinder dient es dazu, die Grenzen des Denkens zu erweitern, Perspektiven zu wechseln. Man muss dafür irgendwo anfangen, man braucht einen Ausgangspunkt, ein Symbol, um zu sagen: jetzt bin ich ein XY. Mit einer Feder wird man zum Indianer, mit einer Augenklappe zum Pirat. Wie sollen Kinder denn einen interessierten, offenen Umgang mit Minderheiten erlernen, wenn ihnen verboten wird, sich spielerisch zu nähern? 

 „Nein, Thorben, du darfst nicht Indianer spielen, weil du weiß bist.“

Ich höre auch, dass man sagt, da würden rasstistische Traditionen weitergepflegt. Das mag im Falle von karikierten „Wilden“ in Baströckchen sicher stimmen, man denke an die Minstrel-Shows. Hier ist ein Element des Verächtlichmachens mit im Spiel, das ich bei Indianern oder Franzosen nicht sehe. Aber daraus zu schließen, dass grundsätzlich alles, was aus einer rassistischen Zeit stammt, auch rassistisch ist oder dass jede Erwähnung einer Minderheit (sei es verbal, sei es symbolisch) rassistisch sei, das will mir nicht in den Kopf. Wieso ist es in Ordnung, eine Süßspeise „Amerikaner“ zu nennen, aber nicht „Mohrenkopf“? Ich sage bewusst nicht Negerkuss, weil letzteres eben wirklich eine Beleidigung geworden ist. Aber es beschimpft doch niemand einen Schwarzen als „Mohr“. Das ist einfach ein altmodisches, etwas lustiges Wort. Der Akt, ein Lebensmittel nach einer Personengruppe zu bezeichnen, ist für sich genommen harmlos. Ich habe noch nie von einem Hamburger gehört, der sich von Hamburgern distanziert.

Das heißt, das Tabu entsteht einzig durch die Einteilung dieser Personengruppen in „Opfer“ oder „Täter“, in schützenswert oder nicht. Wo ist da die Grenze? Dürfen sich Männer überhaupt als Frauen verkleiden? Oder dürfen nur solche, die sich gerne mal als Frau fühlen würden, sich verkleiden, nicht aber Machos, die Frauen karikieren? Wie misst man das? Woher soll man wissen, ob ein Kind gerade Klischees verinnerlicht und rassistische Ansichten perpetuiert – oder ob es gerade anfängt, sich mit den amerikanischen Ureinwohnern zu identifizieren und vielleicht der nächste Professor für Native American Studies wird? Darf sich der Amerikaner mit indianischen Wurzeln einfach so verkleiden oder nur, wenn auch wirklich authentische Kostüme verwendet? Muss er sich an seine Stammeszugehörigkeit halten? Und die 78% der Native Americans, die nicht in Reservaten leben, sind das nicht größtenteils ganz normale Leute, die selber Western gucken, sind das nicht einfach Amerikaner?

In der Welt, von der ich träume, sind alle Menschen gleich. Da wäre die Erwähnung einer Hautfarbe, die Verwendung eines Klischees, völlig unverdächtig. Da würde keiner auf die Idee kommen, einen Unterschied zwischen einem Franzosen und einem Indianer zu machen. 

6 Kommentare

Leute, die sich solche Verbote mit solchen Begründungen ausdenken, und diese in ihrem ihnen unterstellten Umfeld auch durchsetzen, machen viel im sozialen Zusammenleben kaputt. Sie erinnern mich auch mehr oder weniger stark an die chinesische Kulturrevolution mit all ihren Auswüchsen. Und es ist ja auch eine Kulturrevolution, die sie hier anstreben und umsetzen wollen. Das Land soll nach ihrem Wirken eben anders aussehen als bisher.
Wo solche "Ideen" herkommen?
Keine Ahnung. Es gibt ja so viele solcher abstrusen Gedanken. Manche Leute haben eben während der Berufsausübung immer noch viel zusätzliche Zeit sich so etwas auszudenken.
Wären es Nazis, würde ich sagen, daß einige Leute ihr Ohr zu dicht an die Mauern der nächstgelegenen Gummizelle gehalten haben. Aber bei Linken sage ich das natürlich nicht. Da muß es wohl andere Quellen geben.

Ein grandioser Artikel, vielen Dank Robert von Cube. Bleibt nur zu hoffen, das es auch zahlreich dort gelesen wird wo die geistige Not am größten ist.

was mir noch so durch den Kopf geht;
Ich habe heute Amerikaner gesehen, die zur Hälfte mit Schokolade bestrichen waren und nicht nur mit Zuckerguss. Ist das nun Werteverfall oder nur ein überfälliger Weg zur inhaltlichen Correctness durch Farbkorrektur? Was mir allerdings gleich wieder etwas sauer aufstieß, war die strikte Trennung der beiden Farben. Immerhin war die Fläche rund, so das man ein oben und unten oder vorne und hinten nicht eindeutig ausmachen konnte.

vielen Dank, chapeau,
Der Marco

@ Robert von Cube, Zitat: "Und die 78% der Native Americans, die nicht in Reservaten leben, sind das nicht größtenteils ganz normale Leute, die selber Western gucken, sind das nicht einfach Amerikaner?"

Wenn Du diese Frage beantwortet hast – indem Du "Native Americans" befragst –, bist Du einen Schritt weiter.

Ich selber schaue mir nicht mehr die "klassischen" US-amerikanischen Western an, weil sie in der Regel eine Ansammlung von Klischees sind, auch von rassistischen Stereotypen, und mich einfach nur noch langweilen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass sich ein Native American so etwas – mit Freude –ansieht. Aber: finde es heraus!

Ich war mal bei den Hopi. Hat Null mit dem zu tun, was bei uns ein "Indianer" ist. Wen haben die Hopi inspiriert? Kennst Du die Frisur: https://de.wikipedia.org/wiki/Hopi#/media/File:Hopi_woman_dressing_hair_of_unmarried_girl,_1900_-_NARA_-_520082.jpg

Frank, du benutzt aber das Wort Sklave? auf englisch "slave". Man geht davon aus, daß kriegsgefangene "heidnische" Slawen, die an die Araber der spanischen Halbinsel verkauft wurden, so genannt wurden.
Der Linguist Harald Haarmann vermutet, daß die finnische Bezeichnung für "Slave" Orja von kriegsgefangenen Arien her stammt. Die Römer kannten das Wort Sklave übrigens nicht. Die nannten ihre Sklaven noch servi. Überhaupt scheint der Name des Volkes, das zu Kriegsgefangenen gemacht wurde, später das Wort wurde, was rechtlose Arbeiter bedeutet hatte. Die Pawnee, ein Indianerstamm wurden Ofer ihrer indianischen Nachbarn, die sie an die Franzosen verkauften. Bei denen wurde in deer Gegend der Name Pawnee als Synonym für Sklave üblich. Mohre waren den Spaniern die dunkelhäutigen Moslems, die aus Nordafrika stammten. Dort gibt es immer noch Mauren. Im spanischen bedeutet braun immer noch moros. Diese moros hatten das heute noch übliche Wort für "Sklaven" vermutlich in die Welt getragen. Im christlichen Gegenden war während der Maurenheerrschaft die Sklaverei nicht erlaubt. Die kam erst wieder mit den Kolonien.
Dagegen ist der "Sarotti Magier" eine Figur, die gut zu Ibn Battutas Erzählungen paßt. Darin wimmelt es nur von Slaven. Und dieser Battuta hat sich nie in einem christlichen Land aufgehalten.

Übrigens lief heute das Remake von Winetou auf Vox als Wiederholung…..da wurden sämtliche Apachen von Verkleideten gespielt….und jedes Stereotyp verbraten…..Leute ihr habt einfach zuviel Zeit für Blödsinn….liest man morgen was von einem Shitstorm…wohl eher nicht….

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