Verspäteter Nachruf auf Theo Albrecht

Sein Tod ging unter in der Woche nach dem Sterben auf der Loveparade. Theo Albrecht, Chef des Nordimperiums im Aldi-Universum, Ruhrpottbewohner ein Leben lang, schwand wie er lebte – unauffällig…

Was hätte Theo Albrecht auch erzählen sollen in dem Interview, auf das so viele Journalisten so scharf waren? „Ich habe das Zeug direkt aus dem Karton verscheuert, meine Mitarbeiter schlecht bezahlt, die Lieferanten gedrückt und T-Shirts unter furchtbaren Bedingungen in Asien zusammennähen lassen. Damit habe ich Milliarden gemacht, schönen Tag noch“? – Als würden die Longsleeves angesagter Streetwear-Labels von glücklichen, durch ihren Fleiß zu Vermögen gelangten Heimarbeitern in Rottach-Egern zusammengenäht.

Es war Harald Schmidt, der aus dem Discounter in der Frühzeit seiner Latenight einen Hype machte. Vorher erfuhr man nur, dass auch Alfred Biolek öfter mal bei Aldi kauft (beim Bruder des Verstorbenen, Köln ist Aldi Süd ist Karl Albrecht), eine Nachricht, sensationeller als Bios späteres Outing. Wahren Aldianer sind die später dazu gestoßenen Trendkunden immer auf den Sack gegangen. Das waren die Typen, die heute irgendwas mit Social Media machen.

In Theos Läden kann ich blind einkaufen, ich kann einen Einkaufszettel schreiben, der sich exakt am Standort der Produkte in der Filiale orientiert. Bei den Shampoos muss ich nicht fünf Minuten überlegen. Ich muss nur entscheiden zwischen Antifett und Antischuppen. Die Produkte tragen bescheuerte Markennamen („Optiwisch“-Putzmittel), und sind designt, als habe der VEB Verpackungsgestaltung Zwickau nach der Wende endlich verbotene Rauschmittel entdeckt.

Das ist das eigentliche Geheimnis des Aldi-Erfolges: Es war ein Stück Osten im Westen. (Was ja auch für das Ruhrgebiet gilt.) Nicht nur die Ausstattung der Läden gleicht dem Interieur früherer HO-Läden der DDR. Die für kapitalistische Verhältnisse erschütternd kleine Auswahl, der landesweit einheitliche EVP (Endverbraucherpreis), die schlichte Warenpräsentation durch Aufeinanderstapeln zeugen von dieser Verwandtschaft. Als hätten die Albrecht-Brüder mehr Marx als Erhard geschmökert, wurde dem Warenfetisch hier keine Messe gelesen.

Einmal die Woche war der Albrecht Discount tiefste DDR. Mittwochs stapelten sich in den Verkaufsstellen die „Aldi aktuell“-Lieferungen im Mittelgang. Das waren Sachen, die niemand richtig brauchte, aber alle rafften und bunkerten, weil man nie wusste, wann man sie wieder bekommt. Kinderschuhe und Schraubenzieher, Waffeleisen und Unterhosen, Zeug halt, das anständige westliche Geschäfte ständig bereit halten. Das führte eine halbe Stunde vor der Öffnung zu langen Schlangen vorm Laden, in der sich nervöse Endverbraucher die Einkaufswagen in die Hacken schoben, nicht nur, wenn Robotron- pardon: Medionrechner erwartet wurden.

Das ist vorbei. „Aldi aktuell“ ist zwei Mal die Woche, wie schon lange im Südreich von Karl Albrecht oder, schlimmer noch, bei Lidl. Aldi ist entzaubert, jeder weiß, dass Schuhspanner und Sonnenbrillen Jahr für Jahr in der selben Kalenderwoche im Laden landen, dass die Sonderlieferungen, weil´s logistisch Sinn ergibt, erst in Spanien, dann in Holland, später im Aldi-Süd und dann vielleicht im Norden auftauchen. Schnickschnack kommt dazu, gefrorener Hummer, edel erscheinende Elektronik, Biofeinkost. Und montags wie donnerstags bleibt öfter mal was liegen von all dem. Das ist die Zeit. Die DDR ist nicht mehr, Aldi nicht mehr, was es mal war, Theo ist tot, und der Nachwuchs will gar mit der Presse reden.

10 Kommentare

Sehr, sehr komisch. 😉 Genau das habe ich auch immer gedacht – nur nie zu Veröffentlichen gewagt. Ja so ist es schade, dass Duisburg das Ereigniss überdeckt hat.

Hin und wieder liebe ich DDR.
Entweder Anti-Fett oder Anti-Schuppen Shampoo reicht doch als Auswahl.
Wenn man sich nicht ständig entscheiden muss, gibts auch weniger Stress.
Ich kann man mit meinem Leben sinnvollere Sachen anfangen, als mich langwierig zwischen fünfzig Shampoos zu entscheiden.
Wer es liebt, Entscheidungen zu treffen, sollte zur Sandwich-Kette “Subway” gehen.
Da muss man mindestens zwanzig Fragen nach dem Belag beantworten, bevor man ein mickriges Sandwich in der Hand hält.

Ich habe schon den Eindruck, wir Leben in Deutschland, im Ruhrgebiet zwei Welten. In den Welten Aldi-Nord und Aldi –Süd.

Hehe, sehr witziger, pointierter und gut geschriebener Beitrag. Eigentlich ist es ja unglaublich, dass einer der reichsten Männer Europas ein derart unauffälliges Dasein führte, und das in unserer heutigen Mediengesellschaft, wo jeder Schritt im Internet nachverfolgt werden kann. Theo Albrecht hatte es einfach drauf, auch wenn ich der Aussage zustimme, dass Aldi nicht mehr ganz das ist, was es mal war.

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