US-Sport: Die ‚Vegas Golden Knights‘ gehen in der NHL erstmals auf Raubzug

Las Vegas. Foto: Robin Patzwaldt

In Las Vegas geht heute Abend etwas über die Bühne, was vielen Sportfans hierzulande dann doch arg ungewöhnlich erscheinen  wird. Die Eishockeyliga NHL (National Hockey League) hält dort nämlich einen sogenannten ‚Expansion Draft‘ ab.

Das heißt, die Liga, welche in den letzten Jahren stets aus 30 Teams bestand, nimmt, nach Zahlung einer zuvor vereinbarten Aufnahmegebühr in Millionenhöhe, ein 31. Team, im konkreten Falle die ‚Vegas Golden Knights‘, in ihr etabliertes Franchisesystem auf.

Und weil in einer Liga ohne Auf- und Abstieg ein neues Team eben wirklich ein komplett ‚neues‘ Team ist, hat es bisher auch noch gar nicht existiert. Dementsprechend hat es eben bisher auch noch keine eigenen Spieler. Das ändert sich dann erst in den nächsten Stunden gründlich.

Alle 30 bisherigen Teams der Liga müssen nämlich nun zwangsweise einen Aktiven aus ihren Reihen abgeben. Und das ohne irgendeine Ersatzleistung. Jede Mannschaft darf zwar einige ihrer Spieler, denen sie eine besonders hohe Bedeutung zumisst, das Kerninventar sozusagen, vor dem Zugriff des Neulings schützen , doch das betrifft nur einen relativ kleinen Teil des Kaders. Genauer gesagt nur ca. ein Drittel der Spieler im eigenen Kader. Genüg verbleibende auswahl also für die nun bei den anderen Teams ‚plündernden‘ Knights.

Nähere Details zu erläutern spare ich mir hier, das wäre wohl zu detailliert für unser nettes kleines Familienblog. Wen das interessiert, der kann ja mal bei NHL.com/de vorbeischauen, wo das wesentlich genauer erläutert wird, und wo ich auch mitarbeite.

Kurz zusammengefasst droht also jedem der 30 bisherigen Teams in der besten Eishockeyliga der Welt heute der ersatzlose Abgang eines bisherigen Stammspielers.

Seit Tagen schon überlegt George McPhee, der General Manager der Vegas Golden Knights, welches Team er zum Saisonbeginn 2017-18 im Herbst an den Start schicken will. Er darf in der kommenden Nacht hierzu aus hunderten von Möglichkeiten wählen. Das wird spannend!

Traditionell sind sogenannte ‚Expansion Teams‘ zu Beginn ihrer Zeit in der NHL erst einmal nicht sonderlich stark. Also, rein sportlich betrachtet. Die Teamchemie und Identität muss sich halt erst noch bilden.

Zuletzt kamen um die Jahrtausendwende die Columbus Blue Jackets und die Minnesota Wild mit zur Liga hinzu. Beide brauchten damals ein paar Jahre um sich auch erstmals für die Playoffs zu qualifizieren. Inzwischen sind aber auch sie fest etabliert. Ähnlich wird das nun mit dem neuen Team aus der Wüste laufen.

Überhaupt bietet das nordamerikanische Draft-System, so ungewöhnlich es uns hier in Europa ja zunächst auch erscheinen mag, ja gewisse Vorzüge. Dadurch dass Spieler grundsätzlich bei Transfers nicht mit Geld bezahlt werden, sondern in Nordamerika völlig andere Kriterien bei einem Wechsel gelten, kann man im geschlossenen Ligasystem der NHL eine sportliche Dominanz, wie sie hier in Deutschland der FC Bayern München seit Jahren aufbauen kann, und welche man dann nicht wieder zu beseitigen weiß aus Sicht von Liga und Konkurrenzvereinen, so ganz gut im Griff behalten. Ein vorgeschriebener ‚Salary Cap‘, also ein vorher vereinbarter Haushalt der einzelnen Franchises mit Ober- und Untergrenzen für die Teamentlohnung, tut da das Übrige.

In der NHL sind Titelverteidigungen so eine absolute Seltenheit. Erst in diesem Jahr gelang dies mal wieder den Pittsburgh Penguins, welche auch im Jahre 2016 schon den Stanley Cup gewannen. Zuletzt konnten die Detroit Red Wings im Jahre 1998 ihren Titel erfolgreich verteidigen. Und grundsätzlich hat auch durch das Playoff-Format gefühlt fast die Halbe Liga realistische Titelchancen. Hierzulande wünscht man sich das als Sportfan ja vielfach auch, kommt aber, wenn es hoch kommt, noch auf zwei bis drei realistische Meisterschaftskandidaten. Egal in welcher Sportart inzwischen.

Und bei aller vielfach gegenüber einem geschlossenen Ligasystem wie in Nordamerika üblich vorgetragenen Skepsis, hat es eben auch gewisse Vorzüge. Zumindest eben dann, wenn es einem um eine möglichst ausgeglichene und spannende Liga geht.

Und sollte das am Ende nicht immer auch ein mitentscheidender Faktor für eine möglichst unterhaltsame und spannende Liga sein? Ich finde schon. Und genau deshalb sollte man ähnliche Überlegungen in diese Richtung vielleicht auch hierzulande einmal etwas weiter vorantreiben.

3 Kommentare

Robin, die Diskussion hatten wir ja schon öfter hier…rein sportlich bin ich ja da ganz bei Dir, wenn man sportlich nicht nur auf einen Club verkürzt sondern die Attraktivität einer ganzen Sportart für den (Fernseh)Zuschauer im Blick hat. Aber gegen das Draftsystem stehen nun mal eindeutige höchstrichterliche Entscheidungen in der EU zu Grenzen der Vertragsfreiheit und Arbeitnehmerrechten. Von daher kann man als Zuschauer von US Sportarten sich bequem zurücklehnen und die Show geniessen…

@Thorsten: (Fast) alles was zu mehr Spannung im Profisport hierzulande beiträgt wäre/ist mir recht 😉 Da macht uns der US-Sport an der Spitze aktuell echt was vor.

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