Digitaler Unsinn, den Subventionsjäger so erzählen

Unsinn1

Heute morgen habe ich ein Interview in der WAZ gelesen, das ich so strunzdumm fand, dass ich es hier kommentieren möchte.

Es geht um die digitale Wirtschaft, um die Entwicklung einer Zukunftsbranche, um die Frage, wie sich NRW “digital fit” machen kann.

Schon in der Schlagzeile steckt soviel Dummheit, dass es quietscht.

“NRW muss sich digital fit machen”

Wer ist NRW? In der Diktion der Interviewer und des interviewten Professors aus Duisburg oder Essen ist NRW das Land und das Land ist die Landesregierung – sprich: das Wirtschaftministerium unter Wirtschaftminister Garrelt Duin (SPD).

Das ist also der Mann, der NRW “fit” machen “muss”. Garrelt Duin von der SPD.

Ein Politiker kann das Land aber nicht “fit” machen. Das können nur die Menschen in dem Land selbst. Die Leute, die Ideen haben und sie umsetzen wollen.

Die Landesregierung und Politiker können nur Rahmenbedingungen setzen, in denen sich rund um Ideenreiche Menschen ein lebendiges Wirtschaftsleben entwickeln kann. Wenn Politiker meinen, selbst wirtschaftlich aktiv zu werden – und irgendetwas “fit” machen zu müssen, führt das regelmäßig in die Geldverbrennung. Gerade in NRW. Gerade, wenn “Experten” wie Wirtschaftminister Garrelt Duin, etwas “fit” machen wollen. Gerade wenn es um eine Branche geht, die sich so dynamisch entwickelt, wie die digitale. Bis Politiker wie Duin mit Hilfe von so Professoren wie Kollmann Förderrichtlinien und -gesetze geschrieben und ihre Subventionen verteilt haben, sind die geförderten Projekte längst überaltet, gescheitert – am Arsch.

Wirtschaft entwickelt sich chaotisch, dynamisch – und am dynamischsten, wenn sie am chaotischten ist und sich frei entfalten kann, ohne Knüppel zwischen die Beine geschmissen zu kriegen. Aber das werden staatshörige Menschen nie verstehen, weil sie glauben, das Land müsse “sich digital fit machen”. Diese Menschen glauben an planbare Wirtschaft, an Planwirtschaft. Besonders dann, wenn sie sehen, dass sie abgehängt sind von der Zukunft. Dann rufen diese Leute besonders laut nach dem Staat, der müsse was tun – die Wirtschaft “fit machen”. Anstatt selbst aktiv zu werden.

Womit wir bei der dümmsten Passage aus dem unsäglichen Interview sind.

Unsinn2

Professor Kollmann: “In Berlin hat sich wegen spezieller Förderprogramme, erfolgreichen Vorbildern aus der Gründerszene und zahlreichen Anlaufpunkten für Startups eine entsprechende Szene entwickelt.”

Damit will der Professor aus Duisburg oder Essen sagen, wenn NRW nur genügend spezielle Förderprogramme und zahlreiche Anlaufpunkte für Start-Ups zur Verfügung stellt, dann gibt es bald genügend erfolgreiche Vorbilder aus der Gründerszene und NRW ist digital “fit” gemacht.

Der Professor aus Duisburg oder Essen beweist damit, dass er KEINE Ahnung hat von der “Gründerszene” in Berlin.

In Berlin geht es ab, weil die Stadt nicht abgehängt ist von den Entwicklungen: international und national. Und das aus folgenden Gründen:

Wenn jemand ein digitales Start-Up starten will, muss er nicht viel investieren: Er braucht nur a) einen billigen Raum, b) eine stabile und schnelle Internetverbindung, sowie c) ein paar Leute, die programmieren können.

zu a) In Berlin gibt es genügend billige Räume. Jeder kann sich für ein paar Euro ein Büro mieten, und zwar da, wo er will – in dem Viertel, das ihm gefällt. Er muss nicht in ein “Gründerzentrum” am Arsch der Welt ziehen, um Subventionen abzugreifen. Er kann sein Büro neben seiner Lieblingskneipe aufziehen.

zu b) Berlin hat fast überall schnelle und billige Internetverbindungen. Anders als in weiten Gegenden von NRW.

Und damit kommen wir zu c), dem entscheidenden Faktor in der Start-Up-Gründung: dem Menschen – den Programmierern. Die muss man finden. Am besten junge, talentierte und dennoch billige Programmierer, die man für eine kleine prozentuale Beteiligung am Start-Up und ein schmales Honorar einstellen kann. Nur wo gibt es so Leute? Schauen wir mal nach.

Junge Programmierer haben wenig Geld, deswegen sind sie da,

– wo sie billig leben können. In Berlin also.

– wo sie andere Programmierer treffen, die da leben wollen, wo es billig ist. In Berlin also.
– wo sie international an die Programmiererszene angeschlossen sind – wo sie Impulse kriegen, aus Afrika, Asien und den Staaten, bei einem Bier, bei einem Hang-Out oder einem Hacks&Hacker Treff. In Berlin also.
– wo sie abends mit der S-Bahn nach Hause können, weil sie kein Auto haben. In Berlin also.
– wo sie Freiräume haben, um sich auszutoben. Ohne Regeln und Grenzen. Wo sie frei leben können. Mit Möhren zum Frühstück und Mate-Tee am Nachmittag und Astra am Abend. In Berlin also.

Junge, talentierte Programmierer kommen zudem aus Unis oder Unternehmen, in denen sie zuvor mit modernen, spannenden Projekten konfrontiert worden sind. Und die sich jetzt in einem Start-Up selbst ausprobieren wollen. Auch das gibt es in Berlin.

Einige der Voraussetzungen für die Entwicklung einer digitalen Szene gibt es in NRW, gerade im Ruhrgebiet:

– billige Räume,
– niedrige Lebenshaltungskosten.

Aber NRW wird nie fit für die digitale Zukunft,

– wenn es hier nicht flächendeckend schnelles Internet gibt,
– wenn es keine S-Bahn gibt, die auch nachts im 5-Minuten-Takt fährt,
– wenn es keine lebendigen Unis und junge Unternehmen gibt, an denen spannende digitale Projekte entwickelt werden. Und die zum nachmachen animieren.

Und vor allem:

– wenn es keine sozialen und büroähnlichen Freiräume gibt, in denen man ohne Zwangsmitgliedschaft in der IHK ein Unternehmen gründen und aufbauen kann.

Wir brauchen keine Subventionen – wir brauchen Freiheit und Freiräume.

Aber genau daran hapert es:

Ein Beispiel: als in den vergangenen Jahren mehrfach talentierte junge Leute versucht haben, sich Freiräume zu erkämpfen, indem sie leerstehende Häuser besetzten, wurden ihnen diese Freiräume verwehrt. Die Häuser wurden geräumt. Die Folge: die Talente wanderten ab – nach Berlin.

Mein Vorschlag zur Entwicklung der digitalen Zukunft wäre es, Freiräume zu geben, Regeln abzuschaffen, für schnelles Internet und eine klasse S-Bahn im 5 Minuten-Takt zu sorgen, und die jungen Menschen so leben und arbeiten zu lassen, wie sie leben und arbeiten wollen – in alten Fabriken, leerstehenden Bürohäusern und den ganzen Pleitegegangenen Karstadt-Filialen in den Innenstädten.

Der Rest kommt von alleine.

Ohne Hilfe von Professoren aus Duisburg oder Essen – aber wahrscheinlich leben die sowieso in Berlin und pendeln nur nach NRW, um hier Subventionen abzugreifen.

Im Moment ist die Lage fatal. In NRW, im Ruhrgebiet gibt es keine relevante Programmiererszene. Die gibt es in Berlin. Wer also etwas digital bewegen will, muss nach Berlin. Ob er das gut findet oder nicht. Die wenigen guten Programmierer hier in der Gegend hauen schon ab. Oder pendeln zu Jobs durch die ganze Republik oder kriegen ihre Aufträge von sonst woher. Wie Pascal, wie Dirk, wie Philip, wie …..

Sogar die digitale Einheit der Funke Mediengruppe ist nach Berlin gezogen. Nicht, weil sie wollte, sondern weil es hier in NRW keine Zukunft für diese Einheit gegeben hat. Dabei hätte gerade diese Einheit den Funken setzen können, für die Entwicklung einer digitalen Szene in NRW.

29 Kommentare

Ich verstehe diese Tirade nicht, die sich vor allem dadurch auszeichnet, wie innerhalb einer Verschwörungstheorie vorzugehen: Unterstellungen zu machen! Wenn damit geendet wird, dass man nach Berlin gehen müsse, NRW keinerlei Chancen hätte, wie konnte es dann z.B. zu einer Bewegung von Berlin nach Leipzig kommen? Die kritisierte Formulierung "digital fit machen" ist derart allgemein und zunächst nur auffordernd, sich Gedanken zu machen, dass sie allenfalls dazu getaugt hätte, nachzufragen, was denn besonders in Frage kommen könnte und in welchen Kontexten.

Gibt es denn, u.a. speziell im Ruhrgebiet, keine ökonomische Kompetenz, bloß dumpfes Wutbürgertum? Ist dies vielleicht das Hauptproblem im 'Revier'? Holzschnittartige Weltauffassungen und dumpfe Gebärden?

Wobei es ja nicht so ist, dass es in NRW kein passendes Umfeld für kleine IT-Firmen gibt. Zumindest im Raum Köln/Bonn gibt es das (im Ruhrgebiet mag das natürlich anders sein):

http://www.deutsche-startups.de/start-up-lotse-koeln
http://www.nrw-startups.de/koelner-startups/

Was anders ist ist die Wahrnehmbarkeit, und ich glaube, dass es dafür folgenden Grund gibt: durch die höheren Lebenshaltungskosten und die im Vergleich zu Berlin kleinere Investorenszene müssen sich viele Gründer am Anfang über Wasser halten indem sie Freelancerjobs bei den IT-Abteilungen der hier ansässigen Großunternehmen annehmen: Telekom, DHL, Axa, Gothaer, E.ON, WDR, RTL, etc. Da bleibt dann weniger Zeit zur Selbstdarstellung.
In Berlin ist es anders – da gibt es praktisch keine Großunternehmen bei denen man jobben könnte, dafür aber eben die Investoren. Und wenn das Geld auf diese Weise reinkommt (und auch weniger reicht, weil Wohnen billiger ist) bleibt mehr Zeit zur Selbstvermarktung.

Und noch etwas beeinflusst die Wahrnehmbarkeit: im Umfeld der genannten Großunternehmen können sich Ökosysteme entwickeln in denen sich Startups ansiedeln (beispielsweise solche, die IT-Lösungen der deutschen Post so anpassen, dass sie mit denen der dänischen oder slowenischen Post kompatibel sind und von denen gekauft werden können). Die werden von der breiten Öffentlichkeit nicht wahrgenommen, da sie sich nur auf Geschäftskunden ausrichten.
In Berlin zielen die bekannten Startups dagegen auf die breite Endkundenmasse (Soundcloud, Wunderkinder, MrSpex, etc). Das hat natürlich viel mehr "Buzz", obwohl das Geschäftsmodell vielleicht sogar fragiler ist.

Das alles nur mal so als Gedankenanstoß. Wo ich allerdings zustimme: was auch immer hier am Rhein vorangeht – die Landesregierung hat nicht besonders viel dazu beigetragen.

Ist Berlin noch "billig" und Raum dort verfügbar (außer im Vergleich zu HH und M)? Und seit wann ist die Gründerszene dort erfolgreich bzw. schafft wirtschaftlichen Aufschwung / Arbeitsplätze für die Stadt.

Das ein Land wie NRW die digitale Infrastruktur ausbauen muss, schnellere Verbindungen hier und dort schaffen muss, steht außer Frage. Das ist die Essenz von "digital fit machen". Die digitale Revolution, die Jobs und Branchen standortunabhängig machen kann, wenn sie in D denn mal irgendwann richtig angenommen werden würde, betrifft nicht nur die IT-Branche und den Beruf des Programmierers.

Lieber Reknhard Matern

In Leipzig gibt es:

– billigen Wohnraum
– schnelles Internet
– jede Menge Freiräume
– ein gut funktionierendes Strassenbahnsystem
– nette Programmierer, die weitere Programmierer nachziehen.

Deswegen ziehen Leute nach Leipzig. Viele von Ihnen auch als Pendler von Berlin aus.

Viele davon aus dem Ruhrgebiet.

Ach ja. In Berlin hat sich die Start-Up-Szene nicht entwickelt wegen der Förderprogramme. Darum geht es.

Und in der Kategorie Förderprogramme denken diese Wirtschaftsplaner.

Richtig, die Berliner Start-Up-Szene ist von unten entstanden. Erst später kamen auch staatliche/städtische Unterstützung dazu. Da aber mittlerweile auch die Mieten in den Szenebezirken stark angestiegen sind, gibt es hier echte Spill-Over-Effekte. Die neuen Pioniere gehen mittlerweile nicht nur in den Wedding, nach Moabit, Pankow oder Weißensee, sondern sogar raus nach Spandau, weil sie entdeckt haben, dass es dort auch einen ICE-Bahnhof und leere Fabrickgebäude direkt am Wasser gibt.

Das viel weiter entfernte Leipzig profitiert mittlerweile übrigens auch vom Berliner Overspill, hat aber auch eine eigene kreative Entstehungsgeschichte, die Berlin, wenn auch in viel kleinerem Maßstab, nicht unähnlich ist. Und demnächst wird diesbezüglich noch mehr von Dresden zu hören sein. NRW kann sich also warm anziehen, und das Ruhrgebiet läuft dabei nicht nur weit, weit hinterher.sondern wird noch mehr innovative junge Leute an Berlin und seine beiden kreativen Brückenköpfe verlieren.

In Berlin gehen die jungen Talente grade nach Köppenick.

Die Firmen, die erfolgreich sind, gehen nach Mitte.

Und sie ziehen haufenweise andere Talente an. Gerade aus dem Revier.

Bei der Entwicklung kann sogar langfristig Köln Probleme kriegen.

Wo der Autor Recht hat, hat er Recht…. !

Mal abgesehen davon, das ganz Berlin ein einziger Subventionsmoloch ist und ohne direkte und indirekte Zuwendungen in die städtische Infrastruktur nicht überleben würde. Aber selbst wenn man die Subventionen streichen würde, würde Berlin Fortschrittsmotor der Subkultur bleiben – wie in den 80er Jahren…..

Apple & Microsoft sind nicht entstanden, weil es in den USA Subventionen gab, sondern weil es ein Gründerklima gab – schon die Ideen werden bejubelt, nicht die erfolgreiche Umsetzung. Was gibt es in NRW? Einen Antrag auf Erteilung eines Antragsformulars auf Zuteilung eines Gründerzuschusses….

Und wahrscheinlich kommt am Ende wieder alles anders als man denkt. Diese ganzen Prognosen basieren immer nur auf dem Jetzt, nicht auf dem was sein wird oder kann. Den Trend, das in Berlin jetzt alle auf die Randbezirke schielen, kann man auch ganz anders interpretieren. Außerdem haben Plattformen wie Deutsche Startups auch schon in Artikeln über das Ruhrgebiet als Standort philosophiert.

Die digitale Revolution wird in Zukunft noch ein ganz anderes Standortdenken hervorrufen. Kassel ist im Kommen…Achtung!

Wenn ich den amerikanischen Soziologen Richard Florida richtig verstanden habe, folgen die Unternehmen den Kreative und nicht umgekehrt. Hier in Deutschland ist das leider eher seltener der Fall.
Der will doch nur Subventionen 😉
10 Get cash#
20 goto 10
end?

@ Mal aus Duisburg #8

"würde Berlin Fortschrittsmotor der Subkultur bleiben – wie in den 80er Jahren….."

mit dem Berlin der 80er hat das Berlin von heute nichts mehr zu tun – Berlin ist inzwischen eine andere Stadt, eine andere Welt

( ich darf das natürlich nicht sagen, Zitat Falco: "Wer sich an die 80er erinnern kann, hat sie nicht miterlebt." )

Mein letzter Leipzig Besuch hat mir auch gezeigt, was der Soli in Kombination mit hohen Infrastrukturmassnahmen bringen kann. Das zum Thema Subventionen jenseits des Notopfers Berlin.

Der Ruhri braucht den Job fürs Leben und die Abfindung mit Anfang 50.
So kann keine GründerSzene entstehen Und das Überleben im 21. JAHRHUNDERT wird schwierig.

Ich seHe die Metropolen Asiens, die Westküste Nordamerikas und die attraktiven Ostseestädte in Sachen kreatives Klima in attraktiver Umgebung mit einem Lebensstil jenseits des ausgepresst Steuerzahlens weit vorne.

Es wäre ja schon ein Fortschritt, wenn die Politiker ein wenig fortschrittsfreundlicher wären. Ich denke hier an Lindners Wutrede oder an den Minister, der kein Internet Banking betreibt, weil er Bedenken bzgl. Der Sicherheit hat.

Schlüsselqualifikation bleibt wohl das fehlerfreie Singen des Steifgerliedes.

Der Kommentar hier zum WAZ Artikel schießt aber auch einfach über das Ziel hinaus, faktisch dürftig bis antiquiert und zieht Verbindung wo keine sind.

Ich finde die Frage ist gar nicht, ob sich gute Leute in Leipzig oder NRW ansiedeln. Die Frage ist doch eher, ob sie in der Bundesrepublik bleiben. Letztendlich ist Kalifornien, dass als Einzelstaat übrigens größer wäre als die Bundesrepublik, doch der Place to be für die Digitalwirtschaft. Und das Spiel läuft nun einmal mittlerweile global. Dementsprechend muss sich der gesamte Landstrich Mitteleuopa mit dem Valley messen (wo es übrigens wenige Strassenbahnen gibt – aber dafür große InvestmentCluster) und versuchen den Anschluss an die Zukunft nicht zu verlieren. Hierfür brauchen wir aber schon die Unterstützung aus der sogenannten Politik. Mitteleuropa braucht nicht nur gute Autobahnen, sondern auch ein funktionierendes Breitbandnetz!

Ich komme noch mal aufs Ruhrgebiet zurück. Gerade weil Voraussagen nur unter gleichbleibenden Bedingungen möglich sind, ergäben sich Chancen. Aber diese wären u.a. auch von uns zu schaffen. Die Agentur "Heimatdesign" aus Dortmund hatte z.B. das Konzept "Creative Stage" entwickelt, das speziell in Dortmund und Duisburg aufgegriffen wurde. Bereits in diesem Zusammenhang entstand ein typisches Ruhrgebietsproblem: Warum bekommt man wirtschafsfördernde Institutionen nicht unter einen Hut? Die "Creative Stage" mit 8-minütigen Vorstellungen pro Teilnehmer abzuhalten, ist mit Sicherheit kein 'Durchbruch', könnte aber ein kleiner Bestandteil sein, durch den sich das lokale wirtschaftliche Klima verändern ließe. Ich war mit meinem Verlag, den es übrigens seit 1994/95 gibt, einmal Gast auf der 'Stage', deshalb führe ich sie beispielhaft an.

Vielfach geht es gegen Vorurteile … Das Ruhrgebiet ist geradezu eine Zuchtstation und ein Hort von dumpfen Vorurteilen … übrigens nicht nur in städtisch administrativen Winkeln, sondern auch unter uns …

Reinhard, die Stadtbezirke Wedding, Moabit, Weißensee, aber auch Spandau und Köpenick gehören alle zu Berlin. Es gibt also keinen Grund sich gegenseitig das Wasser abzugraben, wenn die Szenebezirke in Mitte voll gelaufen sind und die Leute in die preiswerteren Stadtteile überwechseln, bzw. gleich dort hingehen.

@ # 16 Arnold, war die Bemerkung an mich gerichtet, wegen # 15? Mal abgesehen davon, dass Berlin mit dem Ruhrgebiet kaum etwas gemeinsam hat, das Ruhrgebiet ist nicht einmal ein politischer Raum, lediglich ein ehemaliger industrieller, was willst Du mir sagen? Preiswerten Raum gibt es an Emscher und Ruhr mehr als genug. Die "Creative Stage" ist auch nicht dazu da, einen Haupstadtbonus auszugleichen, sondern hervorzuheben, dass es auch hier Kreativbetriebe gibt und dass forlaufend junge Leute nachwachsen. Eine weitere 'Stage' in Essen hätte z.B. bestimmt nicht geschadet. Wanderungsbewegungen gab und gibt es im Ruhrgebiet, aber aus anderen Gründen als z.B. in Berlin. Uni-nähe ist z.B. ein Kriterium, das für mich wichtig war, Mitte der 90er von Gelsenkirchen nach Duisburg zu wechseln. Aber dies ist als Thema kaum relevant —

In Bezug auf den digitalen Wandel gibt es hier nicht einmal eine politische Haltung, vermutlich noch weniger Ahnung. Ähnliches geschieht mit Bezug auf 'Kultur' schon länger. Die herrschende Parteipolitik macht die gesamte Region kaputt. Gerade aufgrund der vorhandenen Jazz-Szene hätte es die z.B. die Chance gegeben, sich in diesem Bereich verstärkt zu engagieren, auf etwas aufzubauen. ECCE ist hingegen völlig an der Region vorbeigegangen. Aber das Schlimme ist, in einem Blog wie diesem ist es nicht viel besser. Keine Ahnung in Bezug auf gesellschaftliche Entwicklungen und zu beurteilende Sachverhalte gibt es auch hier.

ich kenne Herrn Kollmann, da ich u.a. bei ihm studiert hatte.
Da er selber erfolgreich mitgegründet hat und als Business Angel (Risiko-Investor in Start-Ups) auftritt, halte ich ihn erstmal für glaubhaft. Da die Aussagen aber so abstrakt wie die Kritik an denen ist, kann man darüber kaum diskutieren.

Die Ruhrgebiets-Hochschulen produzieren nur sicherlich mehr Programmierer als Berlin oder Köln oder Leipzig. Es bleiben daher gar nicht so viele Erklärungsmöglichkeiten übrig außer Kultur oder durch Zufall entstandene Cluster. Es ist in einigen Regionen durch die gewachsene Szene halt einfacher mit Geldgebern in Kontakt zu kommen und sich mit anderen (ehem.) Startups zu vernetzen. Dass diese Cluster ausgerechnet dort entstanden sind, wo sie sind, halte ich für größtenteils Zufall, weil es immer mehrere Standorte vorher gab, die sich rein objektiv ausgeglichen verhielten…

Und ur Kultur ist es nunmal so, dass die Ruhegbiets-Hochschulen "Aufsteiger"-Hochschulen sind und die höchsten Quoten an Arbeiter-Kindern haben. Diese tendieren sicherlich aus Erfahrung zum Angestellten-Verhältnis. Was im Übrigen volkswirtschaftlich auch nicht schlechter sein muss als die Selbstständigkeit…

Reinhard Matern # 18
"Mal abgesehen davon, dass Berlin mit dem Ruhrgebiet kaum etwas gemeinsam hat, das Ruhrgebiet ist nicht einmal ein politischer Raum, lediglich ein ehemaliger industrieller, was willst Du mir sagen?"

Das man z.B. die wirtschaftsfördernden Institution im Ruhrgebiet nicht unter einen Hut bekommt, weil es sich eben nicht zu einer Stadt gehörig fühlen. Weil selbst die Kulturszene (Kulturstadt Ruhrgebiet) das nicht tut, sondern in ihren lokalen Einzelabhängigkeiten verbleibt. So kann man auch auf dem nationalen und internationalen Markt der Kreativwirtschaft als Standort nicht wettbewerbsfähig werden.

Genau deswegen kann man das Ruhrgebiet auch nicht mit Berlin vergleichen. Aber darum ging es mir in # 16 nicht. Es ging mir nur darum die Chancenlosigkeit dieser Stadtegion gegenüber Berlin klar zu machen. Berlin ist im Kreativbereich so erfolgreich weil es so ist wie es ist, und das Ruhrgebiet ist diesbezüglich so erfolglos, weil es so ist wie es ist. Anders ausgedrückt: Wenn das Ruhrgebiet sich nicht radikal ändert, wird es auf diesem Gebiet noch weiter abgeschlagen.

@ Johne Matrix

Dann geht immer noch keiner aus Berlin ins Ruhrgebiet (zurück), weil Leipzig und Dresden viel näher an Berlin liegen und viel kompaktere und urbanere Cluster bilden.

@Arnold Voss: ok. Es bleibt aber eine Theorie / Mutmaßung von dir. The future is unwritten…

In Berlin wird übrigens auch gerne von den Bezirksregierungen oder diversen Initiativen sehr hyperlokal gedacht und konkurriert, wie ich letztens erst selbst dort erfahren durfte. Außerdem sind wir jetzt auch wieder vom Thema IT-Branche auf Kreativwirtschaft abgeschweift. Und die ist ja sowieso ein recht schwieriges Konstrukt, wie uns auch dieses Blog immer wieder lehrt. Teilweise ja zu Recht. Wie gesagt, auch die Wirtschaft und Arbeitslosigkeit Berlins wird dadurch nicht besser. Warum also immer das Ganze und Berlin als Ideal ranziehen?

Wer wie ich diese StartUp- und Gründerszene weit vor dem heutigen Schwachfug von Duin oder Kollmann in Dortmund – im start2grow-Gründerwettbewerb im Rahmen des von ThyssenKrupp und McKinsey "geschenkten" dortmund-project – live und intern erleben durfte, der weiß, warum wirklich kreative und gute IT-Kräfte hier Wettbewerbskohle abschöpfen und dann nach Berlin oder München gingen (wegen der Kohle und der Kreativität) und warum Professoren wie Kollmann ihre Gewinner-Ideen hier mehr oder weniger erfolgreich im Dunstkreis der Fördergelder und der von TK und McKinsey völlig verblendeten SPD-Kommunalen *hier* umsetzten (wegen der Fölrderkohle).

Dümmer kann man Bürger und Steuerzahler in NRW nicht verkaufen, als sie glauben zu machen, Politik und dann auch noch sozialdemokratische könnte einen "Arbeitsmarkt IKT" erfinden und groß machen. Wir erinnern uns noch voller Scham an die "Bergleute zu CallCenterAgents!"-Bewegung….

Zu Berlin fällt mir nur ein das man dort immer noch auf das NBT wartet. Die Kommunalen Politiker sollten vielleicht mal einen Blick auf Estland werfen, dem tatsächlichen digitalen HotSpot Europas und schauen was dort politisch richtig gemacht wurde.
Ein anderes und für das Ruhrgebiet typische Problem ist das Kirchturmdenken der Städte, mit dieser Mentalität kommt das Ruhrgebiet, egal in welchem Bereich nicht mehr auf die Beine.

@ John Matrix # 22

Stimmt John. Keiner weiß es genau. Aber Berlin ist nun mal zum Maßstab geworden, weil dort in den letzten 20, vor allem aber in den letzten 10 Jahren der Zuzug junger Arbeitskräfte exorbitant war, und weil man diesbezüglich digital von kreativ nicht trennen kann.

Das bedeutet aber nicht, dass das Ruhrgebiet garnichts dagegen tun könnte. Allerdings müsste dazu das hiesige Raumangebot so aufgestellt sein, dass es alle anderen Standort-Konkurrenten im Preis radikal unter- und in der Größe radikal überbietet. Obendrein müssten von vorneherein nicht einzelne Leerstände sondern komplette Leerstandscluster angeboten und vermarktet werden.

Dann und erst dann könnte der zunehmenden Druck in den überlaufenden Standorten auch zu Ab- bzw. Rückwanderung ins Ruhrgebiet führen. Ohne eine erhebliche Beschleunigung der ÖPNV – Verbindungen würden jedoch auch bei solchen Angeboten die vorgezogen werden, die in Städten liegen, die über einen taktfreudigeren und integrierteren öffentlichen Nahverkehr verfügen.

Absolut richtig. In Teilen werden ja auch sogar ganze Leerstandscluster angeboten, sogar auch in dem bösen Projekt Kreativquartiere. Die Kommunikation und das Marketing des Ruhrgebiets ist allerdings grottig, sowohl im gesamten als auch die Maßnahmen der einzelnen Städte

Das Projekt der Kreativquartiere zeigt genau das Dilemma des Ruhrgebietes. Jeder wollte eins haben und Niemand war in der Lage deutliche zu sagen, dass es so nicht geht. Dass weniger an den richtigen Standorten mehr gewesen wäre, und dass selbst dann die Bewerber zu über 90% aus der eigenen Region kommen würden. De fakto konkurrierte das Ruhrgebiet mit seinen Kreativquartieren also gegen sich selbst.

Aber die gleiche Nummer ist viele Jahre vorher im Rahmen der IBA-Emscherpark bei den Technologieparks gelaufen und ist auch genauso geendet. Statt neue Unternehmen von außerhalb der Region kamen z.B. Zahnärzte aus der näheren Umgebung zu günstigen Räumen und schufen woanders neue Leerstände. Aber auch hier wurde am Ende alles wieder schön geredet.

POTTemkin wo man hinschaut und dazu 52 lokale Wirtschaftsförderungseinrichtungen plus 5 IHKs plus Wirtschaftsförderung Ruhr plus Wirtschaftsföderung Emscher-Lippe plus Initiativkreis Ruhr plus RAG-Stiftung plus ECCE und Konsorten, von den Landeswirtschaftsförderungseinrichtungen ganz zu schweigen. Das zusammen ist ein sich selbst torpedierender wirtschaftspolitischer Irrgarten der weltweit seines gleichen sucht.

@#27 Arnold Voss: Ach, wurde diese "Melange" aus überflüssigen Infrastrukturen etwa *nicht* erfunden, um den Bankmanagern der WestLB, den Wissenschaftlern wie Kollmann (oder einem Prof. Jünemann, Ex-Fraunhofer), Instituts-/Abteilungsleitern, Bürgermeistern in Aufsichtsräten und Staatssekretären unseres Landes ein "angemessenes" Salär zukommen zu lassen???;-)

Kommentar verfassen