Die französische Revolution ist leider ausgefallen. Sie hatten kein W-Lan

Dieses Internetz als Voraussetzung für eine funktionierende Demokratie zu beschreiben, das nur völlig rechtsfrei funktionieren kann, ist eine drollige Vorstellung, die sich dann aber doch recht einfach entzaubern lässt.

Sehr viel früher, in grauer Vorzeit, nicht einmal die Ältesten können sich daran noch erinnern, hatten die meisten Menschen gar keinen Zugriff auf dieses www. Also vor so ca. zwanzig Jahren.
Von diesem betrüblichen Zustand unbeeindruckt erdreisteten sich die Menschen damals trotzdem, dieses Staatsgebilde hier als funktionierende Demokratie zu betrachten.
Mit allem Zipp und Zapp.

Es gab *Die Antifa*, es gab Autonome, es gab Parteien, es fand so etwas wie eine öffentliche Meinungsbildung statt und an so Orten wie Stammtischen wurden Politiker mit Namen bedacht, die heute nicht mehr ungestraft in das Internet geschrieben werden können.
Aber schon noch immer weiterhin bedenkenlos an besagtem Ort, mit viel Zuspruch, weiter ausgesprochen werden. (Legaler wird es dadurch trotzdem nicht, das war es auch nie. Aber halt völlig egal.)

Dieses Internetz ist kein merkwürdiger Raum, in dem alle Menschen plötzlich ihre Körperlichkeit verlieren und auf wundersame Weise zu Cyberwesen mutieren, die gar nicht mehr in der Lage sind, Straftaten zu begehen.
Ganz im Gegenteil schaffen es Menschen in beeindruckender Regelmäßigkeit, das eigene illegale Treiben selbst zu dokumentieren und unter Zuhilfenahme von HTTP weiträumig zu verbreiten.

Etwas anderes ist dieses sagenumwobene Internet einfach nicht:

Ein Transferprotokoll.
Eine Möglichkeit, Texte, Ton, Bilder und Videos schnell zur Verfügung zu stellen und verbreiten zu lassen.
Es sind aber nach wie vor nur Texte, Ton, Bilder und Videos.

Einen Grund, warum nun die Videothek, die sehr viel schneller als alle anderen ausliefert, dadurch plötzlich das Recht haben sollte, Kinderpornographie zu vertreiben, gibt es nicht.
Das ist doch völlig absurd.

Genau so wie es albern ist, als Staat herzugehen und zu behaupten, diese oder jene Rechtsform habe aber ab sofort für eine missliebige Internetplattform zu gelten, weshalb da halt über Nacht der Laden dichtgemacht werden könne.

Oder so wie diese Argumentation, in diesem Internetz seien alle Grenzen ausgehebelt, auch eher im Bereich des esoterischen angesiedelt ist.
Grenzen waren schon vor dem www menschengemacht. Und dieses Monstrum von Zaun um die EU herum wird da stehen bleiben, völlig unbeeindruckt von Texten, die Menschen so ins Internet schreiben.

Irgendeine Freiheit im Internet, die größer ist als sonst so da so, wo man halt gerade so ist, gab und gibt es nicht.
Es gelten die Gesetze des jeweiligen Landes.
Ob die gut sind, ist eine ganz andere Frage.
Die Möglichkeit, mit Gesetzesbruch durchzukommen, gab und gibt es immer in Abhängigkeit mit den jeweiligen individuellen Fähigkeiten.

Das Internet als Garant gegen Despoten?

Mr. Erdogan also hat ganz merkwürdige Vorstellungen entwickelt, ist dann kurz online gegangen und hat leise seufzend von seinen Plänen Abstand genommen.
Ging alles nicht, weil, Wikipedia.
Ach, eine nette Träumerei.

Aber, nein. Jeder Despot, der was auf sich hält, hat “Meinungsfreiheit einschränken“ irgendwo auf seiner To-Do-Liste stehen, kurz hinter “Pressefreiheit begrenzen“. Und das natürlich auch im www.
Was immer ihn davon abhalten wird, seine Pläne umzusetzen, die alleinige Existenz des Internets jedenfalls wird es nicht.
Zur Not wird das sogar ganz ohne funktionieren müssen, weil selbstverständlich ein ordentlicher Despot in der Lage ist, das www für seine Zwecke einzusetzen.
Das Internet ist im Kern nichts anders als alle anderen Technologien auch:
Von Menschen entwickelt, verbessert, kann es von selbigen zu jedem Zweck sinnvoll eingesetzt oder zu fürchterlichen Dingen verwendet werden.

Aber allein durch die Existenz passiert erst einmal genau gar nichts.
Der große Unterschied zur Prä-Internet-Zeit ist die Geschwindigkeit.
Die allerdings scheint so groß zu sein, dass einigen davon schwindlig geworden ist und sie eigenwillige technologiegläubige Ideologien entwickeln, die aber mit der Realität nun nicht in allzu großem Kontakt stehen.

 

Zeit, wieder Boden unter den Füßen zu spüren.

1 Kommentar

Sehr treffend.
Ein Aspekt ist aber wohl noch hinzuzufügen. Das www ist eine grenzüberschreitende Einrichtung. Jedermann kann heute technisch sehr leicht grenzüberschreitend tätig werden. Nicht so ganz leicht einzuschätzen sind die juristischen Konsequenzen. Da werden die Digital Natives ganz schnell zu Digital Aboriginies, die kolonial überrollt werden.
Das www ist eben doch Neuland.

Kommentar verfassen