Tom Buhrow – ein WDR-Chef ohne Kanten und Konzepte

Ruth Hieronymi und Tom Buhrow bei der Pressekonferenz zur Wahl Buhrows als WDR-Intendant am 29. Mai 2013. Foto: Superbass Lizenz:
Ruth Hieronymi und Tom Buhrow bei der Pressekonferenz zur Wahl Buhrows als WDR-Intendant am 29. Mai 2013. Foto: Superbass Lizenz: CC

Nun ist es also Tom Buhrow geworden. Der WDR, die größte Sendeanstalt der Republik, hat nach Monika Piel wieder einen Mann an der Spitze der Intendanz und mal wieder einen Journalisten. Das soll wohl Kontinuität nach außen darstellen. Aber ist Buhrow auch die beste Wahl gewesen? Nein! Denn gewonnen hat der Kompromisskandidat nur aus einem einzigen Grund: weil er schwach ist. 

Artig zeigten sich die Verantwortlichen und die, die von Buhorw in den nächsten Jahren noch was erwarten, positiv überrascht: Die Vorsitzende des WDR-Rundfunkrats Ruth Hieronymi begrüßte die Wahl von Buhrow als “zukunftsweisende Entscheidung für den WDR“, vergaß aber – absichtlich oder nicht – die Begründung für ihre gewagte These mitzuliefern. Die nordrhein-westfälische Ministerpräsidentin Hannelore Kraft (SPD) erklärte, mit Buhrow werde ein Journalist mit klarem Profil an der Spitze des Senders stehen. Was das für ein Profil sein sollte und wie die „Mutter Courage des Wohlfühlens am Rhein und Ruhr“ quantifiziert, sagt sie nicht – sie hatte wohl zu viel mit den Reisevorbereitungen für ihren neuesten Regierungstripp ins Vorzeigeland Kanada zu tun. Beifall und Lobhudeleien kamen auch von den anderen Parteien, die sich fast anschickten, die Wahl durch immer neue Superlativen der Fähigkeiten von Buhrow zu finden – oder doch vielleicht nicht eher nachträglich zu legitimieren?
Auf WDR.de bekam der Leser dann auch direkt die offizielle Begründung mitgeliefert, warum der Tagesthemen-Moderator 41 von 47 Stimmen auf sich vereinigen konnte: „Er hat unter den drei Kandidaten, die im Rennen waren, die größte WDR-Erfahrung.“ Um es noch einmal zu betonen: Er hat keine Erfahrung in der Führung eines größeren Teams/Mannschaft/Anstalt (wie die beiden anderen Konkurrenten), er hat sich nicht gerade als hervorragender und Themen setzender Journalist hervorgetan (wie Stefan Aust), noch hat er sich durch eine gewisse intellektuelle Brillianz (wie der Intendant des BR) hervorgetan. Statt dessen wurde im Rundfunkrat ein neues Qualitätskriterium gefunden: „WDR-Erfahrung“. Man könnte jetzt darüber philosophieren, was dass denn genau ist? Vielleicht die Fähigkeiten, mit Steuergelder einen aufgeblähten Medienapparat zu nutzen, der seine Journalisten teilweise sogar mit eigenen Dienstfahrzeugen und Fahrern zu Terminen kutschiert oder Doppelstrukturen und Abteilungen besitzt, die anderswo schon längst abgeschafft werden würden – oder vielleicht das Ignorieren eines Preis/Leistungsverhältnis, wenn man sich die verwendeten Gebühren gegen das Programm des Dritten ansieht?
Fakt ist: Buhrow ist vielleicht für den Filz und die Seilschaften im WDR der richtige Mann, weil sich unter ihm nichts Wesentliches ändern wird. Für die Nutzer und die Steuerzahler ist die Wahl hingegen ein Desaster. Es wurde nicht der Mann mit den besten Qualifikationen gewählt, sondern einer, der ein einziges Qualitätskriterium mitbringt: Er tut keinem weh.
Buhrow war von Anfang an einer der Kandidat im Bewerberpool, der zu den schwächeren zählte. Andere Kandidaten mit Kanten und Konzepte wurden schon im Vorfeld benannt und damit verbrannt, wie etwa der ZDF-Mann Frey, der durch die BILD als Kandidat geoutet wurde. Da Frey ein SPD-Mann ist, darf man sicher gehen, dass die CDU den Namen vorzeitig preis gegeben hat, um ihn aus dem Rennen zu schicken. So passierte es denn auch.
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Andere Kandidaten mit Kanten und Konzepte wurden gar nicht erst angesprochen und warfen daher auch nicht ihren Hut in den Ring, Kandidaten, die zwar kaum TV-Erfahrung mit sich brachten, dafür aber Erfahrung in der Führung von großen Redaktionen und der Neuausrichtung etablierter Print-Marken in der digitalen Welt.
Statt dessen also Tom Buhrow. Er konnte in seiner Zeit als Moderator der Tagesthemen nicht in die Fußstapfen von Ulrich Wickert treten und die Lücke ausfüllen, die die frankophilie Dampfplaudertasche Wickert ihm hinterlassen hatte. Wickert war eine Marke, die sich mit den Jahren aufgebaut hatte. Bei Buhrow hatte man hingegen stets das Gefühl, auf dem falschen Sender gelandet zu sein – Kika statt ARD.
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Dazu passte, das Wickert etwa durch seinen Scharfsinn durch seine Bücher Themen anstieß und Debatten führen konnte. Buhrows Liste bei Amazon schmeißt einem hingegen Bücher vom Format einer Ildikó von Kürthy aus: „Mein Amerika – Dein Amerika“ (2009), „Mein Deutschland – Dein Deutschland (2010)“, „Gebrauchsanweisungen für Washington“ (2012) und zu guter letzt nicht zu vergessen: „Tim fragt Tom: Nachrichten leicht gemacht“ (2008).
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Seine Bücher und er wurden zwar in typischer WDR-Clique-Wirtschaft in den Formaten des Kölner Senders beworben. Schlagzeilen machte Buhrow hingegen vor allem mit seinen Nebentätigkeiten jenseits des Buchgeschäftes, etwa mit Reden  (http://www.agad.de/fileadmin/user/AGAD-2-2012-Internet.pdf) über Gott und die Welt, über dieses und jenes, eigentlich über alles, denn Buhrow ist ja ein guter „Kommunikator“ (Begründung des ARD-Vorsitzenden zur WDR-Wahl), da spielen Inhalte und Expertisen wohl kaum eine Rolle.
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So berichtete das NDR-Medienmagazin „Zapp“ 2009 über Buhrows umfangreiche und gut dotierte Nebentätigkeit als Vortragsredner (http://www.ndr.de/fernsehen/sendungen/zapp/medien_politik_wirtschaft/nebenerwerb100.html). Noch heute ist der Beitrag auf der NDR-Seite zu finden und eine Preisliste, demnach 20.000 Euro für einen Vortrag des neuen WDR-Intendanten verlangt wurde. In der Folge kam es zu einem Aufstand leitender Redakteure der ARD-aktuell-Redaktion, die in einem Brief den Nachrichtenmann aufforderten, künftige Nebenerwerbsengagements besser darauf zu prüfen, ob sie dem Ansehen der „Tagesthemen“ und ARD-aktuell schaden könnten. Seine gut dotierten Nebentätigkeiten hatten Buhrow damals einen gewaltigen Imageschaden eingebrockt. Bei einem Online-Voting sahen fast 70 Prozent der User von stern.de die Glaubwürdigkeit des ARD-Anchorman ramponiert (http://www.stern.de/kultur/tv/abstimmung-ist-tom-buhrow-noch-glaubwuerdig-704383.html). Glaubwürdigkeit ist aber für einen Journalisten das Wichtigste, für den Anchorman der wichtigsten deutschsprachigen Nachrichtensendung allemal.
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Nun ist er also WDR-Intendant. Der Mann ohne Eigenschaften, ohne Kanten und Konzepte. Es bleibt zu hoffen, dass er sich in seinem neuen Job entwickelt und zu einem neuen Format findet, denn der WDR und die Medienlandschaft in NRW stehen vor großen Herausforderungen – und das heißt vor allem, Buhrow muss Entscheidungen treffen, die weh tun. Damit hat er bisher keine Erfahrungen gehabt (weil er keine Führungsfunktion in einem größeren Unternehmen/Sendeanstalt hat). Er muss sich gegen den massiven Einfluss der Parteien auf den WDR wehren, er muss die Filzkultur und die Seilschaften im Sender entmachten, die so vieles verhindern und letztlich dafür verantwortlich sind, dass das WDR-Programm Einheitsbrei ist und Gelder an die falschen Projekte und Stellen fließen. Er muss sich innerhalb der ARD gegen die Machtansprüche so vieler Provinzfürsten durchsetzen, die dem geschwächten WDR ein Bein stellen wollen. Dieses wird schon bei der Nachfolge-Suche für seinen bisherigen Posten als Tagesthemen-Moderator sichtbar werden. Er muss aber vor allem eine eigene Medienpolitik entwickeln, als Abgrenzung zu Medienstaatssekretär der Landesregierung und dem Konzept eines staatlichen Einflusses auf die Print-Medien. Denn je mehr Staats-Medien existieren, um so mehr Geld und Einfluss wird der neue WDR-Intendant abgeben müssen – und so mehr schwächt er seine eigene Organisation, die sich eine solche Schrumpfkur nicht lange gefallen lassen wird.
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Es gibt also viel zu tun. Ein „großer Kommunikator“ zu sein, reicht dafür nicht aus.

7 Kommentare

@Jochen Hoff: Du kannst das Kreuz wieder wegmachen – der Artikel ist nicht von mir 🙂

Dafür mache ich ein Kreuz im Kalender, weil ich einer Meinung mit Stefan bin… 🙂

Schaut man sich das Foto oben an, könnte man meinen, der smart und nett wirkende Tom Buhrow sei der Traum einer jeden Schwiegermutter, hier verkörpert in Gestalt der 65 jährigen Ruth Hieronymi. Da genau verbirgt sich schon ein großes Problem des WDR. Der Sender ist optimiert auf Schwiegermütter, Schwiegerväter, Tanten, Onkels, Omis und Opis. Er ist so etwas wie die Apothekenrundschau in der deutschen Fernsehlandschaft geworden, optimiert für die Generation Ü60. Aber nicht nur in Bezug auf die 61 Jahre, die der WDR Gucker im Durchschnitt auf dem Buckel hat, sieht der Sender ganz schön alt aus. Buhrows Vorgängerin Monika Piel hat erst im letzten Jahr zusammen mit dem Rundfunkrat um Ruth Hieronymi die Kulturwelle WDR3 mit Karacho vor die Wand gefahren und das Problem mit der Tagesschau App. scheint von Verhandlung zu Verhandlung unlösbarer zu werden.
Tom Buhrows Leistung als Nachrichtensprecher und Auslandskorospondent in Ehren, aber die Probleme des WDR, der in Zukunft bessere Qualität bringen muss und das bei weniger Geld, lassen sich nicht durch Liebe lösen. Das aber scheint das einzige zu sein, was Buhrow neben seiner journalistischen Fähigkeit für seinen neuen Job mitbringt.

Ich hatte mich bei der Bekanntgabe des WDR-“Erklärbärs” als neuer Chef ebenso gefragt, wessen Marionette er denn nun sein soll, nachdem das mit der Piel nicht so richtig geklappt hat.

Ich fand die Entstehung der 3er Vorschlagsliste in der Findungskommission auch gelinde formuliert suboptimal. Während der Rundfunkrat bald auch gesetzlich zu einer transparenteren Arbeits- und Tagungsweise gedrängt wird, tagen die wichtigen Gremien, in denen die wesentlichen Vorentscheidungen fallen, weiterhin im Geheimen. Und dann kommt auch noch sowas die 3er Liste dabei raus, die dem eigentlich wählenden Rundfunkrat keine wirkliche Entscheidung mehr lässt – und so war dann auch das Wahlergebnis.
Solche “öffentlich”(!)-rechtlichen Strukturen werden nicht mehr lange überleben; ich bin sicher ihr Ableben noch zu erleben (ich bin jetzt 56), das könnte auch für Buhrow gelten. Es sei denn, er weiß auch, dass es so nicht weitergeht. Wenn er es weiß, hat er es noch nicht öffentlich erkennen lassen. Viel Zeit wird er dafür nicht mehr haben.

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