Thomas von der Osten-Sacken: ” Die Behauptung, ich hätte meine „Israel-Solidarität“ aufgekündigt, grenzt an Rufschädigung”

Thomas von der Osten_Sacken Foto: Privat


Der Publizist und Buchautor Thomas von der Osten-Sacken wurde lange Zeit wegen seiner israelsolidarischen Haltung angefeindet. Nun wirft ihm die  Zeitschrift Bahamas vor, zum Gegner Israels geworden zu sein. Stefan Laurin sprach mit Thomas von der Osten-Sacken.

Ruhrbarone: Du hast heute online einem  Beitrag in der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift Bahamas widersprochen. Was war geschehen?

Thomas von der Osten-Sacken: Vorab: Normalerweise reagiere ich nicht auf Denunziationen und Verleumdungen, aber in diesem Fall hat ein Autor schon eine rote Linie überschritten. In der letzten Ausgabe der Zeitschrift Bahamas behauptet Martin Stobbe, ich „wünschte (mir) in einem Beitrag für Mena-Watch einen ‚friedlichen‘ Marsch Zehntausender auf Israels Grenzen herbei, die ‚statt AK-47-Gwehren, Zwillen oder Molotow-Cocktails nur Olivenzweige in den Händen‘ halten. In dem unbedingten Willen, Grenzen fallen zu sehen, fällt ihm nicht einmal auf, dass die Erstürmung einer Grenze, ob mit oder ohne Waffen, gar nicht friedlich sein kann, sondern einen gewalttätigen Akt gegen einen souveränen Staat darstellt.“

Was ich geschrieben habe? Nun es ging um eine Diskussion, die ich mit Thomas Eppinger führte, ob gewaltfreier Protest nicht langfristig für Israel gefährlicher werden könnte, als die Ausschreitungen während des so genannten March of Return.

Ich schrieb in dem Beitrag:

„Die Idee und der Plan, Israel mit gewaltfreien Mitteln zu konfrontieren, nämlich ist auch nach den Ereignissen im Mai keineswegs begraben. Aus welchen Gründen auch immer die Proteste so eskalierten, sie müssen es das nächste Mal nicht wieder tun. Damit stellt sich erneut die zentrale Frage: Was, wenn eines Tages Zehntausende nur mit Olivenzweigen und Bildern von Gandhi, Mandela und Lind in den Händen auf die Grenzen zumarschieren? Wie werden israelische Sicherheitskräfte und Armee dann regieren? Ich bin überzeugt, ein solches Szenario birgt für Israel eine weit größere Gefahr als ein paar mit Brandsätzen bestückte Flugdrachen. Denn es würde die israelische Gesellschaft vor eine moralische Zerreißprobe stellen.

Solange sich die Situation im Gazastreifen nicht grundlegend ändert – auf absehbare Zeit bleibt ein „Free Gaza from Hamas“ wohl Wunschtraum –, wird es immer wieder zu Protesten, Ausschreitungen, Demonstrationen und militärischen Konflikten kommen. Heute leben in Gaza fast zwei Millionen Menschen, bald werden es 2,5 Millionen sein. Die einen fordern eine Verbesserung ihrer Lebenssituationen und geben Israel, Ägypten und der Hamas gleichermaßen die Schuld, andere träumen – angestachelt auch von einer völlig unverantwortlichen internationalen Politik, die sie in dem Irrglauben unterstützt, sie hätten irgendwo in Israel ein Heim – von einer Rückkehr, die es so nicht geben wird und wieder andere sehen sich im Auftrag Allahs bestimmt, das „zionistische Gebilde“ zu zerstören. (…)

Zugleich wird, auch das ist, ob man will oder nicht, ein Fakt, der Gazastreifen auch in Zukunft in der unmittelbaren Nachbarschaft Israels verbleiben. Für einige Zeit mögen Grenzzäune, ägyptische Interventionen und scharfe Schüsse diese Grenze weiter sichern, der 14. Mai hat allerdings gezeigt, wie wenig ein Zaun auszurichten vermag, sollten eines Tages wirklich Zehntausende bereit sein, ihn unter allen Umständen zu überwinden, bzw. welcher Preis dann gezahlt werden müsste.“ In dem Bahamas-Artikel behauptet der Autor nun, ich hätte meine „Israel-Solidarität“ aufgekündigt und das grenzt dann schon einerseits an Rufschädigung, andererseits betrifft es etwas, was mir Zeit meines Lebens ganz wichtig gewesen ist: Die Verteidigung Israels und der Kampf gegen alle Formen von Antisemitismus.

Ruhrbarone: Antisemitismus tritt in Deutschland immer offener zu Tage, Juden werden direkt angegriffen, die antisemitische BDS-Bewegung  gewinnt an Boden. Wäre es nicht sinnvoller, zusammen zu arbeiten anstatt sich in solche Streitigkeiten zu verkämpfen?

Thomas von der Osten-Sacken:  Nun, ich habe keinerlei Streit angefangen und bin seit je her der Ansicht, dass linke Grabenkämpfe nicht besonders fruchtbar sind, außer es geht wirklich um ganz existentielle Fragen. Die zur Haltung gegenüber Israel war so eine, weshalb es in den 90er Jahren und vor allem nach Ausbruch der so genannten Al Aqsa Intifada und dann 9/11 enorm wichtig gewesen ist, linken Antisemitismus, der sich als Antizionismus oder Israelkritik verkleidet, anzugreifen, zu entlarven und eben auch zu spalten. Um so wichtiger wäre es natürlich heute, die unzähligen Gefahren mit denen einerseits sich Israel konfrontiert sieht, die andererseits von altem und neuem Antisemitismus in Europa und Deutschland ausgeht, mit allen möglichen Mitteln zu bekämpfen.

Ruhrbarone: Hältst Du einen palästinensischen Gandhi wirklich für realistisch? Die Führung der Hamas und anderer palästinensischer Gruppen setzt nach wie vor vor allem auf Terror und Gewalt.

Thomas von der Osten-Sacken:   Erst einmal halte ich Gandhi für keine besonders sympathische Figur. Alleine seine Äußerungen zu Frauen sprechen Bände. Ich habe Szenarien ausgemalt, einfach weil im Nahen Osten sehr viel in Bewegung ist und das Thema Gewaltfreiheit seit dem arabischen Frühling eine ganz neue Bedeutung gewonnen hat. Ursprünglich sollten diese Demonstrationen gegen Israel im Frühjahr wohl wirklich gewaltfrei vonstatten gehen und wurden dann von der Hamas übernommen und instrumentalisiert. Ob bei der in Gaza leider vorherrschenden politischen (Un)-Kultur sich so etwas durchsetzen kann, weiß ich nicht. Auf der anderen Seite hätte auch nie jemand erwartet, dass ein Muqtada Al-Sadr, der früher ein übler Milizführer war, vor einigen Jahren Gewaltfreiheit bei Massendemonstrationen für sich entdecken würde. Veränderungen im Nahen Osten können sehr schnell gehen und ich weiß, dass palästinensische Aktivisten seit Jahren über neue Formen des gewaltfreien Protestes und Widerstandes diskutieren.

Das heißt nicht, das ihre Ziele sympathisch sind. Es geht um die Mittel und welche Auswirkungen sie auf Israel hätten. Meine Sorge ist: Wie reagiert eine israelische Öffentlichkeit, wenn eines Tages wirklich Zehntausende nach dem Vorbild von Gandhis Salzmarsch auf den Grenzzaun zumarschieren und ihn zu überwinden versuchen?

Ruhrbarone: Das wäre eine existenzielle Bedrohung Israels.

Thomas von der Osten-Sacken:   Das ist ein Szenario, über das ich mal vor vielen Jahren  mit jemandem aus dem israelischen Sicherheitsestablishment gesprochen habe. Der meinte damals, genau vor solchen Szenarien hätten sie weit mehr Angst als vor gewalttätigen Palästinensern. Und umgekehrt meinte Anfang der 90er Jahre ein Vertreter der KP-Palästinas in Gaza bei einem Gespräch, nicht mit Waffen, sondern den Mitteln von Gandhi und den Slogans von Mandela “One Man, one Vote” ließe sich Israel zerstören.

Ruhrbarone: Es geht also immer um die Zerstörung Israels, nie um die Verbesserung der Lebensverhältnisse der Palästinenser in Gaza oder der Westbank?

Thomas von der Osten-Sacken:   Nicht unbedingt. Aber das war auch gar nicht mein Thema. Die Lage in Gaza ist auf Dauer nicht haltbar. Und Gaza bleibt, ob man es will oder nicht, ein Nachbar Israels. Da leben inzwischen fast zwei Millionen Menschen auf engstem Raum, ohne Perspektive, der Propaganda der Hamas in Schulen und Moscheen ausgesetzt. Das hat so keine Zukunft und wird früher oder später explodieren. Und niemand hat eine wirkliche Idee, wie man diese Situation ändern könnte. Man klammert sich, wie so oft im Nahen Osten, an einen unhaltbaren Status Quo. Wie es aussieht, sind sehr viele Menschen sehr unzufrieden mit der Herrschaft der Hamas, nur, würden sie aufbegehren, erlitten sie das Schicksal der Protestierenden in Syrien oder anderswo. Wie viele Menschen nun wirklich die Zerstörung Israels wollen, kann man unmöglich sagen. Was wir wissen: Sie ist das offizielle Ziel und Programm der Hamas und ihrer Paten in Teheran. Solange sich die Situation in Gaza nicht ändert, besteht also kaum Hoffnung und zugleich profitiert wiederum die Hamas (noch) davon, dass die Situation so schlecht ist. Das unter anderem nannte ich in dem inkriminierten Beitrag ‚Das Dilemma von Gaza‘.

5 Kommentare

Bahamas vs. von der Osten-Sacken
Gremliza vs. Trampert

Die Nazis danken ihrem "Föhrer" auf Knien, dass sie so eine Linke als "Gegner" haben.

Lieber Stefan Laurin, lieber Thomas von der Osten-Sacken,
erst einmal ein kleiner Vorbehalt: ich finde die Formulierung Martin Stobbes vom „Wunsch“ nicht ganz geschickt, da sie zum einen mir persönlich zu überspitzt ist, und zum anderen ihre eigene Entkontextualisierung nicht antizipierte. Dies letzte wiederum ist meine eigene Kapitulation vor der doch recht kreativen Lese- und Urteils“fähigkeit“ der Leserschaft; und damit meine ich eine Leserschaft, die bloß auf Zitate wartet, über die man sich empören kann, ohne den betreffenden Artikel auch nur gelesen zu haben. Nun handelt es sich aber, anders als kolportiert, wahrlich nicht um eine Zitatfälschung, da es sich ziemlich offensichtlich um eine dem Zitat vorangestellte Deutung handelt, über die man streiten kann. Aber ich möchte doch einwenden, dass der Fokus hier ganz ordentlich verrutscht, und genau darin wird es symptomatisch, wenn alle möglichen publizistischen Geschütze aufgefahren werden, um die Ehre des kritisierten Herren wiederherzustellen. Denn „Rufschädigung“ hat Thomas von der Osten-Sacken ganz selbstständig in eigener Sache betrieben, was Martin Stobbe in seinem Artikel wiederum hervorhob.
Thomas von der Osten-Sacken betont nun also im Interview: „Nun, ich habe keinerlei Streit angefangen und bin seit je her der Ansicht, dass linke Grabenkämpfe nicht besonders fruchtbar sind, außer es geht wirklich um ganz existentielle Fragen. Die zur Haltung gegenüber Israel war (!!) so eine weshalb es in den 90er Jahren und vor allem nach Ausbruch der so genannten Al Aqsa Intifada und dann 9/11 enorm wichtig gewesen ist, linken Antisemitismus, der sich als Antizionismus oder Israelkritik verkleidet, anzugreifen, zu entlarven und eben auch zu spalten.“ Das heißt, die Frage „zur Haltung gegenüber Israel“ ist (!) jetzt Geschichte, wer sich vor einiger Zeit auf die Seite Israels schlug, entzog sich damit für alle Zeit der Kritik und Spaltung. Man kann demnach schreiben, was man will. Nur wenn es jemand kritisiert, hat dieser jemand den „Streit angefangen“. Keineswegs aber ging und geht es bloß um die sich sachlich gebende Frage, „ob gewaltfreier Protest nicht langfristig für Israel gefährlicher werden könnte, als die Ausschreitungen während des so genannten March of Return.“ Die Frage, so wie im Interview formuliert, wäre völlig in Ordnung und ist eine wichtige. Aber von der Osten-Sacken unterschlägt die zahlreichen Prämissen, moralischen Verschiebungen etc, die er zur Beantwortung jener Frage auffuhr.
Statt eines reinen Gefälligkeitsinterviews hätte man sich also durchaus die betreffenden Texte – von Stobbe und Osten-Sacken – durchlesen können, um zu prüfen, inwieweit etwas dran ist an dem Vorwurf der Aufkündigung der Israelsolidarität, zumal wenn Letztere TOS „ganz wichtig gewesen ist“.
Begonnen hat es nicht zuletzt als Thomas von der Osten Sacken, der aus dem berechtigten und löblichen Motiv heraus sich gegen „hämische Kommentare“ angesichts getöteter Palästinenser zu wenden, dies vermischte zu einem Protest gegen „Leute, die, wie ich, in der behüteten Bundesrepublik groß wurden, ohne mit der Wimper zu zucken, ohne ein Wort zumindest des Bedauerns, über die Toten und Verletzten schreiben, die selbst schuld seien und warum man eben Grenzen mit Gewalt verteidigen müsse, lese Jubelberichte über die Botschaftseinweihung am selben Tag.“ Selbst dies wäre noch verständlich als spontane Reaktion auf gewisse Kommentare, die ja schließlich, selbst wenn sie in der Sache Recht gehabt hätten, scheinbar oder wirklich im Ton Genugtuung, Befriedigung oder Ähnliches mitgegeschleppt haben können. Ich weiß es nicht, er zitiert das Kritisierte nicht. Schon hier aber kommen mit den „Jubelberichten über die Botschaftseinweihung am selben Tag“, also den Ausdruck einer Freude über einen endlich erfolgten und erheblichen Schritt im us-amerikanisch-israelischen Verhältnis, Dinge ins Feuer der Kritik, die sich so einfach nicht mehr erklären lassen, weshalb der ominöse Verweis auf ebenso ominöse Freunde herangezogen werden muss – dabei soll wahrlich nicht unterstellt werden, es gäbe sie nicht. Nur wissen alle Beteiligten, dass man sich aus Israel von der Uganda Bar über Mea Shearim oder Schwulenbars bis hin zu Siedlungen so gut wie jede Stimme abholen kann, die man für was auch immer benötigt. Ominös ist er deshalb, weil mit keinem Wort gesagt wird, was jene Freunde denn zu so wertvollen Stimmen machen würde, außer, dass sie Israelis sind. Wir alle sollten doch wissen, dass Stimmen aus Israel, die ohne jede weitere Verortung herangezogen werden, um etwas zu untermauern, nicht mehr wert sind, als die Position desjenigen, der sie zitiert. Aus diesem Grund spielen sie als Verweis auch nur die Rolle, dass Thomas von der Osten Sacken sich ihre Zitat vollumfänglich aneignet; Achtung: das ist eine Deutung, aber er schreibt: „Ich verstehe und sympathisiere zugleich aus vollem Herzen mit Freunden in Israel, die völlig entsetzt sind – einige haben sogar an einer Friedensdemonstration in Tel Aviv teilgenommen-, die mir schreiben […]“ Jene Aussagen, die sich TOS „aus vollem Herzen“ zu eigen machte, lauten: „Montag sei der wohl schwärzeste Tage in der israelischen Geschichte gewesen und sie hätten es nicht ertragen, einerseits die Bilder von der Feier in Jerusalem anlässlich der Botschaftseröffnung zu sehen und andererseits die von all den Toten und Verletzten am Gazazaun.“ Oder: „Montag sei die finale Bankrotterklärung des Zionismus gewesen, meint ein Freund angesichts der christlich-evangelikalen Prediger, die bei dem Event in Jerusalem sprachen.“ Nicht die Kriege, nicht die Intifadas oder die zahllosen anderen Anschläge seien also das, woraus „der wohl schwärzeste Tage in der israelischen Geschichte“ zu wählen sei. Bis hierin hätte man das alles mit viel, vermutlich schon zu viel gutem Willen noch als gegenideologische Kundgabe auffassen können, die aber im Versuch, darzustellen, dass die Israelis auch ganz menschlich ticken, wiederum schon in oberflächig philosemitischer, doch zutiefst antisemitischer Manier die Botschaft aufgehoben hätten, dass die Juden doch aus ihrer Geschichte gelernt hätten. Aber es lief letztlich auf den Satz heraus: „Israel beschenke sich selbst mit Toten und Verletzten zum Geburtstag“, was nichts anderes heißt, als dass Israel durch seine Existenz und dadurch, dass es die Verlegung der us-amerikanischen Botschaft nicht verhindert habe, einen Sturm auf seine Grenzen provoziert habe, um die daran beteiligten Menschen niederschießen zu können. Jene Täter-Opfer-Umkehr, die man sonst völlig zu Recht in aller Schärfe Spiegel, Süddeutsche und Co vorwirft, macht sich TOS zu eigen, ohne, dass Ruhrbarone oder Jungle World eine Stellungnahme verlangt hätten. Jene Umkehr ist nur dann keine Aufkündigung der Israel-Solidarität, wenn man das Lippenbekenntnis jener Solidarität über die konkreten Urteile, die sie erst bilden, stellt. Der Bundesregierung würde man sowas nicht durchgehen lassen. Herr Osten-Sacken hingegen kann noch von einer Aura der vergangenen Urteile zehren.
TOS fordert: „Politische Analyse, die nicht einfach nur eiskalt, ideologisch und zynisch sein will, bewegt sich auf einem schmalen Grad. Sie sollte nie aufhören, verstehen zu wollen, was Menschen subjektiv antreibt und warum sie denken und handeln, wie sie denken und handeln.“ Diese aber gelingt gerade nicht durch einen Subjektivismus im Konjunktiv, der sich selbst fragt: „Wie wäre man selbst, wäre man nicht in der gutbehüteten Bundesrepublik aufgewachsen, sondern beispielsweise im Gazastreifen? Würde man dann anders handeln und denken, als die Zehntausende, die versuchten den Grenzzaun zu stürmen? Ich habe keine so hohe Meinung von mir, um diese Frage mit Ja zu beantworten.“ Nicht nur ist diese Frage schlicht und ergreifend nicht zu beantworten, und genau aus jenem Grund ist die angebliche Selbstreflexion bloße Verdopplung der Hamas-Propaganda, die man von jenem Herren niemals erwartet hätte. Anstatt also, wie eine Kommentatorin zu betonen, „Ich würde mich NICHT einem judenhassenden, mordlustigem Mob anschließen. Dessen bin ich mir tatsächlich sicher.“, was genauso hanebüchener Unsinn ist, (während der eine nämlich geschickt kund tut, jetzt schon Verständnis zu haben, sagt die andere nur, dass sie dies nicht hat) wäre die einzige Antwort, dass man so wie man ist und denkt, die angewandte Gewalt zur Grenzsicherung auch gegen ein phantastisches in Gaza geborenes Selbst, das sich dem Mob anschließt, verteidigt, und zwar im selben Maße, wie man beispielsweise niemals mit kompletter Sicherheit sagen kann, dass man selbst niemals zum Selbstjustizler wird, und gerade deshalb, den Kampf gegen Selbstjustiz auch gegen die eigene potenzielle Tat und das sie ausübende Selbst gewandt wissen möchte.
Schon der verständnisvolle Fokus auf die Marschierenden ist verräterisch. So schrieb TOS, es “beteiligten sich sogar weniger Menschen, als ursprünglich angenommen“ an dem Marsch, um selbst Verständnis zu erheischen für die Frage „Würde man dann anders handeln und denken, als die Zehntausende, die versuchten den Grenzzaun zu stürmen“, während er doch selbst wissen muss, dass selbst, wenn Zehntausende gegen Israel marschierten, mindestens anderthalb bis zwei Millionen es nicht taten. Über diese aber heißt es dann aus dem Munde Osten-Sackens lapidar: „Wie es aussieht, sind sehr viele Menschen sehr unzufrieden mit der Herrschaft der Hamas, nur, würden sie aufbegehren, erlitten sie das Schicksal der Protestierenden in Syrien oder anderswo.“ Die behauptete Ausweglosigkeit einer ernsthaften palästinensischen Revolution gegen die Hamas, welche immer die Frage verdeckt, ob es den Willen zu dieser überhaupt in genügendem Ausmaß gibt, weshalb Martin Stobbe zu Recht schrieb, dass „man bis zum Gegenbeweis annehmen muss, dass sie in ihrer übergroßen Mehrheit allen Juden den Tod wünschen”, unterschlägt im Vergleich mit Syrien unter anderem auch sogleich, dass Israel vielleicht ein Wörtchen mitzureden hätte, ob russische und iranische Truppen und deren Material im Gazastreifen in syrischen Ausmaßen partizipieren könnten. Derart wird das „Gefühl“ der Ohnmacht zur reellen und kompletten Ohnmacht rationalisiert, den Bewohner Gazas in diesem Sinne jede Verantwortung abgenommen und -gesprochen; mehr noch: sogar der Sturm auf Israel wird aus diesem Gefühl „verständlich“ gemacht: „Ursprünglich, so scheint es im Rückblick, war der so genannte Rückkehrmarsch nämlich als Versuch gedacht, diesem Dilemma irgendwie zu entkommen. Die großen Verlierer des 14. Mai sind deshalb (!) Menschen wie Ahmed Abu Artima und Hasan al-Kurd, die immerhin, anders als die Hamas, von Frieden und Koexistenz mit ihren israelischen Nachbarn sprechen und deren Ziel zumindest nicht die gewaltsame Auslöschung Israels zu sein scheint. Auch wenn ihre Vorstellungen etwa von einer möglichen Rückkehr so illusorisch sind wie das Gerede von einer Ein-Staaten-Lösung, dürfte man – nach Jahren von Blockade, Krieg, Not und übelster Indoktrination durch Hamas und andere – in Gaza kaum moderatere Ansprechpartner finden.“ Schon die Formulierung „deren Ziel zumindest (!) nicht die gewaltsame Auslöschung Israels zu sein scheint(!)“, unterstellt doch schon dass die saubere Trennung von Rückkehr und Einstaatenlösung von der „Auslöschung Israels“ überhaupt einfach möglich wäre. Nicht mehr die Überwindung Israels ist der Gegenstand der Kritik, sondern die Frage, ob dies „gewaltsam“ und „gewaltlos“ vonstattengehen soll. Dagegen schien es vor einiger Zeit noch Konsens zu sein, auf Ansprechpartner zu verzichten, die nicht bereit sind, die Souveränität, die nichts anderes bedeutet als die Existenz, Israels anzuerkennen. Daraus aber folgt, dass man angesichts ihrer Forderungen, froh sein muss, dass „die großen Verlierer“ ebenso Verlierer blieben wie die Hamas; dass man also die „moderaten Ansprechpartner“ als „moderate Antisemiten“ oder zumindest „moderate Feinde Israels“ bezeichnet hätte.
Adornos gegen Wagner gerichteter Satz „Ein Deutscher ist ein Mensch, der keine Lüge aussprechen kann, ohne sie selbst zu glauben“, ist immer an die Hoffnung geknüpft, dass ein paar Bomben auf den Kopf den Deutschen daran erinnern, dass ihm das eigene Leben doch wichtiger ist als der Tod der Juden. Oder um es mit Golda Meir über die Wiedergänger jenes Geistes zu sagen: „Frieden wird es erst geben, wenn die Araber ihre Kinder mehr lieben, als sie die Juden hassen.“ Und das heißt – tatsächlich eiskalt – , dass Israel den Preis, der von den Palästinensern für die Erstürmung seiner Grenze zu zahlen wäre, höher treiben muss, als jener, der für die Überwindung der Hamas zu zahlen ist. Damit niemand auf den Gedanken kommen möge, zu vergessen, dass die israelischen Militärschläge, als das handfeste Reflexionsangebot, das sie darstellen, nicht vor allem Gewalt ist, die den Ausübenden nicht unberührt lässt, betonte sie an anderer Stelle: „When peace comes we will perhaps in time be able to forgive the Arabs for killing our sons, but it will be harder for us to forgive them for having forced us to kill their sons.“

TOS hätte aufgrund gewisser Erkenntnisse schreiben können, dass Thomas Eppinger zu Unrecht davon ausgegangen war, „dass die Hamas eigentlicher Organisator und Triebkraft des so genannten „Marsches der Rückkehr“ gewesen sei“, ohne dass dies das eigentliche Urteil Eppingers – „Dieser Tag (war) vor allem eines: ein Propaganda-Erfolg der Hamas.“ – wirklich in Frage gestellt hätte.
„Die Idee, friedlich und unbewaffnet Israels Grenzen zum Gazastreifen, der Westbank und auch den arabischen Nachbarländern zu überschreiten.“ Und gegen diese Unbestimmtheit, welche sich in diesbezüglichen Texten von TOS am laufenden Band zeigt, die nicht unterscheiden kann zwischen „unbewaffnet“ und „friedlich“, muss man doch energisch darauf bestehen, dass „unbewaffnet“ nicht automatisch „friedlich“ ist, worauf nicht zuletzt Walter Benjamin mit Blick auf den Streik verwies. Und plötzlich kommen die Menschen, die dem „Dilemma von Gaza“ entkommen wollen, nicht mehr nur aus Gaza, sondern auch der Westbank, Jordanien, dem Libanon etc. Wenn TOS also sagt, „Wie viele Menschen nun wirklich die Zerstörung Israels wollen, kann man unmöglich sagen“, wäre anscheinend mit ihm noch einmal zu besprechen, ab wann für ihn der Wille zur Zerstörung Israels eigentlich beginnt. Er schreibt: „Sie wissen nämlich sehr genau: Sollte es ihnen je gelingen – ohne dass sie von einem arabischen Nachbarstaat oder einer der palästinensischen Parteien instrumentalisiert würden – könnten solche Aktionen für Israel wesentlich bedrohlicher werden, als das gesamte Raketenarsenal der Hamas. Dann nämlich stünde nicht nur die israelische Regierung, sondern die ganze Gesellschaft vor der Frage, ob man bereit ist, seine Grenzen notfalls mit tödlicher Gewalt gegen friedliche Demonstranten zu verteidigen. Wie lange wären Rekruten der Armee bereit, dies zu tun, bis die ersten den Dienst verweigern? All dies sind Fragen, die sich jeder, dem die Existenz Israel sam Herzen liegt ebenfalls stellen sollte.“ Und genau diese Fragen hat Thomas von der Osten Sacken nicht zuletzt mit seinem Post zur Botschaftseröffnung als für sich (und seine israelischen Freunde) längst beantwortet offenbart. Er, der „nicht einfach nur eiskalt, ideologisch und zynisch sein will“, hat längst suggeriert, dass in einem solchen Fall die „bedingungslose Solidarität“ moralisch gar nicht mehr so einfach sei.
„Festzuhalten bleibt: So bedrohlich die Lage am Grenzzaun auch wirkte und so unendlich hässlich viele Szenen waren – angefangen von mit Hakenkreuzen bemalten Flugdrachen bis hin zu Gangs von Jugendlichen die „Khaibar, Khaibar, ya Yahud“ brüllten und dabei Messer schwangen – die Bedrohung Israels und von Israelis doch weitgehend symbolisch blieb. Sicher ist es richtig, sich die Frage zu stellen, was etwa in grenznahen israelischen Dörfern und Kibbuzim hätte passieren können, wäre ein massenhafter Durchbruch gelungen, nur dürfte auch auf der Seite des Gazastreifens bekannt gewesen sein, dass die israelische Armee viel zu professionell und gut ausgebildet ist, um ein Massaker zuzulassen.“ Verhindert hätte und hat die IDF dies jedoch mit Schüssen – und das ist eben nicht nur symbolisch. TOS jedoch legt nahe, dass die reelle gewaltvolle Reaktion der Armee auf eine nur symbolische Bedrohung erfolgt sei, was die Frage mit sich bringt bzw. wieder einmal eher beantwortet, „ob es wirklich nötig war, scharf zu schießen und so viele Menschen an diesem Tag zu töten und zu verletzten.“ Übersetzt heißt dies aber nur, dass man bitte nicht an der Grenze hätte schießen sollen, denn dort war die Gefahr nur symbolisch, sondern erst, wenn die Dörfer und Kibbuzim reell angegriffen werden. Der Übergang von der symbolischen zur reellen Bedrohung sind demnach ein paar Kilometer. Wiederum war dies eine Frage, die er sich nicht selbst in den Mund zu legen wagte, sondern sie bloß (indirekt) zitierte. Wenn er aber Donniel Hartmanns Artikel aus der Times of Israel dafür zitiert, hätte er auch erwähnen können, dass dieser im selben Artikel schrieb: „Palestinians have every right to view and experience the formation of Israel as their Nakba (catastrophe). They have every right to view the Six Day War and Israel’s reunification of Jerusalem as a deepening of this Nakba.“ Und genau diesem Aussetzen des Urteilsvermögens scheint sich TOS anzuschließen, solange nur wie bei Hartmann im selben Text gilt: „While Palestinians have every right to their narrative of Nakba, my people have every right to celebrate our independence and our victory in 1967, and to express joy at being home in our country, whose capital is Jerusalem.“ Nur will TOS die Konsequenz daraus, in den Worten Marxens „wo Recht mit Recht streitet, entscheidet die Gewalt“, nicht mittragen, kommt aber auch nicht zu dem Schluss, dass es eben kein Recht auf Nakba gibt, das zu trennen ist, vom „Rückkehr-Recht“. Über dieses „Recht“ heißt es bei TOS bloß, es handle sich um eine „Rückkehr, die es so (!) nicht geben wird“, was munter offenlässt, ob es sie auf andere Weise doch gibt und wie. „Der „Rückkehrmarsch“ war wohl ursprünglich als genau solch eine Form des Protestes geplant und eben keineswegs nur ein taktisches Manöver der Hamas. Sicher, die Hamas war vom ersten Tag an in den Planungskomitees vertreten, (!!) dominierte sie aber nicht.“ Der interessierte Totalfokus auf die Hamas scheint bei Osten-Sacken mit sich zu bringen, dass er nicht mehr erkennen kann, dass auch Palästinenser, die nicht Mitglied der Hamas sind, im Geiste der Hamas handeln (können), weshalb der Marsch auf die Grenze auch weit weniger von der Hamas „instrumentalisiert“ werden musste, als TOS unterstellt, da das Recht auf Rückkehr nicht einfach zu trennen ist von dem Wunsch nach Auslöschung Israels. Letztlich kommen TOS und Hartmann nur zu dem Schluss, „Der Gazastreifen verschlägt mir die Sprache“, um seitenlange Ausführungen über Gazastreifen zu verfassen.
„Nun stellt sich die Frage, weshalb die Hamas sich dann die Mühe gemacht hat, in den vergangenen Monaten immer wieder zu betonen, bei dieser Aktion handele es sich in der Tat um eine friedliche und gewaltfreie. Wen wollte sie denn täuschen? Die Menschen in Gaza? Die Israelis? Die westliche Öffentlichkeit? Und warum? Welchen Sinn soll diese Täuschung machen? Israelische Geheimdienste sind, das weiß man bei der Hamas zur Genüge, in der Regel bestens informiert, was in Gaza vor sich geht und was die Hamas plant. Viel zu viele Medien und Politiker in Europa zeigen, auch das ist bekannt, allergrößtes Verständnis für jede Form von „gewaltsamem Widerstand“ seitens der Palästinenser, ja sie erwarten ihn förmlich. Wollte man also die Öffentlichkeit in Gaza täuschen? Nur das machte Sinn.“ Erfolg hatte der „Protest“ nicht zuletzt darin, dass er mit Thomas von der Osten-Sacken einen Teil der westlichen Öffentlichkeit täuschte, die man bis vor kurzem für immun gegenüber solcher Propaganda eingeschätzt hätte. Die Warnung sprach er vor sich und seiner neuen Haltung aus.
„Aus welchen Gründen auch immer die Proteste so eskalierten, sie müssen es das nächste Mal nicht wieder tun. Damit stellt sich erneut die zentrale Frage: Was, wenn eines Tages Zehntausende nur mit Olivenzweigen und Bildern von Gandhi, Mandela und Lind in den Händen auf die Grenzen zumarschieren? Wie werden israelische Sicherheitskräfte und Armee dann regieren? Ich bin überzeugt, ein solches Szenario birgt für Israel eine weit größere Gefahr als ein paar mit Brandsätzen bestückte Flugdrachen. Denn es würde die israelische Gesellschaft vor eine moralische Zerreißprobe stellen.“ Was TOS nicht verstehen kann oder will, ist, dass „wenn eines Tages Zehntausende nur mit Olivenzweigen und Bildern von Gandhi, Mandela und Lind in den Händen auf die Grenzen zumarschieren“ dies anders als er behauptet, eben nicht bedeutet, dass die Proteste nicht eskaliert sind, sondern dass es selbst eine Eskalationsstufe ist, was er mit der Formulierung der „größeren Gefahr“ ja auch selbst irgendwie eingesteht, aber eben nicht zu Greifen bekommt.
Auch wenn ich also die Formulierung, dass TOS sich einen friedlichen Protest „wünscht“ in der Tat für überspitzt halte, ist trotzdem genau diese Überspitzung nicht das, was hier für eine Empörung dieser Art sorgen sollte, sondern das, was überspitzt wird, und da sind nun einmal die Ausführungen von Thomas von der Osten-Sacken.
Dass dieser selbst nur Stimmen präsentiert, die der Verteidigung am Geburtstag kritisch gegenüberstehen, beweist doch schon, dass er sich vor jener „moralischen Zerreisprobe“ schon entschieden hat, auf welcher Seite der israelischen Gesellschaft er stehen würde, und was er der anderen Seite für moralische Bedenken hinwerfen würde, deswegen fallen jetzt schon wieder einmal auf Freunde verweisende Sätze wie jener: „Ein israelischer Freund, dessen Abneigung gegen das Kabinett Netanjahus so groß ist, dass er gerne zu Übertreibungen neigt, schrieb mir, eigentlich müsse die Regierung der Hamas deshalb dankbar sein. So könne das das Ganze als Angriff von Terroristen auf die Grenze abgehandelt werden, alle, die der festen Überzeugung seien, mit den Palästinensern sei ohnehin kein Frieden zu machen, fühlten sich bestätigt und der unhaltbare Status Quo werde erhalten, bis es zur nächsten Explosion kommt.“ Anstatt nach solch einer Nachricht endlich einmal auf die Idee zu kommen, dass man unter den eigenen Freunden, auch einige Idioten hat, die man aus gewissen Gründen vielleicht trotzdem sympathisch findet, mit denen man also gern ein Bier trinkt, über Musik redet, Sex hat oder was auch immer, deren politischen Ansichten man aber nicht zu einem Platz in der eigenen „politischen Analyse“ verhilft, WEIL SIE FALSCH SIND, heißt es über diese nur, sie „spiegeln in ihrer Radikalität ganz sicher alles andere als die Ansichten der Mehrheit in Israel wieder. Aus ihnen spricht allerdings eine Verzweiflung über die Ausweglosigkeit der Situation“, haben somit also doch irgendwie Recht. Zitiert man so jemanden und gibt im Interview von sich – „Ursprünglich sollten diese Demonstrationen gegen Israel im Frühjahr wohl wirklich gewaltfrei vonstatten gehen und wurden dann von der Hamas übernommen und instrumentalisiert. Ob bei der in Gaza leider vorherrschenden politischen (Un)-Kultur sich so etwas durchsetzen kann, weiß ich nicht.“ – dann heißt dies, dass das Einzige, was einen „friedlichen“ Sturm auf Israel verhindert, die Herrschaft der Hamas ist, womit der eigene etwas radikale Kumpel, dann doch irgendwie Recht hätte.
So bleibt mir also nur festzuhalten, dass zum einen Gefühlsduselei, oder wie man das auch immer nennen will, was TOS in seinen neusten Texten betreibt, nicht das Gegenteil der „bürgerlichen Kälte“ ist und zum anderen bedingungslose Solidarität mit Israel, aufgekündigt ist, wenn sie an Bedingungen geknüpft wird.
Zu all jenen Punkten hätte man durchaus Fragen stellen können und müssen, wäre man am Gegenstand und der Streitfrage im Ansatz interessiert gewesen.

Ich denke auch, dass TOS in letzter Zeit genug Merkwürdigkeiten von sich gegeben hat, die Anlass dazu gegeben hätten, mal kritisch nachzufragen.

Ich meine primär den FB-Post, den TOS am 16.5 anlässlich des Umstandes, dass erklärte Pogromisten die israelische Grenze durchbrechen wollten, absetzte. Darin griff er zu einer Art Kronzeugenargumentation und zitierte "israelische Freunde" und "Bekannte"- deren Aussagen insofern affirmierend, als er vorgab, mit ihnen aus "vollem Herzen" sympathisieren, sie "verstehe(n)" zu können – dahingehend, dass Montag "der wohl schwärzeste Tag in der israelischen Geschichte" gewesen sei und Israel "sich selbst mit Toten und Verletzten zum Geburtstag beschenk(t)" habe. Das fand ich, gelinde gesagt, merkwürdig.
Nicht, weil er sich gescheut hätte, sowas selbst zu äußern, ohne Kronzeugen vorzuschieben, denn er bekräftigte ja, damit konform zu gehen.
Sondern, weil Stimmen aus Israel eben nur Stimmen aus Israel sind und das Gesagte allein durch den Sprechort der/des Äußernden nicht richtig wird: warum bitte sollte der Tag, an dem die Garantiemacht Israels nach jahrzehntelangen leeren Versprechungen endlich ihre Botschaft nach Jerusalem verlegt, der schwärzeste Tag in der israelischen Geschichte sein (und nicht etwa, sagen wir: der Überfall der arabischen Armeen am Tag nach der Staatsgründung, der hinterhältige Überfall an Jim Kippur, oder der Tag des Anschlags auf Pessach feiernde Holocaust-Überlebende zu Zeiten der zweiten Intifada)?
Dass Israel auch an einem Tag, der Anlass zum Feiern gab, gezwungen war, gewaltsam gegen Menschen vorzugehen, die erklärtermaßen Juden ermorden oder vertreiben wollten, ist nun bedauerlicherweise weder etwas Neues, noch ist es die Schuld Israels.
Deshalb auch ist der zitierte Satz der israelischen "Freundin"- "Israel beschenke sich selbst mit Toten und Verletzten zum Geburtstag"- Täter-Opfer-Umkehr, wie P. Gensler anmerkt. Denn abgesehen davon, dass die "Proteste" nichts mit der Botschaftsverlegung zu tun hatten, meint er nichts anderes, "als dass Israel durch seine Existenz und dadurch, dass es die Verlegung der amerikanischen Botschaft nicht verhindert habe, einen Sturm auf seine Grenzen provoziert habe, um die daran beteiligten Menschen niederschießen zu können" (Gensler, s.o.).

Es war auch nicht so, dass TOS daraus gelernt hätte: einige Tage später (27.5) hielt er es für eine gute Idee, eine "Erklärung von neun renommierten israelischen Wissenschaftlern" zu posten, von denen "eine Mehrheit nicht aus dem fringe" stamme (Grund dafür, dass er so gewunden formulierte, dürfte sein, dass sich unter den Unterzeichnern auch Nurit Peled-Elhanan befand – jene Antiimperialistin also, die Ehud Barak einst unterstellte, es zu genießen, Kinder sterben zu sehen, und die dem Russel-Tribunal Palästina angehört, das einen Boykott Israels anstrebt).
Inhalt der Erklärung war dies: "We, Israelis who wish our country to be safe and just, are appalled and horrified by the massive killing of unarmed Palestinian demonstrators in Gaza (..) None (!!) of the demonstrators and the thousands posed any direct danger to the state of Israel or to its citizens. The killing of over 50 demonstrators and the thousands more wounded are reminiscent of the Sharpeville Massacre in 1960 in South Africa".
Zwar betonte TOS, er fände diese vor Unwahrheiten strotzende Erklärung – zu dem Zeitpunkt war bereits klar, dass die 50+ getöteten "Demonstranten" zum größten Teil Hamas-Kämpfer waren, und im Hinblick auf den impliziten Vergleich mit dem Apartheidregime in Südafrika erübrigt sich jeder Kommentar – keinesfalls richtig, "wie sie formuliert ist" (als wären das Problem einzelne Formulierungen und nicht der gesamte realitätsferne, dämonisierende Inhalt) und gab vor, sie aus "ganz anderen Gründen" dokumentieren zu wollen.
Was diese Erklärung – von der politischen Unzurechnungsfähigkeit ihrer Unterzeichner einmal abgesehen – aber dokumentieren sollte, blieb schleierhaft.
Ein Beleg für eine angeblich zunehmende Zerrissenheit oder gar Vorbote für künftige Zerreißproben innerhalb der israelischen Gesellschaft (TOS Argument lautete in etwa: wenn die Reaktionen in Israel bei gewaltsamen "Protesten" schon so ausfallen, wie werden sie dann erst ausfallen, wenn sie "gewaltlos" sein sollten?) war sie nicht, im Gegenteil brachte sie eine gewisse Konstante zum Vorschein. Nämlich die, dass in der israelischen Linken, der akademischen zumal, bisweilen recht viel hysterischer Blödsinn verzapft wird, der in europäischen Blättern zwar gerne und viel gelesen wird, der in Israel aber zurecht kaum noch jemanden interessiert- letzteres nicht infolge eines gerne attestierten "Rechtsrucks" der israelischen Gesellschaft, sondern aufgrund der simplen Einsicht, dass derlei "Erklärungen" mit der Realität vor Ort nicht in Einklang zu bringen sind.
(Was nicht heißen soll, dass das "wie" des eigenen militärischen Vorgehens von ernstzunehmenden Menschen in Israel nicht diskutiert wurde. Nur macht man sich dabei weder Illusionen über die konkrete Bedrohung durch diese "Proteste", noch über die Notwendigkeit des Einsatzes von Waffengewalt -also über das "ob"-, wenngleich es niemandem Spaß bereitet, auf andere Menschen zu schießen.)
Warum TOS einen Sternhell auch, nachdem der eine solche Erklärung unterzeichnet hatte, noch vor Vorwürfen, ein ordinärer "Israelkritiker" zu sein, in Schutz nehmen wollte, leuchtet nicht ein. Wer so Bösartiges unterzeichnet, der muss sich fortan als ordinären "Israelkritiker", dem die Sicherungen durchgebrannt sind, titulieren lassen, da beißt die Maus keinen Faden ab. Auch kluge Menschen, die in ihrem Leben schon kluges publiziert haben, drehen manchmal ab, das ist doch nichts Neues.

Was Osten-Sackens Äußerungen noch seltsamer macht, ist, dass der Charakter der von der Hamas jedenfalls frühzeitig aufgegriffenen, frühzeitig von ihr kontrollierten, finanzierten und wohl erst auf ägyptischen Druck hin wieder beendeten "Proteste" (die sich durch mit Hakenkreuzen verzierten und mit Molotowcocktails beladenen Drachen; durch "Oh Juden, wir kommen, euch zu schlachten"-Parolen kreischende, todessehnsüchtig voranschreitende Schlächter; durch das selten blöde Anzünden des Kerem Shalom Grenzübergangs und durch den strategischen Einsatz von zu menschlichen Schutzschilden "umfunktionierten" Frauen und Kindern als das zu erkennen gaben, was sie waren: Aktionen eines zur Judenvernichtung – um den Preis des eigenen Wohls und das der nahen Angehörigen – wild entschlossenen Mordkollektivs) schon früh klar zutage lag.

Ebenso wie der Charakter der dadurch erzwungenen israelischen Reaktion, die den konsequenten, aber eben nicht maßlosen Einsatz gezielter Waffengewalt beinhaltete – was der Umstand, dass mind. 50 derjenigen 62 Toten (also ca. 80 %) vom 14. Mai, die Gegenstand des Ausgangsposts waren, Hamas-Kämpfer waren, nachhaltig belegt hat.
(Das "Meir Amit Intelligence and Terrorism Information Center" kam später zu dem Ergebnis, dass von denjenigen 112 Palästinensern, die während des "Great Return Marchs" im Zeitraum vom 30. März bis zum 15. Mai getötet wurden, 93 Kämpfer oder Affiliierte von Terrororganisationen waren, also ca. 83 %. Angesichts dieser Zahlen und eingedenk dessen, wie sich civilian casualties in anderen bewaffneten Konflikten so darstellen, lässt sich der IDF schwerlich maßlose oder wahllose Waffengewalt unterstellen.
Unkenntnis dieser Zahlen beim Absetzen des Posts wäre auch keine Entschuldigung: TOS ist mit der Realität vor Ort vertraut und sollte deshalb wissen, dass die IDF – anders, als es sonst in der Region gängige Praxis ist- keine Armee ist, die einfach drauf los ballert, sondern zivile Opfer nach Möglichkeit zu vermeiden sucht. Knock on the Roof, Warnungen vor Militärschlägen an die Zivilbevölkerung per Flugblatt, SMS, Anrufen usw. genügen da als Stichworte).

Deshalb verstehe ich nicht, warum auch im Nachgang noch ein Exzess der IDF gewittert und im mena-watch Artikel die Frage aufgeworfen wird, "ob es wirklich nötig war, scharf zu schießen und so viele Menschen an diesem Tag zu töten und zu verletzen".
Ja, war es, wenn und weil man nicht zulassen wollte, dass selbsterklärte Pogromisten ihre Ankündigungen in die Tat umsetzen und Massaker diesseits der israelischen Grenze veranstalten. Dieses sehr konkrete Szenario hat die IDF verhindert, nicht maßlos, sondern – was obige Zahlen belegen – recht gezielt.
Was an diesem Vorgehen jetzt so diskreditierend gewesen sein soll, ich weiß es nicht (dass es – hoffentlich – niemand besonders toll finden wird, auf andere Menschen zu schießen, sollte klar sein).
Wenn TOS sich den Kopf darüber zerbrechen will, dass den Pogromisten in spe doch klargewesen sein müsste, dass die IDF ein Massaker nicht zulassen würde (als wäre Kosten-Nutzen-Abwägung jemals Kernkompetenz von Antisemiten gewesen! ), ist das sein Problem, nicht das der IDF. Genauso wenig kann die IDF dafür, wenn ihm Schüsse unmittelbar an der Grenze Unbehagen bereiten- den Luxus, abzuwarten, bis die Grenze durchbrochen und unmittelbar zu Mord und Totschlag in den anliegenden Dörfern und Kibbuzim angesetzt worden wäre, nur um hässliche Szenen an der Grenze (also vor allem: tote Hamas-Kämpfer) zu vermeiden, hatte sie nicht.
Wenn es TOS wichtig ist, Gedankenspiele darüber zu entwickeln, vor welchen Herausforderungen Israel strategisch stünde, wenn Zehntausende "friedlich" vor der Grenze "protestieren" würden, soll er das meinetwegen tun, allein: Fantasien von Olivenzweigen schwingenden Friedensmärschlern haben mit dem realen Charakter des einschlägigen "Rückkehrmarsches" nichts gemein.
(Wobei es per Definition nicht mehr friedlich wäre, würde dabei eine Überwindung der Grenzen – was kein Staat der Welt zulassen könnte – versucht, außerdem stünde dann auch die Frage im Raum, welche – ggf. strikt abzulehnenden – Ziele diese Proteste so hätten. Umgekehrt müsste die IDF halt ganz einfach nicht eingreifen, sollten künftige "Proteste" tatsächlich friedlich, also ohne Versuche der Grenzüberwindung und ohne Messerschwingerei, dafür aber mit harmlosem Fahnenschwenken – darunter fallen Friedenstauben auf den Fahnen, aber keine Hakenkreuzstickereien – ablaufen.)

Und damit war das Ende der Fahnenstange nicht erreicht. Zwar räumte er im Artikel ein, dass es "unendlich hässlich viele Szenen gab".
Die "Proteste" aber in toto als tatsächliche – nicht nur partiell in hässlichen Szenen eskalierte und nicht bloß "weitgehend symbolisch(e)" – konkrete Bedrohung (nicht für den Bestand des Staates Israel als solchen, sehr wohl aber für Leib und Leben von vielen, nahe der Grenze lebenden Israelis)zu deklarieren, dazu war er immer noch nicht bereit.
Stattdessen konnte er es sich nicht verkneifen, auf Teufel komm raus noch einen irgendwie verständlichen Ursprung der "Proteste" herbei zu schreiben, die ja als "Versuch" gedacht gewesen seien, "irgendeinen Ausweg aus der von Frantzman beschriebenen hoffnungslosen Lage zu finden".
Selbst wenn stimmen sollte, dass die Hamas am Anfang keine bestimmende Rolle innehatte (wogegen er selbst einwandte, dass sie ab Tag eins im Planungskomitee vertreten war und dass, wer in Gaza eine größere Aktion plane, der Duldung oder gar der Unterstützung der Hamas bedürfe) – er hätte einfach zugeben können, dass es mit einem irgendwie Hoffnung gebenden inhaltlichen Gehalt eines solchen "Protestes" von Beginn an nicht weit her sein konnte, wenn die Vernichtungsantisemiten von der Hamas ihn dulden, ihn als für sich nützlich erkennen, sich mit ihm gemein machen, und ihn schließlich ohne jedes Problem an sich reißen und die Anwesenden in Pogromstimmung versetzen konnten.

Stattdessen gab er bzgl. des "Rückkehrmarsches" mit offenkundigem Bedauern zu Protokoll, dass "die großen Verlierer des 14. Mai (…) Menschen wie Ahmed Abu Artima und Hasan al-Kurd" seien, die "immerhin, anders als die Hamas, von Frieden und Koexistenz mit ihren israelischen Nachbarn sprechen und deren Ziel zumindest nicht die gewaltsame Auslöschung Israels zu sein scheint".
Nun weiß jeder, dass eine "Rückkehr" von mehr als fünf Millionen palästinensischen "Flüchtlingen" nach Israel die Demographie des jüdischen Staates so verändern würde, dass die Juden zur Minderheit würden und die Existenz eines mehrheitlich jüdischen Staates passe wäre, das "Recht, nach Hause zurückzukehren" (in Häuser, die es nicht mehr gibt, in Gegenden, in denen der größte Teil der prospektiven Rückkehrer nie gewesen ist) also nichts anderes als die Auslöschung des jüdischen Staates meint.
Was also, um mit P. Gensler zu fragen, soll dieses "immerhin" sein, das TOS den vermeintlichen oder tatsächlichen Initiatoren dieses angeblich "ursprünglichen" Protests zugutehält: dass die Überwindung Israels nicht gewaltsam, sondern "gewaltlos" vonstattengehen sollte?
Wenn er in Bezug auf diese Typen schreibt, dass in Gaza "kaum moderatere Ansprechpartner" zu finden seien, dann ist die Möglichkeit, dass dort viele so denken, doch gerade nicht Grund für "ein wenig Hoffnung", wie TOS meint, sondern Grund zur Sorge, weil es bedeuten würde, dass die Zielsetzung auch der "Moderateren" dort das "gewaltlose" Ende Israels wäre.
Es wäre an ihm gewesen, klar zu artikulieren, dass jeder Protest im Gazastreifen, der etwas taugt, nicht das Ende israelischer Souveränität als Ausdruck bloß konformistischer Revolte, sondern allein den Sturz der Hamas zum Ziel haben dürfte, statt so herumzueiern und die Vorstellung solcher "Moderaten" als bloß "illusorisch" und nicht- was richtig gewesen wäre- als genuin israelfeindlich zu bezeichnen.
Wer Antizionisten mit möglichen Ansprechpartnern verwechselt, der greift verzweifelt nach jedem Strohhalm, statt das Offensichtliche einzuräumen: dass Israel zurzeit weit und breit keinen tragfähigen Partner für Frieden hat und die Lage gegenwärtig so ist, wie sie eben ist (was ja nicht bedeutet, dass das für immer so bleiben muss).

Und wer die jahrelange "Blockade" Israels ohne kontextuale Einbettung als eine der Gründe für die aussichtslose Lage im Gazastreifen und den Umstand, dass sich kaum moderatere Gesprächspartner in Gaza als die angeblichen Initiatoren des "Rückkehrmarsches finden ließen, aufzählt, der lässt dabei drei Dinge aus: erstens, dass allenfalls von einer Teilblockade gesprochen werden kann, die zwar die Einfuhr sog. Dual-Use-Güter, die zu militärischen Zwecken zweckentfremdet werden könnten, verhindert, nicht aber, dass täglich mehrere tausend Tonnen an erlaubten Gütern den israelischen Grenzübergang nach Gaza passieren.
Zweitens, dass diese Teilblockade – wie jeder in Gaza weiß oder wissen muss – nicht ohne Grund aufrechterhalten wird, sondern, weil Gaza feindliches Gebiet ist, aus dem Israel seit dem vollständigen Abzug aus Gaza (2005) mit über 14.000 Raketen beschossen wurde: erst fand der vollständige Rückzug Israels aus Gaza statt (2005), dann folgten der Wahlsieg der Hamas bei den palästinensischen Parlamentswahlen (06), ihre Machtübernahme im Gazastreifen (07) und ansteigender Raketenbeschuss (in den beiden Jahren vor dem Abzug flogen insgesamt 460 Raketen auf Israel, in den beiden Jahren danach waren es 1729), woraufhin die Grenzen "dichtgemacht" werden mussten (2007).
Und drittens, dass Israel über Jahre hinweg wiederholt das Angebot machte, seine sichernden Maßnahmen im Gegenzug für eine langfristige Waffenruhe und ein Ende terroristischer Aktivitäten deutlich zu lockern. Zuletzt unterbreitet übrigens vom gewiss nicht sympathischen Avigdor Lieberman, der die breite Unterstützung Israels beim Bau eines Flughafens, eines Hafens und weiterer Infrastruktur in Gaza in Aussicht stellte – was ihm vonseiten der Hamas, des Islamischen Djihad und der PFLP prompt den Vorwurf der "Erpressung" (der das Angebot ausschlagenden Hamas aber eben keinen Sturm der Entrüstung ihrer eigenen Bevölkerung) einbrachte.
Schon deshalb kann, wem ein Ende des gewiss nicht schönen Status Quo vorschwebt, seine Forderungen nur danach ausrichten, der Bandenherrschaft in den palästinensischen Gebieten endlich ein Ende zu bereiten. Und ein Appell an Israel kann, wenn überhaupt, einzig die Bitte beinhalten, progressiven Kräften (zu denen Antizionisten vom Schlage Ahmed Abu Artimas und Hasan al-Kurds ganz gewiss nicht zählen), so es diese in organisierter Form irgendwann einmal geben sollte, in einem dann zwingend gegen diese Banden zu führenden Kampf unterstützend zur Seite zu stehen.

Dazu, dass er sich jenseits der Hamas tragfähige Ansprechpartner herbei sehnt, wo keine sind, passte wiederum diese Aussage: "Wie viele Menschen nun wirklich die Zerstörung Israels wollen, kann man unmöglich sagen. Was wir wissen: Sie ist das offizielle Ziel und Programm der Hamas".
Man könnte schon Rückschlüsse ziehen, er wollte wohl nur nicht: laut Untersuchungen der ADL wiesen im Jahr 2014 93 % der Befragten im Gazastreifen und der Westbank antisemitische Einstellungen auf. Stand 2015 waren laut Washington Institute 80.5 % der Befragten in der Westbank der Auffassung, es (also die palästinensischen Gebiete und Israel) handele sich allein um palästinensisches Land, in Gaza waren es 87.7 %.
2014 kam ebenfalls das Washington Institute zu dem Ergebnis, dass 55 % der Befragten in der Westbank und 68 % im Gazastreifen der Meinung waren, Fünf-Jahres-Ziel sollte das Folgende sein: "to work toward reclaiming all of historic Palestine, from the river to the sea", womit ein Ende Israels recht präzise umschrieben ist.
Mag ja sein, dass sich das in den letzten 3, 4 Jahren geändert hat (zu hoffen wäre es!) – davon aber, dass bzgl. der Mehrheitsmeinungen in der palästinensischen Bevölkerung in Puncto Existenz und Akzeptanz eines jüdischen Staates großes Rätselraten angezeigt wäre, kann m.E. keine Rede sein.

Dass eine wohl erdrückende Mehrheit im Gazastreifen antisemitisch tickt, ist auch nicht verwunderlich, wenn man bedenkt, dass die Hamas den Menschen dort Judenhass und Märtyrertum von klein auf in Erziehungs- und Lehranstalten einimpft, Dreikäsehochs in Sommercamps zum antijüdischen Djihad erziehen lässt und bereits das TV-Kinderprogramm die Kinder mit antisemitischen Stereotypen und Märtyrerideologie zuscheißt (was keine Entschuldigung dafür ist, Antisemit zu werden oder zu bleiben; was aber plausibel macht, warum es sehr schwer ist, dort nicht infolge permanenter Indoktrination zum Antisemiten zu werden).

Nur soll man sich doch bitte nicht blödstellen und die islamistische Diktatur der Hamas von den Massen, aus der sie doch überhaupt erst hervorging, loslösen. Abgesehen davon, dass man kein Hamas-Anhänger sein muss, um Antisemit und eine Gefahr für Israel bzw. dessen Bürger zu sein, sollte man nicht vergessen, dass die Palästinenser in ihrer Mehrheit blöd oder fanatisch genug (oder beides) waren, trotz bereits erfolgtem einseitigen Abzug Israels (2005) – und der damals tatsächlich vorhandenen Möglichkeit, aus Gaza einen prosperierenden Küstenstreifen zu machen, die man aber, wie so viele andere Möglichkeiten, der hausgemachten Misere ein Ende zu bereiten, schlicht verstreichen ließ – der Hamas, also einer Bande von erklärten Vernichtungsantisemiten, die aus ihren Zielen noch nie einen Hehl gemacht hat, zur absoluten Mehrheit bei den bis dato letzten Parlamentswahlen zu verhelfen (2006).
Und erst recht sollte man es sich verkneifen, über die Frage zu räsonieren, wie man selbst handeln würde, wäre man im Gazastreifen aufgewachsen, und das dann auch noch als "politische Analyse" verkaufen – aber dazu haben Jan Gerber und Paulette Gensler wirklich alles Nötige geschrieben.

Kurzum: ich glaube, es lagen zu viele Merkwürdigkeiten vor, um die Äußerungen von TOS unhinterfragt zu lassen, ich hoffe, ich habe nicht zu viele Punkte von Paulette Gensler unnötig gedoppelt oder verfälscht.

Unabhängig von der m.E. in der Wortwahl überzogenen Kritik an TOS gibt es etliche Aussagen von ihm, die zurecht kritisch kommentiert werden dürfen. Zu seinen Ausführungen zum angeblich „schwärzesten Tag“ für Israel, aber auch zu einigen anderen seiner jüngsten Äußerungen, wurde von Paulette Gensler und Marco weiter oben schon das Notwendige gesagt. Beide bringen überzeugende Argumente und Kritik vor, die ich inhaltlich teile.

Mir erscheint die Vorstellung von TOS – dass die palästinensischen Araber unter „friedlicher“ oder „gewaltfreier“ Flagge Israels Grenzen überschreiten – eine reichlich schräge Idee, deren reale Umsetzung schon an deren jahrzehntelangen Hasskultur und Vernichtungswünschen gegenüber Israel scheitern wird. Wieso TOS diese gewagte Konstruktion überhaupt zum brennenden Thema macht, ist mir ein Rätsel.

Weiterhin gibt er sich Überlegungen hin, wie: „Wie wäre man selbst, wäre man nicht in der gutbehüteten Bundesrepublik aufgewachsen, sondern beispielsweise im Gazastreifen? Würde man dann anders handeln und denken, als die Zehntausende, die versuchten den Grenzzaun zu stürmen? Ich habe keine so hohe Meinung von mir, um diese Frage mit Ja zu beantworten.“
Mit einer solchen Sichtweise kann man wirklich alles(!) rechtfertigen: Völkermorde, Folter, Vertreibungen. Man muss sich nur in die Täter hineindenken, dann wird sich bei gründlicher Suche immer etwas finden, was deren Handeln „verständlich“ macht. Ich ordne diese Gedankenspiele eher als persönliche Marotte ein, deren Sinn sich mir entzieht.

Die Bewohner Gazas sind keine Opfer sondern für den Terror der Hamas in dem Grade mitverantwortlich, wie es die Deutschen im Dritten Reich waren. Weder die Nazis noch die Hamas waren bzw. sind außerirdischer Herkunft. Eigentlich eine Binsenweisheit, die TOS in allen seinen Denkmodellen erfolgreich ausblendet.

Doch nicht nur TOS verdient Kritik. Auch Martin Stobbe schießt in seinem ansonsten guten Artikel in der Bahamas über das Ziel hinaus und behauptet, TOS „wünschte“(!) sich in seinem Beitrag den Marsch Zehntausender an Israels Grenzen herbei. Das tut er eben nicht. Warum arbeitet Stobbe dann mit einer solchen Unterstellung?

Stobbe seinerseits findet es vertretbar, einem der übelsten Israelhasserblätter, dem „Freitag“ von Jakob Augstein, Artikel zu verkaufen, sofern diese „einwandfrei“ sind und erwartet, dass man „in der berechtigten Kritik am Freitag nicht in denunziatorischen Wahnsinn verfällt“. Das spricht für ein gut ausgebautes Differenzierungsvermögen, dessen Anwendung merkwürdigerweise bei TOS Aussetzer zeigt.

"Nämlich die, dass in der israelischen Linken, der akademischen zumal, bisweilen recht viel hysterischer Blödsinn verzapft wird, der in europäischen Blättern zwar gerne und viel gelesen wird, der in Israel aber zurecht kaum noch jemanden interessiert- letzteres nicht infolge eines gerne attestierten "Rechtsrucks" der israelischen Gesellschaft, sondern aufgrund der simplen Einsicht, dass derlei "Erklärungen" mit der Realität vor Ort nicht in Einklang zu bringen sind."

OT: Hat sich jemand bereits mit Eva Illouz beschäftigt, die zwar des Öfteren zur Kritischen Theorie gezählt wird, in Israel lebt, gleichwohl jedoch einen Protest-Brief an die Bundesregierung zugunsten der BDS-Kampagne unterschrieben hat?
Gerade an den soziologischen Instituten sind ihre Thesen über Gefühle und Kapitalismus populär. Sie veröffentlichte auch einen Essay-Band über die Konzeption eines säkularen Israel, bzw. über das, was sie dafür hält. Eine Kommilitonin hat mir das Buch "Gefühle in Zeiten des Kapitalismus. Adorno-Vorlesungen 2004" ausgeliehen, während ich ihr "Israels Existenzkampf – Yaacov Lozowick" in die Hand drückte. Sie meinte ich sei so konservativ wie ihre israelische Oma, was in diesem Kontext wohl ein Kompliment ist, jedoch von ihr nicht so gemeint war.
https://www.fr.de/kultur/antisemitismus-linke-sehr-verwirrt-12637219.html

Carlo Strenger, der für die NZZ schreibt, scheint nicht ganz so radikal zu sein, doch auch er warnt notorisch vor dem Untergang des Liberalismus in Israel. Die gesellschaftliche Polarisierung erinnert ein wenig an Europa und sie wird wohl wegen der demographischen Entwicklung des arabischen Teils der israelischen Bevölkerung sukzessiv zunehmen. Die Frage, ob Juden in ein paar Jahren noch die Mehrheit in ihrem Schutzstaat bilden – eine wesentliche Säule dieser Funktion – ist wesentlich brisanter als jene, welche von TOS aufgeworfen wurde.
Ein Sozialdemokrat, wie Lozowick, der Scharon wählte, ist dagegen fast eine Seltenheit, wenn man sich ansieht, was sonst aus dem linksliberalen Milieu nach Europa herüberschwappt.
Dieses Milieu provoziert Ayelet Shaked wohl in ihrer Wahlwerbung "Fascism": https://www.youtube.com/watch?v=Fpzrih1S6C0

Kommentar verfassen