Tanzverbot vs. „Was ich will, ist Samba tanzen!“ (Mas Que Nada)

Karfreitag – und in NRW gilt Tanzverbot. Aus Respekt vor der Religion. Jeder Religion? Ein „easy listening“-Hit fordert das Recht zu tanzen ein – vor religiösem Hintergrund. Von Andreas Lichte.


Sergio Mendes & Brasil 66, Mais Que Nada von memmoria

„O– aria raio – Obá, Obá, Obá

O– OOOO aria raio – Obá, Obá, Obá“

Obá“ – und schon tauchen wir tief in die Religion der Yoruba ein …

Was dann folgt, ist der unbedingte Wille zu tanzen – gegen alle Widerstände – und: religiös motiviert! Siehe „Maracatú“ und den „schwarzen Alten“ („preto velho“).

Der Text von „Mas Que Nada“ frei übersetzt, portugiesisches Original unten:

 

Was soll’s?

Geh mir aus dem Weg,

ich möchte vorbei,

denn dieser Samba ist heiß.

Was ich will, ist Samba tanzen!

 

Dieser Samba,

das ist ein Mix aus Maracatú

und dem Samba des schwarzen Alten

und der Samba von dir Schwarzem.

 

Was soll’s?

Ein Samba wie dieser ist so cool,

du wirst nicht wollen, dass ich zum Ende komme.

 

 

Mas que nada

Sai da minha frente

Eu quero passar

Pois o samba está animado

O que eu quero é sambar

 

Este samba

Que é mixto de maracatu

É samba de preto velho

Samba de preto tu

 

Mas que nada

Um samba como esse tão legal

Você não vai querer que eu chegue no final

8 Kommentare

Was ein Hit! Von Jorge Ben geschrieben und von Sérgio Mendes in die Welt getragen.

Was uns Mitteleuropäer von den Lateinamerikanern grundlegend unterscheidet: Der Latino tanzt einfach drauf los. Der Mitteleuropäer diskutiert lieber tagelang ob er nun tanzen soll oder nicht.

@ der, der auszog #1

“Was ein Hit!” – hör ich auch so – hab’s mir von meinem Gitarrenlehrer zeigen lassen … “easy” ist es nicht, aus dem groovenden Klavier eine Gitarre zu machen … und dann gibt’s auch noch das “Sprachproblem”:

schreib mir doch mal einen deutschen Text, der den “Spirit” des Stücks einfängt

Diesen deutschen Text finde ich gut, aber es ist eine ganz andere, eigene Geschichte:

http://www.youtube.com/watch?v=n9_uSxEJKqE

Blauer Montag – neues Leben rührt sich auf den Straßen
Doch ich will mein Zimmer nicht verlassen
denn ich träum’ von Dir – Samba

Ganz alleine – tanz’ ich Samba so wie mit Dir
Denn beim Samba denk’ ich – Du bist nah bei mir

Blauer Montag – warum mußte dieser Sonntag enden?
Warum gehst Du fort zu einer Fremden?
und mir bleibt nur die Samba

Blauer Montag – und ich höre Schritte die vorübergehen
Doch vor meiner Tür bleibt niemand stehen
und ich fühl’ die Einsamkeit

Eine Stadt – sorgt für Wärme und helles Licht
Doch für den, der traurig ist – sorgt man leider nicht

Blauer Montag – warum mußte dieser Sonntag enden?
Warum gehst Du fort zu einer Fremden?
und mir bleibt nur die Samba

Ums was geht es , um einen Klassiker oder um das Feiertagsgesetz.
OK, wenn man sich in geschlossene Räume vergnügt.
Aber Halloween ist auch zum Saufgelage in der Kölner Altstadt geworden.
Andererseits:
Selbst Ungläubige benutzen die Fastenzeit zum Abnehmen, um Ostern
wieder zu “sündigen”.
Im Ausland gibt es mehr politische Feiertage, aber wir haben ja nur
Kriege verloren, also bleiben nur christliche Feierrtage.
Der 3. Oktober ist z.b. eine Ersatzlösung, weil der 9. November schon wieder
negativ besetzt.

@ Andreas

Die Mary Rose Version finde ich ehrlich gesagt grottenschlecht. Die Melodieführung ist fast 1 zu 1 von der Mendes-Version übernommen und der Text geht gar nicht. Im blauen Montag steckt nichts von der ansteckenden Lebensfreude des brasilianischen Originals. Stattdessen wird rumgejammert und selbstbemittleidet. “ich fühl die Einsamkeit”, “Für den, der traurig ist, sorgt man leider nicht”, “warum gehst du fort?”
… ab, in die Tomme damit!

Inhaltlich etwas anders, aber auch völlig am Original vorbei ist die englischsprachige Version von Ella Fitzgerald. Allerdings hält mich ihr grandioser Bebop Gesang davon ab, ihre Interpretation des Klassikers mit Mary Rosens in ein und dieselbe Tonne zu kloppen.

Muss man dieses Lied überhaupt in andere Sprachen übersetzen? Für meinen Geschmack nicht, denn das, was da besungen wird, nämlich der Samba und das Verlangen ihn gerade jetzt tanzen zu müssen, ist typisch brasilianisch. Auch die Bezüge zur Ubandareligion und zur afrobrasilianischen Maracutamusik lassen sich schlecht in die deutsche Sprache und den deutschen Kulturraum adaptieren.

Wesentlich gelungenere Interpretationen des Liedes aus deutschen Landen, sind die von Horst Jankowski und Werner Müller. Jankowski übernimmt den portugiesischen Text, so wie er ist und jammt auf seine Art und Weise auf dem Klavier drumherum. Jankowski ist rein Instrumental. Der Sängerinnenchor wird durch Bläser ersetzt. Hinzu kommt der typische 60er/70er Jahre Peter Thomas Orgelsound, der an Pornofilme aus der damaligen zeit erinnert.

Wer gucken will, dass es besser geht als mit Mary Rose:
hier Werner Müller:
http://www.youtube.com/watch?v=11ka9ruYPwo
und Horst Jankowski:
http://www.youtube.com/watch?v=nKgmPOpP40c

Frohes Tanzen noch
Johannes

Ich wiederhole mich gern:

Was offensichtlich kaum jemand weiß: Karfreitag ist der höchste evangelische Feiertag; der höchste katholische Feiertag ist Ostern. Soweit zur leider üblichen antikatholischen Polemik.
Und zum Karfreitag als Tag der christlichen Zurückhaltung: Andere Kommentatoren haben das Argument zwar schon formuliert, aber noch nicht durchgezählt: 1. Weihnachtstag, 2. Weihnachtstag, Neujahr, Ostermontag, Himmelfahrt, Fronleichnam (in NRW), Pfingstmontag, Allerheiligen (in NRW) und in anderen Bundesländern kaum anders. Also ca. 8 arbeitsfreie christliche Festtage im Jahr.
Ich finde: Wer das verlängerte Viertagewochende mitnehmen will, das in der Republik aus religiösen Gründen stattfindet, sollte auch Rücksicht auf die Mitbürger nehmen, deren höchste religiöse Feiertage an diesem Wochenende gefeiert werden!

@ discipulussenecae #5

Sie fordern: “… Rücksicht auf die Mitbürger [zu] nehmen, deren höchste religiöse Feiertage an diesem Wochenende gefeiert werden!”

Natürlich! Ich bin dagegen, katholische Messen etc. zu stören. Aber wenn Musik und Tanz niemanden stören – wozu dann ein generelles Verbot?

Der Artikel stellt aber eine andere Frage: „Nun sag, wie hast du’s mit dem Tanz – wenn du zu einer anderen Religion gehörst?”

Aber selbst Christen sehen die Sache anders als Sie – und die deutschen Gesetzgeber – was sagen Sie dazu:

http://www.wherevent.com/detail/presbyterian-church-of-good-friday-gospel-blues-and-jazz-service

“Good Friday Gospel, Blues and Jazz Service

Join us for the Good Friday Service featuring the Rev. Joanne Epply-Schmidt (of the Episcopal Diocese of New Jersey) telling the story of Jesus’ last hours. We will have two musical ensembles, one jazz and one blues, and a vocal ensemble …”

@ der, der auszog #4

Danke für deine Anregungen! Ist ja ein ganzes Füllhorn …

– Mary Roos: ich hab’ dir ja schon vorher Recht gegeben, als ich sagte: “… es ist eine ganz andere, eigene Geschichte” – und ja, diese Geschichte ist das Gegenteil von “brasilianischer Lebensfreude”

und deshalb hatte ich nach einer deutschen Version gefragt, die den “Spirit” des Originals einfängt, das tut in gewisser Weise:

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– Ella Fitzgerald. Der englische Text hat zwar das Thema “Liebe”, aber gemeinsam mit dem Original hat er das unbedingte “Ich will!” (ersetze “tanzen” durch “lieben”):

Ooh– when your eyes meet mine – pow! pow! Pow!
Ooh– I could lose my mind – ow! ow! ow!

It’s a feelin’
that things are gonna grow inside me
Til I feel that I’m gonna explode –
Ooh, this is what you do to me.

Are your lips saying things that you feel in your heart?
If your heart is beating mad – ly, then let the music start.

Hold me, hold me,
It’s heaven, oh it’s heaven when you hold me;
I want you night and day, I want you here to stay.

.

– “Muss man dieses Lied überhaupt in andere Sprachen übersetzen?”

Ja. Denn:

a.) ich kann kein Portugiesisch singen

b.) das normale Publikum versteht kein Portugiesisch

Man freut sich natürlich auch schon am Groove. Aber wenn man auch noch versteht, wie “pushy” der Text ist, macht es doch noch mehr Spass: “Geh mir aus dem Weg …” (das sagen wir dann mal den Gesetzgebern des Tanzverbots)

Die konkreten religiösen Bezüge müssen nicht in der deutschen Version auftauchen: Das Tanzen – oder die Musik – sind in “Mas Que Nada” doch die eigentliche – universale – “Religion”, die “ansteckende Lebensfreude”, wie du sagst.

Ich hatte schon mal dasselbe Sprachproblem mit einem anderen brasilianischen song:

http://www.ruhrbarone.de/guas-de-maro-wasser-des-maerz/

„Águas de Março“ – Wasser des März

Da hab ich eine italienische Version gefunden, die den “Spirit” des Original trifft, und die ich singen kann …

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– Werner Müller & Horst Jankowski finde ich gut, aber: “ich will!” … singen

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