Schlagwort: Zensur

“Medienunternehmen verbreiten oft nur Propaganda”

Der Amerikanische Recherche-Professor Peter Phillips leitete das Project Censored von 1996 bis vor wenigen Wochen. Im ausführlichen Interview mit den Ruhrbaronen am Rande eines Vortrags am Institut für Journalistik der Uni Dortmund spricht er über PR-Agenturen, moderne Zensur und spendenfinanzierten Journalismus. Weltweit, sagt Phillips, sei die Wahrheit zunehmend in Gefahr. Journalisten und ihre Geschichten würden immer häufiger beeinflusst.

Ruhrbarone ?: Project Censored gibt es seit 34 Jahren. Ist die Mediendemokratie heute mehr gefährdet als bei dessen Gründung 1976?

Peter Phillips !: 1976 dominierten 50 Unternehmen die US-Medien. Ben Bagdikian hatte das in seinem Buch The Media Monnopoly beschrieben und wir waren damals wirklich geschockt, dass nur 50 Unternehmen die Kontrolle über die Medien hatten. Heute sind es noch 10 Unternehmen. Obwohl es 700 Tageszeitungen in den USA gibt, kommt fast der gesamte Inhalt von AP, der New York Times oder der Washington Post. Beim Fernsehen das Gleiche: CNN, NBC, FOX – der Inhalt ist fast überall gleich. Reporter gehen zum Weißen Haus oder zu den Pentagon-Pressekonferenzen, aber es gibt kaum noch Korrespondenten weltweit. Die New York Times hat zwei Tage gebraucht, um jemanden nach Haiti zu schicken. Dafür sind wir super informiert, was Film- und Musikstars machen. Hinzu kommen Verschwörungs-Theorien um Al-Quaida: Wir müssen alle Angst haben, überall lauern böse Menschen in der Welt – wirklich ernste, negative Propaganda gegen Personen, die das Business nicht mag: Hugo Chavez, Ahmadinedschad, die Chinesen. Das sind sich ständig wiederholende Stereotype in den Medien.

?: Wie beurteilen Sie im Vergleich die Situation der Medien in Deutschland?

!: Ich denke, das deutsche System ist vielfältiger. Zum Beispiel mit den subventionierten Fernsehstationen. Deutsche Reporter waren bei mir zu Hause, kamen extra bis nach Kalifornien, um mich zu interviewen. Ich war vermutlich öfter im deutschen Fernsehen, als im amerikanischen. Es gibt in Deutschland sicherlich stärkere, offenere und transparentere Medien. Aber es ist nicht perfekt. Es gibt die Initiative Nachrichtenaufklärung und Geschichten, die nicht veröffentlicht werden. Also ist es wichtig, dass es Universitäten und Medienmacher gibt, die sich für solche Geschichten stark machen. Und engagiertes, investigatives Schreiben fördern, damit transparent wird, was die mächtigen Leute tun.

Millionen Opfer – kein Bericht

Über eine Millionen zivile Opfer hat der Irak-Krieg seit 2003 schon gefordert. Und über die Hälfte sind unmittelbar durch amerikanische Angriffe ums Leben gekommen. Das war die Top-Geschichte des Project Censored im Jahr 2009. Jedes Jahr veröffentlicht die Initiative 25 in den US-Medien nicht beachtete, brisante Recherchen. Reaktion der etablierten Medienkonzerne? Keine. Eine Geschichte über Lücken in der Berichterstattung – auch in Deutschland.

Statt auf die Recherchen des Project Censored einzugehen und über die Millionen Toten im Irak zu berichten, veröffentlichte die amerikanische Nachrichtenagentur Associated Press (AP) eine Gegengeschichte: Seit 2005 seien 87000 Tote Iraker zu betrauern, dies habe AP von einer geheimen Quelle aus der Irakischen Regierung erfahren.

Gleich mehrfach brachte AP diese Geschichte im vergangenen Jahr. Die Wahrheit wurde dadurch verdeckt. Denn: Nach Untersuchungen seriöser amerikanischer Forschungsinstitute starben in Wahrheit allein im Jahr 2006 täglich 300 Iraker bei amerikanischen Truppeneinsätzen und Verhaftungen. Insgesamt sind mittlerweile mindestens 1,2 Millionen Iraker in Folge des amerikanischen Einmarsches gestorben.

Warum diese kritischen Fakten von den etablierten US-Medien nicht erwähnt werden, lässt sich nur vermuten. Für Peter Phillips, Professor an der Sonoma State University in Kalifornien und bis vor kurzem Chef des Project Censored, sind die Gründe vielfältig. Der Großteil der amerikanischen Medien sei mittlerweile in wenigen großen Konzernen vereint, die mit Wirtschaft und Politik eng verbunden sind. Und während die Anzahl der Mitarbeiter von PR-Firmen in den letzten zehn Jahren immer weiter angestiegen sei, würden die Stellen für Reporter immer weiter heruntergefahren.