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3 FÜR 7 – Konzert-Special

Deutschsprachige Lieder, Abteilung Pop und Rock, eher so alternativ. Das sind grundsätzlich Bands, die mit recht gewöhnlichen Strukturen arbeiten, meistens etwa so: Ich sing Dir was vor nem ausgesuchten Hintergrund von Referenzen an andere Bands, gewisse Stilistiken, Haltungen. Manchmal docken die Musizierenden sich direkt an auswärtige Vorbilder an und “übersetzen” dann Trends für Verhältnisse in Dehrendorf, St. Pauli oder Marzahn, ungeachtet der Tatsache, dass z.B. Horst Köhler nicht ganz Elisabeth II. von England ist. Gottseidank nicht in England? Heute: Fehlfarben, Die Sterne, School Of Zuversicht.

Der Autor dieser Zeilen mochte Peter Heins Texte ja lieber, als dieser noch nicht bei Rank Xerox gefeuert worden war. Jedenfalls ging’s da bei den Fehlfarben wie auch bei Family 5 und auch sonst immer rappzapp an englische Trends ran, ob Orange Juice oder Dexys Midnight Runners. Voll Düsseldorf also irgendwie.

3 FÜR 7 – Spektakel-Special

Das waren noch Zeiten, als Guy Debord “Die Gesellschaft des Spektakels” geschrieben hat! Die Massenmedien waren noch jung, hatten aber schon ihre Weltkriege hinter sich; es gab “Glotzen” statt “Interaktivität”, es gab Leserbriefe statt einem Strauß eigener Webseiten für uns alle. 1967 war das, und im selben Jahr vereinten sich die Europäische Gemeinschaft für Kohle und Stahl mit der Europäischen Währungsgemeinschaft zur EG. Und nun, 43 Jahre später, dies: Kulturhauptstadt Europas Ruhrgebiet! Spektakulär, nicht wahr? Die Themen: Star Wars in Concert, Metropole Ruhr Metal-Festival, Peer Gynt im Grillo.

3 FÜR 7 – Drei Veranstaltungen der Woche

Gestern die ganz große Kulturlobby samt Deutscher Kulturrat in der Essener Philharmonie, heute “Gesprächskreis” rund um das Dortmunder FZW: Über beides später mehr. Einstweilen: “Lady Windermeres Fächer”, “Unsere Stadt braucht Lieder!”, “Der Innere Innenminister”.

Bitte aufzeigen: Wer kennt Oscar Wilde nicht? Grummel. Na gut, wollen wir mal glauben. Der Abgebildete und sein “Lady Windermeres Fächer” wurden jedenfalls mal von Ernst Lubitsch verfilmt – ohne Ton, es war im frühen 20. Jahrhundert. Die Essener Philharmoniker unter Leitung von Helmut Imig nutzen diese Steilvorlage morgen – nein, nicht im “schönsten Museum der Welt” – in einem gut erhaltenen Lichtspielhaus an der Kettwiger Straße, um die Bilder mit Rachmaninov, Wagner, Ries und anderen antiken Klassikern … nun, zu untermalen, aber mit kräftigem Strich.

5 FÜR 7 – Kultur und Co an der Ruhr

folkwang_kirchnerZehn Wochen Kulturhauptstadt: Ein Zwischenstand. (Denn wer hat schon 100 Tage Ruhe heutzutage?) Beim Zwischenresümee zum Milchkaffee auf der Rüttenscheider hieß es gerade etwa wie folgt: Nach Außen innerhalb Deutschlands sieht’s PR-mäßig doch ganz gut aus: Erst die Eröffnung und der Charteinstieg, dann Ruhrmuseum und Folkwang, dann Odyssee Europa – alles ging groß durch die Feuilletons.

Jetzt: NRW-Wahlen als Nonplusultra für ungezählte Reichstagskarrieren anscheinend. Auch fein. RAG macht Ökostrom, Schalke und Dortmund stehen gut da wie lange nicht mehr, die Ruhrbarone auch, Debatten hier setzen Akzente und labern nicht mehr einfach nur hinterher. Wie und wo gekürzt und kooperiert werden muss in den Kommunen, selbst das ist ein Alleinstellungsmerkmal. Daher zur Feier des Tages gleich mal fünf Themen: Local Heroes Recklinghausen, DAF & No More, Folkwang, Hinterhaus, 2. Klavierfestival Oberhausen.

Gedanken zur Philharmonie Essen und einem Kulturbeutel

philiDie Philharmonie in Essen ist eines der Vorzeigeprojekte im Ruhrgebiet, der Kulturhauptstadt Europas. Hochgelobt und hochgepriesen. Doch irgendwie ist es ruhig geworden um die “gute Stube” Essens, seit Intendant Michael Kaufmann vor gut anderthalb Jahren rausgeworfen wurde. Warum?

Ich habe mir am Wochenende das Programm der Philharmonie angesehen. Das lag der WAZ bei. In dem Programm waren so ziemlich genau 20 Veranstaltungen in der Philharmonie. Grob überschlagen wird der Bau für diese Veranstaltungen 60 Stunden im Monat genutzt. An nur 15 Tagen wird die Philharmonie im März bespielt. Das bedeutet: jeden zweiten Tag passiert da gar nichts, außer dass die Bürger Essens für den Unterhalt zahlen. Weil geheizt werden muss ja. Ein schöner Saal, der zu oft leer steht.

Im Programm in der WAZ war das aber schön wegfrisiert. Die 15 Spieltage liegen ja nicht gleichmäßig verteilt über den Monat. Sondern die Veranstaltungen knubbeln sich an den Wochenenden. Damit dass dann nicht so aussieht, als passiert in der Philharmonie gar nichts, wurden beispielsweise in eine Wochenlücke ein bunter Platzhalter gesetzt. Dort stand dann, wie man Karten bei der Philharmonie kauft und so was. Schön groß und farblich und auffällig. Anderswo stand in einem Kästchen, was wie ein Programmpunkt, dass ein Konzert mit Barbara Sukowa ausfällt, für das im Internet noch geworben wird.

3 FÜR 7 – Wohin? Ah, dahin!

uploads_media_wohnzimmer_zeichnung_raumlaborberlinIst heut’ nicht was? Klar. Aber Freitag und Samstag ja auch. Und danach erstmal! Es gibt ja vielerlei Untersuchungen zu den Auswirkungen dieses “Mehr” an Informationen via Internet et al. Neigen wir neuerdings also noch mehr dazu, über Dinge zu reden, mit denen wir nicht direkt zu tun haben? Haben wir womöglich mit immer mehr Dingen nicht direkt zu tun, aber irgendwie den Zwang, dazu eine Meinung zu entwickeln? Sind vielleicht auch deshalb “einfache Lösungen” und ebensolche Ideologien wieder so en vogue? Kommt bald der “Browse-nothing-day”? Oder gehen wir einfach mal hin zu “Die lustige Witwe”, “Odyssee Europa”, La Roux?

Nun passiert es also: Hier wird Harald Schmidt empfohlen. Aber nun nicht der Herr auf der Bühne, er tritt bei “Die lustige Witwe” nur off-camera in Erscheinung, einmal aber auch einfach aus dem Off. Lehárs Operetten-Überklassiker bietet jedenfalls gute aktuelle Anknüpfungspunkte an das Tagesgeschehen: Irritierte Konsumisten, marode öffentliche Kassen, unromantische bis fragwürdige Gründe für Hochzeiten. Das Stück an sich wird respektiert und nur vorsichtig dem Zeitgeist entgegengerückt – wenn also mal Operette, dann vielleicht die.

3 FÜR 7 – 3 ausgewählte Veranstaltungen der Woche

tinateubnerEs gibt erstaunlich viele Leute, die so tun, als seien sie total weltoffen und nicht auf typisch deutsche oder europäische Weise kulturell geprägt worden. Im positiven wird dann gesagt: Na klar, gerade wegen Aufklärung und Demokratie und so (die es ja nunmal irgendwie hier gibt), sei der Mensch hier ja so kritikfähig, anderen ja auch so ein bisschen überlegen und – na, klar – auch echt weltoffen. Im negativen Sinne könnte gesagt werden: Hierzulande wird sich in derartig vielen Facetten mit sich selbst beschäftigt, dass andere Kulturen erst dann erkannt werden, wenn sie sich als “das Fremde” manifestieren. In diesem Sinne drei Mal typisch Hiesiges: “Was ist Heimat?”, Tina Teubner & Ben Süverkrüp, “TV Eye Labelfest”.

“Junge Fußballfans in Wort und Bild” kommen bei “Was ist Heimat?”, einer Veranstaltung der Schalker Fan-Initiative in der Flora, zum Zuge. Diese moderne, Sport affine Variante einer Landschaftsjugend hat aber nun erstaunlicherweise genau nicht Hools und renitente Gelsen-Blockwarte zu Gast, sondern “jugendliche Mitglieder eines Gelsenkirchener Galatasaray-Fan-Clubs, die Band „The Herbs“ von Consol 4, Besucher des Schwul-Lesbischen Jugendzentrums „The Point“, Studierende am Weiterbildungskolleg Emscher-Lippe bis hin zu jungen Menschen in der Jugendberufshilfe Stadt Gelsenkirchen”. Weil die ja noch lernen müssen, was Heimat heißt? Weil das, was die zum Thema sagen, total unverdächtig sein sollte, irgendwie rechts oder regionalistisch zu wirken? Der OB, ein paar Sportler und andere lokale (Polit-)Promis werden auch da sein und für hübsche Bilder posieren. Schade, dass niemand aus anderen Heimaten eingeladen ist.

Die spannenden, leicht durch den Kopf-Fleischwolf gedrechselten Tiefen und Untiefen tagtäglichen Beziehungsstresses sind mal wieder Thema bei Tina Teubner und Begleitung (Foto: Promo). Vielleicht endlich mal wieder ein ausverkauftes Katakomben Theater? Dort übrigens immer wieder angenehm: Die freundliche Distanz, mit der die zum Großteil Türkei stämmigen Betreiber sich all die immer wieder auf der Bühne ausgebreiteten, individuellen Zivilisationskrankheiten der Künstlerinnen und Künstler anschauen – auch wenn mal eine frischgebackene Trägerin des Deutschen Kleinkunstpreises 2010 (Sparte Chanson) anwesend ist – oder gerade dann?

Doppelt gute Fotos für Haiti

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Martin Steffen ist ein guter Fotograf. Ich habe erlebt, wie er mit Linse und Blitzlicht aus ostdeutschen Innenverteidigern Charakterköpfe machte. Martin hat das gelernt, war in Berlin bei Jim Rakete, in Paris. Kam wieder zurück nach Bochum, arbeitete für Werbung, für Prinz, Unicum, Playboy, Hattrick. Für Schauspieler, Musiker, Sportler. Seit ein paar Jahren ist Martin viel unterwegs. Er reist für Hilfsorganisationen wie Adveniat in Essen, macht Reportageaufnahmen in Lateinamerika, in Indien, Afrika. Fängt Bilder ein in Slums, Knästen, Armenhäusern, auf der Straße.

Ein paarmal war er in Haiti, zuletzt im Dezember 2009. Haiti hat es ihm angetan, die härtesteten Erfahrungen, die schönsten Bilder, vor allem die Begegnung mit einem verstörenden Phänomen, den so genannten Restavecs – was sich vielleicht am besten wie ein Befehl liest: “Du bleibst hier!” Es soll in Haiti hundertausende Kinder geben, die aus dem Hinterland von armen Eltern in genauso arme aber städtische Familien weggegeben werden. Karibische Aschenputtelkinder rechtlos, perspektivlos, oft schikaniert, misshandelt, immer ausgebeutet, Sklaven, Kinder.

2 bis 3 Straßen im Interview am Borsigplatz

Der Künstler Jochen Gerz macht derzeit im Ruhrgebiet zwei Projekte. Während der Bochumer Platz des europäischen Versprechens auf der Kippe steht, läuft das Projekt 2-3 Straßen ganz gut an.

Ursprünglich sollten bis zu 80 kreative Leute von außerhalb in den Pott ziehen und hier nachsehen, wie das so läuft. Dazu wurden ihnen billige Wohnungen in Mülheim, Duisburg und Dortmund angeboten. Über Ihre Erlebnisse sollen sie Protokoll führen. Daraus will der Künstler Gerz später ein Buch oder ein Plakat oder was auch immer machen. Leider wollten nicht genügend Leute von außen ins Revier kommen, deswegen durften sich auch Kreative aus dem Ruhrgebiet an dem Projekt beteiligen. Tobias Eule ist einer von ihnen. Der Architekt ist von Bochum nach Dortmund gezogen, direkt an den Borsigplatz. Ich habe mit ihm gesprochen.

Warum machen Sie als Architekt überhaupt bei der Straßen-Nummer mit? Wo ist der Reiz für Sie?

Ich habe mich mal vor ungefähr einem Jahr bei ehemaligen Kommilitonen darüber beschwert, dass wir während unserem Architekturstudium nie gelernt haben uns auch mal Schriftlich mit dem Thema Architektur auseinander zu setzen. Das empfand ich als eine verpasste Gelegenheit, denn ich hatte gemerkt, dass ich zwar sehr gerne Schreibe, aber es doch recht selten getan habe. Besagter Freund machte mich ein paar Tage später auf die Anzeige von 2-3 Straßen aufmerksam, auf die ich mich dann einfach mal beworben habe, frei nach dem Motto, wenn sie mich nehmen werde ich mich ein Jahr lang intensiv mit dem Schreiben und mit der deutschen Sprache beschäftigen. Dies ist meine individuelle Motivation, wegen der ich nach Dortmund gezogen bin, der Reiz des gesamten Projektes besteht aber darin, dass hier mit einen mal ca. 30 Menschen nach Dortmund verpflanzt wurden, die alle in einer Phase ihres Lebens stehen, in der sie sich irgendwie verändern wollen und die sich nun ein Jahr lang mit dem Thema Nachbarschaft auseinandersetzen. Die spannende Frage ist also in wie weit sich so eine Maßnahme dann auch wirklich auf das Wohnumfeld auswirkt.

Sie haben schon in Hattingen gewohnt, in Bochum, in Bottrop. Sie kennen das Ruhrgebiet. Glauben Sie Dortmunds Norden kann Sie noch überraschen?

3 FÜR 7 – Konzert-Special

festlandDer Autor dieser Zeilen hier fährt morgen mal für ein paar Tage nach Dresden. Und das ist ja die Stadt, die die Deutschen zur Kulturhauptstadt gewählt hätten, falls man sie gefragt hätte. Wie finden das die RRRuuuh!rrries eigentlich? Ein weiterer Grund, warum man sich schon vor knapp hundert Jahren besser von Restdeutschland hätte abkoppeln sollen – denn Volksabstimmungen in Deutschland bringen eh nur Ärger? Oder nur ein Zeichen dafür, dass es doch ganz gut ist wenn die hiesige Industrie mal ein bisschen Kohle springen lässt, um die wirklich relevanten Abstimmungen zu beeinflussen? Für Hierbleiber: Festland, Emiliana Torrini, Japanische Kampfhörspiele.