Schlagwort: Patrick Joswig

WATTENSCHEID IST UNSER LEBEN

Wir sind Wattenscheider Jungs! Geboren, aufgewachsen und geformt in dieser kleinen Weltstadt mitten im Pott. Eine harte Schule zwischen Ghetto und Einöde, zwischen Prolldisco und Straßenkampf, zwischen Fußball und Langeweile. Die SG Wattenscheid 09 hat unsere Jugend bestimmt. Mit ihrem Abstieg aus der ersten Bundesliga verebbte unsere Liebe für das runde Leder. Fußball-Legasthenie war die Folge. Kein Interesse, kein Antrieb, keine Kultur. Jetzt sind wir zurück zu den Wurzeln, auf dem Rasen, der die Welt bedeutet – beim Auswärtsspiel der Wattenscheider Kicker in der NRW-Liga. Ein Erlebnisbericht von Herrn Schlange und Herrn Joswig.


Treffpunkt: Fanbus zum Auswärtsspiel der SGW gegen Fortuna Köln, Rathaus Wattenscheid, 17.30 Uhr.

Es ist kalt, der Himmel wolkenverhangen und grau. Schlange und Joswig spüren ihre Herzen wie wild in der Brust pochen. Pulsschlag aus Stahl. Hämmernd und laut. Nerven liegen blank. Das letzte Fußballspiel liegt Jahre zurück. Erinnerungen zucken durch ihre Köpfe: euphorische Massen und ohrenbetäubende Gesänge, fettige Bratwürste und der Geruch von Schweiß und Bier.

CAST INC. – DAS GESCHÄFT MIT DEM ERFOLG

mugshot_openerBlut. Überall war Blut. An unseren Händen, auf dem Fußboden, überall. Wir sind schuldig. Wir haben unseren Nachbarn erschlagen, seinen Schädel mit einem Spaten gespalten und das Hirn im Geräteschuppen verteilt. Wir hatten keine Wahl. Ihr hättet genauso gehandelt. Tut man nicht alles für den Ruhm? Für die Glitzerwelt der Reichen und Schönen, für Champagner, Groupies und Unsterblichkeit. Die Anklagebank von Barbara Salesch wird unser Sprungbrett sein. Wir waren bei einem Casting der Produktionsfirma filmpool. Ein Erlebnisbericht von Herrn Schlange und Herrn Joswig.


PROLOG: Die Stehascher am Eingang zum Hotel Bredeney, Essen, 14.12 Uhr:

Erzählerstimme aus dem Off (sonorer, verrauchter Klang): Wie sagte Marilyn Monroe einst? Hollywood ist ein Ort, wo sie Dir 50.000 Dollar für einen Kuss und 50 Cent für Deine Seele zahlen. Deine Seele bedeutet im Jetzt nichts. Existiert ein Stuhl, wenn Du ihn nicht anschaust? Bist Du da, wenn Dich niemand sieht? Wir sind nur die Spiegelbilder in den Augen der anderen. Die einfachste Flucht aus der Bedeutungslosigkeit ist der Weg auf die Bühne. Talent spielt in dieser Welt keine Rolle, es zählt der Wille.


Regennasser Asphalt. Den Parkplatz vor dem vier Sterne Hotel überzieht ein matter Glanz. Menschen drängen sich unter dem kleinen Vordach des Eingangs, suchen Schutz vor dem Nieselregen. Ihre Finger halten sich an Zigaretten fest, während Anspannung von ihren Gesichtern bröckelt wie der Putz von einer alten Häuserfassade.

„Krass, ich hab da gesessen und fast geheult, so sehr hab ich mich in die Rolle reinversetzt. Und in das da, was mit dem Mädchen passiert ist.“

„Ich bin auch voll froh, dass ich es hinter mir hab. Im Zimmer nebenan hat einer voll geschrien. Das war echt total heftig.“

Das Reden scheint wie ein Akt der Befreiung für die zwei Teenager. Vielleicht 16 oder 17 Jahre alt. Ihre Haare sind blondiert, ihre Ärsche stecken in kurzen Röcken, die kindlichen Züge sind hinter Make-Up versteckt. Daneben eine Mutter, die mit Autoschlüsseln klimpert. Sonntagsausflug – powered by emotion.

EIGHTIES FOREVER

Wie lange lässt Du Dich täglich berieseln, wie oft hockst du vor der Glotze? Wie viele Minuten Deines Lebens schluckst Du Werbebotschaften, lernst, was in Deiner Welt wichtig ist? Wann hast Du Deinen Fernseher zum Gott erhoben und wann Deinen Geist befreit? Wir waren Fernsehkinder, wir haben nie einen Gedanken daran verschwendet unseren Herrn zu verbannen. 1984 (!) öffneten uns die Privatsender das Tor zur Erleuchtung und zeigten uns die Welt. Sozialisation Mattscheibe. Der Durchschnitts-Deutsche guckt zwei Monate im Jahr fern – nonstop. Unsere Lehrmeister fuhren einen sprechenden Trans Am, trugen Iro und Goldkettchen und konnten mit einem Taschenmesser die Welt retten. Warum sind wir geworden, was wir sind? Wir sind zurück in die Vergangenheit. Ein 14 Stunden Marathon aller großen Helden unserer Kindheit. Ein Trip voller Desillusionierungen, großartigen Wiederentdeckungen und der Erkenntnis, dass wir nur die Kinder unserer Idole sind. Ein Erlebnisbericht von Herrn Schlange und Herrn Joswig.

Die stählernen Kampfjets glänzen in der Morgensonne. Mechaniker schieben einen Prototypen aus dem Hangar über das Rollfeld, die Luft über dem geheimen Nasa-Stützpunkt flimmert in der Hitze des Tages. Hoch dekorierte Generäle stehen im Schatten der Flugzeugflügel, den Geschmack von Wüstensand auf der Zunge. Alles wartet auf einen Mann: Steve Austin.

Schwarz zeichnet sich seine Silhouette gegen die Sonne an den Horizont. Lässig schlendert Austin zur Landebahn – bordeauxroter Jersey-Overall, die Daumen in den Hosentaschen, einen Zahnstocher im Mund. Sein Auftritt meißelt ein ewiges Gesetz in Stein: Die Coolness trägt Schlaghose.

Schlabberbuchsen, kariert und gestreift, Bäuche aufgedunsen von Knabberkram quellen über die zerfransten Hosenbünde, ihre Finger sind schmierig von Fett und Glutamaten. Schlange und Joswig hängen auf einer Couch in Wattenscheid und greifen in eine Tüte Zwiebelringe. Die Bewegungen zäh, als klebten ihre Arme wie Kaugummi am Sitz. Die Luft steht in Joswigs Wohnzimmer, Staubpartikel sinken langsam auf den Laminatfußboden. Es ist 18 Uhr MEZ. Die Sonne dämmert, die Kiste flimmert.

Der Sechs-Millionen-Dollar-Mann (Titelmelodie)

1974-1978, Deutsche Erstausstrahlung 1988

Der Weltraum schafft Helden, der Geheimdienst Waffen. Steve Austin (Lee Majors) ist Beides. Nach einem Absturz mit einem Flugzeug-Prototypen ist der Astronaut nur noch ein Haufen Mensch gefesselt ans Krankenbett. Zufällig sucht das US-Militär für ein sechs Millionen Dollar teures Geheimprojekt eine Testperson. In einer unvorstellbar komplizierten Operation werden Austin ein Arm, beide Beine und ein Auge durch bionische Teile ersetzt. Völlig problemlos. Steve Austin wird zum Cyborg (gesprochen „Kübork“), ein kybernetischer Organismus – ein Spezialagent, halb Mensch, halb Maschine. Nukleargespeiste Generatoren in den Gliedmaßen verleihen ihm extreme Geschwindigkeit (Laufen 100 km/h, Schwimmen 70 km/h), sein Reaktor-Arm besitzt die Power eines Bulldozers und das Auge ermöglicht es Austin über größte Distanzen selbst winzigste Details zu erkennen – Nachtsicht inklusive. Mit diesen schier fantastischen Fähigkeiten kämpft er fortan für das Office of Scientific Intelligence gegen diabolische Wissenschaftler, fremde Nationen, Roboter, Außerirdische und sogar gegen Bigfoot.

Tüdüdüdüdt – wie lange hatten die zwei Pantoffelhelden dieses Geräusch nicht mehr gehört. Schlanges Augen glänzen wie zur Bescherung, Joswig seufzt verträumt. Tüdüdüdüdt – der Sechs-Millionen-Dollar-Mann reißt eine Tresortür auf. Tüdüdüdüdt – der Sechs-Millionen-Dollar-Mann springt vier Meter hoch. Tüdüdüdüdt – irgendetwas anderes Bionisches springt, schlägt, sieht, oder so.

Als Kind lief Schlange über den Schulhof, imitierte dieses Geräusch der sechs Millionen Dollar teuren Mechanik und fühlte sich jeder Herausforderung gewachsen. Heute Abend heißt die Herausforderung Endlos-Serien-Marathon.

Die schwarze Pyramide im grauen Beton

Hochhausbauten, verschwindende Existenzen. Das Leben im Staate ist trist und monoton. Herr K. steht in der U-Bahn. Dieselben Fahrten zur Arbeit, dieselben Gänge im Wohnblock, dieselben Rituale jeden Tag. Dann ein Brief – überraschend und unerwartet. "Ihrem Antrag auf Suizid wurde stattgegeben." Das Leben geht weiter. "Jeder Tag gleicht dem anderem. Jeder Tag, auch der Tag nachdem ich starb."

Black Pyramid – Eine Semesterarbeit von Johann Kasuch und Christopher Grabinski, Fachhochschule Düsseldorf. (HD-Link zu vimeo.com)

JUNKIES OF LOVE

Unser Leben wird dominiert von der Sucht. Abhängig, ausgeliefert – Menschen sind Junkies der Liebe. Liebe ist der Stoff, aus dem die Träume sind. Liebe ist die perfekte Droge. Einmal angefixt können wir ohne sie nicht existieren. Wir müssen lieben. Jeder Erniedrigung, jeder Verletzung, jeder Narbe zum Trotz schenken wir uns einander immer wieder. Nackt und voller Hingabe in der Hoffnung, dass Seelen miteinander tanzen werden. Doch Liebe ist ein teures Gut. Sex dominiert die Gesellschaft. Sex ist das Methadon im Individualismus. Es geht um Youporn, Flatrate-Puffs und den schnellen Fick auf dem Kneipenklo. Im Jetzt herrscht die Egomanie, der Voyeurismus, die Selbstdarstellung beim Maskenball. Romantiker fallen durch dieses Raster aus Narzissmus und Ellenbogen. Sie werden auf ihrer Suche nach Liebe verzweifeln. Wir gehören dazu. Glauben Sie uns – wir waren bei einer Ehe- und Partnervermittlungsagentur. Ein Erlebnisbericht von Herrn Schlange und Herrn Joswig.

Schlange und Joswig haben in ihrem Leben schon viele Aschenbecher gesehen: die Klassiker, die Styler, die Improvisierten. Leere Bierflaschen randvoll mit Zigarettenstummeln, zugeaschte Blumentöpfe, Spülbecken und alte Pommesschalen, in deren zähem Sud Kippenreste aufquellen. Das Exemplar vor ihnen auf dem Tisch ist ein gläserner Familienbottich. Groß wie eine Toffifee-Packung, schlicht gehalten, Fassungsvermögen gut sieben Schachteln. Schlange und Joswig sitzen im Beratungszimmer einer Ehe- und Partnervermittlungsagentur und warten.

„Und vergiss nicht, du hast seit fünf Jahren keine Frau mehr gefickt.“

„Verdammt.“ Joswig schaut seinen Freund an. „Was für ne Kack-Rolle.“

Schlange nickt ihm zu und packt seine Kippen und Brillenetui auf den Tisch. „Das ist halt unsere bekackte Geschichte. Du bist der hoffnungslose Fall, ich bin dein Finanzier. Punkt.“

Völker hört die Signale, auf zum anderen Geschlecht!

Feuer ist Erneuerung. Die Welt muss brennen. Wirtschaftsimperien zerbrechen, Milliarden verpuffen, Ängste zerfressen das Volk. Wo schlägt das Herz der Rebellion? Tanzt es nicht auf dem Trümmerfeld des Kapitals? Erhebt Euch, ihr Massen! Auf zur Revolution! Lodernde Villen, barbusige Frauen, Sex, Gewalt und Freudenfeste. Doch halt: Manch Revoluzzer versucht den Umsturz auch gesitteter – beim Klammerblues im Schmusetakt. Glauben Sie uns. Wir haben es erlebt – im Wochenend-Camp der Sozialistischen Deutschen Abeiterjugend (SDAJ). Ein Erlebnisbericht von Herrn Schlange und Herrn Joswig.

Kleine Fachwerkhäuschen, grüne Fensterläden, Begonien in den Blumenkästen. Wenn Sie irgendwo Frieden finden – dann in Leichlingen, der "Blütenstadt". Rund 27 000 Einwohner fasst das idyllische Dorf im Rheinland. Seit Jahren SPD-Hochburg. Auf den Straßen grüßt man sich.

Schlange und Joswig irren durch eine malerische Fachwerk-Siedlung auf der Suche nach der Revolution. Die Sozialistische Deutsche Arbeiterjugend (SDAJ) campiert am Stadtrand, auf der Wiese des Naturfreundehauses Leichlingen. Eine kleine, romantische Pension – die perfekte Tarnung. Umsturz im Spießertum, Terrorzellen unterm Pavillion, brennende Gartenstühle und lodernde Sonnenschirme. Niemand vermutet das Inferno im Paradies.

Für eine heile Welt – Porsche Day am Tag der Arbeit

Die Welt von Porsche ist die Welt im Kleinformat. Es gibt die Malocher, die ihr Leben für einen Sitz im Sportsessel opfern, es gibt die Typen, die ihren Arsch von Vati vergolden lassen. Es gibt Champagner, Bier und Streuselkuchen. Ein bisschen Porsche ist jeder. Glauben Sie uns. Wir haben es erlebt – auf dem weltgrößtem Porschetreffen in Dinslaken. Ein Erlebnisbericht von Herrn Schlange und Herrn Joswig.

„Hey!“ Ein kleiner, dicker Typ schmeißt sich Herrn Schlange und Herrn Joswig in den Weg. „Ihr könnt hier nicht durch. Falscher Eingang. Hier ist nur für Porschefahrer.“
Joswigs Halsschlagader pocht. Es ist heiß. Der erste Mai in Dinslaken ist ein herrlicher Tag. Joswig macht einen Ausfallschritt Richtung Ordner. Schlange greift ein.
„Nein, nein. Ist schon okay. Presse. Wir sind akkreditiert.“
„Oh, das ist was anderes.“
Der Securitymann lächelt die zwei Journalisten an. Joswig schnaubt. Schlange greift nach seinem rosafarbenen Poloshirt und zieht den wütenden Hitzkopf hinter sich her, wird beinahe von einem Porsche überfahren. Schöner Luxus-Tod.
Die Sonne brennt.

Fast einen Kilometer hatten sich die zwei Freunde zur Trabrennbahn geschleppt, zum „8. internationalen Club-Day der Porschefreunde“. Die Stadt ist zugeparkt. Golf, Corsa, Fiesta und Corolla säumen die Straßenränder.
Direkt vor dem Eingang hatte den beiden ein Möchtegern-Porsche, ein silberner Mazda, den Parkplatz geklaut.
Ein Wagen scherrte aus. Knapp hundert Meter entfernt. Joswig setzte den Blinker und drückte das Gaspedal durch, fuhr dabei fast einen kleinen Jungen im Rollstuhl über den Haufen, der von seinen Eltern zum Porschetreffen geschoben wurde. Zentimeter vor dem Ziel zog der Mazda in die Lücke.
„Ey!“
Der Typ ließ die Scheibe runter. „Was denn? Das ist meine Seite.“
Joswigs Finger krallten sich in das Lenkrad seines Berlingos, währenddessen splittern in Berlin die ersten Schaufenster.
Ein zehnjähriger Rotzlöffel in dem Wagen hinter dem Prekariats-Porsche schiebt seinen Kopf durchs Seitenfenster.
„Ha ha!“ Das Nelson-Imitat gibt Joswig den Rest. Simpsons um diese Uhrzeit? Seine Zähne knirschen. Doch die Reporter halten still.
Der Parkplatz-Dieb hat ein beeindruckendes Kreuz, auch sein Beifahrer ist eine Kante. Memo für den Rückweg: In die Lüftung pissen.

——————————-ZUR FOTOSTRECKE——————————-

Die Arena der 140 Millionen

Fast 6000 Menschen tummeln sich auf der Trabrennbahn. Schlange und Joswig kochen. Der feine Sand wabbert in dicken Wolken über der Rennstrecke. Ozon, Feinstaub und Bierdurst liegen in der Luft.

Über 2400 Wagen sind geparkt, 140 Millionen Euro im Rondell. Die Wirtschaftskrise blieb in der Waschanlage. Hier ist die Welt noch in Ordnung. Besucher picknicken und sonnen sich, Präsentationsstunde und Ersatzteilhandel. Baseballkappen, mit den Logos berühmter Automarken, werden verkauft: Mercedes, VW, Bentley, BMW je acht, die Porschekappe zehn Euro.

Joswig lockert seinen türkisen Schal über dem rosa Shirt – original C&A, Schlanges Brust schwillt unter seinem weißen Lacoste Hemd – made in Abu Dhabi.

Die Zeugen Jehovas sind die besten Menschen der Welt

 

Vergessen Sie Benedetto, vergessen Sie Luther, vergessen Sie Gandhi, Buddha und den Rest. Die Zeugen Jehovas sind die besten Menschen der Welt – das versichern wir Ihnen; wir haben es erlebt. Am Gründonnerstag im Königreichssaal in Dortmund Hombruch beim Abendmahl des Herrn. Ein Erlebnisbericht von Herrn Schlange und Herrn Joswig.

 

Zur Vorgeschichte:

Zum wichtigsten Fest des Jahres, dem Tode unseres Heilands, sollten die Menschen sich ihrer Wurzeln besinnen. Nur durch das Opfer Jesu haben wir das göttliche Geschenk empfangen, uns von der Erbschuld, dem Sündenfall im Paradies, reinwaschen zu können.

Verständlich, dass in den Wochen vor dem Osterfest die Zeugen Jehovas armen Sündern ihre Hand reichen und Einladungen an Haustüren, Straßenecken und Billardtischen verteilen.