Steven Sloane: “Meine Heimat ist Israel”

Bochum, Ruhrgebiet. Natürlich werden alle Klischees auf den ersten Blick bedient. Will man zu Steven Sloane, führt der Weg auf das Gelände der ehemaligen Zeche Prinzregent, die längst zu einem Kulturzentrum strukturwandelt wurde: Neben den Bochumer Symphonikern ist hier noch ein Off-Theater untergebracht und der legendäre Club Zeche Bochum. Schotter auf dem Parkplatz, und durch den Hintereingang geht es in Sloanes Büro. Das Ambiente passt zu dem unprätentiösen Sloane, der den Besucher in Jeans und weißem Jackett empfängt und dessen Augen leuchten, wenn er von Bochum und dem Ruhrgebiet spricht. Und auch musikalisch geht die Nachbarschaft für ihn in Ordnung. Aufgewachsen in Los Angeles, war Sloane immer ein Grenzgänger, der die Musik liebte – jede Musik: Während er als Jugendlicher Bratsche in klassischen Orchestern spielte und in Chören sang, war Sloane auch Mitglied in einer Rockband: “Wir spielten jüdischen Rock. Es war großartig, in Los Angeles aufzuwachsen. Ich kam mit jeder Art von Musik in Kontakt, die man sich vorstellen konnte: Klassik, Rock und natürlich viel Filmmusik. Ich bin im Westen der Stadt aufgewachsen, die Eltern vieler meiner Freunde waren in der Filmindustrie, da bekam ich sehr viel mit. In der Schule hatten wir auch viele Musicalaufführungen. Porgy and Bess, Fiddler on the Roof und West Side Story.”

Wie seine Eltern, die Vorfahren waren aus Litauen im 19. Jahrhundert in die USA eingewandert, war Sloane in einer jüdischen Reformgemeinde aktiv. Als 14jähriger fuhr er mit anderen Jugendlichen in Camps. Dort erwachte sein Interesse am Judentum und an Israel. Mit 17, nach seinem Highschoolabschluss, besuchte er zum ersten Mal Israel. Er gehörte zu einer Gruppe jüdischer Jugendlicher aus allen Teilen der Welt, die für ein Jahr dort lebten. Sloane lernte Hebräisch in Jerusalem und lebte später in Tel Aviv: “Dort erwachte meine wirklich tiefe Beziehung zu Israel. Es war für mich als Jude sofort ein ganz besonderes Land.” Später, nach dem Studium kehrte er für neun Jahre dorthin zurück: “Ich habe in Israel gelebt und anfangs vor allem im Bildungsbereich gearbeitet. Ich habe dort Jugendorchester geleitet und in Chören gesungen. Schon nach einem Jahr bekam ich die Chance, die Jerusalemer Philharmonie zu dirigieren. Da war ich gerade einmal 22.”

Aber irgendwann wurde es Sloane in Israel zu eng: “Es ist ein kleines Land und die Möglichkeiten sind begrenzt.” Durch die Unterstützung seines Mentors Gary Bertini zog Sloane 1988 nach Frankfurt und wurde dort erster Kapellmeister an der Frankfurter Oper. Der Umzug nach Deutschland war für ihn kein Problem. “Ich sah es als eine Chance an. Deutschland ist noch immer weltweit das Zentrum für klassische Musiker. Nirgendwo sonst gibt es so viele hervorragende Orchester und Opernensembles wie hier.” Sein Vater, der schon 1981 gestorben ist, das weiß Sloane, hat das anders gesehen: “Mein Vater war Captain in der US-Armee und wurde am dritten Tag der Invasion schwer verletzt. Er hätte Deutschland nie besucht.”

1994 dann der Wechsel nach Bochum: Sloane war Generalmusikdirektor der Bochumer Symphoniker geworden. Die Stadt begrüßte ihn mit einer Herzlichkeit, die er nicht erwartet hatte. “Ich war gerade in Bochum angekommen, als ich einen Bus sah, auf dem stand: “Please Welcome Mister Steven Sloane”. Ich war ja nicht berühmt und erst ein paar Mal in der Stadt gewesen, aber es gab sofort ein ganz besonderes Verhältnis zwischen Bochum und mir, und das ist bis heute so geblieben.” Sloane schätzt das Publikum im Ruhrgebiet: Offen und interessiert sei es, und bereit zu Experimenten. Das Publikum schätzt Sloane: Wenn er bei Konzerten lockere und humorvolle Einführungen in die Stücke gibt und alle gemeinsam lachen. Oder wenn der Generalmusikdirektor zusammen mit den Symphonikern mitten im Bochumer Bermudadreieck, dem Kneipenviertel des Ruhrgebiets, auftritt oder in Schulen und Bürgerhäusern in den Vororten der Stadt. “Mir ist es wichtig, dass wir zu den Menschen gehen. Ich will ihnen zeigen, dass wir für sie da sind und dass wir für sie arbeiten.” Er weiß es zu schätzen, dass es in Europa eine dichte, mit öffentlichen Geldern finanzierte Kulturlandschaft gibt. Allein die Pariser Oper, rechnet er vor, habe einen höheren Jahresetat als die gesamte staatliche Kulturfinanzierung der USA. “Aber weil das so ist, dürfen wir uns nicht ausruhen. Ich mag es nicht, wenn manche im Kulturbetrieb die Haltung haben, dass sie am Publikum vorbei arbeiten können, weil das Geld ja sowieso kommt.”

Steven Sloane will sein Publikum überzeugen, auch mit mutigen Projekten, mit Aufführungen jenseits des Mainstreams, und ihm gelingt das immer wieder: Er hat Zimmermanns Oper „Die Soldaten“ in der Jahrhunderthalle in Bochum aufgeführt und später noch einmal in New York. Ein sperriges Stück, das lange als unspielbar galt, von den Musikern und von dem Publikum viel verlangt. Es wurde zum Triumph für Sloane und die Bochumer Symphoniker.

2010, als das Ruhrgebiet europäische Kulturhauptstadt war und Sloane einer der vier künstlerischen Direktoren organisierte er nicht nur das ruhrgebietsweite Gesangsfestival !Sing, das mit einem großen Abend in der Schalke-Arena in Gelsenkirchen seinen Höhepunkt fand, sondern auch eine Aufführung von Mahlers Sinfonie der 1000. Und bei Hans Werner Henze gab er damals eine Oper in Auftrag. „Gisela!“ – modern, außergewöhnlich und eine Ruhrgebietsgeschichte. Das Publikum lies sich von Sloane verführen, vertraut ihm und ist bereit, seine Wege mitzugehen.

Auch wenn es um den Bau eines eigenen Hauses für die Bochumer Symphoniker geht, dem  großen Traum von Steven Sloane: „Es geht dabei nicht um mich, ich will mir kein Denkmal setzen, aber dieses Orchester hat es verdient, endlich eine eigene Spielstätte zu bekommen, die zu seiner Qualität passt. Im Moment wandern die Symphoniker, spielen mal in den Kammerspielen des Bochumer Schauspielhauses oder im Audimax der Ruhr Universität, wo das Orchester auch oft probt. In Essen und Dortmund, wo in den vergangenen zehn Jahren neue Konzerthäuser entstanden sind, ist man ebenfalls oft zu Gast.

33 Millionen soll das Haus kosten – über 12 Millionen haben die Bochumer bereits gespendet. Das Geld kam zusammen durch Großspenden, aber auch durch ein Benefizkonzert von Herbert Grönemeyer und zahllosen Einzelspenden. In vielen Kneipen im Bermudadreieck stehen Sammelbüchsen für das Konzerthaus auf den Tresen – in anderen Städten undenkbar. „Das zeigt doch, dass die Menschen in dieser Stadt hinter der Idee eines Konzerthauses und hinter ihrem Orchester stehen.” Das meiste Geld kommt vom Land, der Europäischen Union und eigentlich könnte es losgehen, wenn nicht noch vier Millionen Euro fehlen würden. Sloane ist sich sicher, dass auch diese Summe noch zusammen kommen wird. Auch, dass er die Kritiker überzeugen kann, die der Ansicht sind, es gäbe bereits mehr Konzerthäuser als Publikum im Ruhrgebiet und eine Pleite-Stadt wie Bochum hätte andere Sorgen. „Das wird ja nicht nur ein Haus für die Symphoniker. Es wird ein Haus für die Bürger. Die Musikschule wird es nutzen, es wird Jazz-Konzerte geben, es wird ein offenes Haus sein.” Es soll in seiner Stadt stehen, in Bochum. Sloane, der die amerikanische und deutsche Staatbürgerschaft besitzt, will in Bochum weiterhin präsent sein, auch wenn der Wohnsitz der Familie künftig in Berlin sein wird. Seine Frau, die Bratschistin Tabea Zimmermann ist dort Professorin an der Hanns Eisler Musikhochschule, die Kinder werden auf die Berlin International School gehen und sollen zweisprachig aufwachsen. Bochum bleibt Sloanes Zuhause. Seine Heimat ist es nicht: “Meine Heimat ist Israel”

Der Text erschien in ähnlicher Form bereits in der Jüdischen Allgemeinen

6 Kommentare

Stefan unterwegs in der Hochkultur (in der Rubrik “Alles über Pop”)!

Gefällt mir sehr gut!

Fragen:

– bleibt Steven Sloane Generalmusikdirektor der Bochumer Symphoniker, auch wenn er nach Berlin geht?

– Steven Sloanes “Augen leuchten, wenn er von Bochum und dem Ruhrgebiet spricht”: hier würde ich mir ein kleines, exklusives Ruhrbarone-Post-Scriptum wünschen – was sagt er über Bochum und das Ruhrgebiet?

@Andreas: Er wird Generalmusikdirektor bleiben. Und so viel haben wir über das Ruhrgebiet nicht gesprochen. Den Text habe ich ja für die Jüdische Allgemeine geschrieben und die erscheint bundesweit.

Tatsächlich: Steven Sloanes (“Meine Heimat ist Israel”) “Augen leuchten, wenn er von Bochum und dem Ruhrgebiet spricht”!
Das erinnert mich an ein Open-Air-Festival in Bochum Anfang der achtziger Jahre. Grönemeyer stand da ja noch vor dem Durchbruch; ich weiß also gar nicht mehr, ob der dabei war. Aber der Lindenberg war dabei, wie immer – ich weiß also gar nicht mehr, was der gemacht hatte. Bestimmt “Wozu sind Kriege da”. Aber an einen kann ich mich ganz genau erinnern: an Jango Edwards.
Sein Auftritt dauerte etwa eine halbe Stunde, er hatte auch einiges zum Thema “Krieg und Frieden”. Das “geht” auch für einen Clown. Schließlich hatte er zum Thema auch ein anderthalbstündiges Tourneeprogramm.
An eine Sache aus seinem Bochumer Auftritt kann ich mich ganz genau erinnern. Als running gag, als Überleitung von der einen Nummer zur nächsten, vielleicht auch, wenn er einfach mal kurz durchhing oder wenn etwas danebengegangen war, nicht recht ankam oder so, inszenierte Jango Edwards den großen Star-Spruch: “Thank you! Fantastic audience. Bochum is a beautiful town!” Heiterkeit im Publikum, und nachgesetzt: “Yeah, I can tell you: Bochum is a beautiful town!”
Großartig.

Das große PR-Mantra des GMD Steven Sloane, so liest sich dieser Text. Ein “Tut-nicht-weh”-Portrait, weil unkritisch, aber ein paar Fakten zum Werdegang beinhaltend. Aber gut, der Rubel muss rollen, auch für den/die Journalisten.

Steven Sloane ist seit 1994 in Bochum, das ist eine sehr, sehr lange Zeit. Vielleicht zu lang, wenn man bedenkt, dass frischer Wind doch dann und wann jede Kulturinstitution durchpusten sollte, oder? Aber das ist ein anderes Thema, zurück zum Text.

Unbestritten, in den 1990er Jahren haben die BoSy mit Sloane einen Schub erlebt, auch mit “Die Soldaten” ist ihnen bzw. vielmehr dem Regisseur dieser Oper, David Pountney, (Sloane war musikalischer Leiter) noch einmal ein Wurf gelungen, keine Widerrede, wobei das Ganze ja Teil des Programms der Ruhrtriennale war, das sollte an dieser Stelle nicht unerwähnt bleiben.

Nichtsdestotrotz könnte an der ewig gleich erklingenden Liebe zu Bochum mal ein wenig gekratzt bzw. diese nicht völlig unhinterfragt abgenickt werden. Denn Liebe kann durchaus ökonomischen Motiven entspringen, da auch Dirigenten den Gesetzen von Angebot und Nachfrage unterliegen.

Insgesamt gibt es wenige A-Orchester in Germany:

Berlin: Da dirigieren Daniel Barenboim und Sir Simon Rattle und beide haben nicht vor, ihre Pöstchen in nächster Zeit abzugeben – ganz im Gegenteil.
München: Die haben sich von Thielemann gerade verabschiedet, für die nächsten 3 Jahre wird es der mittlerweile 81-jährige Maazel.
Leipzig: Ricardo Chailly hat verlängert bis 2015
usw.
Definitiv alles Dirigenten der allerersten (!) Liga.

Ich kann mich des Eindrucks manchmal nicht erwehren, dass die “Liebe” zur Stadt und zum geplanten Konzerthaus in gewissen Teilen auch eine Strategie der Arbeitsplatzsicherung ist. Zumal der Arbeitsplatz in den letzten Jahren auch noch einmal ein wenig “bequemer” wurde. 15% weniger Dirigatsverpflichtung bei 15% mehr Gehalt. Das nenne ich doch mal einen guten Deal (nachzulesen bei WAZ).

#3 werner: ja, jango edwards, der war spitze und sein anarchisches programm hat einen selbst auch mal gelockert. war nicht unwichtig zu der zeit. noch heute habe auch ich sprüche von ihm drauf. im düsseldorfer robert-schumann-saal (meine ich) habe ich ihn zuletzt live gesehen, da klemmte er sich völlig nackt, seinen penis & anhängsel weit nach hinten zwischen die beine, sodass er wie eine zottelige, bärtige, dickere frau mit wildem schamhaar aussah – und drehte sich in der haltung plötzlich um. kurzes jähes erschrecken, dann licht aus. diese mischung aus exhibitionismus und verarschung jeder männerherrlichkeit – wunderbar.
dazu dann sätze, in denen er konfuzius auf confusion reduzierte:
“confusion says: time flies like an allow”.
ich geh ihn gleich mal im internet besuchen, da musses doch was zu ihm geben.

Richtig: im Düsseldorfer Robert-Schumann-Saal. So vor etwa 30 Jahren. Pershing-Nachrüstung. „Do ya wanna see my bubu?“ Begehrendes Ja-Rufen of the fantastic audience. Jango Edwards, wieder wie eine Diva, Zeigefinger ins Publikum gestreckt: „That´s later.“ Es gibt Momente im Leben, die man nie vergisst.
Hoffentlich langweilen wir hier jetzt niemanden.

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