Stell dir vor, es ist WM – und keiner schaut zu!

Mit diesen Schuhen von Mario Götze wurde das WM-Finale 2014 gewonnen. Foto: Robin Patzwaldt

In weniger als 100 Tagen beginnt die Fußball-Weltmeisterschaft in Russland. Angesichts der Nichteinhaltung von Bürger- und Menschenrechten im Gastgeberland wurden schon früh Forderungen laut, das Turnier zu boykottieren.

Denn Putin will die WM, wie es bei solchen Turnieren üblich ist, dazu nutzen, sein Land als modern und weltoffen zu inszenieren. Schon die Auslosung fand im Kreml statt. Im Hinblick auf die Situation der russischen Homosexuellen, die vor Gewalt und Verfolgung nicht sicher sind, aber auch auf die völkerrechtswidrige Annexion der Krim, die Manipulation der US-Wahl sowie die rassistische Propaganda, mit der die russische Regierung versucht, europäische Demokratien zu destabilisieren, muss man zu dem Schluss kommen: Es ist falsch, in diesem Land eine WM auszutragen!

Doch das ist nicht der einzige Grund, warum in diesem Sommer die übliche WM-Euphorie womöglich ein wenig getrübt sein wird. Okay, vermutlich wird auch diesmal wieder der Großteil der Nation dem Fußballtaumel verfallen, spätestens, wenn Deutschland mal wieder im Halbfinale steht. Aber es ist nicht von der Hand zu weisen, dass der Fußball ein Stück seiner Anziehungskraft verliert.

Die Zuschauerzahlen in der Bundesliga gehen zurück. Montagsspiele, Videobeweis und astronomische Transfersummen werden ihr Übriges dazu beigetragen haben. Die meisten Fußballfans sind Traditionalisten, und die Kommerzialisierung des Fußballs ist mittlerweile soweit fortgeschritten, dass längst nicht mehr nur Ultras dagegen aufbegehren.

Seit dem Neymar-Deal gab es bereits drei weitere Transfers, bei denen Ablösesummen in dreistelliger Millionenhöhe gezahlt wurden. Es scheint keine Grenze zu geben, die nicht irgendein Investor zu überschreiten bereit wäre. Dabei ist es kein Vorurteil, dass sogenannte „Retortenklubs“ es schwer haben, Menschen für sich zu begeistern, egal wie erfolgreich sie spielen. Das wird z.B. an den Zuschauerzahlen des Europapokalspiels RB Leipzig gegen Zenit St. Petersburg oder an den Einschaltquoten der Bundesliga-Partie zwischen Wolfsburg und Leverkusen deutlich.

Der Fußball entfremdet sich zunehmend von seinen Fans, allen voran den Stadiongängern. Dabei sind es gerade sie, die den Fußball doch so besonders machen. Mit welcher anderen Sportart ist eine derart stimmungsvolle Atmosphäre, sind solche Emotionen verbunden wie mit dem Fußball? Das kommt nicht von ungefähr. Eine lebendige Fankultur lebt von verschiedenen Faktoren, die allesamt bedroht sind. Vor allem bezahlbare Eintrittspreise und fangerechte Anstoßzeiten sind elementare Bestandteile des Fußballs, wie er hierzulande gelebt und geliebt wird.

Die Einführung von Montagsspielen ist aber ein deutliches Signal an den Teil der Fans, der die Mannschaft auch bei Auswärtsspielen unterstützt, dass ihre Interessen bei solchen Entscheidungen eine untergeordnete Rolle spielen. Das Top-Argument der Befürworter von Montagsspielen lautet, die Spieler der Mannschaften, die im internationalen Wettbewerb vertreten sind und daher auch unter der Woche ranmüssen, bräuchten mehr Zeit zur Regeneration. Als Fan des 1. FC Köln, der bereits in der Vorrunde der Europa League ausgeschieden ist, lässt sich nicht nachvollziehen, warum dann ausgerechnet das Kölner Gastspiel bei Werder Bremen an einem Montag ausgetragen werden muss. Die Bremer hatten sich gar nicht erst für die Europa League qualifiziert, es wird also keine der beiden Mannschaften eine englische Woche hinter sich haben.

Und dann wäre da ja noch der Videobeweis. Ich versuche, mich an dieser Stelle kurz zu fassen, da man zu dem Thema einen eigenen Artikel schreiben müsste und das der gute Robin auch bereits getan hat. Es gibt sehr viele gute Gründe, warum der Videobeweis bei den Fans im Stadion auf so viel Abneigung stößt. Zum einen ist Fußball ein Sport, bei dem es auch dann Meinungsverschiedenheiten gibt, wenn eine Situation in Zeitlupe auf dem Bildschirm gezeigt wird. Zum anderen ist aktuell völlig unklar, wann der Videobeweis eingesetzt wird, und wann nicht. Noch dazu jubelt man als Fan mit angezogener Handbremse, da ein Tor ja auch Minuten später noch aberkannt werden könnte. Abgesehen davon erfährt man im Stadion ja auch überhaupt nicht, was da gerade entschieden wurde. Es mangelt in der Umsetzung dieser technischen Neuerung also vor allem an Transparenz.

Häufig wird davon gesprochen, dass die aktuelle Bundesliga-Saison nur eine Testphase sei, doch diese Testphase ist angesichts der hohen Quote von klaren Fehlentscheidungen durch die Video-Schiris des „Kölner Keller“ ganz offensichtlich gescheitert, und nun soll trotz allem daran festgehalten werden. Bei der WM in Russland soll der VAR (Video Assistant Referee) nun sogar auf internationaler Bühne getestet werden. Dabei sind gerade vergangene Weltmeisterschaften ein Beispiel dafür, dass umstrittene Entscheidungen, die vermutlich auch durch den VAR nicht eindeutig aufzulösen gewesen wären, zur DNA des Fußballs dazugehören. Man denke nur an das Wembley-Tor im WM-Finale von 1966. Okay, Maradona mit seiner „Hand Gottes“ hätte man überführen können, aber auch das ist ein Stück Fußballgeschichte.

Zugegeben, auch der Umstand, dass eine WM in einer autokratisch geführten Nation stattfindet, ist nicht neu. So fand z.B. die WM 1978 im Argentinien zur Zeit der Militärdiktatur statt. Doch spätestens in vier Jahren, wenn es dann nach Katar geht, wird man feststellen, dass Fußball und Politik eben nicht so einfach voneinander getrennt werden können. Katar ist nicht nur aus politischen Gründen als Austragungsort einer Fußball-WM ungeeignet. Das zeigen die Pläne, die WM aufgrund der hohen Temperaturen im Wüstenstaat nicht wie üblich im Sommer, sondern bereits zu Jahresbeginn austragen zu lassen. Das diesjährige Turnier wird zwar wie gewohnt im Juni eröffnet, doch es würde mich nicht wundern, wenn sich bereits dort bemerkbar macht, dass der Fußball am Scheideweg steht.

7 Kommentare

Weder Bayer noch die Wölfe sind Retortenklubs. Der VfL wurde 45 gegründet, ca 7 Jahre nach der Stadtgründung und war von Anfang an sehr viel breiter aufgestellt als bspw.der BVB, der es auf vier Sportarten bringt, der VfL auf 20 oder sogar mehr. Der VfL war bspw. 63 Feldhandballmeister. Vor 30.00 Zuschauern in Wuppertal, gegen Solingen, wenn ich das recht erinnere. Der Werksclub Bayer ist breitensportmäßig ebenfalls gut aufgestellt, gehörte auch einige Jahre schon der Oberliga West an, konnte bis zu 20.000 Zuschauer mobilisieren. Also von Retorte kann man da nun wirklich nicht sprechen.
Natürlich haben beide Klubs nicht die Anhängerschaft eines BVB, der Bayern oder der SGE. Misst man Retorte aber an der Zuschauerzahl, dann wäre ja auch der A-Ligist vor der Haustür ein Retortenclub.
Was den ominösen V-beweis angeht, so wird am letzten Samstag kein SGE-Fan böse gewesen sein, als der Schiri deshalb einen 11er Pfiff zurücknahm. Auch die V-Beweismedaille hat halt 2 Seiten. Deshalb wird er wohl erstmal bleiben.

Bin dabei! Und boykottiere die Spiele des lupenreinen Menschenverächters. Geh dafür lieber mal wieder zum Ortsverein auf die Wiese.

Der Autor kritisiert die QM in Russland, die Montagsspiele und den Videobeqeid, die angeblichen Retortenclubs und was weiß ich noch alles.

In dieser Form verkommt der Artikel zu einem oft zu hörenden Endlosgenöhle.

Man fragt sich so langsam, was dem Fussball mehr schadet- die vom Autor kritisierten Zustände oder das ewige Genöhle der traditionellen Bewahrer des Feldballtretens und der vermeintlich heilen Welt der Früher-war-alles-besser-Fraktion

@Ines C Das funktioniert aber nur, wenn die nicht gerade beim Rudelgucken sind. Machen wir uns nichts vor: so lange Jogis Truppe keinen Rumpelfußball spielt und erfolgreich ist, wird die WM gute Quoten bringen, wahrscheinlich auch bei xyz vs.abc.
Wenn Tribünenplätze leer und Bildschirme schwarz bleiben, dann hat dies nichts mit der am Fußball geübten Kritik zu tun, sondern mit dem Fußball und seinen Akteuren selbst.

Die WMs werden für mich immer uninteressanter. Es sind einfach zu viele Mannschaften dabei, die eigentlich zu schwach zu sein. Aber die Globalisierung will es so, dass jeder mitmachen darf. Ab dem Halbfinals kann man dann wieder schauen.

Der Kommerz war schon immer Teil des Fußballs. Paris hat wieder eindrucksvoll gezeigt, dass Geld viele Tore schießt, aber nicht immer. Das Problem der Neureichen gibt es also überall.

In Katar finden seit Jahren hochkarätige Meisterschaften statt, bei denen hohe Preisgelder zu verdienen sind. Die Zuachauertribünen sind jedoch meistens leer. D.h. Kreisklassepublikum bei Weltevents.
Wer's mag.

Ob die WM in Russland jeden/jede in Deutschland animieren wird zuzuschauen, ist doch für die FIFA und für die, die weltweit über die Übertragungsrechte verfügen, völlig uninteressant. Das gilt auch für das Veranstaltungsland Russland, das alles tun wird, sich "von seiner besten Sete" zu präsentieren.
Alle Erfahrungen mit internationalen Sport-Großveranstaltung in Russland sprechen dafür, daß das Russland erfolgreich gelingt. Daran wird Kritik an der russischen Staatsführung, z.B. in Sachen Medienfreiheit, in Sachen Krim, z.B. wegen der Behauptungen über russissche Einflußnahme-Versuche auf Demokrat. Prozesse im sog. Westen nichts, gar nichts ändern. Ich kenne jedenfalls keinen Fußball-Fan, der sich deshalb davon abhalten lassen könne, sich WM-Spielen anzusehen.

Ich entscheide mich ausschließlich unter sportlichen Aspekten dafür, welches Spiel ich mir ansehen werde -und das werden nicht alle, aber sehr viele sein

"Der Fußball am "Scheideweg"?
Alle Fakten zeigen, daß der Profi – Fußball finanziell und bezogen auf das Zuschauerinteresse weltweit noch nie zu erfolgreich war wie derzeit. Es spricht dieserhalb nichts für einen Trendumkehr -im Gegenteil. Das gilt auch für die Bundesliga. Daran wird der Video-Beweis -so oder so – nichts ändern.

Auf einem anderen Blatt stehen Fragen wie:
Was wird mit dem sog. Amateurfußball in Deutschland? Was liegt da im argen? Was sollte, was könnte da geändert werden?

Was ist mit den Fußball-Fans, die sich von liebgewonnen Traditionen des Fußballes nicht trennen können, die sich deshalb z.B. keine Profi-Spiele in Deutschland mehr ansehen ("…da laufen ja nur noch Millionäre 'rum, um noch mehr Geld zu machen…"), die mit neuen Regeln -sh. passives Abseits- nichts anfangen können oder wollen oder die den Video-Beweis ablehnen?
Es ist Sache eines jeden Fans, seinen diesbezüglichen Unmut zu äußeren und für sich Konsequenzen zu ziehen -sh.u.a. eben auch bezogen auf WM in Russland-. Nur läßt diese persönliche Befindlchkeit in Sachen Profi-Fußball, in Sachen WM in Russland, in Sachen Fußball als weltweites Milliarden-Geschäft m.E. keine Verallgemeinerungen zu -weder bezogen auf die WM noch generell auf das weltweite Fan-Verhalten.

PS
Die Gehälter und Ablösesummen, die derzeit im internationalen Spitzenfußball gezahlt werden, sind auch für mich -gelinde gesagt- irritierend, halten mich aber nicht davon ab, mir regelmäßig Spitzenbegegnungen in der Champ.lig anzusehen. Ich freue mich jedenfalls schon vorab auf Spiele wie die von Real gegen PSC, von Barcelona gegen Chelsea oder von Spielen der Klopp-Mannschaft FC Liverpool oder von……. . Und in aller Regel bieten diese Mannschaft mir alles das, was ich mir als Fan von einem Fußball-spiel der Extraklasse erhoffe..

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