Staiger und die anderen Teilzeit-Anti-Faschisten

Staiger Foto: Sebastian Becker
Tim Pickartz Foto: Sebastian Becker

 

Ich halte Staiger für einen der intelligentesten Köpfe in der deutschen Rap-Landschaft. Ich mag seinen Humor, ich mag seine Analysen und ich mag ihn auch auf Grund seiner Art und Weise, wie er Sachen anspricht, selbst wenn ich diese Sachen oftmals anders sehe. Von unserem Gastautor Tim Pickartz.

Doch Meinungsverschiedenheiten können intellektuell sehr oft etwas Gutes auch in sich tragen, weil Fortschritt sich nicht selten eben durch intellektuelle Reibung entwickelt.

Trotzdem ist Staiger für mich, wie viele andere Linke, nur ein Teilzeit-Anti-Faschist.

Teilzeit-Anti-Faschisten tun sich besonders dadurch hervor, dass sie unglaubliche Kräfte in Bewegung setzen können, wenn es darum geht, den braunen Faschisten Mob bzw. Nazis aus Deutschland zu bekämpfen. Dieser Kampf ist elementar für unsere linke Bewegung. Zwangsläufig. Das ist gut, das ist logisch, das ist richtig.

Teilzeit-Anti-Faschisten sind aber auf dem Auge des islamistischen Faschismus anscheinend blind. Teilzeit-Anti-Faschisten haben auf einmal Termine, wenn die rechtsradikalen Grauen Wölfe Rap-Musik machen. Teilzeit-Anti-Faschisten stört es oft nicht, wenn Rapper*innen bei der Backspin, bei TV Strassensound oder HipHop.de, Zionisten vernichten wollen oder den Charlie Hebdo-Journalisten selber die Schuld geben, dass sie von faschistoiden Islamisten abgeschlachtet wurden. Und ja, Marcus Staiger hat sich zwar kritisch schon zum Antisemitismus im Rap-Game geäußert, umso mehr verstehe ich nicht, warum er auf einmal so entsetzt ist, dass ein Moderatoren-Team nicht in der Lage ist, einen Nazi in seiner Sendung inhaltlich „auseinander zu nehmen“? Antisemitismus wie der der Nazis gehört doch inzwischen zum Standart-Inhalt diverser Rapper in Interviews.

Es geht doch nicht mehr nur darum, dass sich Künstler in einem Lied derart äußern, nein, anti-israelische und mitunter auch faschistoide Inhalte dürfen seit her propagiert und unwidersprochen in Interviews bei deutschen Rapmedien glorifiziert werden.

Und jetzt, wo ein Nazi, der für das gleiche antisemitische Gedankengut wie Islamisten steht, in einer Sendung zu Wort kommt, da fällt Marcus Staiger auf, dass Moderator*innen in deutschen Rap-Medien katastrophal unfähig sind?

Natürlich empfinde ich es ebenso wie Staiger als Katastrophe, dass einem Neo-Nazi eine Bühne geboten wird und sich beide Moderator*innen als unfähig erweisen, einen Faschisten als Faschisten in dieser Sendung auch zu präsentieren. Von entlarven will ich gar nicht reden, da ich es als intellektuelle Beleidigung empfinde, dass man einen Neonazi erst als Faschisten entlarven muss.

Doch besonders schlimm und erschreckend findet Staiger es auch, dass man nicht detailliert der Frage nachgeht, warum man stolz auf „sein“ Land sein soll. Hier wird der Anschein erweckt, dass diese Nationalstolz-Debatte in der deutschen Rap-Landschaft ein katastrophales Novum darstellt. Dass aber eben diese Nationalstolz-Debatte fast schon zum Alltag auch im Rap-Game gehört und besonders durch türkisch- oder arabisch-stämmige Rapper*innen seit Jahren in deutschen Rapmedien, gefühlt unwidersprochen, geführt und glorifiziert wird, ist Staiger wohl nie aufgefallen, oder er sah sich nicht mit dem gleichen Nachdruck dazu genötigt, auf dieses Desinteresse der Medienlandschaft mit einem ebenso wütenden Artikel zu reagieren. Falls ich Staiger hier wirklich Unrecht tue, so bin ich offen für Kritik.

Die Frage bleibt: Wie definiert ein bekennender „Anti-Faschist“ wie Staiger Anti-Faschismus?

Wieso hat sich Staiger niemals zuvor, ebenso leidenschaftlich, darüber beschwert, dass türkisch-stämmige Rapper*innen türkischen Ultra-Nationalismus auf deutschen Rap-Medien-Plattformen unwidersprochen propagieren dürfen?

Wo war der Aufschrei eines Marcus Staigers, als der Rapper „Milonair“ Mitte des Jahres 2016 in ein Backspin Interview saß, und unwidersprochen behaupten durfte, dass die Charlie Hebdo-Mitarbeiter selber Schuld daran sein, dass sie von Islamisten abgeschlachtet wurden. Backspin-Moderator Stompy Motaung widersprach Milionar nicht und nickte derart katastrophale Inhalte in einem freudig geführten Gespräch sogar teilweise noch ab. Wo warst du da Marcus Staiger?

Wer den Faschismus als Ganzes nicht bekämpft, muss sich nicht wundern, als Heuchler oder Teilzeit-Anti-Faschist gebrandmarkt zu werden. Gerade in Zeiten, in denen das rechte Lager an Zuspruch gewinnt, ist eine umfangreiche und ganzheitliche Faschismus-Debatte von Nöten. Teilzeit-Anti-Faschisten verhindern diese und geben somit Demokratiefeinden Schützenhilfe, ob sie wollen oder nicht. Das muss enden.

5 Kommentare

hat der autor staigers intervention nach der veröffentlichung von contraband von snaga und fard zur kenntnis genommen? da richtet er sich gegen antisemitische "zinskritik" gegen (nicht nur deutschen nationalismus), gegen – vorsichtig gesagt – die politisierung des islam…
da gabs nen offenen brief, eine diskussion mit deren labelchef bei irgendwelchen hiphop-journalisten und manches mehr
also, wenn einer im deutschen hiphop KEIN teilzeitantifaschist ist, dann staiger.
(er war übrigens vor kurzem auch in rojava um – solidarisch – über die zu berichten, die dort u.a. gegen den is kämpfen…)

Genau solche Texte machen mich sauer, sehr sauer sogar! Allein die Wortschöpfung "Teilzeit-Anti-Faschisten" ist an Dreistigkeit kaum zu überbieten. Wäre dass das Mittelfeld zwischen "Vollzeit-Anti-Faschisten" und "Keinzeit-Anti-Faschisten"? Oder geht es hier nicht eher darum, dass das Spektrum, in welchem er "Faschismus" ortet nicht komplett ist?!

Kann es sein das du eigentlich auch keinen kompletten Überblick über seine Texte hast und zB. die Tallion II Diskussion völlig übersehen hast damals? Hier kannste es nach holen: http://staiger.tumblr.com/post/79252317623/offener-brief-von-mir-an-die-freunde-von-talion-ii Da wird einiges angesprochen was du ihm anscheinend ankreidest.

Was mich aber grundsätzlich an diesem Text stört ist dieser nörgelnde Unterton so als würde Staiger zu allem und komplett in jeder Beziehung perfekt sein müssen. So als müsste es überhaupt irgendwo Menschen geben, die immer und überall, das absolut richtige machen um dann von dir das Label "Vollzeit-Anti-Faschist" verliehen zu bekommen. Wie wäre es denn zB. mit dir selbst? Wo sind denn deine Texte zum Thema? Du hast doch hier selbst eine Plattform, die gelesen wird. Schreib Staiger doch an, mac h ein Interview mit ihm, schreibe selbst Texte zu dem Thema, frage ihn wie er dazu steht.

Und abschließend will ich nochmal grundsätzlich sagen, das du mit deinem Blick auf bestimmte Entwicklungen natürlich Recht hast, es ist teilweise zum Kotzen was da getextet wird. Aber dieses "Mimimi" geht gar nicht….Antifaschismus ist vor allem dann peinlich, wenn er an fängt zu jammern.

@einanonymerhinweisgeber

Es geht darum, dass Rapper*innen unwidersprochen so etwas täglich in diversen Rap-Medien äußern können, und dass der Vorfall mit Makss Damage kein Novum darstellt, so wie es in Staigers Kommentar wirkt. Es geht zentral um die Reaktion der Medienvertreter, nicht um das faschistoide Gedankengut des Rappers selber. Unfähige Moderatoren gehören zum Alltag und sollten nicht nur dann leidenschaftlich kritisch angegriffen werden, wenn ein Nazi sich äußert.

Keine Ahnung was ein Staiger ist, is das so eine Art Sittenwächter? Immer wenn ich von dem lese, muss ich unweigerlich an Doro Pesch denken, wenn man da irgendwie den Kontext nich hat, versteht man den Hype um die Person nicht.
Aber eine Szene, die hauptsächlich von Idioten bevölkert ist, komplett alleine auf eine spezielle Sorte von Idiotie hin zu kontrollieren/kritisieren/verantworten halte ich für eine Einzelperson trotzdem für eine schwierige Aufgabe. Vielleicht kann ihm ja mal wer helfen.

hach je, irgendwas is immer…
naja, hier kann man sehr gut erkennen warum linkes Gedankengut in Deutschland so wenig Kraft hat.
Man zerfleischt sich lieber in Lagerkämpfen und diskreditiert sich gegenseitig, als mal jmd Lob auszusprechen.
Wenn Dir das oben geschrieben so am Herzen liegt, warum schreibst du nich einfach nen Arktikel darüber sondern verschwendest Dein Hirnpotential um jmd anders schlecht zu machen?

Ich find Staiger auch nich immer gut, aber grundsätzlich gutes Engagement zu diskreditieren, weils nich dem entspricht was man in der letzten Diskussionsgruppe so bearbeitet hat ist einfach kleingeistig.

Es ist sehr schade, aber die Linke mit vielen Ihren Strömungen is soooo ein krasser Schrebergartenverein, deutscher gehts kaum…

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