Srebrenica – vergessene Stadt. Ein Dortmunder zurück in Bosnien

Srebrenica Foto: Dirk Planert Lizenz: Copyright
Srebrenica Foto: Dirk Planert Lizenz: Copyright


Dirk Planert ist freier Journalist und war 14 Jahre lang eine der Nachrichtenstimmen des Dortmunder Lokalradios 91.2. Von 1992 bis 1994 riskierte er als humanitärer Helfer in den Balkankriegen sein Leben und fuhr mit seiner eige- nen Hilfsorganisation Medikamente und Lebensmittel durch die Kampflinien. Nun ist er zurück nach Bosnien gegangen, wieder um zu helfen.

Srebrenica ist eine vergessene Stadt, dabei ist ihr Name den meisten geläufig. Wer über Srebrenica spricht, meint den Friedhof. Im Juli 1995 wurden hier mehr als 8.000 Jungen und Männer unter den Augen der UN-Blauhelmsoldaten ermordet und in Massengräbern verscharrt. Das systematisch geplante Massaker ist das schwerste Kriegsverbrechen in Europa seit dem Zweiten Weltkrieg.

Das Leid brachten die Balkankriege schon vorher über die Region. Als der junge Student Dirk Planert 1992 vor dem Hörsaalgebäude ein Flugblatt in die Hand gedrückt bekam, beschloss er kurzerhand: „Es gibt zwei Probleme. Das erste kann ich nicht lösen: Es ist Krieg. Das zweite ist ein logistisches: Dort fehlen Medikamente, Lebens- mittel, Kleidung – alles ist hier vorhanden. Man muss es nur eine Brücke bauen.“
»Logistik ist alles«

Zwei Wochen später fuhr er einen ersten LKW nach Rijeka. Er gründete einen Verein, und nach drei Monaten gab es in Deutschland 32 Aktionsgruppen mit rund 400 Ehrenamtlichen. In Rijeka kamen ab November 1992 die LKW an und von hier aus fuhr Planert alleine Touren ins Kampfgebiet. „Es hatte sich bald an der Adriaküste herumgesprochen, dass wir helfen können. Ich fuhr gezielt die Städte und Krankenhäuser an mit den Dingen, die dort konkret fehlten. Logistik ist alles.“

Im März 1993 die nächste Eskalation: Kroaten und bosnische Muslime erklärten einander den Krieg. Planert zieht weiter ins kroatische Karlovac. In der dortigen Kaserne waren 2.600 Menschen untergebracht, die das Rote Kreuz aus serbischen Lagern herausgeholt hatte. „Das Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen versorgte nur die Kriegsgefan- genen, aber da waren Frauen und Kinder. Wir brachten Babynahrung, Windeln, Kleidung.“

»Schritt für Schritt an die Hölle herangetastet«

Eines Tages hielt auf dem Marktplatz ein ehemaliger Post-LKW und ein Deutscher stieg aus, er kam aus dem bosnischen Bihac, einem der Kessel, in denen serbische Verbände bosnische Verteidiger, Zivilbevölkerung und Flüchtlinge eingeschlossen hatten. Ein Kessel wie später Srebrenica. Die Lage in der eingeschlossenen Stadt war dramatisch, Planert entschied zu helfen. „Ich hab mich Schritt für Schritt an die Hölle herangetastet“, sagt er.

Alle acht Wochen lenkte er einen Konvoi nach Bihac, durch die Frontlinien. Ein 25jähriger mit schmalen Schultern auf einem bemitleidenswert alten Hanomag-LKW, bemalt mit Herzen: „An den Checkpoints nahmen die mich nicht für voll und ließen mich passieren. Dazu habe ich zwei Jahre lang konsequent meine Neutralität gewahrt und auch an Krankenhäusern in der serbisch besetzten Kraijina gehalten.“

Als im Februar 1994 die serbische Offensive begann, war Planert für zwei Wochen in der Stadt. „Ich saß mit Flüchtlingen, die nichts zu essen hatten, in Wohnungen und wir haben auf die Granaten gehört. Man erkennt am Geräusch, wie nahe die Granate kommt. Irgendwann war es so eng, dass sicher schien, die Serben brechen durch. Alle Männer ab 16 gingen an die Front gingen, ich blieb mit Flüchtlingen, Frauen und Kindern im einzi- gen dreistöckigen Haus, stand hinter der Tür und wartete auf den ersten Tschetnik. Das war die schlimmste Zeit. Da war ich relativ sicher, dass ich diesmal nicht zurückkommen würde. Wäre Bihac gefallen, es wäre das selbe geschehen wie in Srebrenica.“

»Wunden der Seele verheilen langsamer«

Zurück in Deutschland ist er nicht mehr derselbe. „Es ist aus meiner Sicht nicht möglich, sich längere Zeit in einem Kriegsgebiet aufzuhalten, ohne das zu bekommen, was man allgemein ein Kriegstrauma nennt. Wir haben das alle. Egal ob Flüchtling, Soldat oder humanitärer Helfer. Man kann lernen, damit zu leben.“ Bestimmte Gerüche und bestimmte Geräusche und das Gefühl sei da. Feuerwerk zum Beispiel oder das Zuschlagen von Autotüren und der kurze Überdruck dadurch.

Das Erlebte schiebt er beiseite. „Schwierig war der Umgang mit meinen Freunden hier“, gibt er zu, er habe mehrere Jahre gebraucht, Probleme, die man hier hat, wieder als solche zu akzeptieren. „Bis heute habe ich Instinkte, die mir damals das Leben gerettet haben. Wenn Granaten kommen, hat man einen Herzschlag lang Zeit, den Kopf einzuziehen. Das bekommt man nicht raus. Ich hab einen Freund, der Soldat in Kroatien war, wir können darüber sehr gut reden – sonst ist man damit natürlich allein.“ Und leiser: „Wunden der Seele verheilen langsamer.“

»Es stimmt nicht, dass man nichts machen kann«

Bereuen möchte Planert die Jahre auf dem Balkan nicht. „Ich habe wunderbare Menschen kennengelernt und bewiesen, dass es nicht stimmt, dass man nichts machen kann“, sagt er ernst. „Wir haben fast eine halbe Million Mark Spenden gesammelt und Medikamente im Wert von mehreren Millionen Mark von Pharmafirmen bekom- men, weil wir denen nicht gesagt haben, wir sind eine kleine Studentenorganisation, sondern: Wir sind die einzigen, die reinkommen, und wir brauchen genau für dieses Krankenhaus genau das für genau diese Kinder.“
Erst seit einiger Zeit beschäftigt er sich wieder mit der Region. „Für einen Schulvortrag musste ich Fotos heraussuchen. Die lagen seitdem in meinem Keller. Ich hatte sie nicht mehr angesehen, das konnte ich nicht.“ Einige dieser Bilder postete er bei Facebook, sie wurden Facebook-Freunden aus Bihac geteilt. „Auf einmal meldete sich eine Frau aus Chicago, 35 Jahre alt. Eines der Kinder, die damals hinter meinem LKW gestanden haben. Sie schrieb: ,Du warst unser Engel. Du hast uns gezeigt, dass wir noch ein Teil der guten Welt da draußen sind.‘“
Einer der Gründe für eine erneute Reise, diesmal im Frieden. Im Oktober besuchte Pla- nert Bosnien – als Journalist. Bei den anstehenden Wahlen durften zum ersten Mal die im Ausland lebenden Bosnier nicht wählen. Vor dem Krieg lebten im Bezirk Srebrenica 36.000 Menschen, davon 80 Prozent Bosniaken. Heute sind es ungefähr 11.000, zwei Drittel Serben. „Hätte ein Serbe gewonnen, wären die Geschichtsbücher umgeschrieben worden“, sagt Planert. Die westlichen Medien interessierten sich nicht für die Wahl.

Doch Planert hatte noch einen anderen Grund, zurückzukehren. Unter Lebensgefahr hatte er Kinder aus dem Kriegsgebiet geschmuggelt. Alan, den er damals nach Deutschland brachte, wo er drei Jahre bei Planerts Eltern lebte, bis er zurück konnte, erwartete ihn. „Ich landete in Sarajevo, er stand am Flughafen und wir holten gemeinsam seine Tochter vom Kindergarten ab. Alan hat eine Familie, einen guten Job – ich war so glücklich, das zu sehen.“

»Die Lebenden hat man vergessen« 

In Srebrenica ist Planert zum ersten Mal. Als die bosnische Enklave 1995 fiel, war er  in Deutschland: „Ich saß vor dem Fernseher, versteinert, die ganze Nacht.“ Die Hoffnungslosigkeit, auf die er jetzt trifft, schockiert ihn. 80 Prozent der Menschen sind  arbeitslos, niemand will in der Stadt des Massakers investieren. Und wer keine Arbeit  hat, wird nicht heiraten, es leben auffällig wenige Kinder in Sebrenica. Die Armut hingegen ist sichtbar: „Alte Menschen, die sich verschimmeltes Brot aus Müllcontainern  holen, habe ich viele gesehen.“

In der einzigen Kneipe mit jungem Publikum besucht er eine Geburtstagsfeier, freut  sich über die ausgelassene Stimmung. „Und nach ein paar Minuten wird mir klar, dass  sie alle dabei waren. Alle. Wer in dieser Stadt älter ist als 17 Jahre, war entweder in  Potocari bei der Selektion dabei oder ist in Richtung Tuzla über die Berge geflüchtet.“

Oberflächlich funktioniert das Zusammenzuleben. Jeden Tag treffen sich Serben und Bosnier, die wissen, dass sie jeweils Soldaten waren. Über den Krieg wird nicht gesprochen. Srebrenica gehört zur Republica Srbska, die Polizeifahrzeuge tragen serbischkyrillische Schrift. In Potocari bewachen die Täter die Gräber der Opfer – der Polizeichef selbst hingegen ist ein Moslem. „Einmal im Jahr ist Srebrenica voller Menschen“, sagt Planert, „wenn man der Toten gedenkt. Nur die Lebenden hat man vergessen.“

»Dieser Verzweiflung etwas entgegensetzen« Planert lernt Avdo kennen, einen 40jährigen Bosnier, der nach dem Massaker zurückgekehrt war in die entvölkerte Stadt: „Hier sind meine Freunde, hier liegen unsere  Toten, natürlich lebe ich hier.“ Nach seinen Träumen gefragt verneint er, man könne  nichts machen. Planert ist hartnäckig und Avdo erzählt, dass er Bäcker gewesen sei  und dass es in Srebrenica keine Bäckerei gebe.„

Diese Hoffnungslosigkeit, gepaart mit dem Schmerz des Krieges hat dazu geführt, dass ich in diesem Moment die Entscheidung getroffen habe“, sagt Planert. Aus dem  Journalisten wird wieder der humanitäre Helfer. „Ich wollte dieser Verzweiflung etwas  entgegensetzen. Wir werden eine Bäckerei bauen. Die Genehmigung der Gemeinde Srebrenica liegt vor. Ich besorge die Maschinen. Wir brauchen etwas Geld, um den  Laden einzurichten und für die ersten Wochen Einkauf und Material.“

Sieben Arbeitsplätze wird das Projekt schaffen. Mit Avdo ist vereinbart, dass er nicht, wie bei vielen Entwicklungsprojekten üblich, einen Mikrokredit zurückzahlt, sondern  stattdessen vom ersten Tag an mehr Brote backen wird als verkauft werden können.  Jeden Abend sollen die Überschüsse an die Rentner, die sich keine Lebensmittel leisten können, kostenlos abgegeben werden. „Das heißt: Wir machen ein Projekt und erreichen damit viele Menschen. In dieser Situation geht es nicht um Hilfslieferungen, sondern darum, den Menschen, die etwas tun wollen, die Möglichkeit dazu zu geben.“

Gleichzeitig erhält das Krankenhaus von Srebrenica einen Anbau mit einer Kinderstation. Bisher gibt es nur eine Ambulanz, Patienten transportiert das Hospital mit einem Fiat Panda. Ein Bus wird benötigt und ein neues Labor. Planert spricht vom  Stein im Wasser, der Kreise zieht. Es geht um Kontakte, Multiplikatoren und wieder  ist das Zauberwort Logistik. „Nebenbei“ hat er ein Ultraschallgerät von Duisburg nach  Bihac ins Krankenhaus vermittelt.

Besonders wichtig ist ihm, dass alle Projekte multiethnisch sind: „Das Haus wird von Serben und Muslimen gemeinsam gebaut, in der Bäckerei werden Serben und Muslime  zusammenarbeiten, und ich werde kein Projekt unterstützen, in dem das nicht so ist.  Gemeinsam oder gar nicht.“

Crosspost: Der Artikel erschien bereits in Bodo

1 Kommentar

mein lieber Herr Planert, vielen lieben Dank für deine wunderbaren Taten in meiner Heimat. Sie sind ein Beispiel für alle hier draußen damit meine ich den Westen. Ich möchte Sie gerne unterstützen, ich werde für die Bäckerei in Srebrenica spenden, wie kann ich das bitte machen?

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