“Sport und Politik sind zwei unterschiedliche Welten – wenn es um Israel geht, ist oft das Gegenteil der Fall”

Foto: Assaf Yekuel
Anlässlich des dieser Tage stattfindenden Dubaier Tennisturniers erhielt ich die Gelegenheit, mit der israelischen Spielerin Shahar Peer über ihre diesjährige Teilnahme in Dubai zu sprechen, die nicht nur von der politischen Eiszeit zwischen Israel und dem Emirat überschattet wird. Denn auch aus persönlichen Gründen ist dieses Turnier für die Weltranglistenelfte keineswegs wie jedes andere. 2009 verbot der Turnierveranstalter ihr die Einreise, weil man die arabischen Zuschauer nach dem Gaza-Krieg nicht mit einer israelischen Spielerin “reizen” wollte. Im Jahr darauf durfte sie zwar wieder teilnehmen, musste aber rund um die Uhr von 25 Bodyguards bewacht werden. Man befürchtete einen antiisraelischen Racheakt wegen eines zuvor in Dubai, mutmaßlich vom Mossad, getöteten Hamas-Funktionärs.

Shahar Peer, Sie haben in den vergangenen Jahren mit dem WTA-Tennisturnier in Dubai alles andere als gute Erfahrungen gemacht. Mit welchen Gefühlen treten Sie dort an?

Dieses Turnier ist für mich angesichts der zurückliegenden Ereignisse durchaus negativ besetzt. Als Profi muss man aber in der Lage sein, alles Negative auszublenden. Ich bin überzeugt, dass mir dies gelingen wird. Deswegen freue ich mich darauf, hier wieder sportlich auf mich aufmerksam machen zu können.

Vor zwei Jahren wurde Ihnen vor dem Turnier die Einreise nach Dubai verweigert. Die Veranstalter sagten damals, man wolle mit Ihrer Teilnahme die arabischen Zuschauer nach dem Gaza-Krieg nicht reizen …

… das war wirklich eine sehr unschöne Geschichte. Sport und Politik sind zwei unterschiedliche Welten, sie sollten nicht miteinander vermengt werden. Wenn es um Israel geht, ist leider oft das Gegenteil der Fall.

Im Jahr darauf durften Sie auf internationalen Druck hin zwar wieder teilnehmen, mussten aber rund um die Uhr von 25 Bodyguards bewacht werden. Man befürchtete einen antiisraelischen Racheakt wegen eines zuvor in Dubai, mutmaßlich vom Mossad, getöteten Hamas-Funktionärs. Wie sind Sie damals mit der außergewöhnlichen Situation zurechtgekommen?

Ich rief mir immer wieder in Erinnerung, dass diese Stimmung gegen mich nicht die Mehrheit repräsentierte. Denn ich erhielt aus der ganzen Welt auch extrem viel Zuspruch. Zudem habe ich versucht, die Situation psychologisch ins Positive zu wenden.

Wie das?

Ich sagte mir: Du wirst vermutlich gerade besser beschützt als Präsident Obama – ideale Bedingungen, um sich einzig und allein aufs Spiel zu konzentrieren!

Es scheint geholfen zu haben. Sie haben hervorragendes Tennis gezeigt und das Finale nur knapp verpasst. Hat diese Ausnahmesituation Sie womöglich sogar stärker gemacht?

Ich möchte diese Umstände nicht noch einmal erleben, aber es stimmt: Die Bedingungen haben mich angespornt. Druck kann lähmen, für mich ist er eine starke Antriebsfeder und lässt mich in der Tat stärker spielen.

Im Unterschied zu anderen Spielerinnen stehen Sie stets vor einer besonderen Herausforderung: Zu Hause erwartet man von Ihnen Siege, im Ausland polarisieren Sie, weil Sie Israelin sind. Ist es zuweilen eine Last, nie nur sich selbst, sondern immer auch den jüdischen Staat und seine Politik zu repräsentieren?

Dass die Israelkritiker bei manchen Turnieren gegen mich demonstrieren, ist mir mittlerweile egal. Und dass sich viele Israelis mit meinen Erfolgen identifizieren, schmeichelt mir mehr, als dass es mich belastet. Ich liebe dieses Land und bin stolz, es auf der ganzen Welt vertreten zu dürfen. Wir sind eine Nation, in dem der Nahostkonflikt zwangsläufig eine große Rolle spielt. Da ist es nur allzu verständlich, dass man sich über jede positive Nachricht freut und am Erfolg des anderen teilhaben möchte.

Andere israelische Prominente wie das Topmodel Bar Refaeli haben sich um den Armeedienst gedrückt. Sie nicht. Darüber versteuern Sie Ihre Einkünfte ganz bewusst in Israel. Warum ist Ihnen das so wichtig?

Wie fast alle dort möchte ich meinen Teil zum Erhalt dieses Landes beitragen. Man kann nicht nur in den Genuss der Vorteile kommen, man muss die Gesetze achten. Wenn jeder glaubte, für sich eine Ausnahme machen zu können, gäbe es Israel nicht mehr – und das wäre eine Katastrophe.

Das Interview erschien, in anderer Version, zuerst bei der “Jüdischen Allgemeinen”.

6 Kommentare

Das Interview ist ja nun selbst ein wunderbares Beispiel, wie Sport und Politik miteinander vermengt werden (Patriotismus ist das eigentliche Thema). Dass aber (prominente) Israelis, die keinen Armeedienst leisten, hier in den Ruch des Drückebergers und Vaterlandsverräters kommen, macht das Gespräch sogar ein wenig unappetitlich. Man spürt überdeutlich (und nicht nur bei Shabar Peer), dass Lieberman und Co. das politische Koordinatensystem schon merklich verschoben haben.

Sehr geehrter Herr Haas,

nun mal langsam.

Ich bezeichne Bar Rafaeli & Co. keineswegs als “Vaterlandsverräter” (sollten Sie nach wie vor anderer Meinung sein, bitte ich Sie darum, Ihre These anhand bestimmter Formulierungen in meinen Interviewfragen zu belegen).

Und: Was ist an der Feststellung falsch, dass Bar Rafeli es vermieden hat, Armeedienst zu leisten? Im Gegensatz zu Shahar Peer, die sich vor diesen drei Jahren nicht gedrückt hat?

Zu dem Vorwurf, ich vermenge Politik und Sport: Nicht ich vermenge diese beiden unterschiedlichen Bereiche. Als Journalist frage ich Peer lediglich danach, wie sie als Person und als Sportlerin mit der Vermengung von Politik und Sport, unter der sie etwa in Dubai, Australien oder Neuseeland zu leiden hatte, umgeht.

Merke: Ein Spiegel, der beispielsweise die Umrisse eines Apfel reflektiert, wird durch ebendiese Abbildung des Apfels noch längst nicht selbst zum Apfel.

@ Philipp Engel: Die Anfeindungen, bis hin zu Boykottaufrufen, denen sich Bar Refaeli seit einigen Jahren in Israel ausgesetzt sieht, sind mittlerweile Legende und waren überall nachzulesen. Der Vorwurf, der ihr von IDF und der konservativen Öffentlichkeit gemacht wird, ist exakt der Gleiche, der Ihr Gespräch mit Shabar Peer beschließt: Sie „drückt sich“ vor dem Armeedienst und gefährdet durch ihr Verhalten, wenn es denn Schule machen würde, die Existenz Israels.

Und was Ihre Vermengung von Sport und Politik anbetrifft: Die Passage über Armeedienst, Bar Refaeli und die Art und Weise, wie prominente Israelis ihre Einkünfte versteuern, ist eben kein „Spiegel“ der Ereignisse in Dubai oder Australien. Es ist, ich schrieb es bereits, der logische Schluss eines Stücks über Patriotismus.

@Dirk Haas

Das was diese Diskussion hier so schwierig macht ist die Tatsache, dass es Israel wirklich nicht mehr lange geben wird, wenn sich dort alle dem Militärdienst, aus welchem Grunde auch immer, entziehen würden oder könnten.

Da sind wird Deutschen einfach besser dran. Wir haben schlicht keine Feinde mehr um uns herum. Wenn man allerdings bedenkt wieviel Tote das Europa gekostet hat, dass wir endlich soweit sind, dann kann man dem Nahen Osten nur wünschen, dass es dort insgesamt glimpflicher verläuft.

“antiisraelischen Racheakt wegen eines zuvor in Dubai, mutmaßlich vom Mossad, getöteten Hamas-Funktionärs.”

auweia, “mutmaßlich”?

Das sollten die Ruhrbarone nochmal selbstkritisch reflektieren und nicht den Gutmensch für Israel spielen!

@ Dirk Haas

We agree to disagree.

Sie bleiben bei Ihrer Auffassung, ich hingegen bleibe dabei, dass ich Shahar Peer den Lesern der Jüdischen Allgemeinen und der Ruhrbarone in ihren Ansichten und in ihrer Motivation, die Steuer in Israel zu zahlen sowie auch als Sport-VIP Armeedienst zu leisten, vorgestellt habe.

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