Spielräume des Theaters: Bochum – Berlin – Europa

Ruhrtriennale Intendant Johan Simons, Foto: Ulrike Märkel
Ruhrtriennale Intendant Johan Simons, Foto: Ulrike Märkel


Das Schauspielhaus Bochum erhält ab der Spielsaison 2018 einen neuen Intendanten, Johan Simons. Das ist zwar ein Jahr später als eigentlich notwendig und die Suche hat auch etwas länger gedauert. Aber das Ergebnis stimmt und ist eine gute Nachricht. Der entscheidende Impuls scheint aus der Politik gekommen zu sein, nachdem ebendort Matthias Hartmann als Wiedergänger in der Intendanz nicht durchsetzbar war. Von unserem Gastautor Dieter Nellen.

Mit Johan Simons gewinnt das Haus einen erfahrenen Theatermann. Seine erste Spielsaison bei der Ruhrtriennale im letzten Jahr hat überzeugt, er selbst vor allem mit der Opern- Inszenierung von Richard Wagners „Rheingold“.

Die vielleicht noch näher liegende Referenz ist seine Zeit als Leiter der Münchner Kammerspiele, wo er gezeigt hat, was europäisches Stadttheater heute leisten kann. Das will er auch in Bochum beweisen – mit einem starken Ensemble aus bekannten wie neuen Köpfen. Die diesbezüglichen Ankündigungen klingen ambitioniert.

Natürlich wird er in bester Bochumer Tradition bei einzelnen Aufführungen auch selbst Regie führen. Die Stadt bleibt ein bedeutender Ort des Schauspiels. Dieser Mythos als Theatermetropole hat Simons bewegt, die Herausforderung nach seiner Zeit bei der Ruhrtriennale anzunehmen. Simons wird dann 72 Jahre alt sein.

Der Niederländer wechselt also im übernächsten Jahr von der Jahrhunderthalle, dem Hauptspielort des Festivals wenige Kilometer weiter zum benachbarten Schauspielhaus an die Königsallee. Es ist ein mit vielen persönlichen Erinnerungen verknüpfter „Sehnsuchtsort“ für ihn.

Peter Zadek und Claus Peymann waren dort in den siebziger und achtziger Jahren charismatische Intendanten. Sie produzierten, wie Simons sagt, das „spannendste Theater in Deutschland, wo man hinfuhr“.

Claus Peymann während einer Versteigerung im Hof des Berliner Ensembles im Juni 2011 Foto: SpreeTom Lizenz: CC BY-SA 3.0
Claus Peymann während einer Versteigerung im Hof des Berliner Ensembles im Juni 2011 Foto: SpreeTom Lizenz: CC BY-SA 3.0

Heute leitet der im Alter von 78 Jahren immer noch frische Claus Peymann das legendäre Berliner Ensemble, mit die beste Bühne in Berlin. 2017 scheidet er aus, macht Platz für Oliver Reese vom Frankfurter Schauspiel. Dorthin kommt dann von Bochum Anselm Weber. Das Theaterkarussell hat sich zwischen Spree, Main und Ruhr gedreht.

Claus Peymann genießt übrigens beim gegenwärtigen Senat nicht uneingeschränkte Sympathie. Das hat er selbst herbeigeführt: Denn Peymann hatte anlässlich der 2015 bevorstehenden Berufung des Belgiers Chris Dercon an die Berliner Volksbühne feuilleton- und öffentlichkeitswirksam erklärt: „Nun soll auch die sonst so ruhmreiche Volksbühne zum soundsovielten Event-Schuppen der Stadt gemacht werden: ein Super-GAU. … Der Nimbus Berlins als Theaterhauptstadt Europas, neben Paris und London, wird so leichtfertig verspielt“.

Inzwischen ist die Personalie an der Volksbühne aber entschieden. Frank Castorf geht, Chris Dercon kommt. Er hat zwar auch Theaterwissenschaft studiert, ist bisher aber vornehmlich als renommierter Kurator und Leiter großer internationaler Kunsthäuser unterwegs: so u.a. des Hauses der Kunst in München und noch aktuell der Tate Gallery of Modern Art in London. Das ist eine beachtliche Leistung, die es nun auf das Theater originär zu übertragen gilt.

Die Volksbühne soll unter seiner Moderation „Theater, Tanz, Performance, Konzert, Kino und Kulturen des Digitalen“ versammeln. Die Orte sind natürlich das ehrwürdige Theaterhaus am Rosa-Luxemburg-Platz selbst, aber auch weitere wirkliche und virtuelle Orte im Stadtraum von Berlin: der Prater an der Kastanienallee, ein Hangar auf dem Flughafen Tempelhof, die neue digitale Bühne Terminal Plus sowie das Kino Babylon.

Die Volksbühne als historische Theateradresse bleibt zwar Bezugspunkt, erweitert sich aber sparten- und raumübergreifend in der Gesamtstadt. An konzeptioneller Breite und Tiefe lässt man sich nicht übertreffen. Das ist ganz im Sinne des jetzigen Berliner Staatssekretärs für Kultur, Tim Renner, für den das alles mehr als eine Personalie ist.

Ein ähnliches System räumlicher und programmatischer Diversität hat die Ruhrtriennale seit nunmehr anderthalb Jahrzehnten in der Ruhrregion etabliert. Nicht zufällig geht Marietta Piekenbrock, die langjährige Dramaturgin der Ruhrtriennale unter Jürgen Flimm und Heiner Goebbels, 2017 an die Volksbühne nach Berlin zu Chris Dercon, im Gepäck die hilfreichen Raum- und Spartenerfahrungen der Kulturhauptstadt 2010 und des Ruhr-Festivals.

Von Johan Simons sind ähnliche Systemimpulse zu erwarten: Er will das Bochumer Theaterhaus für „Literatur, Musik, Tanz und Kunst“ öffnen. Auch hier wirkt das spartenübergreifende Prinzip der Ruhrtriennale.

Entstehen soll weiterhin ein westeuropäisches Theaternetzwerk zwischen Bochum, dem Stadttheater Gent und Rotterdam, wo gerade wohl eine neue Spielstätte entsteht. An beiden Orten ist Simons künstlerisch und konzeptionell schon jetzt tätig. Koproduktionen mit ihren ungleich größeren finanziellen und programmatischen Reichweiten sind seit der Ruhrtriennale eigentlich nichts Neues, erhalten aber jetzt mit den drei Häusern einen festen geographischen Rahmen zwischen Deutschland, Belgien und den Niederlanden.

Das Übergangsjahr 2017/8 wird von Olaf Kröck, dem geschäftsführenden Chefdramaturgen des Hauses verantwortet. Ihm steht dann aus dem nicht allzu fernen Frankfurt beratend Anselm Weber zur Seite, der bisherige Intendant. Auch das sind zwei gute Nachrichten für den historischen Mythos Bochum.

2 Kommentare

A propos Theaternetzwerk Bochum – Gent – Rotterdam: Ich hoffe, den Lesern ist klar, dass Herr Simons an allen drei Häusern Leitungsverpflichtungen inne haben wird. Ob sich dies in der Praxis als glücklich erweisen wird, bleibt abzuwarten, schließlich ist so ein Theater nun mal ein Laden mit nicht wenigen Angestellten, und ob sich dieser in Teilzeit leiten lässt, hm …
Auch, so mutmaße ich jetzt mal kühn, soll mit dieser Netzwerk-Nummer die klamme finanzielle Situation des Schauspielhauses kaschiert werden, sodass Einsparungen für den Zuschauer erst einmal nicht sichtbar werden.
Folglich wäre ich vorsichtig, die getroffene Wahl als gute Nachricht zu deklarieren.

@Urmelinchen: Sehe ich ähnlich.

Ich halte das auch für eine Schnaps­idee und wird das Bochumer Theater nicht retten. Es liegt doch jetzt schon röchelnd am Boden. Naja, halt schon seit fast 20 Jahren… Schade um den einstigen Ruf.

BTW: Die Ruhrtriennale juckt niemanden ausserhalb des Ruhrpotts. Eine(n) Große(n) einkaufen und auf Ruhm hoffen.

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