Sind wir alle Opfer?

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Krank, süchtig, misshandelt – es wird immer leichter, in die Rolle eines Opfers zu rutschen. Eine Kritik an der Pathologisierung der Gesellschaft. Von unserem Gastautor Thilo Spahl.

Wer ist normal, wer krank? Wer ist Opfer, wer Täter? In der Vergangenheit wurde manches abweichende Verhalten als krank betrachtet, etwa Homosexualität, das heute selbstverständlich als Teil des normalen Spektrums gilt. Dass sich das geändert hat, ist gut. Es ging um die Entstigmatisierung der Betroffenen, um die Entpathologisierung abweichenden Verhaltens. In den letzten Jahrzehnten ist aber auch eine gegenläufige Bewegung zu verzeichnen. Immer mehr Menschen werden als psychisch krank, als Opfer oder als diskriminiert eingestuft.

Der Psychologe Nick Haslam beobachtet eine Einengung des Begriffs des Normalen. Im Aufsatz „Concept Creep: Psychology’s Expanding Concepts of Harm and Pathology“ beschreibt er, wie sich in den letzten Jahrzehnten in sechs Bereichen Konzepte so verändert haben, dass immer mehr Menschen als Opfer oder als krank gelten. Er stellt sich die Frage, woher diese „semantische Inflation“ psychologischer Kategorien kommt und welche Folgen sich daraus für unsere Gesellschaft ergeben. Denn wenn sich Konzepte ändern, hat das eine Rückwirkung auf Menschen, die diese Konzepte nutzen, um ihr eigenes Verhalten oder Empfinden einzuordnen, zu bewerten und ggf. zu verändern.

Haslam beschreibt zwei Arten der Ausweitung. Von vertikaler Expansion spricht er, wenn eine Definition weniger stringent genutzt wird, man also eine Krankheit schon bei einer leichteren Symptomatik diagnostiziert als früher üblich. Als horizontale Expansion bezeichnet er die Ausweitung eines Phänomens auf neue Gebiete. Während beispielsweise früher nur Drogenabhängige als Süchtige galten, wird heute auch von Spielsucht, Sexsucht, Computersucht usw. gesprochen.

Misshandlung bzw. Missbrauch

Früher war Misshandlung eine Form der Körperverletzung. Heute wird der Begriff sehr viel weiter gefasst. Er setzt nicht mehr voraus, dass jemand körperlich misshandelt wird. Auch wenn mir kein Haar gekrümmt wird, kann ich emotional misshandelt, also beschimpft, eingeschüchtert, bedroht, abgelehnt, runtergemacht, vereinnahmt oder mit emotionaler Kälte behandelt werden. Und diese Misshandlung wird nicht mehr nur als Phänomen zwischen Erwachsenem und Kind angesehen, sondern auch zwischen zwei Erwachsenen. Hinzugekommen ist auch der Aspekt der Vernachlässigung („neglect as abuse“). Misshandlung umfasst somit nicht nur aktives negatives Verhalten, sondern auch die Unterlassung fürsorglichen Verhaltens.

Die Idee des emotionalen Missbrauchs bringt ein deutlich höheres Maß an Subjektivität mit sich. Von außen betrachtet lässt sich ein konkretes Verhalten oft schwer als eindeutig positiv oder negativ einstufen. Ist eine Mutter beschützend oder besitzergreifend? Ist sie aggressiv oder streng? Versucht sie ihrem Kind Manieren beizubringen oder ist sie emotional kalt und abweisend? Weil sich diese Fragen nicht einfach beantworten lassen, ist man bei der Feststellung eines Missbrauchs auf die subjektive Einschätzung des Kindes (oder früheren Kindes) angewiesen. Ob es missbraucht wurde, entscheidet sich an der Beantwortung der Frage, ob es sich von seinen Eltern schlecht behandelt oder nicht geliebt fühlte.

Ähnlich viel Interpretationsspielraum ergibt sich bei der Kategorie der Vernachlässigung. Fängt sie schon an, wenn das Kind sich das Pausenbrot selbst schmieren muss, oder erst, wenn tagelang kein Essen im Kühlschrank ist? Wenn das Kinderzimmer wie eine Müllhalde aussieht, oder erst, wenn die ganze Wohnung verdreckt ist? Wenn das Kind morgens zum Spielen rausgeschickt wird und die Eltern sich bis zum Abend keine Sorgen machen, weil sie ihm Freiheit zugestehen und Selbständigkeit fördern wollen? Oder erst, wenn sie dies nur tun, um ihre Ruhe zu haben?

Bullying

Nicht nur Erwachsene können zu Kindern gemein sein. Auch Kinder können ihren Altersgenossen gegenüber ziemlich fies sein. Für solches Verhalten wurde der Begriff „Bullying“ eingeführt (im Deutschen wird oft auch „Mobbing“ verwendet). Das Phänomen hat in den Sozialwissenschaften eine steile Karriere gemacht. Haslam weist darauf hin, dass die Forschung zum Thema im Zeitraum von 1990 bis 2010 explodiert ist. Die Zahl der Zitierungen hat sich verhundertfacht. Von Bullying wird gesprochen, wenn ein Machtgefälle vorliegt, die Aggressoren also älter, stärker, in der Überzahl sind, und wenn das Verhalten wiederholt und über einen längeren Zeitraum erfolgt.

Die Ausweitung des Konzepts des Bullyings erfolgte zum einen in Gestalt des Cyber-Bullyings in den virtuellen Raum hinein, zum anderen in die Sphäre der Erwachsenen, insbesondere am Arbeitsplatz. Zudem werden inzwischen auch passive Verhaltensweisen wie das Ausschließen bzw. Nicht-Einbeziehen und Ignorieren einer Person als Bullying gewertet. Eine vertikale Expansion des Begriffs erfolgte dadurch, dass die zwei ursprünglich zentralen Kriterien des Machtgefälles und der Wiederholung nicht mehr als unbedingt notwendig erachtet werden. Als Bullying wird mitunter schon ein einzelner Vorfall gewertet, etwa das Onlinestellen eines peinlichen Fotos oder einer Beleidigung, und dies auch, wenn der Täter ein Einzelner ist, der nicht aus einer Position der Überlegenheit heraus handelt bzw. dessen Überlegenheit sich nur an seinem Status, seiner Beliebtheit oder seines ausgeprägteren Selbstbewusstseins festmacht.

In der ursprünglichen Definition spielte es eine wichtige Rolle, dass das Opfer keine Chance hatte, sich zu wehren. Wenn kein deutliches Machtgefälle da war, ging man davon aus, dass Kinder lernen können, mit solchen Situationen umzugehen und Möglichkeiten haben, sich zu wehren, die Opferrolle also schnell wieder zu verlassen. Auch das Kriterium der Absichtlichkeit wurde relativiert. Entscheidend ist heute nicht die vorhandene oder nicht vorhandene böse Absicht, sondern die subjektive Wahrnehmung des Opfers, das sich gemobbt fühlt. Dies kann etwa der Fall sein, wenn jemand wiederholte Kritik seines Vorgesetzten als belastend und die an ihn gestellten Anforderungen bei der Arbeit als zu hoch betrachtet.

Trauma

Der Begriff „Trauma“ bezog sich ursprünglich auf eine schädliche Krafteinwirkung auf das Gehirn. So benutzen wir auch heute noch den Begriff des Schleudertraumas. Mittlerweile wird er außerhalb der Notfallmedizin aber fast nur noch mit Bezug auf psychische Belastungen verwendet, die durch ein „traumatisches“ Ereignis ausgelöst werden. Nach dieser ersten Ausweitung von der Verletzung des Gehirns auf die Verletzung der Psyche folgten im Reich des Psychischen immer weitere Anwendungsfälle. Zunächst bezog sich der Begriff auf Ereignisse, die außerhalb des Bereichs üblicher Vorkommnisse liegen und für fast jeden Menschen eine starke psychische Belastung darstellen würden. Mittlerweile hat jedoch auch hier das subjektive Empfinden des Opfers eine zentrale Bedeutung erlangt, sodass heute eine Vielzahl von Erlebnissen als traumatisch betrachtet werden können, die keineswegs gleich schlimm erscheinen: Flugzeugabsturz, Ehekrise, Jobverlust, Krieg, Spott der Mitschüler, die Geburt eines Kindes, Folter, Vergewaltigung, Durchfallen bei einer Prüfung usw.

Zudem wird nicht mehr vorausgesetzt, dass man selbst direkt betroffen ist. Demnach kann auch, was Angehörigen oder Freunden passiert, was man nicht selbst erleidet, sondern beobachten muss, oder auch nur etwas, wovon man erfährt, zu Traumatisierung führen. Ebenso Ereignisse, die der Betroffene selbst nicht notwendig als belastend empfindet, etwa als nicht altersgemäß geltende sexuelle Erfahrungen.

Psychische Störung

Wie viele psychische Krankheiten gibt es überhaupt? Und welche? Man erfährt es im „Diagnostic and statistical manual of mental disorders (DSM)“.Die erste Ausgabe von 1952 kannte 106 Diagnosen. Im DSM-II von 1986 waren es schon 186. Heute sind es im DSM-V 374, aus denen der Arzt zu wählen hat, wenn er einen Patienten diagnostizieren möchte. Diese Vielzahl hat damit zu tun, dass man früher gröber klassifiziert hat. Sie hat aber auch damit zu tun, dass heute Menschen psychische Störungen attestiert werden, die man früher nicht als krank bezeichnet hätte. So kamen beispielsweise Störungen der geschlechtlichen Identität, extreme Schüchternheit, Anorgasmie und verschiedene Essstörungen hinzu. Und auch eine vertikale Expansion ist in den Diagnoserichtlinien zu erkennen. So kann etwa heute als Depression diagnostiziert werden, was man früher schlicht als Trauer betrachtete.

Scharfe Kritik an diesen erheblichen Ausweitungen kommt unter anderem von dem emeritierten Psychiatrieprofessor Allen Frances, der maßgeblich an der vorletzten Ausgabe des DSM mitgewirkt hatte und nun zur Rettung des Normalen aufruft. „Wir hatten schon bei DSM 4 eine diagnostische Inflation psychischer Krankheiten. Mit DSM 5 haben wir eine Hyperinflation. DSM 5 wird Millionen von neuen Patienten schaffen, die man wahrscheinlich besser sich selber überlassen würde“, sagt er in einem Interview. Insbesondere bei Depression, Autismus und ADS sieht er eine Explosion der Diagnosen. Diese Entwicklung zeigt sich auch deutlich in der Statistik. Die durch psychische Krankheiten ausgelösten Krankheitstage haben sich in Deutschland in den letzten 40 Jahren verfünffacht – eine Entwicklung, die sich nicht einfach mit der Behauptung erklären lässt, Arbeit werde immer stressiger.

Sucht

Sucht fällt zwar auch in den Bereich der psychischen Erkrankungen, wird aber von Haslam noch einmal gesondert betrachtet. Als süchtig galten ursprünglich Menschen, die von einer psychoaktiven Substanz körperlich abhängig waren. Durch die Gewöhnung braucht ein Süchtiger tendenziell größer werdende Dosen. Wenn er die Droge nicht mehr nimmt, leidet er unter Entzugserscheinungen. Die wesentliche Ausweitung des Suchtbegriffs besteht darin, dass heute nicht mehr nur Substanzabhängigkeit als Sucht gewertet wird.

Hinzugekommen sind Phänomene wie Internetsucht („Die neue Abhängigkeit. Internetsucht: Woran Sie erkennen, dass Sie krank sind“),Spielsucht („Wir meinen, dass Spielsucht eine fortschreitende Krankheit ist, die niemals geheilt, aber zum Stillstand gebracht werden kann.“), Social Media-Sucht („Sucht nach Sozialen Netzwerken. Gefährlicher als Alkohol und Zigaretten“), Bräunungssucht („Tanorexie – Bräunungssucht verbreitet sich in Deutschland. Erschreckend: Jeder vierte Solariumbesucher ist seelisch gestört.“), Kaufsucht („Sehen, kaufen, bereuen – Schätzungen zufolge sind bis zu acht Prozent der Bevölkerung krankhaft kaufsüchtig.“) Arbeitssucht(„Arbeitssucht ist eine ganz besondere Droge: Von der Gesellschaft honoriert, aber lebensgefährlich“) oder Sexsucht („Sexsucht-Test: Bist du oder dein Partner gefährdet?“). Eine Ausweitung in vertikaler Richtung erfolgte durch das Konzept milder Abhängigkeit („soft addiction“). Gemeint sind schlechte Angewohnheiten, die Geld, Zeit oder Energie kosten, aber nicht mit einem unwiderstehlichen Drang und dem Gefühl der Abhängigkeit einhergehen.

Vorurteile

In der Sozialpsychologie beobachtet Haslam eine starke Ausweitung im Bereich der Vorurteile. Die Vorurteilsforschung ist ein wichtiges Betätigungsgebiet von Sozialforschern. Es geht um Rassismus, Sexismus, Homosexuellenfeindlichkeit, Judenfeindlichkeit usw., also negative, vorurteilsbelastete, feindliche Haltungen gegenüber bestimmten Personengruppen. Entscheidend war immer, dass jemand anderen gegenüber feindlich gesinnt ist. Heute ist das aber immer öfter nicht mehr ein notwendiges Kriterium. Man kann jetzt auch Rassist sein, ohne sich dessen bewusst zu sein und ohne diese Einstellung (offen) zum Ausdruck zu bringen. Es reicht, wenn man beispielsweise sagt, die heutige Gesellschaft sei nicht rassistisch, oder wenn man Gleichstellungs- und Antidiskriminierungsmaßnahmen ablehnt.

Von aversivem Rassismus wird gesprochen, wenn man sagt, nichts gegen Schwarze zu haben, aber angibt, sich in Umgebungen mit vielen Schwarzen unwohl oder unsicher zu fühlen. Von implizitem Rassismus, wenn man ethnische Minderheiten indirekt mit bestimmten negativen Eigenschaften oder Verhaltensweisen in Verbindung bringt. Die Problematik eines solchen Konzepts von einem „impliziten Rassismus“ kommt in einem Zitat des schwarzen Bürgerrechtlers Jesse Jackson gut zum Ausdruck: „In dieser Phase meines Lebens gibt es nichts Schmerzhafteres für mich, als durch die Straßen zu laufen, Schritte zu hören und einen Raubüberfall zu befürchten. Und mich dann umzuschauen, einen Weißen zu sehen und erleichtert zu sein.“ Jackson ist kein Rassist und ein Weißer, der in der gleichen Situation ebenfalls Erleichterung empfindet, ist es ebenfalls nicht notwendigerweise.

Wie beim Missbrauch hat auch bei der Diskussion um Vorurteile und Diskriminierung in den letzten Jahren die Opferperspektive an Bedeutung gewonnen. Dies kommt u.a. in der Idee der „Mikroaggression“ zum Ausdruck. Als Mikroaggression kann es beispielsweise gewertet werden, wenn man sich einen (ausländischen) Namen nicht merken kann oder ihn wiederholt falsch ausspricht, wenn man Witze erzählt, in denen Minderheiten vorkommen, oder wenn man sich darüber wundert, dass jemand gut deutsch spricht. Oder wenn man, wie Martin Luther King, sagt, Menschen sollten nach ihrem Charakter und nicht nach ihrer Hautfarbe beurteilt werden – ein Zitat, auf das sich US-Konservative gerne berufen, die „Affirmative Action“-Maßnahmen ablehnen, also eine „positive Diskriminierung“. Entscheidend ist, dass das Verhalten von jemandem als feindlich empfunden wird, obwohl der „Täter“ oft der Auffassung ist, keine böse Absicht verfolgt zu haben und vielleicht sogar nett sein wollte.

Auffällig ist hier auch die Übernahme des psychiatrischen Begriffs der Phobie. Wir sprechen heute alltäglich von Homophobie, Transphobie, Xenophobie, Islamophobie. Gelegentlich hört man auch Wortbildungen wie Gerontophobie. Während in medizinischer Hinsicht Phobien jedoch Ängste sind, ist hier weniger irrationale Angst, sondern eher ablehnende und abwertende Haltung gemeint bzw. es wird den Betroffenen unterstellt, Angst zu haben und krank zu sein, ihr Verhalten und ihre Meinung werden pathologisiert (statt kritisiert).

Opferkultur

In allen sechs von Nick Haslam untersuchten Bereichen haben wir es mit einer Ausweitung der Zahl von Menschen zu tun, die sich durch Leiden, Verletzlichkeit und Unschuld definieren und in Selbst- und/oder Fremdwahrnehmung als Opfer, krank oder beides und somit als schutz- oder therapiebedürftig oder beides gelten.

Die vielfachen Erweiterungen der Definitionen haben zum einen dazu geführt, dass Missbrauch, Bullying, psychische Krankheit, Traumatisierung, Sucht und Diskriminierung heute viel häufiger vorzukommen scheinen als früher. Zum anderen wird dadurch eine Kultur gestärkt, in der die Rolle des Opfers, positiv gesagt, immer weniger stigmatisierend ist, negativ gesagt, immer attraktiver geworden ist. Das ist gefährlich. Es mag hart klingen, aber das Sich-Einrichten und Verharren in einer identitätsstiftenden Opferrolle ist fatal. Je mehr man das tut, desto weniger nimmt man sein Leben in die eigene Hand. Es wird aber sehr viel leichter, wenn diese Rolle durch eine Diagnose formell aufgewertet und durch Ausweitung der Konzepte so weit verbreitet wird, dass man sich zumindest nicht allein zu fühlen braucht.

Wo es aber viele Opfer gibt, muss es auch viele Täter geben, denen eine Tendenz zu Missbrauch, Mobbing, Beleidigung, Aggressivität, Diskriminierung zugeschrieben wird. Hier tut sich ein riesiges Betätigungsfeld für die auf, die Opfer und Täter betreuen, analysieren, therapieren, kontrollieren und so in immer größerem Umfang die soziale Interaktion regulieren.

Schützer und Schutzbedürftige

Während eine Unterscheidung in Gut und Böse noch den Kampf des Einen gegen das Andere impliziert, also beide gleichermaßen aktiv sind, bleibt beim moralischen Weltbild, das wesentlich in Opfer und Täter einteilt, für die Opferrolle nur der passive Part. Als „anerkannte“ Opfer müssen sie sich mit dem Gefühl der Machtlosigkeit arrangieren und werden von der Verantwortung entbunden, aus eigener Kraft oder überhaupt wieder auf die Beine zu kommen. Nutznießer ist die neue therapeutische Klasse. Sie ist darauf angewiesen, dass es genug Menschen gibt, die die Opferrolle übernehmen. Je weiter die Definitionen, desto mehr Menschen fallen darunter und desto leichter ist es, die Rolle zu akzeptieren und in ihr zu verharren.

Laut Haslam ist die gewachsene Sensibilität für Leiden aller Art daher zumindest ambivalent. Sie mag zum einen Ausdruck sein für weniger Härte, geringere Toleranz gegenüber aggressivem Verhalten und mehr Mitgefühl in der Gesellschaft. Sie führt aber zu neuen Ungleichheiten durch die höhere Akzeptanz passiver Rollen, die Pathologisierung normalen Verhaltens und den wachsenden Einfluss der therapeutischen Klasse.

Eine negative Kehrseite hat die Entwicklung auch für all jene, die tatsächlich im früher üblichen, engeren Sinn Missbrauchsopfer, traumatisiert, diskriminiert oder psychisch krank sind. Sie drohen in der Masse der neuen Opfer unterzugehen und mitunter sogar als „komplizierte Fälle“ ins therapeutische Abseits zu geraten.

Allgemeine Verunsicherung

Auch in Hinblick auf die „Täter“ ist die Entwicklung problematisch. Ihr Verhalten wird weniger toleriert, stärker verfolgt und bestraft. Das ist in Ordnung, wenn es sich tatsächlich um schändliches und schädliches Tun handelt. Es ist aber ein Problem, wenn dadurch jede spöttische Bemerkung und jeder Streich zu einem Verbrechen oder verletzendem und sozial schädlichem Verhalten erklärt werden. Dies führt zu Verunsicherung, Selbstzensur und einem Klima der Unterdrückung freier Meinungsäußerung. Die soziale Dynamik innerhalb einer Schulklasse oder einer Firma wird zu einem streng zu überwachenden Risiko. Die beteiligten Individuen werden zu potenziellen Tätern und Opfern, deren Verhalten permanent reguliert werden muss, damit niemand tatsächlich oder vermeintlich Schaden nimmt.

Sehr viel mehr Menschen müssen mit Anschuldigungen leben, die sie oft zu Recht für ungerechtfertigt halten. Die Inflation der Verletzlichkeit betrifft letztlich uns alle. Menschen werden zunehmend verunsichert im Umgang mit anderen, deren subjektive Verletzlichkeit sie nicht kennen. Insbesondere Kindern wird unter einem solchen Regime die Möglichkeit genommen, Erfahrungen zu machen, die nicht immer positiv sind und die Fähigkeiten zu entwickeln, mit solchen Herausforderungen fertig zu werden. Und damit auch das Selbstbewusstsein zu erlangen, das sich erst entwickelt, wenn man selbst eine Lösung findet und nicht passiver „Nutznießer“ einer therapeutischen, pädagogischen oder disziplinarischen Intervention wird, auf die aus der Opferrolle heraus ein Anspruch erwächst, die diese Rolle aber auch verfestigt.

Parallel zur Opferkultur hat sich ein entsprechender Politikmodus herausgebildet: die Politik des Schützens. Für Politiker und NGOs ist die neue Verletzlichkeit ein gefundenes Fressen. Sie liefert ihnen Menschen, um die sie sich kümmern können und deren Schutzbedürftigkeit ihnen Legitimation verleiht: Kinder, Verbraucher, Frauen, Minderheiten aller Art (zusätzlich noch Tiere, das Klima, die Natur). Eigentlich sind aus Sicht der Schutzpolitiker alle Menschen schutzbedürftig. Bevorzugtes Betätigungsfeld ist daher die Verhaltensregulierung von uns allen. Wer Wert auf eine freie Gesellschaft legt, sollte sich hüten, diesen Trend zu unterstützen.

14 Kommentare

"Es mag hart klingen, aber das Sich-Einrichten und Verharren in einer identitätsstiftenden Opferrolle ist fatal"

Das Einrichten in einer Opferrolle ist bequem geworden. Alle Statistiken sagen, dass Aufstieg nicht wahrscheinlich ist, dass die Chancen geringer sind, wenn du xyz bist , dass die Chancen, dass du einen sozialen Abstieg durchführen wirst, wahrscheinlicher sind ….

=>
Das Leben ist in Gottes Hand, wie im Mittelalter. Das eigenverantwortliche Handeln ist auf dem Rückzug.

Der Mensch handelt auch schneller als er denken kann. Damit sind auch Strafverfahren eigentlich überflüssig, wenn die Angeklagten Opfer ihrer Instinkte sind. …

Der Text zeigt viele Beispiele auf, in denen gezeigt wird, dass es fast nur noch Menschen gibt, die Behandlungen und Medikamente brauchen. Das zahlt die Versicherung dann, wenn das System so etwas hat. Follow the money und du erfährst die Wahrheit.

Viele Gruppen, die gerne sog. "Opfer" oder Menschen, die Hilfe benötigen, in allen Bereichen sehen, haben natürlich auch oft ein finanzielles Interesse. Gleichzeitig gehört zu dieser Lebenseinstellung oft auch, dass Tieren deutlich mehr Rechte zugestanden werden sollen, weil sie oft eigentwortlich/denkend wie Menschen handeln.

Das alles passt nicht zusammen.

Der Mensch lebt von der Neugierde, vom eigenen Handeln, auch wenn das anstregend ist. Um dieses Potenzial zu nutzen, ist Motivation notwendig.

Ein guter Stürmer bleibt auf dem Platz, damit auch er trifft, wenn alle treffen. In der Schule haben die Schüler keine Chance, weil sie zur Gruppe xyz gehören. Das sagt man ihnen auch immer wieder.
Selbst im Fernsehen werden Förderprogramme für xyz gezeigt. So zementiert man Situation.

Das Opfern an sich hat eine sozial stabilisierende Wirkung und begleitet uns Menschen in unserer kulturellen Entwicklung von Anfang an. Das Menschenopfer als kultische Handlung ist dabei ein zentrales Phänomen. Denn es ist der Versuch unserer Vorfahren, unerwarteten Schrecken, denen sie damals ständig ausgesetzt waren, ohne dass sie Einfluss nehmen konnten, (Naturkatastrophen, Krankheiten, Angriffe durch Raubtiere oder Feinde) dadurch zu begegnen, dass sie diese planvoll wiederholten, quasi an einem „Ersatzspieler“. Der Geopferte hatte den Status eines Märtyrers. Man opferte einen, damit die anderen besser mit ihrer Angst klar kamen. Die Menschen vernichteten Ihresgleichen rituell, um ein Gefühl der Kontrolle gegenüber Geschehnissen zu bekommen, vor denen sie Panik hatten. Später entwickelten wir reifere Umgangsweisen mit den Schrecknissen des Lebens, die kein Opfern mehr erforderten. Auch die Bedrohungen und Ängste veränderten sich im Laufe der Geschichte.
Geopfert wird aber heute auch noch, denn längst nicht alle von uns sind innerlich stabil genug, um auf Irritationen und Angst angemessen zu reagieren. Statt die Menschen, denen real widerfahren ist, wovor alle sich fürchten, zu unterstützen, sich ihnen zuzuwenden und ihnen zu helfen, wieder zurück in ein normales Leben zu finden, werden geschädigte Personen vielfach stigmatisiert, ausgegrenzt, in eine Opferrolle gedrängt. Das Fatale daran ist, dass viele Opfer diesen Vorgang persönlich nehmen, auf sich beziehen. Dabei entspringt er in erster Linie der Unfähigkeit und Anmaßung derer, die sich über Opfer erheben. Und die dabei nicht mal davor zurückschrecken, HelferInnen zu diffamieren.

Angelika Oetken, Berlin-Köpenick, eine von 9 Millionen Erwachsenen in Deutschland, die als Kinder und/oder Jugendliche Opfer schweren sexuellen Missbrauchs wurden

Opfer also, Missbrauchsopfer zumal machen es sich recht bequem: sie richten sich ein. Ach ja. Dass manche davon 40 und mehr Jahre gebraucht haben, sehen zu können, dass sie geopfert wurden und Opfer waren, übersieht der schlichte denkende Autor. Die Opfererzählung des Alten Testaments (und des Korans): Abraham ist bereit seinen Sohn Isaak (bzw. Ismail) zu schlachten, die hat in sich noch begriffen, was ein Opfer ist und verzichtet deshalb auf das menschliche Opfer. Aber selbst das stellvertretende Tieropfer kann noch heute die Straßen (siehe heutige Berichte zum Opferfest in Dakar) rot färben und verleugnet so auch nicht das Leiden und den Schmerz.

@MoJoRed
Sie sollten den Artikel noch einmal lesen und könnten unter Umständen feststellen dass dort geschrieben steht das tatsächliche Opfer in der Flut durch die neue Kategorisierung unter gehen zu drohen. Der Autor unterscheidet also hier zwischen tatsächlichen Opfern und den Menschen die durch neuere Einstufungen i d DSM dazu gemacht wurden, die also vorher garnicht als solche definiert wurden und darauf bezieht sich die Kritik. Was daran schlicht sein soll erschließt sich mir nicht.

Es ist auf jeden Fall wert darüber nachzudenken.
Gibt es Links oder weiterführende Literatur dazu?

Vor einigen Jahren hat im Ort ein LKW einen Bus gestreift. Der Bus wurde an einer Stelle leicht beschädigt, aber niemand kam zu (körperlichem) Schaden. Da aber in dem Bus auch Schulkinder saßen, kamen natürlich sofort:
drei Rettungswagen plus ein Notarztwagen (obwohl bei der Unfallmeldung ganz deutlich darauf hingewiesen wurde, daß es keine Verletzten gab),
die halbe Kreispolizei,
und natürlich die Crême de la Crême der Hilfswütigen, die ehrenamtliche Notfallseelsorge. Endlich mal ein Einsatz, bei dem man das Gelernte auch anwenden konnte.
Nachdem die traumatisierten Kinder endlich von allen jäh auftretenden suizidalen Neigungen, Depressionen etc. befreit worden waren, wurden sie natürlich vom Unterricht befreit und nach Hause geschickt. All dies erzählten mir einige der "Opfer" am nächsten Tag unter sichtbarer Erheiterung und nicht ohne der Kindern zu eigenen Hellsichtigkeit hinsichtlich der Erlangung von Vorteilen durch Ausnutzung der emotionalen Befindlichkeiten Erwachsener.

Zur Opferrolle gehören immer zwei. Der , der jemanden zum Opfer erklärt und der, der sich zum Opfer erklären lässt. Das ergänzt sich häufig ganz prima. Wer aber kein Opfer sein will, der lässt sich auch nicht dazu erklären, selbst wenn ihm/ihr schweres Leid zugefügt wurde. Vor allem aber macht er sein Leiden nicht zum Selbstzweck, sondern zum Gegenstand seiner Genesungsbemühungen und zum Kampfmittel gegen die Täter, denn Jammern ändert nichts.

Wer sich als Opfer wirklich vor Stigmatisierungen befreien oder schützen will, wird schnell feststellen, dass der Kampf gegen Phänomene genauso Kraft raubend ist, wie der gegen einzelne Täterinnen und Täter. Wer kämpft, benötigt Ressourcen. Sinnvoller ist es, sich in die Gegner hinein zu versetzen und zu überlegen, was sie eigentlich erreichen wollen. Der dadurch gewonnene Abstand hilft, sich von den Projektionen anderer Menschen abzugrenzen.

Unsere Väter, unsere Großväter- sie waren traumatisiert vom 2. bzw. 1. Weltkrieg, sie waren Opfer und Opfer nicht nur des bösen Feindes. Sie wussten es oft selber nicht und schwiegen. Auch ihren Frauen und ihren Kindern war es nicht bewusst und sie schwiegen und ließen Schweigen zu. Liegt die Bewusstheit als Opfer, die Bewusstheit, tarumatisiert zu sein, jetzt an der Einstufung in der DSM oder doch an der Realität und auf deren Wahrnehmung und Einordnung.

Was bringt es, Einsätze für vermeintliche Opfer "lächerlich" zu machen. Freuen wir uns doch um jeden vorbeugenden Einsat, freuen wir uns darüber, dass wir in der Regel in den letzten Jahren sensibler geworden sind bei allem, was Menschen widerfährt. Daraus leben Schutzkonzepte. Schutzkonzepte schützen mehr als keine Schutzkonzepte.Toll, dass wir uns den vermeintlichen Luxus eines "übertriebenen" Rettungseinsatzes leisten können. Unsere Gesellschaft, sie ist auch menschenfreundlicher geworden weil sensibler.

"Jammern ohne zu leiden" ist soziale Manipulationsstrategie, aber darum geht es doch in dem Artikel gar nicht. Ich verstehe ihn eher als Beschwichtigung, wie sie Eltern ihren kleinen Kindern gegenüber gerne üben: "War doch gar nicht so schlimm. Tut doch gar nicht weh". Dabei tat es weh.

@Arnold Voss,

nein, das tut es nicht.

Allerdings betrachte ich die Aufklärung und Ahndung von (Missbrauchs-)verbrechen als gesamtgesellschaftliche Aufgabe. In Realität ist es zwar so, dass dies meist von den Opfern selbst ausgeht. Aber wer mal ein solches Vorhaben durchgeführt oder sich daran beteiligt hat, wird mit großer Wahrscheinlichkeit differenzieren. Viele Betroffene sind an solchen Verfahren bereits zerbrochen. In der Hinsicht hat sich zwar innerhalb der vergangenen Jahre schon viel geändert. Aber unsere kulturellen, juristischen und politischen Traditionen fußen auf einer Schuldumkehr zwischen Opfer und Täter. Das sollte man bei entsprechenden Empfehlungen immer berücksichtigen.

MfG,
Angelika Oetken

Stimmt alles, aber gerade weil es stimmt, müssen zumindest die den Kampf wagen, die sich das kräftemäßig zutrauen und/oder Freunde/Unterstützer haben, die aufpassen, dass sie daran nicht zerbrechen.

@ 9: " Freuen wir uns doch um jeden vorbeugenden Einsat, freuen wir uns darüber, dass wir in der Regel in den letzten Jahren sensibler geworden sind bei allem, was Menschen widerfährt. Daraus leben Schutzkonzepte. Schutzkonzepte schützen mehr als keine Schutzkonzepte."
Schutzkonzepte für nicht Schutzbedürftige- oder Suchende erzeugen "Opfer", die in der wohlig-warmen Atmosphäre der Sozial- und Hilfsindustrie eine neue Heimat finden. Nicht Umsonst ist das Wort "Opfer" unter Jugendlichen ein Schimpfwort; die haben diese Entwicklung unbewußt auf den Kern reduziert. Die Eigeninitiative, das Über-sich-hinaus-wachsen, das Meistern schwieriger Situationen wird nur noch unter Anleitung, mit professioneller Hilfe möglich. Erwachsene Menschen, die wählen, Autofahren oder große Maschinen führen dürfen, mutieren zu kleinen Kindern, die nur am Händchen der Hilfeleistenden durchs Leben kommen. Für jede Lebenssituation gibt es eine Selbsthilfegruppe (mein Favorit sind die "Eltern von schwul-lesbischen Kindern"). Das, was früher schlicht "das Leben" war, ist zu einer Aneinanderreihung von Krisen und Katastrophen geworden. Die wirklich Geschädigten, die tatsächliche Katastrophen wie Mord im Familienkreis, Kriegserlebnisse oder schwerste Vergewaltigungen als Kinder oder Erwachsene erlebten, werden von den Sozialversicherern kurz gehalten… man muß ja all die Pseudo-Traumatisierten mitfinanzieren.
Um einen ebenso oft falsch, wie vorsätzlich Mißverstandenen zu zitieren: "Was mich nicht umbringt, macht mich stärker."
Was ist nur aus dem guten, alten "Jetzt reiß' Dich mal zusammen" geworden.

"Schutzkonzepte für nicht Schutzbedürftige- oder Suchende erzeugen "Opfer", die in der wohlig-warmen Atmosphäre der Sozial- und Hilfsindustrie eine neue Heimat finden."

Am Boden und am Rand der Gesellschaft ist es ziemlich zugig und ungemütlich. Vielen ist nicht bewusst, wie schnell man dort landen kann, Andere verdrängen das. Ich bin grundsätzlich eine große Befürworterin der befähigenden Ansätze, d.h. der "Hilfe zur Selbsthilfe". Habe aber die Erfahrung gemacht, dass gerade Menschen bereit sind, anderen zu helfen, die selbst einmal in einer Notsituation Beistand erfahren haben.

Und zu scheinbar banalen Auslösern einer Krise: oft handelt es sich dabei um so genannte "Trigger". Reize, die an nicht überwundene Traumen aus der Kindheit anknüpfen und dann großen Streß oder Schockreaktionen auslösen. Die davon Betroffenen müssen das dann als Erwachsene überwinden lernen und brauchen dabei professionelle Hilfe. "Reiß dich zusammen" reicht dann nicht, oft macht es das nur schlimmer, weil diese Menschen als Kinder zu oft diese Parole gehört haben, wo sie Erwachsene gebraucht hätten, die ihnen vorleben, wie man Probleme und Schmerzen bewältigt, statt sie einfach nur wegzudrücken.

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