Shoppen für eine bessere Welt?

Das CentrO in Oberhausen. Foto: © Thomas Mayer


Das Nationale Programm für nachhaltigen Konsum will privaten Konsum zur politischen Handlung machen – ein Irrweg. Letztlich drängt man arme Menschen zum Konsumverzicht. Von unserem Gastautor Thilo Spahl.

Konsum ist zu einer komplizierten Angelegenheit geworden. Vorbei sind die Zeiten, als es nur darum ging, was einem gefällt oder schmeckt oder das Geld wert ist. Der moderne Verbraucher soll nicht nur an die eigene Gesundheit denken. Er soll auch die Natur, das Klima, das Tierwohl und die Interessen seiner nahe sowie weit entfernten Mitmenschen berücksichtigen. Die Idee der Nachhaltigkeit soll seine Kaufentscheidungen leiten.
Zweifellos ist es eine positive menschliche Eigenschaft, nach Wegen zu suchen, die Welt in irgendeiner Weise besser zu machen und sich dafür zu engagieren. Die Frage ist, ob Konsum der richtige Weg ist. Und die zweite Frage ist, ob der Staat uns hier an die Hand nehmen muss.

Genau das tut er allerdings. Damit der Bürger lernt, wie man es richtigmacht, und die nötigen Anreize erhält, gibt es seit Anfang 2016 das Nationale Programm für nachhaltigen Konsum (NPNK). Schreiben lassen hat es unsere Umweltministerin Barbara Hendricks. Die Botschaft lautet: Wir sollen so „konsumieren, dass die Bedürfnisbefriedigung heutiger und zukünftiger Generationen unter Beachtung der Belastbarkeitsgrenzen der Erde nicht gefährdet wird.“ Das ist ein Imperativ mit zwei Unbekannten. Weder kennen wir die Bedürfnisse zukünftiger Generationen, noch die planetaren Belastbarkeitsgrenzen. Zumindest gibt es bei beidem sehr unterschiedliche Auffassungen.

Das NPNK folgt fünf „Leitideen“. Und alle fünf zeigen, wie es um das Verbraucherbild der Bundesregierung bestellt ist. Es ist kein Verlass auf den Verbraucher. Deshalb muss man viel tun, um möglichst viele Menschen dazu zu bringen, Produkte zu konsumieren, die mit einem moralisch-ökologischen Zusatznutzen aufgeladen sind.

Erste Leitidee: „Verbraucherinnen und Verbrauchern einen nachhaltigen Konsum ermöglichen“

Nicht ums Verbieten, nicht ums Regulieren oder Verteuern soll es gehen. Sondern ums Ermöglichen. Wenn einer zum Beispiel Ökostrom verbrauchen will, dann kann er das nur, wenn ihm auch Ökostrom angeboten wird. Normalerweise führt eine solche Nachfrage zu einem Angebot. Ein unternehmerisch denkender Mensch sieht die Chance und stellt das gewünschte Produkt zur Verfügung. Aber was tun, wenn der Verbraucher das gute Gewissen miterwerben, den Aufpreis für den Ökostrom aber nicht entrichten will? Wenn man ihm etwas ermöglicht, was er nicht wirklich will? Dann ist der Staat gefragt. Er verteilt die Kosten einfach auf alle Stromkunden. Jetzt können sich ein paar als verantwortungsbewusst betrachten, weil sie einen von hierzulande inzwischen über 8000 Ökostromtarifen gebucht haben. Der Rest gilt als unaufgeklärt und zahlt einfach nur.

Damit sich das ändert, muss dieser Rest mit Informationen und Bildungsangeboten versorgt werden, die relevant seien, „um das notwendige Wissen für mehr nachhaltigen Konsum erwerben zu können“, heißt es im NPNK. Aber Vorsicht: Es muss das richtige Wissen sein. Sonst entsteht Verwirrung. Deshalb muss auch die „Entscheidungskomplexität überschaubar“ bleiben und „Auswahlmöglichkeiten“ begrenzt werden. Hier hilft zum Beispiel der Atomausstieg. Es wäre für den Verbraucher sonst arg kompliziert, die Vor- und Nachteile grundsätzlich unterschiedlicher Arten klimafreundlicher Stromerzeugung abzuwägen.

Zweite Leitidee: „Nachhaltigen Konsum von der Nische zum Mainstream befördern“

Wenn die Regierung Bioprodukte als nachhaltig betrachtet, aber die Leute kaufen trotzdem weniger als 5 Prozent Bio, was kann man da tun? Wenn die Regierung beschließt, eine Million Elektroautos auf die Straße zu bringen, aber keiner ist bereit, sie zu kaufen, was kann man da tun? Man braucht ein Programm, um Bio, Elektroautos oder Niedrigenergiehäuser aus der Nische in den Mainstream zu befördern. Laut NPNK kann die Politik „Richtung und Leitbilder vorgeben“ sowie „Anreize“ schaffen, also Werbekampagnen und Subventionen.

„Es geht darum, dass Arme arm bleiben und trotzdem beim nachhaltigen Leben mitmachen dürfen“

Was man dabei tunlichst vermeiden muss, ist die Frage zu stellen, ob Bio eigentlich besser für die Gesundheit ist, ob Elektroautos besser für die Umwelt und Wohnungen, in denen man die Fenster nicht öffnen darf, besser für die Bewohner sind. Und was macht die Regierung, wenn sie in jahrzehntelanger Forschung herausgefunden hat, dass gentechnisch veränderte Pflanzen gesundheitlich unbedenklich und ökologisch vorteilhaft sind? Dann setzt sie sich trotzdem für ein Verbot ein.

Dritte Leitidee: „Teilhabe aller Bevölkerungsgruppen an nachhaltigem Konsum gewährleisten”

Nachhaltig aufgeklärte, postmaterialistisch gesinnte Mittelschichtsmenschen wissen natürlich, wo man ein Hybridauto bestellt und wo man die dazugehörige Prämie beantragt. Sie kennen auch den Weg vom Loft in den Biomarkt. Und sie wissen, wo man Ablasszahlungen leisten kann, um die ganzen Flugreisen in klimaverträgliche Aktivitäten umzudefinieren. Aber wie ist das mit dem einfachen Mann und der einfachen Frau und ihren Cola trinkenden Kindern? Eine Idee wäre, ihnen am Monatsende das Durchschnittsgehalt eines Grünenwählers zu überweisen. Aber so denkt die Regierung nicht. Es geht darum, dass Arme arm bleiben und trotzdem beim nachhaltigen Leben mitmachen dürfen. Denn: „Durch energieeffiziente, ressourcenschonende und langlebige Produkte werden über einen längeren Zeitraum betrachtet finanzielle Einsparungen auch für Geringverdiener ermöglicht.“ Eine Spielkonsole kostet viel und veraltet schnell. Sie ist für den nachhaltigen Lebensstil nicht so geeignet. Ein solides Holzspielzeug dagegen, das kann man über Generationen vererben. Das spart über die Jahrhunderte eine Menge Geld.

Vierte Leitidee: „Lebenszyklus-Perspektive auf Produkte und Dienstleistungen anwenden”

Das klingt kompliziert. Was ist gemeint? Dass man sich ein Produkt über das gesamte Produktleben, vom Rohstoff bis zum Recycling, genau anschaut, um zu beurteilen, wie umwelt- und sozialverträglich es wirklich ist. Aber der Anspruch ist hoch. Zu hoch für den Verbraucher. Wir können nicht den kompletten Entstehungsprozess von tausenden Produkten nachvollziehen und umfassend bewerten. Und eine Zertifizierungsindustrie kann es auch nicht. Deshalb sind akzeptable Arbeitsbedingungen, faire Bezahlung und Umweltschutzstandards Ziele, die in den Produktionsländern durch gesellschaftliche Auseinandersetzung erstritten werden müssen, und nicht etwas, was ein dem Ideal der Nachhaltigkeit folgender Konsument durch seine Produktwahl nebenbei erkaufen kann.

Fünfte Leitidee: „Vom Produktfokus zur Systemsicht und vom Verbraucher zum Nutzer“

Anders gesagt: Statt Produkte zu verbrauchen, sollen wir Systeme nutzen. Wir sollen keine Autos mehr kaufen, sondern Mobilitätsdienstleistungen nutzen. Nicht heizen, sondern durch geeignete Kleidung und Hausisolierung das Wärmebedürfnis befriedigen. Nicht eine Schweinshaxe verputzen, sondern ein nachhaltiges Esserlebnis (auf Schweinshaxenniveau, aber dann vegan) bestellen. Waschsalon statt Waschmaschine. Usw. usf.

Laut NPNK geht es um „nachhaltige Optimierungen ganzer Konsumsysteme“. So ein System strotzt geradezu vor Schrauben, an denen die Verbraucherpolitik mal zu drehen versuchen kann. Aber auch jeder ambitionierte Konsument ist hier gefragt, sich kraft seiner Verbrauchermacht einzubringen. Denn: „Das Verständnis von Konsum als System, d.h. die Betrachtung des individuellen Konsumhandelns als Teil eines komplexen sozio-technischen Gebildes aus angebots- und nachfragegetriebenen Komponenten, legt in vielen Handlungsfeldern neue Möglichkeiten für Bedürfnisbefriedigung, Ressourcenschonung und soziale Teilhabe frei.“

„Es schwingt auch mit, dass Eigentum etwas Schlechtes sei“

In dieser fünften Leitidee schwingt auch mit, dass Eigentum etwas Schlechtes sei. Eigentum, mit dem man tun und lassen kann, was man will, bedeutet Freiheit. Einen krassen Gegensatz dazu bildet die Vorstellung, nur Nutzungsrechte innerhalb eines staatlich regulierten oder gar administrierten Gütersystems erwerben zu können. Den gleichen Freiheitsentzug erleidet auch der Unternehmer. Er kann nicht mehr einfach ein Produkt erfinden und auf dem Markt anbieten. Er muss Komponenten liefern, die sich ins System fügen.

Konsumverzicht der Massen

Das Leitbild der Nachhaltigkeit transportiert heute in erster Linie das Ideal des Verzichts. Es soll an allem gespart werden. Weniger essen, weniger putzen, weniger heizen, weniger reisen. Zufriedenheit soll vor allem aus dem Bewusstsein der vorbildlichen Lebensweise gezogen werden. Letztlich will man aber den eigenen Lebensstandard nicht wirklich senken. Ein paar symbolische Handlungen und ein bisschen Ablasszahlung müssen hier reichen – nicht umsonst ist der sogenannte CO2-Fußabdruck bei den finanzstarken Grünenwählern am größten. Die wahre Sorge, die die Kämpfer für nachhaltigen Konsum umtreibt, ist die Vorstellung, dass Milliarden ärmere Menschen dieser Welt mit gutem Recht ihren Lebensstandard anstreben. Die Vision vom nachhaltigen Konsum des gut situierten westlichen Mittelschichtsmenschen geht stets einher mit der Parallelvision des nachhaltigen Konsumverzichts der Massen. Ein zukunftsfähiges Leitbild für das 21. Jahrhundert ist das nicht.

8 Kommentare

Zur Konsumfreiheit gehört auch, dass wer will auch nachhaltig konsumieren kann. Warum sollte es dafür dann nicht auch Leitlinien geben. Niemand muss ihnen folgen, wenn er oder sie es nicht will.

Hallo,

viel Geschwurbel, wenig gesagt.
Zwei Zitate:
1.
"""
Und was macht die Regierung, wenn sie in jahrzehntelanger Forschung herausgefunden hat, dass gentechnisch veränderte Pflanzen gesundheitlich unbedenklich und ökologisch vorteilhaft sind? Dann setzt sie sich trotzdem für ein Verbot ein.
"""

2.
"""
– nicht umsonst ist der sogenannte CO2-Fußabdruck bei den finanzstarken Grünenwählern am größten.
"""

Große Worte und dicke Argumente ohne die der Ganze Text nicht funktioniert die wir aber einfach so glauben müssen; einen Beleg gibt es nicht. Wozu auch, so lange man die gängigen Feindbilder (Regierung, reiche Grünwähler) bedient kann ja nicht viel schiefgehen.
Ich frage mich aber was dieser Text bei den Ruhrbaronen macht. Diversität erzeugen? Medienkompetenzübung?

Liebe CDU, macht endlich ein zumindest rudimentär zustimmungsfähiges Wahlangebot mit erstmals klugen Köpfen und gewinnt die Wahl in NRW, dann dürft ihr auch eure eigene Lobby z.B. mit PCB, Diesel und Fracking durch die Gesetze jagen.

haaaaaaaaaaaallooooooo, anybody home?
kann irgendwer mal wieder über's jetzt hinausdenken?
nein?
arm.

der rest kaufe sich doch bitte so blöd, wie er und sie es bereits sind.

Die Entwicklung von Leitideen ist richtig.
Wie soll man sonst eine langfristige Politik bzw. langfristige Ziele erreichen.

Die Inhalte wirken irgendwie wie aus aus dem Bullshit-Bingo auf der Basis von mehreren Ökoreferaten.

Schöne neue Welt: Arm, bevormundet aber glücklich.

@#3: Wollen CDU/FDP überhaupt in NRW an die Macht kommen?
Aktuell ist mir die Oppositionsarbeit bei dem Gegner, der wirklich überall offene Flanken anbietet, zu billig.

Die SPD ist im Trend "Fangt doch mal an zu rufen" ist modern. Im Stadion wird doch auch dauerhaft monoton und wie eingenebelt gesungen, obwohl das Spiel grausam ist.

#6
Artikel auch gelesen? Wundervolles Beispiel, danke für den Hinweis.
Ich zitiere mal:
"""
Für die Umfrage wurden im September insgesamt 1032 Menschen interviewt. Darunter waren 77 Befragte, die sich als Grünen-Wähler bezeichneten.
"""
und noch davor:

"""
Dabei gaben 49 Prozent der Grünen-Anhänger an, sie seien in den vergangenen zwölf Monate geflogen. Mit deutlichem Abstand folgten Wähler der Linken, der Union und schließlich der SPD (siehe Grafiken).
"""

Aufgrund der Aussage von 3.7% der Befragten oder 38 Menschen (ich runde jeweils mal auf), die die Grünen wählen und geflogen sind wird hier eine Überschrift gemacht und fröhlich weiter geschloßen. Ist Dir das nicht ein bisschen peinlich auf sowas zu verweisen?

Also Fake-News bei SPON? Och, nix neues 😉

Mir ist das nicht peinlich, ich bin kein Grüner … habe aber diverse Miles & More / Skywards Vorzüge, genauso wie Bahncomfort-Status … mein Mobilitätsmix ist angenehm komfortabel. Mein Auto hat knapp unter fünf Liter … Hubraum … #scnr

Mehr Quellen? Gerne:
https://www.welt.de/politik/deutschland/article109133869/FDP-und-Gruene-haben-die-reichsten-Waehler.html
http://www.bpb.de/politik/grundfragen/parteien-in-deutschland/42159/wahlergebnisse-und-waehlerschaft

Wenn der Artikel in der Welt richtig ist, folgere ich mal – cum grano salis – dass du kein FDP Wähler bist? 😉

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