Schauspiel Dortmund: Hamlet oder Verbotene Liebe als Schicksal

Foto: Edi Szekely
Foto: Edi Szekely

Hamlet, ja, kennt man. So einigermaßen. Irgendein König wird ermordet, die Königin heiratet den Mörder, der Sohn Hamlet sinnt auf Rache, sinnt zu lange  und auch mal mit Totenschädel in der Hand, Ophelia geht ins Wasser und sowieso sind am Ende alle tot. „Und was mache ich jetzt mit diesem Schauermärchen“, mag sich Kay Voges gedacht haben. Er las noch mal genau nach und entdeckte eine Polit- und Familien-Story in einem Überwachungsstaat. Und all das gibt es dann in Dortmund auf der Bühne zu sehen: Big Brother und „Verbotene Liebe“, Edward Snowden und George W. Bush, Internet-Schwarm und Fan-Meute. 

Es wird auch Shakespeare gespielt – in Auszügen, möchte man sagen. Denn die Textfassung von Voges ist reduziert auf einige Szenen und Monologe, die seinem Ziel dienlich sind. Damit der Zuschauer weiß, wo im Stück er sich gerade befindet, werden Akt und Szene eingeblendet. Die Monologe werden dann allerdings auch mit großer schauspielerischer Kunstfertigkeit gebracht. Insbesondere Eva Verena Müller als Hamlet setzt hier beeindruckende, fast klassische Akzente zwischen Plüschtieren und Plastikpflanzen. Und trotz überzogener Hamletpose und Batman-Gürtelschnalle, greift sie sich mit ihren ersten Sätzen die Zuschauer und zieht sie in den Text. Auch Sebastian Kuschmann schmeißt sein gesamtes darstellerisches Können ins Rennen, auch wenn er nur zwei größere Szenen hat. Die erste als König Hamlet, der während einer Fernsehansprache an einem Hustenanfall stirbt, ist großer Humor. Die letzte, wenn er als Fortimbras im verfaulten Dänemark ankommt und Hamlets „Sein oder Nichtsein“-Monolog spricht, ist in ihrer resignierten Tiefe beeindruckend. Trotzdem: Lehrer, die ihren Englisch-Kurs in die Aufführung schleppen, werden danach Erklärungsbedarf haben. Ist ja auch mal ganz schön. Und vieles – vielleicht auch was Ophelia (Bettina Lieder) mit Blade Runner zu tun hat – werden eher die Schüler ihrem Pauker erklären können als umgekehrt.
Es gibt auch ein sehr hübsches Bühnenbild von Pia Maria Mackert, doch davon sieht der Zuschauer nichts. Der blickt nur in eine schwarze – ziemlich flache – Kiste an deren Rückwand in leuchtend roten Lettern „Helsingør“ steht. Rechts und links führen zwei Durchgänge in das eigentliche Bühnenbild aus mehreren Räumen, in dem gespielt wird. Was in Kapelle, Machtzentrale und Hamlets Kinderzimmer passiert, verfolgt der Zuschauer auf einem Screen über der Rückwand. Nahezu automatisch treibt dieses Setting die Ästhetik der dialogischen Szenen in die Nähe von Soaps. Shakespeare ist halt immer auch ein Unterhalter, der mit großer Lust am Drama alles aus einer Situation herausholt. Zwischendurch werden auf dem oftmals geteilten Screen Wärmebildkamerabilder eingeblendet, die den Aufenthaltsort aller Personen in den Räumen anzeigen. Da sind wir dann im Big-Brother-Container, aber genauso auch in der Militärzentrale, von der aus Dronenangriffe gesteuert werden. Und Polonius (Michael Witte) spielt als irrer Arzt in blutverschmierter Metzgerschürze seinen ganz eigenen Splatter-Film. Während Hamlet in seinem Kinderzimmer zwischen Stofftieren herumgammelt, oder auch mal unter Wollfäden herumrobbt, als seien es Laserstrahlen in einem Tresorraum. Er ist halt gerade mitten in der Pubertät und bastelt sich seine größenwahnsinnige Persönlichkeit aus dem medialen Bausatz zusammen. Und wenn Laertes (Christoph Jöde) an die Rampe tritt und im Camouflage-Smoking mit Schreibmaschine in der Hand wütend erklärt, dass er das alles durchschaut hat und wir alle gemeinsam gegen die Politik aufbegehren müssen, bleiben wir ganz ruhig sitzen – ganz wie im wirklichen Leben.

Eigentlich ist Kay Voges ganz nah bei Shakespeare. Und ganz nah bei der klassischen Tragödie. Nur ist es kein Schicksal, das unabänderlich in die Katastrophe führt, sondern der mediale Overkill. Am Hof von Dänemark sind alle getrieben von Kameras, von medialen Vorbildern und Stereotypen, die schon in frühester Kindheit von Ernie und Bert oder Rosencrantz und Guildenstern in der Psyche eingepflanzt wurden (Frank Genser und Uwe Schmieder). Und selbst Claudius (Carlos Lobo) und Gertrud (Friederike Tiefenbacher) spielen nur ihre sexuelle Getriebenheit, wenn sie sich schön pornomäßig die Kirchenbank für ihren Quickie aussuchen. Dieses Staatswesen ist tatsächlich bis in jede persönliche Regung hinein verfault, von einem Schimmelpilz befallen. Und dieser Schimmelpilz ist die mediale Dauerbeschallung. Und ganz zum Schluss dürfen die Zuschauer auch daran weiterarbeiten. Zunächst erklären uns aber Wum und Wendelin erst noch das politische Theater. Dann aber darf das Publikum ran an die Handys und die Leinwand mit ihrer Schwarmmeinung füllen.

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