Sattelfest, volksnah und schon heute für die Herausforderungen der Zukunft gerüstet

Es war vor einer Woche, da war ich beim Tag der offenen Tür der Bochumer Bereitschaftspolizei. Das Erlebnis hat mich tief beeindruckt.

Die Anlage der kasernierten Polizei liegt direkt neben dem Krümmede (Bochums Gefängnis) und nur einen Steinwurf vom Stadion entfernt. Es herrschte eine festliche Stimmung, Parkplätze waren knapp, Bratwurstdämpfe waberten über den Kasernenhof. Direkt nach dem Betreten des Geländes sah ich mir den ausgestellten Fuhrpark an. Ein alter Opel Blitz und ein in die Jahre gekommener Porsche der Autobahnpolizei standen im Schatten des riesigen Wasserwerfer 10000. Der „WaWe“ hatte bei vielen Besuchern schon im Vorfeld die Fantasie angeregt. Einer wollte auf der Facebookseite der Dortmunder Polizei wissen, ob er er denn „ein paar Autonome durch die Gegend spritzen“ dürfe – die Dortmunder Redaktion wusste es nicht, verwies aber höflich an die Bochumer Kollegen. Da ein baldiger Einsatz des Panzers nicht abzusehen und mir die Schlange für die Besichtigung des Cockpits viel zu lang war, wandte ich mich dem Rest des Festplatzes zu.

An prominenter Stelle und in Sichtweite des Bierstandes hatte die Technische Einsatzeinheit (TEE) aus einem Anhänger eine Bühne gezaubert, auf der grade eine zünftige Coverband namens „Die Tonfas“ die letzten Takte von Freddy Quinns Klassiker „Wir“ schmetterte. Ich suchte mir ein schattiges Plätzchen und beobachtete die schneidigen Burschen in Einsatzoveralls, wie sie ihre stark geschminkten Freundinnen stolz über das Gelände führten. Unter hunderten Besuchern (die Polizei sollte in ihrer Begeisterung später gar von „10.000“ sprechen) erblickte ich nicht einen, an dessen deutscher Abstammung auch nur der geringste Zweifel bestehen konnte. Die jungen trugen Funktionskleidung der Marke Jack Wolfskin, die älteren Camp David. Ich war mit großem Abstand der unsportlichste Gast und fühlte mich argwöhnisch beäugt. Doch nichts geschah.

Die Bühne betrat nun ein junger Wachtmeister und kündigte ein besonderes Schmankerl an. Fünf Veteranen der Truppe wurden herangeführt, vier von ihnen in Gardeuniform, einer in Shorts und jovialem Hawaihemd. Die fünf, so der Wachtmeister, hätten „68“ miterlebt und „so manche Kerbe im Einsatzstock vorzuweisen“. Ich erschauderte. Einer der alten Haudegen, grauer Vollbart und ledrige Haut, ergriff das Mikro und hielt eine nachdenkliche Rede. Er lobte den Einsatz der jungen Kameraden, ließ aber auch keinen Zweifel daran, dass er den „verhätschelten und zu gut ausgerüsteten Youngsters von heute mit links die Scheiße aus dem Leib prügeln“ könne, wenn er denn wolle. Ich zweifelte an seinen Worten nicht, auch wenn sein Kumpan im Hawaihemd recht angetrunken wirkte.

Ich schlenderte einige Meter weiter zum Aufmarschplatz der Pferdestaffel, wo grade eine Vorführung stattfand. Sechs Reiterinnen trabten in vollendeter Anmut im Kreis herum. Der Chef der Truppe stand am Rand und kommentierte das Geschehen, nannte die Namen der Tiere und Beispiele für den Einsatz. Die „Störer“ und „Gefährder“, so rief er, würden meist schon durch den bloßen Anblick der majestätischen Tiere zur Räson gebracht.

Nach der bemerkenswert ereignislosen Vorstellung der Reiter betrat ich neugierig die Kaserne selbst. Ein Raum, in dem von Heavy Metal-Musik unterlegte Videos von wilden Einsätzen gezeigt wurden, war verwaist. Bei der Ausrüstungsschau war mehr los. Ein paar Kids spielten unter Anleitung mit Übungswaffen, ein Kadett erklärte den Veteranen, die ich eben noch auf der Bühne gesehen hatte, die Handhabung des Pfeffersprays. Er sprach auch über die Verpflegung in der Kaserne: „Meistens lecker – aber wenn wir was richtig Gutes wollen, müssen wir es selbst beschaffen“. Wer schon einmal in die unter Kriegsgebrüll weit aufgerissenen Augen einer heranstürmenden Gruppe BFE’ler geblickt hat, ahnt dass hier vermutlich nicht nur von Traubenzucker die Rede war. In Zeiten wachsender Herausforderungen und oft hunderter schwer verletzter Beamter bei Demonstrationen (Kratzer, Schrammen, Reizungen durch das eigene Pfefferspray) ist es schon ein starkes Stück, dass diesem starken – und zugleich so wehleidigen – Berufsstand nicht einmal mehr die gute alte Panzerschokolade bezahlt wird.

Ich wollte heim. Als ich zum Ausgang ging erinnerte ich mich an eine Stelle bei Paul Nizan, wo es heißt: „Man tritt in die Polizei ein, so wie man sich umbringt. Des Polizisten Art von Macht tröstet ihn darüber hinweg, dass er keine sichtbare Macht hat und entschädigt für Misserfolge. Ein richtiger Polizist ist ein Mensch, der in einem anderen Leben gescheitert ist.“ Zurück an der frischen Luft sah ich wie ein Wachtmeister von einem Kollegen in Brand gesetzt wurde. Die Menge johlte. Ich beschleunigte meine Schritte.

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