Sascha Bisleys Weg aus der Hölle

Bisley
Mit 19 Jahren schlug Sascha Bisley einen Obdachlosen so schwer zusammen, dass dieser an den Folgen starb. Nun hat Bisley ein Buch über seine Tat geschrieben. Es wurde zu einer eindrucksvollen Lebensgeschichte

Wenn Sascha Bisley das Mikrofon richtet, ins Publikum schaut und seine Zettel ordnet, fangen die ersten schon an zu lachen. Das geht schon seit Jahren so in Dortmund. Bisley füllt mit seinen Lesungen Kneipen, Cafés und Theatersäle. Er ist eine Rampensau und weiß mit dem Publikum zu spielen. Seine Kurzgeschichten, fast alle auf seinem Blog Dortmund-Diary veröffentlicht, sind wunderbare Stücke aus seinem Alltag. Grandios geschrieben, unbarmherzig ehrlich und voller Selbstironie. Wenn Bisley beschreibt, wie das erste Date mit seiner heutigen Freundin zur Katastrophe gerät und er sich bis auf die Knochen blamiert, schreit das Publikum vor Lachen. „In den meisten meiner Geschichten“, sagt Bisley, „mache ich mich zum Deppen.“

Aber es gibt auch einen anderen Sascha Bisley, einen, der nicht lustig ist, sondern ernst. Und diese Seite zeigt er in seinem ersten Buch. Es heißt „Zurück aus der Hölle: Vom Gewalttäter zum Sozialarbeiter“ und beschreibt die Vergangenheit des heute 42jährigen. Mit 19 Jahren verprügelt er sturzbetrunken zusammen mit einem Freund einen Obdachlosen so schwer, dass dieser später an den Folgen stirbt. Das Zusammenschlagen des Obdachlosen war für ihn im ersten Augenblick nur eine von vielen Taten. „Dass es diesmal anders war, merkte ich erst, als am nächsten Morgen ein Sondereinsatzkommando der Polizei die Wohnung meiner Eltern stürmte.“

Bisley und sein Freund kommen in Untersuchungshaft. Hier fängt Bisley an zu schreiben. Ein Tagebuch in Stichworten und Briefe. Viele Briefe, an die Familie, an Freunde und Bekannte. Einen Brief schreibt er auch an Jonathan, sein Opfer. Bisley beschreibt in ihm, wie er den Tag gesehen hat und beschönigt nichts: Dass es jeden an dem Abend hätte treffen können, es keine Entschuldigung gibt, weil seine Tat seine eigene Entscheidung war. Im Knast beginnt er Verantwortung auf sich zu nehmen. „Ich kam aus keiner kaputten Familie. Dass ich zum Schläger wurde, war meine eigene Verantwortung. Ich hatte viele Möglichkeiten und habe mich immer für den falschen Weg entschieden.“

Später wird Jonathan sich vor Gericht dafür einsetzen, dass Bisley nicht hart bestraft wird. Monate später wird er dann an den Folgen der Tat sterben.

Bisley erhält drei Jahre auf Bewährung. Er kommt noch am Tag des Urteilsspruches frei, die Untersuchungshaft wird ihm angerechnet. Er nutzt seine zweite Chance, beginnt zu arbeiten, nimmt sich eine Wohnung, macht Therapien, um sich klar zu werden, was bei ihm alles schief gelaufen ist.

Bisley nippt an seinem Glas mit trockenem Weißwein und zieht an seiner Gitanes. Es ist der erste warme Tag des Jahres, alle Cafés in der Dortmunder Innenstadt sind bis auf den letzten Platz belegt. Immer wieder halten Leute an, grüßen ihn, schütteln ihm die Hand.

„Ich habe Angst gehabt, wie die Menschen auf das Buch reagieren.“ Nur einer hätte ihm in einer anonymen E-Mail geschrieben, er wünsche ihm, dass sein nächster Selbstmordversuch gelingt. Alle anderen hätten seine Ehrlichkeit gut und mutig gefunden.

„Im Gefängnis habe ich niemanden getroffen, der sagte: „Ich bin schuld, ich allein habe die Verantwortung für meine Tat.“ Entweder wurde alles auf die harte Kindheit abgeschoben oder sie taten so, als ob sie zu Unrecht im Knast sitzen würden.“ Aber nur, wenn man zu seiner Schuld steht und sie sich selbst eingesteht, habe man die Möglichkeit, sich zu ändern. „Ich bin diesen Weg gegangen, und das war gut.“

Vor zehn Jahren schließlich verlässt er dann das Sauerland und zieht nach Dortmund: „Zu Hause wäre ich immer der Pennermörder geblieben.“

In Dortmund produziert er Videos und auch das Schreiben wird immer wichtiger für ihn: „Das Blog und die Lesungen waren eine gute Schule. Ohne sie hätte ich das Buch nicht schreiben können. Und das Buch ist eine hervorragend geschriebene Zumutung: Bisley beschreibt darin schonungslos seine Jugend in einer Kleinstadt im Sauerland. Wie er in die Hooliganszene absteigt, für Zuhälter Kurierdienste erledigt, mit Rechtsradikalen herumhängt. Prügeln gehört zu seinen Freizeitbeschäftigungen, ebenso wie Drogen und Saufen. Auch die Tat schildert Bisley so brutal wie sie war. Er beschönigt nichts: Die Tritte in den zerbröselnden Schädel des Opfers und die Feier danach mit seinem Freund über die gelungene Schlägerei. Später dann im Buch aber auch seine eigene Verzweiflung, die Unfähigkeit, mit der Tat fertig zu werden, und der gescheiterte Selbstmordversuch im Knast.

Was Bisleys Buch von anderen Gewalttäter-Biografien wie „Der Minus Mann“ von Heinz Sobotta oder Jacques Mesrines „Der Todestrieb“ unterscheidet, ist seine Klarheit. Nichts wird beschönigt, es gibt nicht einen Hauch von Romantisierung.

Bisley ist im Buch ein Gewalttäter, der sich im Knast als armes Würstchen erweist, getrieben von Schuldgefühlen und Ängsten, der weiß, dass er viel zu weit gegangen ist und nur er alleine die Schuld an seiner Situation trägt. Diese Schonungslosigkeit macht seine Größe aus.

Sascha Bisleys Buch ist bitter und ernst, es zeigt aber auch die Qualitäten, die in ihm stecken: Als Schriftsteller, der sich das Buch erarbeiten musste, während der Zeit des Schreibens oft keinen Schlaf fand und als Mensch, der den brutalen Schläger, der er war, hinter sich gelassen hat.

Durch zwei Dinge hat Bisley zu sich selbst gefunden, sich neu erfunden: Zum einen war das die Leidenschaft für das Schreiben. Was im Gefängnis mit Briefen und Tagebüchern anfing, wurde später zur Passion, dann zu einem beruflichen Standbein. Bisley postete Artikel auf seinem Blog, trat zunehmend auf Lesungen auf und veröffentlichte erste Texte in Magazinen. „Das Blog und die Lesungen waren für mich eine gute Schule. Da habe ich gemerkt, dass das, was ich mache vor allem auf der Bühne gut ankommt.“ Dann kam der Ullstein-Verlag auf Bisley zu und die Idee zur „Aus der Hölle entstand.“ Auf der LitPop in Leipzig las Bisley vor Tausenden Menschen die härtesten Szene aus seinem Buch. Es sei so ruhig gewesen, dass man eine Stecknadel habe fallen hören.

Dem ersten Buch, das bald in die zweite Auflage geht, wird ein e-Book mit Kurzgeschichten folgen. Die Arbeit am ersten Roman hat begonnen. „Schreiben ist wichtig für mich, es ist wie ein Paralleluniversum. Wenn ich schreibe, kann ich alle Probleme nach hinten schieben. Ich habe dabei die absolute Freiheit in einer Welt, die ich selbst erschaffen habe“, sagt Sascha Bisley.

Aber etwas anderes sei noch wichtiger für ihn in den Jahren nach seinem Verbrechen gewesen: „Zwei bis drei Mal die Woche treffe ich Jugendliche. Mal in Schulen, mal in Gefängnissen.“

Bisley trifft auf Jugendliche, die oft für Lehrer und Betreuer nicht mehr zu erreichen sind, die längst aufgehört haben, auf ihre Eltern zu hören. Er erreicht sie, zumindest manchmal: „Im Buch beschreibe ich ja den Jungen, der mit keinem mehr gesprochen hat und dann meine E-Mail haben wollte.“ Solche Kontakte hat er immer wieder. Die Jugendlichen nehmen ihn ernst, weil er weiß, wovon er spricht und weil er die Dinge weder beschönigt noch dämonisiert. Da steht dann dieser große, tätowierte Kerl vor ihnen, und erzählt, was für ein Elend es ist, im Knast zu sein. Dass der kein Ort für heroische Gang-Geschichten ist, sondern einer, an dem man wahnsinnig wird und verzweifelt vor lauter Hoffnungslosigkeit und Einsamkeit.

Und manchmal glaubt ihm einer, bevor es zu spät ist. Und noch seltener sieht er, dass seine Arbeit mit den Jugendlichen nach vielen Monaten erfolgreich ist: „Einer, den alle aufgegeben haben, hat jetzt einen Berufswunsch: Er will Kameramann werden. Und er macht jetzt ein Praktikum und hat eine wirkliche Chance, in den Beruf hinein zu kommen.“

Bisley ist zufrieden. Die Chance, die ihm Jonathan, der Mann, an dessen Tod er mitschuldig ist, gegeben hat, hat er genutzt. Er wurde, wie sein Mittäter, nie wieder straffällig. Er hat seine Träume verwirklicht und hilft anderen Menschen dabei, nicht abzustürzen. Jonathan war ein kluger Mann.

Der Artikel erschien bereist in einer ähnlichen Version in der Welt am Sonntag.

1 Kommentar

Ein Mensch wird getötet und der Täter wird gefasst und kein bisschen bestraft. Ganz im Gegenteil – ohne seinen unbestraftem Totschlag und dem damit einhergehenden wohligen Schauer der degenerierten Zuschauerschaft würden sich seine Bücher und Lesungen mit Sicherheit schlechter verkaufen.

Der Staat erkauft sich sein Gewaltmonopol auch durch einen strafenden Rechtsstaat. Wenn der Tod eines Menschen, egal ob Obdachlos oder nicht, mit keiner Strafe mehr gesühnt wird, wird eine Grenze überschritten.

Für mich ist diese Geschichte daher keine Erfolgsgeschichte, auch wenn der Autor diese wohl als eine solche verkaufen möchte.

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