S21: Das Bahnhofs-Gelöbnis

Die Härte des Streits um Stuttgart 21 konnte ich ehrlich gesagt nie nachvollziehen. Meines Wissens geht es dabei um den Bau eines Bahnhofs und nicht um die Einrichtung eines Atomwaffentestgeländes in der Stuttgarter Innenstadt. Ein Kommentar in der WAZ vor ein paar Monaten hat es mal sinngemäß so ausgedrückt: Eigentlich hätten alle ausserhalb Stuttgarts gute Gründe auf die Straße zu gehen, weil das Geld, das dort verbuddelt werden soll, im Rest der Republik fehlt. Das sehe ich ähnlich. Gestern dann, während eine Diskussion bei Christian auf Facebook, postete Jan das Video  über das Bahnhofs-Gelöbnis. Bei allem Respekt, aber ein wenig schräg ist das dann schon – der ganze heilige Ernst. Mir sehr fremd, das Ganze. Es geht, wie gesagt, nur um einen Bahnhof.

14 Kommentare

Derartige Parolen zu skandieren bzw. “nachzubeten”, dass es schon etwas Religiöses bekommt, mutet schon sehr bizarr an.
Und vor dem Hintergrund, dass hier an anderer Stelle gerade eine in meinen Augen etwas überhitzte Debatte hinsichtlich des Karfreitags stattfindet (Jedes dritte Wort in den Kommentaren beider Seiten lautet ICH, um dann wieder an die Toleranz zu appellieren ;-).), amüsiert das Video einmal mehr.

Naja, daran kann man eines sehr gut sehen: Soziale Bewegungen habe in großen Teilen wenig mit dem mündigen Bürger, der seine rationalen Interessen verfolgt zu tun, sondern ein ganz guten Stückweit vor allem mit psychischen Bedürfnissen, Emotionen und der Sehnsucht nach Gemeinschaft. Anders kann man diese Reichsparteitags-Inszenierung für den totalen Bahnhof kaum deuten.

Meine Erfahrung mit Gegnern dieses Protestes (S21) ist, dass auf dieses zugegeben skurrile ‘Gelöbnis’ in einer Weise Bezug genommen wird, die m.E. den Eindruck erwecken soll, dass der gesamte Protest gewissermaßen lächerlich sei. Wer aber aus der Nähe od. Ferne (per Medien, per net, per priv. Kontakte usw.) die Aktionen am Bauzaum verfolgte, das Geschehn im Park, die Schwabenstreiche, die Demos, die Info-Videos, die Info-mails, die Schlichtungsgespräche usw. usw., der bekommt ein differenziertes Bild. Ein m.E. engagierter Protest mit vielen guten Argumenten (ökonom., ökolog., Denkmalschutz usw.), oft emotional, vielfach phantasievoll.

Moment, es geht bei der Bahnhofsfrage auch um Kultur, um Architektur, um Partizipation,…… und nicht zuletzt um Gelder, die da verprasst werden. Aber da ist die Bahn ja eh gut drin (man baue einen ICE-Bahnhof in Limburg als auch im benachtbarten Montabaur) und ob diverse Strecken ökologisch als auch streckentechnisch Sinn machen ist da eher eine sekundäre Frage.

@Frau Rose: Limburg und Montabaur sind peinlich – aber da wurde die Bahn von Landespolitikern zu gezwungen. So blöd ist selbst die Bahn nicht :-).

Bei Stuttgart 21 hatte ich immer den Eindruck, dass es eine Art Stellvertreterkrieg ist. Es ist in der Tat erstaunlich, dass ein Bahnhof so viel Aufregung verursacht. Ich glaube, dass sich an S 21 die Wut darüber Bahn bricht, dass die Politik zunehmend über die Köpfe der Wähler hinweg entscheidet. Afghanistan-Krieg, Bankenrettung, Euro-Stabilitätspakt, Ausstieg aus dem Atomausstieg (der allerdings jetzt wohl rückgängig gemacht werden muss) – all dies wurde von oben herab gegen den Willen der breiten Mehrheit der Bevölkerung bestimmt. Die Stuttgarter erleben nun eine solche hochherrschaftliche Entscheidung direkt vor ihrer Haustür. Sie wurden getäuscht, was die tatsächlichen Kosten dieses Projekts betrifft, und sie wurden nicht in vollem Ausmaß darüber informiert, dass nahezu ihre gesamte Innenstadt unterhöhlt werden soll. Da kommen dann einfach Frust über die Landespolitik mit bereits bestehendem Frust über die Bundespolitik zusammen. Dazu noch ein diffuses Unbehagen mit moderner Architektur – und fertig ist der Mix, der die Leute auf die Straße treibt.

@ Urmelinchen # 1

Glauben ist Privatsache, ein Bahnhof nicht.

@ all

Hat doch gewirkt, oder? Mit Martin Luther King und mehrheitlich schwarzen Zuhörern/Nachsprechern klingt sowas natürlich besser.

@ Arnold Voss
Der Glaube, den ich mit keiner Silbe in meinem Kommentar erwähnt habe, ist, so man denn einen hat, Privatsache. Allerdings ging es mir um selbigen gar nicht. Mein Kommentar zielte auf die Inszenierung des Bekenntnisses zum Erhalt des Bahnhofes ab, den im Video gezeigten performativen Akt, wenn Sie so wollen. Und dieser weist in meinen Augen nun mal starke Parallelen zum ritualisierten Glaubensbekenntnis auf, wodurch diese Inszenierung etwas Religiöses erhält und in meinen Augen bizarr anmutet. That’s it.

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