RWE: Dortmunds OB Sierau ist unbelehrbar

Ullrich Sierau
Ullrich Sierau

Viele Städte haben in den vergangenen Jahren Millionen mit ihren Beteiligungen am Energieversorger RWE verloren. Vor allem für die Ruhrgebietsstädte, die über sehr große Aktienpakte verfügen, war der Abstieg von RWW an der Börse bitter: Die Dividende brach am Ende vollkommen weg, die Wertverluste der Aktienpakete belasteten die ohnehin klammen Haushalte.

Kluge geführte Städte wie Gelsenkirchen oder Düsseldorf, die sich frühzeitig von ihren RWE-Aktien trennten, konnten mit den Einnahmen ihre Haushalte sanieren. Die anderen schauten einfach nur tatenlos zu, wie ihr Besitz wie ein Nogger in der Sommersonne dahinschmolz.

Nun könnte man meinen, die Politiker im Ruhrgebiet hätten nach dieser Erfahrung gelernt, das Beteiligungen an Unternehmen ein Risiko darstellt, dass sie ihren Städten und den Bürgern nicht zumuten sollten. Weit gefehlt: Dortmunds OB Sierau, immer vorneweg wenn es darum geht, um Unterstützung von Bund, Land und Europäische Union zu betteln, sieht sich auch künftig in der Rolle des Investors: Er regt in der Der Westen an,  über die Stadttochter DSW21 Anteile an der neuen Öko-Tochter von RWE zu erwerben. Das kann gut gehen, das kann schief gehen – niemand kann das heute sagen. Und weil das so ist, sollten Städte solche riskanten Investitionen Privatanlegern überlassen und nicht mit dem Geld der Bürger zocken. Es scheint so, als ob Sierau noch ein paar Pleiten mehr braucht, um diese vergleichsweise simple Lektion zu lernen.

8 Kommentare

Wobei es, nein, nicht Satire, sondern ein mieser Witz ist, wenn Sierau wohl hofft, mit dem Verbleib in einer stinkenden Aktie könnte er RWE dazu bewegen, ihm die 600 noch verbliebenen RWE-Arbeitsplätze in der Stadt zu sichern – während Westnetz grade ankündigt, schon mal mind. 50 dieser Plätze mit Vorruhestandsregelung zu streichen. Und weitere Einsparungen werden nicht ausgeschlossen.

Meine Cousine arbeitete ihr ganzes Leben lang für Rheinbraun, die Braunkohle-Tochter von RWE in Köln. Immer hat sie die Möglichkeit genutzt, zu Vorzugskonditionen RWE-Vorzugsaktien zu erwerben. Nie hat sie auch nur eine dieser Belegschaftsaktien verkauft und über die Jahre sammelte sich so ein ansehnliches Vermögen an. Es gab auch keinen Verkaufsgrund, denn die Dividenden und auch der Wert der Aktien stieg ziemlich kontinuierlich an. Veba und RWE-Aktien waren sogenannte Witwen- und Waisenpapiere. Für meine Cousine und auch für viele NRW-Gemeinden bedeuteten diese Aktien über Jahrzehnte hinweg ein schönes Zusatzeinkommen. Doch dann mussten einige Ideologen-Birnen, viele davon aus NRW, unbedingt die Welt retten und es kam die Energiewende. Zu hohen Garantiepreisen konnten die nun überall aus den Boden schießenden Ökostromproduzenten ihren Strom vorrangig in das Netz einspeisen, ob der nun gebraucht wird oder nicht. Die traditionellen Stromerzeuger wie RWE und viele Stadtwerke wurden mit ihren konventionellen Kraftwerken mehr und mehr zu Lückenbüßern, die nur dann ihren Strom loswerden konnten, wenn gerade kein Wind wehte. Ansonsten mussten sie den Strom oft zu Negativpreisen irgendwo im Ausland verklappen, wenn sie ihre Kraftwerke nicht schnell genug abschalten konnten. Deutschland wurde zum Schadstromland. Die Rentabilität der Kraftwerke von RWE, EON usw. sank schließlich unter die Kapitalkosten, der überwiegend mit Fremdkapital erbauten Kraftwerke. Die Kraftwerke verloren größtenteils ihren Wert und die Schulden blieben in den Bilanzen hängen. Die Stromkomzerne können jetzt nicht einmal mehr den Atomausstieg finanzieren. Selbst die zugesagten 23 Mrd. € können sie im Grunde nicht bezahlen. Die sollen die Aktionäre mit Kapitalerhöhungen aufbringen. Man frisiert jetzt dazu die Bilanzen und täuscht eine Ertragswende vor. Im nächsten Jahr wird auch RWE wieder mit Sicherheit ein ordentliche Dividende zahlen. Eine Ertragswende kann aber erst kommen, wenn der Stromverbraucher RWE, EON usw. ordentlich für den Leerlauf ihrer konventionellen Kraftwerke bezahlt werden. Früher oder später wird das Stromverbraucher machen müssen, sonst brechen unweigerlich die Stromnetze zusammen und dann geht es den Weltrettern an den Kragen. Es muss dringend in neue konventionelle Kraftwerke investiert werden, weil die alten immer mehr verrotten. Außerdem lassen sich mit alten Braunkohlekraftwerke nicht so gut die starken Ökostrom-Schwankungen ausgleichen wie mit modernen Gaskraftwerken. Für die großen Stromkonzerne könnte es also irgendwann eine schöne Renaissance geben, wenn der Leerlauf ihrer Kraftwerke ordentlich bezahlt wird. Dann könnten auch die dringend erforderlichen Gaskraftwerke endlich gebaut und der sonst unausweichliche Zusammenbruch des Stromnetzes verhindert werden. Wenn die Weltretter noch ein bißchen Verstand haben, dann geben sie jetzt diese Leerlauf-Preisgarantien ab. Nur dann können die Konzerne das Geld für den Atomausstieg und den Bau neuer Kraftwerke erforderliche Geld von ihren Aktionären bekommen. Für den Stromverbraucher bedeutet das natürlich nichts gutes. Seine Preise werden weiter stark steigen. Er wird in Zukunft nicht nur irre Garantiepreise für den Ökostrom sondern auch noch irre Garantiepreise für den Leerlauf der Lückenbüßerkraftwerke bezahlen müssen. Insgesamt kann man vom größten ökonomischen Schurkenstück der Weltgeschichte sprechen.

@kassandro: Den Leerlauf von Kraftwerken zu bezahlen halte ich für den falschen Weg – das ist auch nur eine Subvention. Alle Subventionen streichen – dann sehen wir, was sich rechnet. Vor allem, wenn der Strom geliefert werden muss, wenn er benötigt wird. Sonnen- und Windenergieanlagen werden das wahrscheinlich oft nicht überstehen.

@kassandro
"Veba und RWE-Aktien waren sogenannte Witwen- und Waisenpapiere"

Ja, *waren* mal. Vielleicht vor 40 Jahren. Rheumatische Industrie-Dinos mit geldgeilen Vorständen und Produkten aus der Steinzeit (wortwörtlich) sind als Anlage längst out, hätten Sie mal Ihre Spaßkasse befragt.

Im Artikel geht es um Herrn Sierau. Stellvertretend für Teile der Kommunalpolitik im Revier. Das allein sagt schon viel. Vermutlich spekuliert er tatsächlich auf den Erhalt der RWE Standorte in DO oder gar den Zugewinn neuer operativer Gesellschaften. Wie gesagt – er spekuliert. Bei uns in GE sagt man "zockt". Mit DSW21 steht Sierau ja schon länger am Roulette-Tisch und hat gepumptes Geld auf "Rouge" gesetzt – die STEAG. Deren wirtschaftliches Schicksal steht eher ungünstig als Kohle-Verstromer. Auch wenn man noch im Ausland mächtig CO2 und Dreck in die Atmosphäre schleudert und damit zumindest den kompletten finanziellen Absturz in Deutschland verzögert. Aber es ist schon ein absurdes Spiel der Revierkommunen, die an der STEAG beteiligt sind. Energiewende und Öko-Wahn in Deutschland politisch mittragen. Dafür ab mit dem Dreck durch den Schornstein im Ausland. Prima, die haben ja eine andere Atmosphäre. Aber jetzt lockt die neue RWE Aktie. Sierau setzt auf "Noir". Es ist ja nicht sein eigenes Geld und es geht auch nicht um Moral.

:@Klaus Lohmann:
Veba und RWE waren bis zur Energiewende echte Witwen- und Waisenpapiere. Auch den damals mit der Schröderregierung vereinbbarten Atomausstieg hätten sie gut wegstecken können, wenn ihnen das Stromgeschäft in der alten Form erhalten geblieben wäre. Da gab es kaum Wettbewerb, das war eine Lizenz zum Geld drucken. Um den Atomausstieg zu finanzieren, wurde der Strommarkt "dereguliert" und die Konzerne konnten den Strompreis fast nach Gutdünken festlegen. Das lies die Gewinne der Konzerne regelrecht explodieren. RWE und EON waren auch ungewöhnliche gute Arbeitgeber. Für meine Cousine war Rheinbraun der erste und letzte Arbeitgeber nach ihrem Studium und als sie nach der Geburt ihres Sohnes nur noch halbtags arbeiten wollte, war auch das kein Problem. Die Leute, die bei RWE arbeiten sind heute alle frustriert und hätten sich so einen Niedergang noch vor 10 Jahren nicht in ihren schlimmsten Träumen vorstellen können.

@Stefan Laurin:
Klar wäre eine Leerlaufvergütung auch wieder eine massive Subvention, aber die gesetzlichen Einspeisevergütungen sind auf 30 Jahre festgelegt und diese Versprechen kann der Staat nicht einfach brechen. Die Einspeise-Vergütungen der alten Ökokraftwerke nehmen langsam ab und bei Neubauten geht man jetzt wesentlich intelligenter vor. Jährlich steht nur ein festes Kontigent neuer Kapazität zur Verfügung und nur diejenigen mit der niedrigsten geforderten Einspeisevergütung kommen zum Zuge. Das ist schon ein großer Fortschritt. Trotzdem werden neue konventionelle Kraftwerke gebraucht, solange man Strom schlecht speichern kann, und die Ökostrom-Schwankungen ausgleichen muss. Da kommt man dann um eine Leerlaufvergütung zumindest für neue Kraftwerke nicht herum. Es liegt auch im volkswirtschaftlichen Interesse die Stromkonzerne nicht vor die Hunde gehen zu lassen und ihnen eine Überlebensperspektive zu eröffnen. Politisch ist so etwas schwer durchzusetzen. Schon gegen die 23 Mrd. € Abfindung für den Atomausstieg gab es heftige Proteste, aber Herr Trittin war klug genug, diesen mit der Begründung zu verteidigen, dass man sonst überhaupt nichts mehr bekommen würde. Ich hoffe, dass nach den Wahlen 2017 ein Gesamtpaket geschnürt wird, damit auch all die Prozesse beendet werden können. NRW sollte davon überdurchschnittlich profitieren genauso wie man momentan darunter überdurchschnittlich leidet.

@kassandro: Es ist schon ein recht seltsames Ding mit der Wirtschaft, dass immer wieder diejenigen Großfirmen die meisten Leute entlassen, deren Gewinne vorab "förmlich explodiert" waren und die diese Gewinne in Zeiten der engsten Verbandelung mit den regierenden Parteien machten.

Und der Atomausstieg wurde ja auch aus einer Bierlaune in einer Kreuzberger Kneipe heraus beschlossen, ohne Irgendjemandem von den Energiebonzen vorab Bescheid zu geben.

Wohin sind denn diese "explodierten" Gewinne abgeflossen? In die Rückbau-/Entsorgungsrückstellungen können sie ja nicht geflossen sein, da betteln die HalsNichtVollBekommer ja grad um mehr Geld von uns Strom- und Steuerzahlern.

Wohin sind die "explodierenden Gewinne" geflossen? So genau, weiß ich das auch nicht. Zunächst wurde mal viel Geld an die Aktionäre ausgeschüttet. Davon haben die NRW-Kommunen sehr stark profitiert. Viel Geld floß auch in Aquisitionen vor allem im Ausland. Bei RWE erinnere ich mich besonders an den britischen Wasserversorger Thames Water, der dann einige Jahre später wie die meisten dieser Aquisationen wieder mit Verlust verkauft wurden. Wenn man nicht weiß, wohin damit, dann wird mit Geld viel Blödsinn gemacht. Wie wir heute wissen, wurde das Geld nicht dazu verwandt, die Konzerne zu entschulden, aber das durften sie auch nicht, denn ALLE sogenannten Versorger MÜSSEN mit viel Fremdkapital arbeiten um vernünftige Eigentkapitalrenditen zu erwirtschaften. Bis zur Energiewende war das auch völlig in Ordnung, denn das Stromgeschäft war zwar margenschwach aber diese Margen waren auch sehr stabil. Der Stromverbrauch hängt eben nur relativ wenig von der Konjunktur ab. Von der Energiewende wurden die Konzerne dann kalt erwischt, aber gerade der Atomkompromiss lässt hoffen, dass es für sie vielleicht doch noch eine Zukunft gibt.

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