Ruhrfestspiele 2014 – Unsere schöne Welt in Shakespeares Sturm

Gunther Eckes (Ariel)  Foto: © Andreas Pohlmann
Gunther Eckes (Ariel)
Foto: © Andreas Pohlmann

Wenn „Der Sturm“ vorüber ist, steht er da, ein stattlicher Herr, seriöse Respektsperson im makellosen Smoking, deplaziert wirkend auf seinem Leichenberg. Im Epilog bittet, dann fleht Manfred Zapatka mit brechender Stimme um Beifall für seinen Auftritt. Applaus soll ihn aus der Rolle des Prospero erlösen: „Wo ihr begnadigt wünscht zu sein, lasst eure Nachsicht mich befrein.“ Doch beklatscht wird die Eröffnungspremiere der Ruhrfestspiele 2014 zunächst nur verhalten. In diesem Sturm wächst niemand über sich hinaus, einen Helden, den man feiern könnte, gibt es nicht. Von unserer Gastautorin Emelie Wendt.

Das liegt zu gleichen Teilen an der Radikalität, mit der der Isländer Gísli Örn Garðarsson Shakespears wohl letztes Werk entzaubert, indem er die Motive ins Hier und Heute übersetzt, als auch daran, dass diesen Motiven dadurch ihre Qualität als Denkansatz verloren geht. Und trotzdem erschließt sich diese Fassung von „Der Sturm“ über den ursprünglich märchenhaften Charakter des Stücks, denn: Es war einmal bei seiner Premiere um 1611 eine moderne schwarze Komödie, deren Aufführung mit Sturm, Geistern und Maskerade Bühnentechnik auf dem neuesten Stand verlangte. Die Handlung spiegelte Zeitgeist und –geschehen von Machtkämpfen über Aufstände bis hin zu Kolonialisierung und dem Verhältnis Mensch und Natur.

Letzteres könnte man heute wohl als gestört betrachten, doch anders als Shakespeare sieht Garðarsson den modernen Menschen wieder ganz nah an der Natur: Mit Ausnahme der Hautfigur Prospero und dessen Diener Ariel (Gunther Eckes), dem Luftgeist, turnt das Ensemble des Residenztheater München affengleich durch einen dreistöckigen Käfig. Die Insel, auf der Prospero nach seiner Entmachtung als Herzog von Mailand mit seiner Tochter Miranda strandete, ist nicht mehr der zauberbehaftete Ort der frühen Neuzeit, es ist in Recklinghausen eine Folterkammer wie Guantanamo.

 

Freiheit – Gleichheit – Einheitslohn, einfach grotesk

 

Unterschiede zwischen Prosperos Feinden, den Edelleuten, die er durch Magie auf einer Schiffsreise mit einem Sturm überrascht und auf seiner Insel hat stranden lassen, und dem Wilden Caliban (Guntram Brattia) , der die Insel beherrschte, bis er durch Prosperus unterworfen wurde, sind nicht mehr erkennbar. Bis vielleicht auf die Utopie des Gonzalo (Miguel Abrantes Ostrowski) von einer besseren Welt: Freiheit, Gleichheit, Einheitslohn. Doch vor dem Hintergrund, in dem Natur und Schiffsbesatzung geschunden und zerschlagen lebendig verrotten, erscheint diese nur grotesk – hier gäbe es erstmal andere Probleme zu lösen. Das sehen die handelnden Personen dann auch so: Machtübernahme heißt allerdings jedermanns Ziel. Und um das zu erreichen, bringen sie sich gegenseitig um. Prospero könnte das verhindern, beteiligt sich aber am Morden:

 

Liebe als Pop-Posse und ein Ende wie im Film

 

Wo der Brite mit Musikern, Naturgeistern und Maskerade die Massentauglichkeit seines Werks zu fördern versuchte, bringt der Isländer es mit Popsongs und Anspielungen auf Blockbuster, die Massen begeisterten, an den Rand des Klamauk. Miranda (Friederike Ott) und Ferdinand (Franz Pätzold), dieses Pärchen sieht aus wie die Karikatur einer Chanel No. 5-Werbung, wenn auch mit morbidem Charme, ähnlich dem von Tim Burtons Film-Charakteren. Ihre Geschichte ist hier aber nur Randnotiz, Liebe hat in Garðarssons Sturm keinen Platz. Sie beginnt mit Lionel Richies Schnulze „Hello“ und endet nach dem Eheversprechen im Schlagerkult mit Ferdinands Mord durch den Brautvater. Alles so süßlich überzogen inszeniert, dass man befürchtet, jeden Moment wehe auch noch Fäulnisgeruch von den leblosen Gestalten hinter den Gittern herüber.

Wo keine Liebe ist, kann dann auch nicht vergeben werden. Dabei gerät auch der Endkampf, den Ariel für Prospero gegen Caliban und die noch verbliebenen Schiffbrüchigen bestreitet, zu einer Mischung aus „Kill Bill“, „Matrix“ und „Star Wars“.

 

Unsere Welt

 

Wenn dann auch noch Miranda die wohl bekanntesten Zeilen dieses Stücks „Schöne neue Welt, die solche Menschen trägt“ ins Publikum spricht, verwundert es nicht, dass sich dieses nicht genug wiedergefunden hat, um seinen Part anzunehmen und für ein versöhnliches Ende zu sorgen. Schließlich werden die Missstände, die Garðarsson thematisiert, gerne als alternativlos beschrieben. Prosperos Alternative hingegen, Vergebung – die die Regie ihm jetzt, anders als der ursprüngliche Autor, versagt – ist bekannt. Und die Helden der heutigen Zeit, wie viele Leichen ihren Weg auch pflastern mögen, haben dafür doch Gründe. Sollte der ein oder andere dann doch mal Rachsucht sein, haben sie wenigstens Gegner, während sich Prospero an jämmerlichen Opfern tierischer Machtsucht nicht mal selbst vergreift, sondern den Luftgeist Ariel nötigt.

Es gibt sicher angenehmere Theatererfahrungen als diese Version von „Der Sturm“, auch solche, die die Folgerichtigkeit nicht hinter die Schonungslosigkeit der Neudeutung zurückstellen. Und dennoch wurde der Applaus für Ensemble und Regie dann doch etwas lauter, denn Mut, Einsatz, Ideen- und Temporeichtum machen die Fassung von Gísli Örn Garðarsson immerhin sehenswert.

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