Rolf Zacher: Mal Hero und mal Heroin, aber immer ein großartiger Typ!

Rolf Zacher in der Zeche Carl Foto: Peter Hesse


Gestern ist der große Schauspieler Rolf Zacher verstorben. Autos spielten schon immer eine wichtige Rolle, denn in den Wirren des Krieges wurde er 1941 in einem Taxi geboren. Er lernt seinen Vater nie kennen und wächst in ärmlichen Verhältnissen auf. Mit 17 fliegt er von der Schule und absolviert auf Drängen seiner Mutter eine Bäcker- und Konditorlehre, bevor er in die große Welt des Film hineingezogen wird.

Zacher besucht er kurz die Max-Reinhardt-Schauspielschule und gründet 1961 zusammen mit dem Schauspieler Peter Przygodda das „Ein-Groschen-Theater“ im Berliner Szeneviertel Kreuzberg. Dann geht es ziemlich schnell in großen Karriereschritten ziemlich weit nach vorne. In einem seiner Filme ersten spielte Zacher schon an der Seite von Hardy Krüger, Montomery Clift und Karl Liefen: „Lautlose Waffen“ ist ein typischer Kalter Krieg-Agenthriller aus dem Jahr 1966  – und war von dramatischen Zwischenfällen begleitet. Montgomery Clift nahm diese Rolle erst nach vielen umständlichen Vertragsverhandlungen an. Er führte seine Stunts selbst aus und wäre deswegen beinahe in der Elbe ertrunken – dieser Film sollte schlussendlich der letzte seiner Karriere bleiben. Der Regisseur Raoul Lévy nahm sich aufgrund einer unerfüllten Liebe zu seinem verheirateten Script-Girl wenige Monate nach Abschluss der Dreharbeiten das Leben. Und Zacher? Der legte seine Gage großspurig in einen Porsche an – und die rasante Geschwindigkeit entwickelte sich für Zacher zu einer Droge: »Der Porsche war mein Hengst – und niemand durfte ihn reiten« – prompt knallte er damit bei kurz darauffolgenden Dreharbeiten in Spanien vor eine Felswand und verknackste sich den Rücken dabei.

Gegen die Schmerzen wurden ihm morphiumhaltige Medikamente verabreicht. Als diese nicht mehr halfen, versuchte er, die Schmerzen mit Heroin zu bekämpfen. Infolgedessen wurde er heroinabhängig, arbeitete aber weiter, ohne dass seine Sucht anfangs auffiel. 1974 kauft Zacher eine größere Menge Heroin in Amsterdam, wird aber von einem Polizeispitzel beobachtet und prompt verhaftet. Rolf Zacher wird zum ersten Mal ein Fall für die Boulevardpresse, viele weitere Szenarien in der Yellow Press sollten folgen. »Im Gefängnis habe ich damals „Schuld und Sühne“ von Dostojewski gelesen – und gegen diese Dramatik kam mir meine Gefängniszelle geradezu paradiesisch vor« sagte Zacher mit vielen Jahren Abstand. Der Regisseur Reinhard Hauff, mit dem Zacher Filme wie „Der Hauptdarsteller“ (1977) oder „Endstation Freiheit“ (1980) drehte, sagte sogar: »Rolf Zacher ist mit all den Drogen, die er nimmt, immer noch besser als die meisten Schauspieler, die ich kenne.“ Meist spielte er kleine Gauner, Trickdiebe oder zwielichtige Hinterzimmer-Kriminelle – immer gut gekleidet in teuren Anzügen und noch exklusiveren Autos fuhr er als gezinkter Stenz in Episoden von Derrick, Tatort oder Polizeiruf 110 vor.

In den 1970er Jahren ist er vor allem Mime bei deutschen Autorenfilmern: Alexander Kluge, Rainer Werner Fassbinder, Ulrich Schamoni, Robert van Ackeren oder Klaus Lemke buchen ihn. So spielt er mal an der Seite von Wolfgang Neuss und Insterburg & Co in „Chapeau Claque“ (1973) oder mit dem als „Ekel Alfred“ bekannten Heinz Schubert in „Der starke Ferdinand“ (1976). Zacher sagte über seine Vorbilder: »Meine Lehrer waren Charlie Chaplin, Buster Keaton und die Marx Brothers. Einer der schönsten Momente war, als ich Peter Sellers in München traf und mit ihm durch den englischen Garten schlenderte, dieser Typ war mein Held.« Einen großen Schritt in Richtung „Szenestar mit Kultstatus“ stellt für Rolf Zacher der Film „Schwarzfahrer“ (1982) von Manfred Stelzer dar. Diese Komödie mit Filmpartnerin Iris Berben trifft den Nerv der Zeit und verschafft Zacher eine monatelange Präsenz auf den Leinwänden deutscher Programmkinos. Auch hier mimt er wieder einen absurd-schrägen Monaco Franze in der Kleinkriminellen-Version: obwohl ein Gerichtsvollzieher ihn jagt, gelegen ihm als Autoknacker immer wieder tolle Geschäfte und er hat ausreichend Zeit, um schönen Frauen zu imponieren.

Ein weiteres Steckenpferd war für den stets schmierig frisierten Zacher die Musik: »Elvis Presley war für mich der Größe, der hat meine Jugend komplett auf den Kopf gestellt« sagte Zacher. In wilden Jahren lebte er im Umfeld von der Krautrockband Amon Düül und sang beim Song „Deutsch Nepal“ (1972) die Backing Vocals. Später besetzte ihn Horror-Regisseur Jörg Buttgereit für das Ramones-Musical „Gabba Gabba Hey!“ und gab ihm eine Hauptrolle als Sänger. Für ein Gunter Gabriel-Tribute-Album suchte er sich den Song „Wer einmal tief im Keller saß…“ aus und trug ihn mit Musikern der Band Jazzkantine in einer kongenialen Version vor. Bei dem dazugehörigen Auftritt in der Essener Zeche Carl erlebte man Zacher mit allen seinen Schattierungen.

Die Zahl der Bands und Akteure an diesem Abend im Oktober 2004 war lang. Im Umfeld von Ruhrpottpunks wie Sondaschule, die Kassierer oder Dödelhaie, sowie Klamaukbarden wie Mambo Kurt, Frank Zander und Elvis Pummel spielte Zacher auch an diesem Abend wieder seine eigene, aber unvergleichliche Rolle. Er reiste stilecht als Beifahrer im Porsche an. Um auf Betriebstemperatur zu kommen, rauchte er ziemlich viele Joints und labte sich dann im angeschlossenen Restaurant an der Karte: Filetspitzen, Kartoffelgratin und einen großen Dessert – die hochpreisige Rechnung, so sagte er der Kellnerin, ging auf das Haus – er würde ja noch auftreten. Satt, aber reichlich benebelt konnte sich seinen Text für den anschließenden Auftritt nicht mehr merken und klebte sich den Textzettel auf den Unterarm – natürlich stilecht mit einem Streifen Gaffa-Tape. Sein Timing war geprägt von seiner inneren Uhr, so sagte der große Mime gern den Satz: »Ich bin nie pünktlich, komme aber nie zu spät.« Das trifft natürlich auch auf seinen Tod zu: Wir hätten gerne noch viele Jahre mit ihm gehabt.

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