Rheinhausen ohne Hütte ist ein depressives Kaff…


Unser Gastautor Thomas Meiser erinnert an ein Konzert für den Erhalt des Stahlwerks in Rheinhausen. Heute würden bei der Nachricht, dass ein Stahlwerk schliesst, die Biosektkorken knallen…

20. Februar 1988. Legendäres Konzert während des Rheinhauser
Arbeitskampfes in der Kruppschen Walzwerkhalle.
Der WDR übertrug live in alle Kanäle.
Und selbst Andreas Frege von den Toten Hosen fühlte sich bemüssigt,
seinen Senf dazuzugeben.

Stahlarbeiterkampf in Rheinhausen? Ich bin in dem Kaff geboren. Und es
kamen seinerzeit jedwede Medien nach Rheinhausen, niemals hat die ARD
öfter einen Schauplatz in den Brennpunkt gerückt.

Als wie seinerzeit während des jetzt als legendär verklärten
Arbeitskampfes. Um den Weitererhalt des Kruppschen Stahlwerkes.

Aber: Es war keine Sonne auffe Hütte. Denn jeder in Rheinhausen
wusste. Es geht nur darum, sich so teuer wie möglich zu verkaufen.

Das Walzwerkkonzert, inmitten einer der grössten Hallen der Welt,
pickepackevoll mit mitfühlenden Menschen, Künstler spielten für die
gute Sache, war praktisch das letzte Aufbäumen des lodernden Zornes.

Das war: Wie Sauerstoff in die Thomasbirne geleitet wird. Erst fackelt
es auf. Dann kühlt es ab. Und nachher ist der Stahl schlecht
anzuschweissen.

Ich erlebte das Konzi bei Wolle und Petra. In ihrer Fixerbude am
Hochemmericher Markt. Petra stieg gerade in ihren Schuss ein. Als
Hannes Wader anfing, das Hohe Lied anzustimmen.

Petra hat den Hannes dann auf Shore weggepennt.

Das wollten viele in Rheinhausen. Sie wollten es nicht wahr haben.

Dass die Hütte dichtmachen wird.

Und das ist, was hängenbleibt: Rheinhausen ohne Hütte ist ein depressives Kaff.

Gottlob ist Petra mittlerweile clean.

Sie lebt halt nicht mehr in Rheinhausen.

10 Kommentare

Ein Konzert mit Katja Ebstein, Anne Haigis, Hannes Wader, Peter Bursch und Klaus Lage würde auch ohne Rheinhausen ziemlich depressiv machen…

@der, der auszog: Wobei Bursch faszinierend ist. Ich hab den mal vor zwei Jahren in Duisburg in einer Kneipe gesehen – der sieht heute noch so aus wir vor 30 Jahren. In seinen Genen muss was drin sein, aus dem man ein perfektes Anti-Alterungs-Mittel machen kann!

@Stefan

Ich kenne Peter Bursch noch von seinen Gitarrenbüchern. Derer hat man sich bedient, wenn man kein Bock auf Musikschule hatte und sich das Klimpern selber beibringen wollte. Hinten im Gitarrenbuch war immer so eine Schallplatte drin mit Akkordbeispielen, die war so dünn, dass man da auch eine Tüte raus drehen konnte, wenn einem die Blättchen ausgegangen sind. Ob darin allerdings das Geheimnis von Burschs Anti Aging liegt, weiß ich nicht.

Wenn ich “Rheinhausen” höre fällt mir ein, dass ich seinerzeit mit meinem Vater – wohl in der Tagesschau – gesehen habe, wie Arbeiter vor irgend einer Krupp-Zentrale gegen den Vorstand oder Aufsichtsrat demonstrierten und sich dabei ganz brav vom Ordnungsdienst davon abhalten ließen, in das Gebäude zu kommen. Der Kommentar meines Vaters, soweit ich mich erinnere:

“Wenn es um meinen Arbeitsplatz ginge, würde ich da einfach rein und dem Cromme auf den Tisch kacken.”

Hätte aber wohl auch nichts genützt.

rheinhausen ist das nicht dieses Kaff wo sich ordentlich über die “problemhäuser” und “klaukids” aufgeregt wurde und mehrere hundert Anwohner an rechten Kundgebungen teilnahmen?

Ob die Ausländerfeindlichkeit auch auf die schliessung zurückzuführen ist?
Man will es gar nicht wissen schuld sind ehh immer die anderen… Armer Ruhrpott!

Der Rheinländer Andreas Frege hat es nötig. Rheinhausen, das ist Ruhrpott. Rheinländer sind da nicht gerne gesehen.

@michalski.

Wat den Frege angeht. War früher vielleicht sogar physisch, der Dissenz, jedoch: Wir sind mittlerweile alle Familienvätter. Oder?

Wat Rheinhausen angeht. Is sich Hippleand.

Deine These, dass Fremde dorten nicht gern gesehen würden, die unterstütze ich.

Deine These, dass Rheinhausen zum Ruhrpott gehört? Selbstverständlich nicht.

Rheinhausen gehört selbstverständlich zum linksrheinischen Niederrhein.

Im Prinzip hörten wir alle doch eher Konzis im Nimwegener Dornrosje weg. Als in Bochum auf der Zeche.

Daar lig ik niet wakker van.

@Thomas, Rheinhausen, linksrheinischen Niederrhein, rechter Niederrhein? Wesel, Voerde, Rheinberg, Rheinhausen, Duisburg, das alles ist Pott, Das alles gehört zum Pott. Dort wurde Kohle abgebaut. Dort spricht man auch Ruhrdeutsch. Das ist kein Rheinland. Sonst kommt noch einer auf die Idee, das die Städte Oberhausen, Essen dem Rheinland angehören und Dortmund die größte Stadt Westfalens ist.

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