Reaktionen auf das Wulff-Interview: Von Mailboxen und Fremdschämen

Konnte Wulff sich aus der Krise menscheln? Wenn man einen Blick in die Kommentare  zum Interview wirft eher nicht.

Die Welt, Henryk M. Broder

…Christian Wulff gehört zu Deutschland, zu dem Deutschland der Partygänger und Schnäppchenjäger, dem Deutschland der Eventmanager und Spesenritter, dem Deutschland der Aufsteiger, die voller Bewunderung zu Aufsteigern hinauf schauen, die es noch weiter gebracht haben. “Durch diesen Umgang mit Dingen hat man dem Amt nicht gedient”, sagte er im Interview mit der ARD und dem ZDF.

Stimmt, hat man nicht. Dafür sollte man gehen und nicht in der dritten Person herumeiern.

Auch Wulff gehört zu Deutschland – nur zu welchem?

FAZ, Stephan Löwenstein, Michael Hanfeld

Was ist das für eine „Bitte“, wenn Redakteuren mit dem Strafrecht gedroht wird? Oder: Es ging nur um Aufschub? Aber die „Bild“-Zeitung hatte doch schon Tage vorher einen länglichen Fragenkatalog geschickt, wie am Mittwoch im Blatt dokumentiert. Und der Präsident hatte auch schon antworten lassen – die Antworten dann aber wieder zurückgezogen (…)Im Interview bei ARD und ZDF bleibt die Behauptung stehen. Abnehmen muss man sie Christian Wulff nicht. Wer hier den Rubikon überschritten hat, von dem auf der Mailbox die Rede ist, ist eigentlich keine Frage mehr.

Wir sind doch nicht seine Mailbox

Die Welt,  Torsten Krauel

Die Winkelhuberei, mit der Wulff ein privates Finanzengagement verteidigte, das in seinem Amt eben nur privat nicht mehr war, passte nicht zum Amt. Die Art, wie er impulsiv und emotional auf Recherchen zu Dingen reagierte, die „juristisch rechtens, aber nicht richtig seien“ – solche Auftritte passen nicht zu diesem Amt. (…)Es war kein durchweg souveräner Auftritt. Wulff hat noch einmal eine Entschuldigung ausgesprochen, diesmal für den Umgang mit der Presse. Eine weitere Runde von Entschuldigungen möge dem Land erspart bleiben.

Jetzt ist aber Schluss mit Wulff-Entschuldigungen!

WAZ, Ulrich Reiz

Die Kanzlerin hat nach dem gescheiterten Seiteneinsteiger Köhler einen Politprofi gesucht, einen, auf den Verlass sein würde in puncto Seriosität und Stilempfinden. Gerade von Wulff glaubte sie, Unfallfreiheit erwarten zu können. Ein Irrtum.

Ein Präsident, der um Verständnis bittet und um Entschuldigung. Ein Präsident, der seine Familie nach vorne schiebt. Und auch einer, der die seltsamsten Spekulationen um seine Frau noch selbst befeuert, indem er diese als „Fantasie“ bezeichnet. Einer, der sich am Ende selbst freisprechen muss, weil es kein anderer tut.

Zum Fremdschämen.

Christian Wulffs Auftritt im Fernsehen war peinlich

Süddeutsche Zeitung, Heribert Prantl

Wer Christian Wulffs bisheriges Handeln in der Krise resümiert, der ist geneigt, einen Mangel an Professionalität ebenso wie den Mangel an Moralität als Charakterzug zu beschreiben. Wenn er den Weg zum Rücktritt gefunden hätte, wäre das verständlich und richtig. Er findet ihn aber nicht; das kann man nicht ändern. Wulff ist ein jungerPräsident, und er klammert sich ans Amt und dessen Gepräge, um nicht zeitlebens als schnell gescheiterter Präsident zu gelten.

Gnade dem Präsidenten

taz, Gordon Repinski

Für Wulff war es die letzte Chance, und es wurde sein persönlicher Gang nach Canossa. Anfang der Woche war bekanntgeworden, dass er durch einen Anruf beim Bild-Chefredakteur Berichte über Ungereimtheiten um seinen Hauskauf 2010 verhindern wollte. Ein Eingriff in die Pressefreiheit, der in den vergangenen Tagen für Wulff ein verheerendes Echo in der Öffentlichkeit, und ein gleichermaßen bedrohliches Schweigen in den eigenen politischen Reihen zur Folge hatte (…) Wulff muss viel an Rau gedacht haben, in den vergangenen Wochen. Nicht nur an die Kritik, die er, Wulff, damals geäußert hat. Auch daran, was Rau damals gelungen ist. Die Affäre mit einem Interview zu beenden, schließlich kann das eigenständige Verfassungsorgan Bundespräsident nicht so einfach abberufen werden. Den Fall einfach auszusitzen.

Der kriechende Präsident

Sprengsatz, Michael Spreng

Wenn man daran denkt, wer an seiner Stelle im Schloss Bellevue hätte präsidieren können, dann verstärkt sich dieses ungute Gefühl. Musste ein solcher Mann nach von Weizsäcker, Herzog und dem untadeligen Köhler kommen? Hätte uns nicht Angela Merkel davor bewahren können?

Aber wir werden mit ihm weiter leben müssen. Wulff hat sich entschieden: er will uns nicht von sich befreien. Er will seine fünf Jahre “erfolgreich” zu Ende führen. Absitzen ist wahrscheinlich das bessere Wort. Es ist rätselhaft, wie Wulff seine moralische Autorität zurückgewinnen will. Seine bisherige Amtszeit gibt keine Hinweise darauf, dass ihm das gelingen kann. Wenn überhaupt, dann ist es ein langer Prozess. “Lernfortschritte” nennt er das.

Wulff verzeiht sich

 Spiegel.de Roland Nelles

 

Wulffs Auftritt ist nichts weiter als die Suche nach Verbündeten. Er will das Fernsehvolk für sich mobilisieren. Der Präsident bittet die Bürger, mit ihm einen Pakt zu schließen. Sie sollen weiter zu ihm halten – gegen die Medien, gegen die kritischen Nachfrager. Wir gegen die, das ist die Parole. An wirklicher Offenheit ist er nicht interessiert. Zwar entschuldigt er sich für Fehler. Doch im gleichen Atemzug stilisiert er sich zum Opfer, verfolgt von angeblich so grausamen Journalisten, die in seine Privatsphäre eindringen und sogar wissen wollen, wer das Hochzeitskleid seiner Frau bezahlt habe. Die Botschaft seines Auftritts lautet: Seht her, ich bin ein guter Präsident, und meine Kritiker übertreiben maßlos.

 Das war nichts

 

3 Kommentare

….Und ich sage Euch, er wird im Amt bleiben, weil seine Frau ein elementares Interesse daran hat. Der Mann, der nicht Kanzler werden wollte, wird dahet auf absehbare zeit, das Amt des BuPraesident auch nicht ausfuellen. Es gab noch nie einen Praesidenten oder einen Kanzler, dem die Medien derart ablehnend gegenueberstanden. Selbst nach Raus Flugaffaere war das anders.

Die Wikipedia-Redakteure haben wahrscheinlich schon die Rücktrittmeldung vorbereitet und in den Redaktionsstuben liegen die Nachrufe bereit.

Bei der ausländischen Presse gibt es z. B. in Spanien bei “El Correo” schon die ersten detaillierteren Berichte über die Gerüchte um Frau Wulff.

Wenn Herr Wulff nicht innerhalb der nächsten 24 Stunden die Sachen vom Kopp-Verlag und die Titelseite der Titanic stoppt, werden langsam die Dämme brechen, denn so vermittelt er den Eindruck, man dürfe diese Fantasien weiterhin ungestraft verbreiten.

Ich gebe ihm keine 14 Tage mehr, wahrscheinlich sind es nur noch wenige Tage.

Das hängt davon ab, wie lange das Neujahrsloch noch gestopft werden muss bzw. wann die nächste Sau zum “Durchs-Dorf-Jagen” ins Visier von Herrn Diekmann läuft.

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