“Rauch” am Theater Oberhausen

RauchZwei Paare sitzen in einem Hotel fest. Draußen tobt in der Stadt und dem Land, deren Namen nie genannt werden, ein Aufstand. Der Flughafen ist geschlossen und Ausländer wurden angewiesen im Hotel abzuwarten, da es dort sicherer sei. Eva und Alex sind in dem Land, weil sie ein Kind adoptieren wollen, das ältere Paar Laura und Jaume  leben dort in einem Haus. Sie haben nicht nur zufällig die Zimmer nebeneinander, sondern Eva liest auch noch begeistert die Bücher von Schriftsteller Jaume. Die Grundkonstellation von Josep Maria Miró i Corominas Stück “Rauch” ist denkbar schlicht, beinahe das Klischee des Well-Made-Plays, wie wir es hinlänglich von Albee bis Reza kennen. Und natürlich fördert die Ausnahmesituation auch in “Rauch” mehr oder weniger unterdrückte Beziehungsspannungen zu tage. Zum Glück jedoch belässt es Coromina nicht bei geschliffen, Creative-Writing-geschulten Dialogen, sondern nutzt die Form des gehobenen Boulevards, um auf sehr kluge Weise über den Umgang mit dem Fremden nachzudenken.

In der Hotellobby eröffnet Laura das Spiel. Sie ist ganz die gelangweilte Ehefrau, die aus Abenteuerlust den gutaussehenden, aber etwas naiven Alex in die Mangel nimmt. In der Nacht zuvor hat sie durch die Wand belauscht, wie Alex und Eva Sex hatten. Die Lust auf diesen da noch unbekannten Mann ist ihr noch nicht abhanden gekommen und ganz direkt versucht sie Alex zu einem spontanen Seitensprung zu animieren. Lauras Intention ist dabei immer vor allem sportlich, genauso wie die ketterauchende Schriftstellergattin unablässig versucht Alex und später auch dessen Frau Eva zum Rauchen zu animieren. Dass Laura vor allem von spielerischem Ehrgeiz angetrieben wird, zeigt sich schnell, als sie zum ersten Mal mit Eva zusammen trifft. Sie nutzt ihr Wissen über das jüngere Ehepaar, spielt die beiden gegeneinander aus, sucht nach den wunden Punkten in ihrer Beziehung. Verwirrend daran ist, dass Coromina in seinen Text kleine Surrealismen einbaut. Da werden oftmals Sätze gesagt, die zunächst nur Behauptung oder direkte Lüge sind, wenige Szenen später aber plötzlich bestätigt werden. Einige Szenen folgen gewissermaßen als Spiegelbilder aufeinander, in denen unterschiedliche Paare fast identische Situationen durchspielen. Gegen Ende erzählt nur noch der angetrunkene Jaume Alex, was passiert ist, während dieser im Sessel in der Lobby eingeschlafen ist, und es ist nicht mehr klar, ob Jaume sich die Geschichte ausgedacht hat, sie wirklich passiert ist, oder alles nur noch Traum ist. So umgeht Coromina geschickt die Gefahr allzu sehr im Boulevard zu landen. Und er schafft überall im Text Leerstellen, die den Zuschauer zwingen, sich einen eigenen Weg in der Geschichte zu bahnen. So erhalten auch die oft nur nebenbei eingestreuten Gedanken zum zentralen Thema des Fremden zusätzliches Gewicht. Da Ist Jaume, der mit Artikeln über dieses Land Geld verdient, aber kaum eine Ahnung davon hat, was wirklich dort passiert. Den Aufstand versteht er nicht, er ist auch nur ein Puzzle aus kleinen, spannenden Einzelbegebenheiten, die er durch die Panzerglasscheibe der Hotellobby beobachtet, wie einen Fernsehbericht ohne Ton. Das wichtigste ist ihm, dass man in diesem Land überall noch rauchen darf und seine größte Befürchtung scheint zu sein, dass der Aufstand dazu führen könne, dass sich daran etwas ändert. Da ist Eva, die das Land eigentlich kennenlernen wollte, um dem Adoptivkind irgendwann später einmal erzählen zu können, wo es her kommt. Und Laura macht keinen Hehl daraus, dass sie sich von den aufständischen Männern sexuell angezogen fühlt.

Nichts boshaftes ist bei den Vieren, nicht einmal Argwohn, sie alle interessieren sich für das Land und die Menschen, sind sogar fasziniert, aber trotzdem wissen sie eigentlich überhaupt nichts darüber. Und beide Paare profitieren von dem Fremden. Alex und Eva, weil sie sich hier ihren Kinderwunsch erfüllen, Laura und Jaume, weil die Fremdheit des Landes ihnen Geschichten und damit ein finanzielles Auskommen sichert.

Kaspar Zwimpfer hat für dieses Spiel einen flexiblen Bühnenraum gebaut, der mit Tapeten- und Teppichmuster sofort signalisiert, dass es sich nur um ein Hotel handeln kann. Durch verschiebbare Wände wandelt er sich von Lobby zu Zimmer. Hinter der wandfüllenden Scheibe im Hintergrund steigt ab und zu eine Rauchwolke auf und signalisiert, dass es auch noch ein Draußen gibt, in dem etwas Bedrohliches vorgeht. Zwei Bildschirme zeigen in Schwarz-Weiß Räume des Hotels, manchmal die leere Lobby, dann einen Hotelflur, einmal sehen wir Alex aus der Zimmertür und den Gang entlang laufen. Erst als sich in die Handlung immer mehr Realitätsbrüche einschleichen, werden auch diese Bildschirmbilder merkwürdiger. Da läuft dann plötzlich ein Hund durch die Lobby, oder die Personen werden zu geisterhaften Schemen. Und als zuletzt alles gut ausgeht, sehen wir auf dem Bildschirm, wie sich die Hotellobby mit Rauch füllt.

So elegant und zurückhaltend wie der Text gestaltet ist, geht auch Bram Jansen bei seiner Inszenierung vor. Keine dicken Effekte oder brachial herausgespielten Lacher, immer glaubhafte psychologische Zeichnung statt grobem Typenradau, der hier durchaus auch möglich wäre. Jansen lässt seinen Darstellern viel Raum und setzt vor allem auf Rhythmus und Timing. Und das beherrschen Elisabeth Kopp als zynische Laura, Peter Waros als naiver und manchmal fast kindlicher Alex und die Niederländerin Keja Klaasje Kwestro als lolitahafte Eva von Anfang an perfekt. Torsten Bauer muss bis fast zur Mitte des Abends warten, bis er die Bühne als Jaume betritt. Dann liefert er allerdings schauspielerische Höchstleistung am laufenden Band. Bis in kleinste Gesten und leichteste Mimik hinein sitzt bei ihm alles und dient der Ausgestaltung seiner Rolle. Er ist die Krönung dieses ausgezeichneten Vierergespanns.

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