Pornoladen: Sexuelle Selbstbestimmung im ,Sauspiel Essen‘!

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„Pornoladen“ heißt das neue Bürgerprojekt des Schauspiel Essen, das am Freitagabend umjubelt Premiere feierte. Sexarbeiter sowie Sozialarbeiter berichten über ihre Geschichten rund um das älteste Gewerbe der Welt. Regisseur Marc-Oliver Krampe beweist dabei mit seinem Laien-Ensemble und den beiden Profis Lisa Jopt und Johann David Talinski, wie authentisch und unterhaltsam eine Bühnenreise in den tabuisierten und stigmatisierten „Unterleib der Stadt“ sein kann. Ein Beitrag von unserem Gastautor Tim Walther mit  Fotos von Diana Küster.

Es war eine kleine Meldung, die manchen Essener Zeitungsleser von WAZ und NRZ am 7. September 2012 am Frühstückstisch wohl erst einmal schlucken ließ. „Schauspiel Essen will über Sex reden – Interviewpartner für Theaterprojekt gesucht“ lautete es noch harmlos in der Überschrift. In der Meldung selber ging’s dann zur Sache: „Gemeinsam mit Huren, Escorts, Strichern und Pornodarstellern, aber auch Freiern sowie Mitarbeitern und Besuchern von Sexshops, Erotikkinos oder Swinger- bzw. Sauna-Clubs will Regisseur Marc-Oliver Krampe ein Stück mit dem Titel „Pornoladen – Aus dem Unterleib der Stadt“ erarbeiten.“ Es solle „um die Arbeitsbedingungen von Sexarbeitern gehen, aber auch die ganz individuellen Gedanken und Gefühle von Sex-Anbietern und deren Kunden sollen zur Sprache kommen.“

Ein einziger anonymer Drohbrief fand daraufhin den Weg zu Intendant Christian Tombeil, der das Essener Schauspiel als „Sauspiel Essen“ verunglimpfte, gezeichnet vom selbsternannten Moralapostel Penis VI. Eine Steilvorlage für Krampe, der in der Premiere am Freitagabend den Text des anonymen Sittenwächters gleich gekonnt in sein Stück einarbeiten ließ. Zu Beginn jedoch treten erst einmal Lisa Jopt (sehr sexy als züchtige Dirne und begabt an der Striptease-Stange!) und Johann David Talinski (nicht weniger sexy in kurzem Adidas-Glanzshort und blauem netzartigem Wifebeater) als Conférenciers auf. Beide verteilen Sekt und Tittenheftchen ans Publikum. „Na, wer von Ihnen war schon mal bei einer Prostituierten oder einem Prostituierten?“. Drei Zuschauer melden sich, mehr trauen sich nicht. Das Schauspieler-Duo gibt eine Einführung in die Geschichte der Prostitution. Im Anschluss tauchen hinter dem Bühnenbild aus einer Wand von Glasbausteinen erste Stimmen der Laien-Darsteller auf. Versteckt hinter roten Regenschirmen kommen sie nach und nach auf die Bühne und geben das Geheimnis ihrer Identität preis.

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Da ist die Alt-Hure, die aus Überzeugung ihren Job macht, mit 23 Jahren angefangen hat und bis heute Freier mit ihrer Dienstleistung beglückt. Dazu gesellt sich ihr heutiger Mann, der unangepasste Ex-Häftling, der bis zum 14. Lebensjahr sich prostituierte und dabei vor schwerem Diebstahl und schwerer Körperverletzung nicht zurückschreckte. Er kam dafür 26 Jahre hinter Gittern, rebellierte dort weiter, entfremdete sich von der Welt. Da sind zwei Stricher vom Essener Jungenstrich, dem „Wackel“ unter den Helbingbrücken, die mehr oder minder davon losgekommen sind. Da sind die aufopfernden Mitarbeiter von Beratungsstellen für Prostituierte sowie die Sexbegleiterin, die mit Intimität alte und behinderte Menschen beglückt und wieder am (sexuellen) Leben teilhaben lässt. Da ist der junge smarte Schwule, der in Berlin im Sexshop gejobbt hat, oder die reife Frau, die ihr Studium mit Mußestunden mit einem älteren Herrn finanzierte. Last, but not least: Der Pornodarsteller, der im SM-Streifen von Teresa Orlowski landete und daraufhin eine kleine Hardcore-Karriere startete.

Alle geben ihre Geschichten zum Besten. Über Sexpraktiken, Toys, Dienstleistungen, über ihre Gefühle, ihren Selbstwert und Werdegang, über ihre Position in einer Gesellschaft, die sie an den Rand stellt, aber in der sie einen festen Platz haben. Krampe stellt so eine Verbindung zu den Bürgern, zu den Zuschauern her. Er lässt seine Darsteller erzählen, Situationen nachstellen, wie ein Arbeiter-Chor Forderungen aufstellen. Ohne voyeuristische Triebe zu bedienen, oder die Effekthascherei „Sex sells“ zu betreiben, bietet ,Pornoladen‘ mit seiner Mischung aus Vortrag, Demonstration, Erfahrungsbericht und Musik-Intermezzi einen Blick in einen Lebensbereich, der allzu menschlich herüberkommt. Ein Thema, das jeden angeht, auch wenn mancher nicht gerne darüber spricht.

Letztlich ist es die sexuelle Freiheit und Selbstbestimmung, verkörpert in Alt-Hure Fraences und dem auf einer Leinwand projizierten Kunstwerk „Die Freiheit führt das Volk“ von Delacroix, an die appelliert wird. Eben diese Freiheit, die jeder für sich, mal mehr, mal weniger diskret auslebt, und die auch die Sexarbeitern zugestanden haben möchten – und zwar mehr, als nur in Form des seit 2002 geltenden neuen Prostitutionsgesetzes.

„Pornoladen – aus dem Unterleib der Stadt“ in der Casa des Schauspiel Essen, ab 18 Jahren, nächste noch nicht ausverkaufte Vorstellung: 29. Mai, 19 bis 21 Uhr.

2 Kommentare

Vielen Dank!

Ich war auch bei der Premiere und finde diesen Bericht sehr gelungen!

Ich habe viel gelacht und war manchmal zu Tränen gerührt, es war ein auf und ab der Emotionen, hervorgerufen durch die vielen sehr persönlichen Geschichten der Akteure, die auf eine wunderbare persönliche, intime Art und Weise dargestellt wurden…

Ein wenig glaube ich, dass dem Großteil des Publikum gar nicht bewusst war bzw sie sich nicht ganz sicher waren, das dort vorn auf der Bühne Geschichten die das Leben schrieb “gespielt” wurden. Dies alles mitreißend in Szene gesetzt von dem Regisseur Marc-Oliver Krampe. Er hat es meiner Meinung nach wunderbar geschafft, all die Emotionen einzufangen, die Sexwork ausmachen. Es wurde gelacht und geweint, es war mal ernst und mal albern, Licht und Schatten…

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